{"id":65736,"date":"2020-10-12T11:59:23","date_gmt":"2020-10-12T09:59:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65736"},"modified":"2020-10-23T09:39:19","modified_gmt":"2020-10-23T07:39:19","slug":"zur-neuen-sozialenzyklika-von-papst-franziskus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65736","title":{"rendered":"Zur neuen Sozialenzyklika von Papst Franziskus"},"content":{"rendered":"<p>Der katholische Theologe und Ratsherr in der Stadt Oldenburg Jonas Christopher H&ouml;pken macht die NachDenkSeiten auf die neue <a href=\"http:\/\/www.vatican.va\/content\/francesco\/de\/encyclicals\/documents\/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html\">Sozialenzyklika<\/a> aufmerksam und hat dazu einen begleitenden Text geschrieben. Siehe unten. Bei der Enzyklika handelt es sich nach seiner &Uuml;berzeugung um einen kapitalismus- und gesellschaftskritischen Aufruf. Das ist unmittelbar nach der Ver&ouml;ffentlichung nicht hinreichend wahrgenommen worden; die Ver&ouml;ffentlichung wurde von konservativer Seite auch bewusst eher gedeckelt. Dann erschienen Kritiken &ndash; vom Ifo-Institut und von der katholischen Bischofskonferenz zum Beispiel. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHier zun&auml;chst die beiden Kritiken:<\/p><ol type=\"a\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.kirche-und-leben.de\/artikel\/scharfe-kritik-an-fratelli-tutti-von-wirtschafts-experte-fuest\">die ausf&uuml;hrliche Kritik des Ifo-Institutes<\/a>.<\/li>\n<li>hier ein Beispiel, wie Reaktion&auml;re versuchen, die Botschaft von Papst Franziskus ins Gegenteil zu verkehren, in diesem Fall die bekanntlich extrem konservative polnische Bischofskonferenz. <a href=\"https:\/\/www.katholisch.de\/artikel\/27135-papst-gegen-umverteilung-uebersetzungsfehler-in-fratelli-tutti\">Die Kritik des Ifo-Institutes ist darin auch erw&auml;hnt<\/a>.<\/li>\n<\/ol><p>Und hier der Text von Jonas C. H&ouml;pken:&nbsp;<\/p><p><strong>Diese Wirtschaft h&ouml;rt nicht auf zu t&ouml;ten!<\/strong><br>\n<strong>Sozialenzyklika von Papst Franziskus fordert andere Weltordnung&nbsp;<\/strong><\/p><p>Kein Wunder, dass der Chef des Ifo-Institutes Clemens Fuest die neue Sozialenzyklika &bdquo;Fratelli tutti&ldquo; scharf kritisiert; er unterstellt dem Autoren Papst Franziskus L&uuml;gen, Fehler und Vorurteile. Vom Oberhaupt einer allgemein als konservativ geltenden Institution mit einem politisch derart systemkritischen Pamphlet konfrontiert zu werden, das auch noch beansprucht, ein global geltendes verbindliches kirchenamtliches Dokument von hohem Gewicht zu sein &ndash; das macht w&uuml;tend! Ein gro&szlig;er Teil der konservativen und neoliberalen Welt innerhalb und au&szlig;erhalb der katholischen Kirche wird allerdings den geschickteren Weg w&auml;hlen und die Enzyklika versuchen wegzuloben, also ein paar warme Worte dar&uuml;ber verlieren und darauf hoffen, dass sie so schnell wie m&ouml;glich vergessen wird. Genau das darf nicht passieren. Das Lehrschreiben von Papst Franziskus hat es in sich und verdient Aufmerksamkeit und Verbreitung. &nbsp;<\/p><p>Die Enzyklika wendet sich ausdr&uuml;cklich an alle Menschen guten Willens, also gerade auch an die nichtkatholische oder nichtgl&auml;ubige Mehrheit der Welt. Ihre offensichtliche Zielsetzung:&nbsp; den Menschen Mut machen, dass es &bdquo;trotz alledem&ldquo; der einzig richtige Weg ist, sich gegen das herrschende politisch-&ouml;konomische Paradigma und f&uuml;r eine andere Weltordnung einzusetzen. Der Papst analysiert die Gegenwart, entwirft eine Perspektive f&uuml;r die Zukunft und ermutigt zum politischen Engagement im Sinne einer progressiven und emanzipatorischen Politik. Dabei legt er ein erstaunliches Ma&szlig; an umfassender und treffsicherer Analyse der Auspr&auml;gungen der jetzigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und gro&szlig;en Mut beim Entwurf seiner Gegenperspektive an den Tag. Und er w&auml;hlt nicht die &uuml;bliche, manchmal einschl&auml;fernde Kirchensprache, sondern spricht Klartext.<\/p><p>Einen deutlichen Akzent setzt er schon mal damit, dass die Enzyklika durchzogen ist von einer gemeinsamen Botschaft mit dem Gro&szlig;scheich und Gro&szlig;imam der Al-Azhar-Universit&auml;t Aman Al-Tayyeb, der obersten Lehrautorit&auml;t des sunnitischen Islam. Sein Ausgangspunkt ist also der gemeinsame Einsatz zweier vermeintlich sich entgegenstehender Weltreligionen f&uuml;r Gerechtigkeit und Frieden. Eine klare Absage erteilt Papst Franziskus damit einem Kampf der Kulturen gegeneinander &ndash; ein Zeichen seines theologisch weiten Blickes, der es nur als absurd empfinden kann, das Gottesverst&auml;ndnis einer Konfession oder Religion als das einzig Wahre anzusehen und gegen die anderen zu stellen; es kann in Bezug auf Gott nur um ein gemeinsames Suchen gehen &ndash; und um ein gemeinsames emanzipatorisches Handeln.<\/p><p>Im ersten Kapitel liefert Papst Franziskus eine &auml;u&szlig;ert treffende Analyse der gegenw&auml;rtigen Weltlage auf der Grundlage einer deutlichen Kritik an Marktdominanz und Kapitalismus. Indem er die Begrifflichkeit von der &bdquo;Wirtschaft, die t&ouml;tet&ldquo; wieder aufnimmt (Abschnitt 27), macht Papst Franziskus deutlich, dass er von dieser gleich zu Anfang seines Pontifikats deutlich gemachten Grundbotschaft keinesfalls abger&uuml;ckt ist &ndash; wie immer wieder von konservativer Seite behauptet, nur weil der Papst auch noch zu anderen Themen Stellung nimmt und den Satz &bdquo;Diese Wirtschaft t&ouml;tet&ldquo; nicht jeden Tag wiederholt. Hier, in diesem zentralen Dokument, tut er es &nbsp;und prangert die moderne Form der Sklaverei durch den Kapitalismus an (24). Insbesondere geht er dabei auch auf die Diskriminierung von Frauen ein (23). Er kritisiert eine Wirtschaftsordnung, die Menschen f&uuml;r die Privilegien anderer opfert (18). Die Gewaltformen, zu denen diese Art des Wirtschaftens f&uuml;hrt, bezeichnet er (in der deutschen &Uuml;bersetzung) als &bdquo;dritten Weltkrieg in Abschnitten&ldquo; (25); besser &uuml;bersetzt wohl als &bdquo;dritter Weltkrieg auf Raten&ldquo;. In seiner Analyse greift der Papst viele einzelne Punkte auf wie die Kritik am Abbau von Gesundheitssystemen in vielen L&auml;ndern (35), die soziale Aggressivit&auml;t im Internet (44), den mit einem universalen Gottesglauben nicht vereinbaren Nationalismus (86).<\/p><p>Im zweiten Kapitel wendet er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter &ndash; wof&uuml;r er sich schon fast entschuldigt, da die Enzyklika sich ja gerade auch an Nichtchristen wendet, die mit einem solch zentralen Bibeltext vielleicht nicht unmittelbar etwas anfangen k&ouml;nnen &ndash; auf die heutige Gesellschaftsordnung an und macht deutlich, dass es einerseits darum gehen muss, konkret den Opfern der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu helfen, aber auch darum, die Strukturen zu &auml;ndern, die diese Ausbeutung &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glichen.<\/p><p>Das dritte Kapitel deutet einen Politikentwurf f&uuml;r eine andere Welt an. Zun&auml;chst macht Franziskus deutlich, welche Haltung daf&uuml;r n&ouml;tig ist. F&uuml;r Beobachter moralphilosophischer Diskurse auch in Deutschland ist interessant, dass der Papst in den Abschnitten 91ff eine Differenzierung von Prim&auml;r- und Sekund&auml;rtugenden vornimmt; er betont, dass die Sekund&auml;rtugenden alleine nicht zielf&uuml;hrend und bei falscher Grundhaltung sogar kontraproduktiv sind (es fehlt nur noch der Hinweis, dass man damit &bdquo;auch ein KZ f&uuml;hren&ldquo; kann). Als Prim&auml;rtugend behandelt er vor allem die Liebe; diese sei das Herzst&uuml;ck einer guten Politik (187).&nbsp;<\/p><p>Ab dem Abschnitt 97 behandelt die Enzyklika die Exklusion bestimmter Bev&ouml;lkerungsgruppen aus der Gesellschaft, die als &bdquo;verborgene Exilanten&ldquo; (98) bezeichnet werden. Papst Franziskus warnt vor einem falschen, autorit&auml;ren Univeralismus, der in Wahrheit zur Gleichschaltung von Menschen sowie zur Ausbeutung f&uuml;hre (99f) und kommt damit auf eine zerst&ouml;rerische Form von Globalisierung zu sprechen (101). Im Abschnitt 144 deutet er die Geschichte vom Turmbau zu Babel als Kritik an einer Form der Globalisierung, die alles vereinheitlichen wolle,&nbsp; kulturellen Kolonialismus betreibe und eine zentralistische Form von globaler Herrschaft von Menschen &uuml;ber Menschen schaffe. <\/p><p>In den Abschnitten 108ff erl&auml;utert Franziskus die Bedeutung eines aktiven Staates, da das prim&auml;re Setzen auf den freien Markt den Menschen Chancen nehme (109) und zu einer nur &bdquo;theoretischen Freiheit&ldquo; (110) f&uuml;hre.<\/p><p>Ab dem Abschnitt 111 kommt der Papst auf die Menschenrechte zu sprechen und identifiziert die herrschende liberalistische (leider ja auch von Amnesty International bekannte) Praxis als falsch, immer nur die individuellen Freiheitsrechte zu betonen und die sozialen Menschenrechte, die ja (gl&uuml;cklicherweise) genau so zur Menschenrechtserkl&auml;rung der Vereinten Nationen geh&ouml;ren, aber meistens verschwiegen oder als sozialistisch gebrandmarkt werden, zu vernachl&auml;ssigen oder gar zu verschweigen. Er beschreibt den Wert von Solidarit&auml;t (116), die soziale Funktion des Eigentums (118) und betont mit Berufung auf Johannes Paul II., dass das Recht auf Eigentum nur ein sekund&auml;res Recht sei, das nicht absolut gelte und hinter das vorrangige Recht der gemeinsamen Nutzung der G&uuml;ter zur&uuml;ckzustehen habe (120). Das Privateigentum m&uuml;sse sich dem Allgemeinwohl unterordnen (123).<\/p><p>Im vierten Kapitel wird recht ausf&uuml;hrlich das Thema Migration behandelt, und zwar durchaus differenziert. Der Papst pl&auml;diert einerseits f&uuml;r eine fl&uuml;chtlingsfreundliche Politik, f&uuml;r einen Weg der Aufnahme statt der Abschottung sowie der Integration. Dies tut er in klarer Abgrenzung von der Politik m&auml;chtiger rechtskatholischer Kr&auml;fte wie in Polen, Ungarn und Italien. Andererseits f&auml;llt auf: <\/p><ul>\n<li>Der Papst spricht sich an keiner Stelle f&uuml;r eine &bdquo;Politik der offenen Grenzen&ldquo; aus; diese Idee spielt hier keine Rolle.<\/li>\n<li>Er spricht das Problem an, dass die Herkunftsl&auml;nder durch Migration &bdquo;ihre st&auml;rksten Mitglieder mit der gr&ouml;&szlig;ten Eigeninitiative verlieren&ldquo; und betont daher &bdquo;das Recht, nicht auszuwandern &ndash; das hei&szlig;t in der Lage zu sein, im eigenen Land zu bleiben&ldquo;. (138).<\/li>\n<li>Franziskus pl&auml;diert f&uuml;r alles andere als f&uuml;r eine Politik der Arbeitsmigration. Vielmehr deutet er Kritik daran an, dass reiche L&auml;nder &auml;rmeren L&auml;ndern ihre Fachkr&auml;fte abwerben (139); aus dem Gesamtzusammenhang der Kapitalismuskritik ergibt sich ferner, weil Franziskus gegen Lohndumping ist, dass dies auch f&uuml;r Migranten gilt, die er nicht benachteiligen m&ouml;chte.<\/li>\n<li>Die Enzyklika wendet sich gegen eine Idealisierung von Migration, die n&auml;mlich nicht etwa etwas Romantisches ist, sondern bei den Betroffenen zu viel Leid f&uuml;hrt. Der Papst spricht sich gegen &bdquo;unn&ouml;tige Migration&ldquo; und f&uuml;r eine Politik der Verbesserung der Lebensbedingungen f&uuml;r die Menschen vor Ort aus (129).<\/li>\n<\/ul><p>Das f&uuml;nfte Kapitel ist &uuml;berschrieben mit &bdquo;Die beste Politik&ldquo;. Franziskus diskutiert zun&auml;chst verschiedene politische Ans&auml;tze und kommt auf den Begriff des Populismus zu sprechen. Er wendet sich mit Hinweis auf die Herkunft des Wortes &bdquo;Populismus&ldquo; und der Gewichtigkeit des Volksbegriffs f&uuml;r die Demokratie gegen eine Verwendung des Populismus-Begriffs, wenn sie das Ziel hat, damit popul&auml;re Politik im Interesse des Volkes zu diskreditieren und grenzt diese legitime, ja sogar wichtige Art popul&auml;rer Politik gegen eine &bdquo;ungesunde&ldquo; Art von rechtem Populismus ab, die den Bezug auf den Volkswillen nur nutzt, um eigene egoistische Interessen zu verfolgen (156-161).<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>W&ouml;rtliches Zitat: &bdquo;In bestimmten Kontexten wird oftmals des Populismus bezichtigt, wer die Rechte der Schw&auml;chsten in der Gesellschaft verteidigt.&ldquo; (163) Im Kontext der bundesrepublikanischen Politik f&auml;llt es schwer, diesen erstaunlich klaren Papstsatz nicht als deutlichen Seitenhieb auf diejenigen zu verstehen, die die Populismus-Keule vor allem gegen Kritiker der herrschenden Wirtschaftsideologie erheben, wenn sie deren Argumenten sachlich nichts mehr entgegenzusetzen haben. <\/p><p>In diesem Sinne spricht sich der Papst f&uuml;r eine popul&auml;re Politik im Interesse des Volkes aus und kommt von dort aus direkt auf die Gewichtigkeit des Themas Arbeit zu sprechen. Ziel m&uuml;sse es sein, den Menschen durch Arbeit gesellschaftliche Teilhabe zu gew&auml;hren &ndash; und nicht, ihnen stattdessen einfach nur Geld zu geben. Dies ist durchaus zu lesen als ein Pl&auml;doyer gegen das naive Setzen auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, vor allem aber gegen die Abspeisung von Menschen mit viel zu niedrigen Alimentierungen (162).<\/p><p>Kritisch setzt sich die Enzyklika mit dem Liberalismus auseinander, insbesondere mit seinen individualistischen Tendenzen (163). In diesem Zusammenhang kommt Franziskus aber pl&ouml;tzlich kritisch auf &bdquo;linke Ideologien oder soziale Doktrien&ldquo; zu sprechen, &bdquo;die mit individualistischen Gewohnheiten und unwirksamen Vorgehensweisen einhergehen, die nur wenige erreichen. In der Zwischenzeit bleibt das Gros der Verlassenen dem individuellen guten Willen von Einzelnen &uuml;berlassen.&ldquo; (165) &nbsp;Verpasst der Papst hier linksidentit&auml;rer Politik einen R&uuml;ffel? Interessant, dass er den gegenw&auml;rtigen Diskurs zwischen verschiedenen, sich als progressiv verstehenden Str&ouml;mungen offensichtlich so intensiv beobachtet und sogar in einer Enzyklika anspricht.<\/p><p>Beeindruckend ist, wie deutlich der Papst im Folgenden Stellung zum Marktradikalismus nimmt: &bdquo;Der Markt l&ouml;st nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen das Dogma dieses neoliberalen Credos glaubhaft machen will. Es handelt sich um eine schlichte, gebetsm&uuml;hlenartig wiederholte Idee, die vor jeder aufkommenden Herausforderung immer wieder die selben Rezepte hervorzieht. Der Neoliberalismus generiert sich immer wieder neu auf identische Weise, indem er &ndash; ohne sie beim Namen zu nennen &ndash; auf die magische Vorstellung des Spillover oder die Trickle-Down-Theorie als einzige Wege zur L&ouml;sung der gesellschaftlichen Probleme zur&uuml;ckgreift.&ldquo; (168)<\/p><p>Man muss bedenken: Es handelt sich hier nicht um eine beliebige Rede, sondern um eine p&auml;pstliche Enzyklika. Also um ein zentrales kirchenamtliches Dokument des Oberhauptes der katholischen Kirche. Dass der Papst sich bis in die tagespolitische Begrifflichkeit so deutlich von einem Gro&szlig;teil der herrschenden Politik abgrenzt, ist von der christlichen Botschaft her zwar folgerichtig, aber trotzdem erstaunlich und sehr viel wert.<\/p><p>Franziskus spricht sich im Folgenden f&uuml;r eine aktive Wirtschaftspolitik aus, warnt vor dem &bdquo;Unheil&ldquo; der &bdquo;Finanzspekulation mit billigem Gewinn als grundlegendem Ziel&ldquo; (168), insbesondere wenn Finanzspekulation Lebensmittelpreise bestimmt (189) und pl&auml;diert f&uuml;r &bdquo;soziale Alternativen&ldquo; auf dem &bdquo;Grundpfeiler&ldquo; einer &bdquo;gesunden Politik (&hellip;), die nicht dem Diktat der Finanzm&auml;rkte unterworfen ist.&ldquo; (168).<\/p><p>Den herrschenden &bdquo;kleinkarierten und monochromatischen Wirtschaftstheorien&ldquo; (169) wirft Franziskus vor, den &bdquo;Volksbewegungen&ldquo; keinen Platz zu geben, &bdquo;welche Arbeitslose, Arbeitnehmer in prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen und viele andere, die nicht in die vorgegebenen Kan&auml;le passen, versammeln.&ldquo; (169). Stattdessen pl&auml;diert er f&uuml;r politische Vorgehensweisen, die &bdquo;die die Volksbewegungen mit einschlie&szlig;en und die lokalen, die nationalen und die internationalen Regierungsstrukturen mit jenem Strom moralischer Energie beleben, die der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den Aufbau unseres gemeinsamen Schicksals entspringt.&ldquo; (169) Dadurch sollen die &bdquo;Erfahrungen der Solidarit&auml;t, die von der Basis &ndash; sozusagen vom &sbquo;Untergeschoss&lsquo; des Planeten Erde &ndash; ausgehen, zusammenflie&szlig;en&ldquo; (169). Graswurzelpolitik also!<\/p><p>Im Unterabschnitt &bdquo;Die internationale Macht&ldquo; wirft der Papst den Regierungen vor, die Chance f&uuml;r eine Umgestaltung der Weltwirtschaft, die die Finanzkrise er&ouml;ffnet habe, verpasst zu haben (170). Er setzt sich f&uuml;r eine Neuordnung der internationalen Beziehungen auf der Grundlage einer Reform der Vereinten Nationen und der &bdquo;internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung&ldquo; (172f) ein, fordert in deutlicher Abgrenzung von Trump und anderen Autokraten eine Politik des Multilitarismus statt des Bilaterismus (174) und betont die Notwendigkeit des Primats der Politik gegen&uuml;ber der Wirtschaft und der Technokratie (178).<\/p><p>Im sechsten Kapitel spricht sich die Enzyklika f&uuml;r eine Kultur des Dialoges aus und kritisiert die Folgen der manipulativen Machtaus&uuml;bung durch die sozialen Netzwerke und Internetkonzerne, die einen auf wirklichen Austausch ausgerichteten politischen Diskurs zugunsten von Blasenbildung durch Abschottung und gegenseitige Abgrenzung voneinander v&ouml;llig getrennt lebender Milieus mit zerst&ouml;rerischer Wirkung f&uuml;r die Demokratie torpedieren.<\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Wege zu einer neuen Begegnung&ldquo; behandelt Franziskus &nbsp;im siebten Kapitel die Bedingungen f&uuml;r Wege zu einem friedlichen internationalen Miteinander. Er macht deutlich, dass soziale Ungleichheit Frieden unm&ouml;glich macht (235) und betont, dass es daher nicht darum gehen kann, sozialen Konflikten aus dem Weg zu gehen, sondern sie auszutragen (240). Mit Berufung auf Johannes Paul II betont er, &bdquo;dass die Kirche keinesfalls die Absicht hat, jegliche Form sozialer Konflikte zu verurteilen. Die Kirche wei&szlig; nur zu gut, dass in der Geschichte unvermeidlich Interessenkonflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen auftreten und dass der Christ oft entschieden und und konsequent dazu Stellung beziehen muss.&ldquo; (240) Die Enzyklika warnt vor einem falschen Verst&auml;ndnis christlicher Vergebung und betont, dass der Entrechtete nicht auf seine Rechte verzichten und dem Machthaber vergeben, sondern sich von dem Ziel leiten lassen sollte, dem Unterdr&uuml;cker &bdquo;jene Macht zu nehmen, die er nicht zu nutzen wei&szlig; und ihn als Mensch entstellt.&ldquo; (241) &bdquo;Vergeben hei&szlig;t nicht zuzulassen, dass die eigene W&uuml;rde und die der anderen weiter mit F&uuml;&szlig;en getreten wird oder dass ein Krimineller weiterhin Schaden anrichten kann. Wer Unrecht erleidet, muss seine Rechte und die seiner Familie nachdr&uuml;cklich verteidigen, eben weil er die ihm gegebene W&uuml;rde sch&uuml;tzen muss.&ldquo;(241). Vergeben hei&szlig;e, wie die Enzyklika betont, auch nicht vergessen; im Gegenteil m&uuml;sse die Erinnerung an Unrecht gewahrt bleiben: &bdquo;Diejenigen, die vergeben, vergessen n&auml;mlich nicht. Aber sie weigern sich, von der gleichen zerst&ouml;rerischen Kraft besessen zu werden, die ihnen Unrecht zugef&uuml;gt hat.&ldquo; (251). Es gehe auch nicht um Straflosigkeit, sondern darum, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen (251f). Franziskus distanziert sich hier deutlich von einem falschen Verst&auml;ndnis christlicher Moral, wenn diese nicht zu aktivem Handeln gegen Unrecht, sondern zu passivem Erleiden und Erdulden f&uuml;hrt.&nbsp;<\/p><p>Im selben Kapitel r&auml;umt der Papst mit weiteren Fehlentwicklungen katholischer Gesellschaftslehre auf. So distanziert er sich von der Theorie vom gerechten Krieg, die milit&auml;risches Vorgehen unter bestimmten Bedingungen f&uuml;r legitim erkl&auml;rt hatte und vielfach missbraucht wurde. Unter ausdr&uuml;cklicher Bezugnahme auf den Katholischen Weltkatechismus, in dem unter bestimmten Voraussetzungen das Recht auf milit&auml;risches Handeln noch vertreten wird, schreibt Franziskus: &bdquo;Aber es ist leicht, in eine allzu weite Auslegung dieses Rechts zu verfallen. Dann will man selbst pr&auml;ventive Angriffe oder kriegerische Handlungen unzul&auml;ssigerweise rechtfertigen&ldquo; (258). Die hier eingeschlagene Neuausrichtung christlicher Friedensethik erkl&auml;rt der Papst damit, dass &bdquo;durch die Entwicklung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen und die enorm wachsenden M&ouml;glichkeiten der neuen Technologien der Krieg eine au&szlig;er Kontrolle geratende Zerst&ouml;rungskraft erreicht hat, die viele unschuldige Zivilisten trifft. (&hellip;) Deshalb k&ouml;nnen wir den Krieg nicht mehr als hypothetische M&ouml;glichkeit betrachten, denn die Risiken werden wahrscheinlich immer den hypothetischen Nutzen, der ihm zugeschrieben wurde, &uuml;berwiegen. (&hellip;) Nie wieder Krieg!&ldquo; (258).<\/p><p>Die Enzyklika verurteilt das Konzept der nuklearen Abschreckung und erkl&auml;rt &bdquo;das Ziel einer vollkommenen Abschaffung von Atomwaffen sowohl zu einer Herausforderung als auch zu einer moralischen und und humanit&auml;ren Pflicht.&ldquo; (262) Diese ablehnende Haltung zu Krieg und Atom wird de facto seit Jahrzehnten von allen P&auml;psten vertreten, hier aber deutlicher als bisher kirchenamtlich festgeschrieben. Dasselbe gilt f&uuml;r die Todesstrafe, die ebenfalls schon seit Jahrzehnten faktisch von allen P&auml;psten abgelehnt wurde, in dieser Enzyklika aber endlich auch theoretisch unumkehrbar verurteilt wird: &bdquo;Es ist unm&ouml;glich, an ein Zur&uuml;ckfallen hinter diese Position zu denken.&ldquo; (263) Die Kirche setze sich &bdquo;mit Entschlossenheit daf&uuml;r ein, zur Abschaffung der Todesstrafe in der ganzen Welt aufzurufen.&rdquo; (263)<\/p><p>Im achten und letzten Kapitel kommt der Papst noch einmal auf die anderen Religionen zu sprechen und pl&auml;diert f&uuml;r den gemeinsamen Einsatz aller Glaubensgemeinschaften f&uuml;r Gerechtigkeit und Frieden. Er betont die Wichtigkeit eines Bewusstseins von Transzendenz, um der Macht der Gewalt zu widerstehen: &bdquo;Die Wurzel des modernen Totalitarismus liegt also in der Verneinung der transzendenten W&uuml;rde des Menschen, der sichtbares Abbild des unsichtbaren Gottes ist.&ldquo; (273), weshalb es f&uuml;r unsere Gesellschaften gut sei, &bdquo;wenn wir Gott in ihnen gegenw&auml;rtig machen&ldquo; (274). Dem entgegen st&auml;nden Ideologien, die den Menschen selbst absolut setzen und verg&ouml;ttlichen (275). Die Kirche m&uuml;sse daher politisch sein und d&uuml;rfe sich nicht auf &bdquo;ihren Einsatz in der F&uuml;rsorge oder der Erziehung&ldquo; (276) ersch&ouml;pfen. Kirche d&uuml;rfe &bdquo;beim Aufbau einer besseren Gesellschaft nicht abseits stehen&ldquo;, sondern haben eine &bdquo;&ouml;ffentliche Rolle&ldquo; (276). Damit erteilt Papst Franziskus den immer lauter werdenden Forderungen insbesondere von konservativer und politisch rechter Seite eine Absage, die Kirche solle sich auf Seelsorge beschr&auml;nken und sich nicht in die Politik einmischen, jedenfalls nicht mit gesellschafts- und kapitalismuskritischen Thesen.<\/p><p>Zum Schluss betont Papst Franziskus, dass Gott in allen Religionen pr&auml;sent ist, dass aus katholischer Sicht &bdquo;die Quelle der Menschenw&uuml;rde und Geschwisterlichkeit im Evangelium Jesu Christi&ldquo; l&auml;ge: &bdquo;Wenn die Musik des Evangeliums in unseren H&auml;usern, in der &Ouml;ffentlichkeit, an unseren Arbeitspl&auml;tzen in der Politik und in der Wirtschaft nicht mehr zu h&ouml;ren ist, dann haben wir wohl die Melodie abgeschaltet, die uns herausfordert, f&uuml;r die W&uuml;rde jedes Mannes und jeder Frau ungeachtet ihrer Herkunft zu k&auml;mpfen.&ldquo; (277). Der Papst weigert sich also, Forderungen nachzugeben, die Kirche solle sich aus der &Ouml;ffentlichkeit zur&uuml;ckziehen; er will eine unbequeme Kirche. Speziell mit Blick auf die Katholiken bringt er dann noch Maria ins Spiel: &bdquo;Mit der Kraft des Auferstandenen will sie eine neue Welt geb&auml;ren, in der wir alle Br&uuml;der und Schwestern sind, in der es f&uuml;r jeden von unserer Gesellschaft versto&szlig;enen Menschen Platz gibt, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen.&ldquo; (278)<\/p><p>Mit dieser Enzyklika gelingt dem Papst ein gro&szlig;er Wurf; aber wird sie die von ihrem Inhalt her angemessene Wirkung entfalten? Es wirkt befremdlich, wenn zum Beispiel Christian Weisner, der Sprecher der deutschen Reformgruppe &bdquo;Wir sind Kirche&ldquo; lapidar erkl&auml;rt, nach dieser guten Enzyklika hoffe er aber, dass der Papst sich nun endlich auch an innerkirchliche Reformen mache. Er meint also durchaus, dass es zwar ganz nett ist, was der Papst zu den zentralen Menschheitsfragen zu sagen hat &ndash; wichtiger findet er aber, dass das Z&ouml;libat abgeschafft wird, Laien predigen und Frauen Priester werden d&uuml;rfen. Gibt es hier nicht eine erhebliche Schieflage in der Priorit&auml;tensetzung und in der Wahrnehmung, was wirklich wichtig f&uuml;r die Zukunft unseres Planeten ist und was zwar auch richtig, aber sekund&auml;r?&nbsp;<\/p><p>Doch auch wenn die bemerkenswerte politische Botschaft des Papstes in den ersten Wochen nach ihrer Ver&ouml;ffentlichung noch nicht in das Bewusstsein der Menschen gedrungen ist: Eine Enzyklika ist nicht f&uuml;r den Augenblick gedacht, sondern sie entfaltet ihre Wirkung &uuml;ber Jahre und Jahrzehnte, manchmal sogar Jahrhunderte; es ist also nicht zu sp&auml;t, ihre Bedeutung zu erfassen und f&uuml;r die Durchsetzung einer anderen Politik zu nutzen. Dieser Prozess beginnt jetzt gerade erst.<\/p><p>Jonas Christopher H&ouml;pken<br>\nkath. Theologe, Ratsherr in der Stadt Oldenburg<\/p><p>Titelbild: praszkiewicz \/ Shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der katholische Theologe und Ratsherr in der Stadt Oldenburg Jonas Christopher H&ouml;pken macht die NachDenkSeiten auf die neue <a href=\"http:\/\/www.vatican.va\/content\/francesco\/de\/encyclicals\/documents\/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html\">Sozialenzyklika<\/a> aufmerksam und hat dazu einen begleitenden Text geschrieben. Siehe unten. Bei der Enzyklika handelt es sich nach seiner &Uuml;berzeugung um einen kapitalismus- und gesellschaftskritischen Aufruf. 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