{"id":65771,"date":"2020-10-13T08:44:13","date_gmt":"2020-10-13T06:44:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65771"},"modified":"2020-10-13T14:38:21","modified_gmt":"2020-10-13T12:38:21","slug":"stuehle-des-anstosses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65771","title":{"rendered":"St\u00fchle des Ansto\u00dfes"},"content":{"rendered":"<p>Betr&auml;fe es nicht das bleierne Schicksal zig Zehntausender M&auml;dchen und junger Frauen, die w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs in Milit&auml;rbordelle der Kaiserlich-Japanischen Armee in Ost- und S&uuml;dostasien sowie im Pazifik zwangsverschleppt und dort jahrelang missbraucht wurden, k&ouml;nnte mensch die aktuelle Kontroverse um eine Friedensstatue in Berlin-Moabit f&uuml;r eine ins L&auml;cherliche abgleitende Politposse halten. Ein&nbsp;Kommentar&nbsp;von&nbsp;<strong>Rainer&nbsp;Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas riecht rekordverd&auml;chtig. Ein Denkmal, in diesem Falle eine Friedensstatue, ist erst am 28. September 2020 in Berlin-Moabit unter Federf&uuml;hrung des Korea-Verbandes e.V. errichtet worden, um auf Dr&auml;ngen des Bezirksamts Berlin-Mitte bis zum 14. Oktober 2020 wieder demontiert zu werden. Wieso ein solch rascher Sinneswandel?<\/p><p>Der Stein des Ansto&szlig;es sind zwei St&uuml;hle und eine Gedenktafel. Ein Stuhl ist leer, er soll Besucher\/Betrachter zum Verweilen einladen. Der andere Stuhl indes hat es in sich. Auf ihm ist ein sitzendes M&auml;dchen in koreanischer Tracht mit zusammengeballten F&auml;usten abgebildet. Zum Hintergrund merken die Initiatoren des Korea-Verbandes und anderer zivilgesellschaftlicher Gruppen an:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Friedensstatue erinnert an die &uuml;ber 200.000 M&auml;dchen und Frauen aus 14 L&auml;ndern, die vom japanischen Milit&auml;r w&auml;hrend des Asien-Pazifik-Krieges (1931-1945) im gesamten asiatisch-pazifischen Raum als sogenannte &sbquo;Trostfrauen&lsquo; sexuell versklavt worden sind.&nbsp;Die erste bronzene Friedensstatue der Kunstschaffenden Kim Seo-Kyung und Kim Eun-Sung wurde am 14.12.2011 zur 1.000. Mittwochsdemonstration f&uuml;r die &sbquo;Trostfrauen&lsquo; vom <a href=\"http:\/\/www.womenandwar.net\/\">The Korean Council for Justice and Remembrance for the Issues of Military Sexual Slavery by Japan<\/a> vor der japanischen Botschaft in Seoul errichtet. Mittlerweile gilt sie international als Symbol gegen Kriegsverbrechen an M&auml;dchen und Frauen.<\/p>\n<p>Die Statue soll auf die Forderungen der &Uuml;berlebenden nach Anerkennung, Aufarbeitung und Entschuldigung, die bis heute nicht erf&uuml;llt worden sind, sowie die Kontinuit&auml;t sexualisierter Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten wie auch in Friedenszeiten aufmerksam machen. &sbquo;Die Friedensstatue soll mahnen und erinnern, sowie den Ansporn geben, Verbrechen an M&auml;dchen und Frauen zu verfolgen, zu ahnden, und letztendlich aus der Welt zu schaffen&lsquo;, so Nataly Jung-Hwa Han, die Vorsitzende des Korea-Verbands.<\/p>\n<p>In Deutschland befinden sich bereits zwei Friedensstatuen: Die erste Statue wurde 2017 <a href=\"https:\/\/www.koreaverband.de\/blog\/2017\/03\/08\/enthuellung-friedensstatue\/\">in Wiesent bei Regensburg im Nepal-Himalaya-Park<\/a> errichtet. Die zweite befindet sich auf dem Grundst&uuml;ck der Koreanischen Evangelischen Kirchengemeinde Rhein-Main in Frankfurt.&nbsp;In Berlin wird nun zum ersten Mal ein Exemplar auf einem &ouml;ffentlichen Platz aufgestellt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Prompte Intervention des Tokioter Au&szlig;enministeriums<\/strong><\/p><p>Just wenige Tage nach der feierlichen Errichtung der Statue geschieht das, was in zig F&auml;llen zuvor &ndash; im In- sowie im Ausland (so beispielsweise in Kanada, Australien, den USA und den Philippinen) &ndash; geschehen ist. Rechtskonservative Vereinigungen und Medien in Japan heulen auf, wittern anti-japanische Ressentiments und setzen in Verbindung mit ihnen geneigten Politikern inner- wie au&szlig;erhalb der japanischen Regierung alle Hebel in Bewegung, solche &bdquo;Schandmale&ldquo; kurzerhand niederzurei&szlig;en. In diesem Fall war es Japans Au&szlig;enminister Motegi Toshimitsu pers&ouml;nlich, der in einem kurzen Videogespr&auml;ch mit seinem deutschen Kollegen Heiko Maas eben die &bdquo;Entfernung der in Deutschland aufgestellten Trostfrauenstatue(n)&ldquo; forderte und um entsprechende Kooperation bat. Wohlverstanden: Herr Motegi sprach von einer &bdquo;Trostfrauenstatue&ldquo;, nicht von einer Friedensstatue.<\/p><p>Das Problem der sogenannten &bdquo;Trostfrauen im Gefolge der japanischen Armee&ldquo; sorgt seit Anfang der 1990er Jahre f&uuml;r reichlich Z&uuml;ndstoff, seitdem eine ehemalige Zwangsprostituierte das Thema erstmalig in der &Ouml;ffentlichkeit ansprach. Seit der Zeit finden auch jeden Mittwoch zur Mittagszeit Demonstrationen vor der japanischen Botschaft in Seoul statt, wo stets martialisch auftretende Sicherheitskr&auml;fte die &auml;lter werdende Schar von Demonstrantinnen ins Visier nimmt. Nach mehrfachen (gescheiterten) Bem&uuml;hungen seitens Seouls und Tokios ward schlie&szlig;lich Ende Dezember 2015 ein Abkommen getroffen, von dem beide Seiten glaubten, damit einen &bdquo;endg&uuml;ltigen und unwiderruflichen&ldquo; Schlussstrich unter dieses d&uuml;stere Kapitel gezogen zu haben.<\/p><p>Die Crux: Die &uuml;berlebenden Opfer, deren Zahl von Monat zu Monat sinkt, sowie engagierte zivilgesellschaftliche Akteure wurden erst gar nicht konsultiert. Und pikanterweise hatte diesen Deal mit Tokio ausgerechnet die Regierung unter Pr&auml;sidentin Park Geun-Hye eingef&auml;delt, die mit Schimpf und Schande um die Jahreswende 2016\/17 aus dem Amt gejagt wurde. Ihr Vater Park Chung-Hee, der sich 1961 an die Macht geputscht und das Land bis zu seiner Ermordung im Herbst 1979 mit eiserner Faust als Milit&auml;rmachthaber regiert hatte, war einst mitsamt anderen hochrangigen s&uuml;dkoreanischen Offizieren und Gener&auml;len ein gl&uuml;hender Bewunderer der fr&uuml;heren Kolonialmacht Japan und hatte als Offizier in den R&auml;ngen der Kaiserlich-Japanischen Armee deren geschlossen militaristisches Weltbild verinnerlicht.<\/p><p>Die jetzt inkriminierte Friedensstatue soll gerade den Wunsch zum Ausdruck bringen, endlich Frieden zwischen den involvierten Antagonisten zu schaffen, was in den Augen der Aktivist\/innen bis heute nicht der Fall ist. Im &Uuml;brigen machen sie daf&uuml;r nicht allein japanische, sondern auch s&uuml;dkoreanische Regierungen und Politiker verantwortlich.<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p><strong>&bdquo;Lassen Sie die Statue stehen&ldquo;<\/strong><\/p><p>In einem vom 10. Oktober datierten Schreiben an den Bezirksb&uuml;rgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel, meldete sich mit Lutz Drescher ein intimer Korea-Kenner und Ehrenvorsitzender der Deutschen Ostasienmission (DOAM e.V.) zu Wort. Darin hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als ehemaliger Ostasienverbindungsreferent der Evangelischen Mission in Solidarit&auml;t (EMS e.V.) war ich 15 Jahre lang in Verbindung mit Menschen sowohl in Korea wie in Japan. Ich versichere Ihnen, dass es in Japan selbst zahllose Menschen gibt, die die Aufstellung der Friedensstatue&nbsp;au&szlig;erordentlich begr&uuml;&szlig;en. Diese Menschen beneiden uns hier in Deutschland, dass wir nach den Gr&auml;ueln des 2. Weltkrieges zumindest versucht haben, unsere geschichtliche Schuld einzugestehen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. In Japan hat dieser Prozess so nie stattgefunden, was vielf&auml;ltige Ursachen hat (die japanischen Truppen standen unter dem Befehl des Tenno, des Gottkaisers, Japan wurde durch den Einsatz der Atombombe zur Kapitulation gezwungen, Unterschiede in Religion und Kultur.)<\/p>\n<p>(&hellip;) Nun einfach diese Statue zu entfernen l&ouml;st den dahinterliegenden Konflikt nicht auf. Umgekehrt k&ouml;nnte dieses eine Jahr, f&uuml;r das sie ja nur genehmigt ist, zu einer Chance werden im deutsch-japanisch-koreanischen Dialog an diesen Fragen zu arbeiten. Daher meine Forderung: Lassen Sie die Statue stehen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wenn jetzt die Damen und Herren im Bezirksamt Berlin-Mitte geltend machen, man habe den Text auf den Begleittafeln der Statue nicht gekannt, dieser sei &bdquo;auf und gegen Japan fixiert&ldquo; und gef&auml;hrde als &bdquo;gezielte Kommentierung japanischer Politik von koreanischer Seite&ldquo; die ansonsten &bdquo;guten au&szlig;enpolitischen Beziehungen Deutschlands zu Japan&ldquo;, so m&uuml;ssen sie entweder blau&auml;ugig oder in Ignoranz der Aufstellung der Statue zugestimmt haben. Der Korea-Verband insistiert darauf, im Zuge der Antragstellung ausdr&uuml;cklich darauf hingewiesen zu haben, dass japanische Reaktionen zu erwarten seien.<\/p><p>Unausgesprochen schwebt das Damoklesschwert &uuml;ber den H&auml;uptern Berliner Senats- und Bezirkssamtmitglieder, dass man auf japanischer Seite im Falle eines Falles die Beendigung der St&auml;dtepartnerschaft zwischen Berlin und Tokio sowie der Partnerschaft zwischen dem Bezirksamt Berlin-Mitte und dem Tokioter Distrikt Shinjuku erw&auml;gen k&ouml;nne, falls die Friedensstatue nicht bis zum 14. Oktober &ndash; notfalls auf Kosten des Korea-Verbands &ndash; demontiert werde. Nataly Jung-Hwa Han, die Vorstandsvorsitzende des Korea-Verbands, verweist indes darauf, dass die Initiative zum Aufbau der Statue mehrheitlich von deutschen Staatsb&uuml;rger\/innen ausgegangen sei, die zudem vorrangig die Interessen von Frauen im Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt und nicht jene des s&uuml;dkoreanischen Staates verfolgten. &bdquo;Von den zwei Tafeln&ldquo;, so Frau Han, &bdquo;erl&auml;utert eine die Bedeutung der Statue im Kampf der sogenannten Trostfrauen f&uuml;r ihre Rechte. Die andere erw&auml;hnt &auml;u&szlig;erst knapp deren Verschleppung im Zweiten Weltkrieg durch das japanische Milit&auml;r. Darauf steht: &sbquo;Sie w&uuml;rdigt den Mut der &Uuml;berlebenden, die am 14. August 1991 ihr Schweigen brachen und sich gegen eine Wiederholung solcher Verbrechen weltweit einsetzen.&lsquo;&ldquo;<\/p><p>Last, but not least sieht der Korea-Verband die Kunst- und Meinungsfreiheit verletzt: &bdquo;Vom rot-rot-gr&uuml;nen Senat und von Bezirksb&uuml;rgermeister von Dassel erwartet der Korea-Verband, dass sie R&uuml;ckgrat zeigen. Einschr&auml;nkungen der Kunst- und Meinungsfreiheit aufgrund Drucks einer ausl&auml;ndischen Regierung sind eines Rechtsstaats nicht w&uuml;rdig. Das Bezirksamt hatte seine Entscheidung getroffen, ohne einmal mit uns gesprochen zu haben. Wir suchen jedoch weiterhin den Dialog mit dem Bezirksamt Mitte.&ldquo; Am 13. Oktober l&auml;dt der Korea-Verband zu einer Pressekonferenz ein und will mit Gleichgesinnten am Nachmittag desselben Tages unter dem Motto &bdquo;<em>Berlin, sei mutig! Die Friedensstatue muss bleiben!<\/em>&ldquo; vor dem Rathaus Tiergarten demonstrieren und danach eine Mahnwache vor der Statue abhalten.<\/p><p><strong>Was tun und wie weiter?<\/strong><\/p><p>Das ist erst einmal gut so. Vor allem im Jahre 75 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der asiatisch-pazifischen Region sollte zumindest in engagierten zivilgesellschaftlichen Kreisen h&uuml;ben wie dr&uuml;ben sowie im medialen und Wissenschaftsbetrieb (vor allem in der Sinologie, Koreanistik und Japanologie) alles unternommen werden, um sich intensiver denn je Themen wie Opfer-T&auml;ter-Rollen, Erinnerungskulturen und politisch-milit&auml;rische Kooptation\/Kollaboration zu widmen und deren Facettenreichtum zu fokussieren. Da tun sich denn &ndash; ganz im Sinne des Opfer fordernden Verlaufs jener Geschichtsepoche &ndash; ebenso weite wie noch unerforschte Felder auf, die es tunlichst zu beackern gilt.  <\/p><p>Titelbild: Korea-Verband e.V.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/79b61725148d41298a1763353b51a8e1\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p><p><strong>Leseempfehlung<\/strong><\/p><p>Sven Saaler\/Wolfgang Schwentker (Eds. &ndash; 2008): The power of memory in modern Japan. Folkestone, UK<\/p><p>Yamaguchi Tomomi (2020): The &lsquo;History Wars&rsquo; and the &lsquo;Comfort Woman&rsquo; Issue: Revisionism and the Right-wing in Contemporary Japan and the U.S., in: The Asia Pacific Journal | Japan Focus 18(6-3) \/ https:\/\/apjjf.org\/2020\/6\/Yamaguchi.html<\/p><p><em><strong>Der Autor begr&uuml;ndete 1986 das Korea-Forum und war von 2003 bis 2007 Vorstandsvorsitzender des Korea-Verband e.V. Im abschlie&szlig;enden 7. Teil seiner von den NDS in diesem Jahre ver&ouml;ffentlichten Serie zum Thema &bdquo;Ost- und S&uuml;dostasien im Zweiten Weltkrieg &ndash; Vorgeschichte, Verlauf &amp; Verm&auml;chtnisse&ldquo; wird er sich im Dezember ausf&uuml;hrlich mit Erinnerungskulturen in diesen Regionen befassen.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Betr&auml;fe es nicht das bleierne Schicksal zig Zehntausender M&auml;dchen und junger Frauen, die w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs in Milit&auml;rbordelle der Kaiserlich-Japanischen Armee in Ost- und S&uuml;dostasien sowie im Pazifik zwangsverschleppt und dort jahrelang missbraucht wurden, k&ouml;nnte mensch die aktuelle Kontroverse um eine Friedensstatue in Berlin-Moabit f&uuml;r eine ins L&auml;cherliche abgleitende Politposse halten. 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