{"id":65867,"date":"2020-10-15T09:11:17","date_gmt":"2020-10-15T07:11:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65867"},"modified":"2020-10-15T11:32:45","modified_gmt":"2020-10-15T09:32:45","slug":"lockdown-2020-mehr-als-eine-buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65867","title":{"rendered":"Lockdown 2020 \u2013 Mehr als eine Buchbesprechung"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch &bdquo;<em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A39728345&amp;listtype=search&amp;searchparam=Lockdown%202020\">LOCKDOWN 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu ver&auml;ndern<\/a><\/em>&ldquo; (Hg. Hannes Hofbauer &amp; Stefan Kraft) wird bald im Buchhandel sein. Es enth&auml;lt zwanzig Beitr&auml;ge, die das breite Feld abdecken, das Corona nicht entdeckt hat, sondern vorfindet. Es bringt biopolitische, staatstheoretische, &ouml;konomische und gesellschaftliche &Uuml;berlegungen zusammen. Und manchmal sogar gibt es Verkn&uuml;pfungen, &Uuml;berg&auml;nge zwischen diesen Disziplinen. Es ist ein gelungener Versuch, zu belegen, dass nicht Corona unser Leben ver&auml;ndert, sondern jene, die mit &bdquo;Corona&ldquo; handeln. Es geht um das Wissen und die Erfahrungen, die Angst nicht weiter zu n&auml;hren, sondern zu ermutigen, sich nicht das Leben zu nehmen, aus Angst vor dem Tod. Das ist ganz und gar nicht biologistisch gemeint. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm Juli 2018, also in Vor-Corona-Zeiten sendete der Deutschlandfunk einen interessanten Beitrag, der hinter die Kulissen der Weltgesundheitsbeh&ouml;rde (WHO) blickte, mit dem Titel: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unabh&auml;ngigkeit der Weltgesundheitsorganisation gef&auml;hrdet &ndash; <strong>Was gesund ist, bestimmt Bill Gates<\/strong>&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Dann tauchte Corona auf. Wenig sp&auml;ter kam der Lockdown. Der Wind drehte sich, auch bei denen, die &uuml;ber ein kritisches Bewusstsein verf&uuml;gen. Dazu z&auml;hlt auch der Deutschlandfunk. Die Anpassung an die Politik der Bundesregierung ging sogar soweit, dass die Redaktion im Mai 2020 den Titel der 2018 ausgestrahlten Sendung ver&auml;nderte. Seitdem hei&szlig;t derselbe Beitrag, ganz weichgesp&uuml;lt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unabh&auml;ngigkeit der Weltgesundheitsorganisation gef&auml;hrdet &ndash; <strong>Das Dilemma der WHO<\/strong>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Eigentlich ist damit ein wesentliches Element des Corona-Bewusstseins vorgespielt:<\/p><p>An den Fakten, die der Deutschlandfunk-Beitrag zusammengetragen hat, ist nichts falsch, nichts zur&uuml;ckzunehmen. Aber die Bedeutung dieses Wissens hat sich gewaltig ver&auml;ndert. Vor zwei Jahren stie&szlig; diese gut begr&uuml;ndete Kritik ins Leere. Jetzt w&auml;re sie hilfreich, gegen weitverbreitete Kopflosigkeit. Man k&ouml;nnte einiges einordnen und die Frage beantworten helfen: Geht es bei all denen, die jetzt ganz arg um unsere Gesundheit besorgt sind, um unser Leben und um die makellose Befolgung des hippokratischen Eids?<\/p><p>Der Titel vor zwei Jahren hat die Recherche &ndash; nach dem Gedankenstrich &ndash; auf den Punkt gebracht: <em>Was gesund ist, bestimmt Bill Gates.<\/em><\/p><p>Der Titel sagt aus, dass Gesundheit, neben dem medizinischen Aspekt, eine Frage der Definitionsmacht ist und die bestimmt sich zu gro&szlig;em Teil &uuml;ber das Kapital, das eingesetzt wird, um diese zu erlangen.<\/p><p>Andrej Hunko f&uuml;hrt das am Beispiel der Influenzapandemie aus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Besonders umstritten war damals die wenige Wochen vor der Pandemie-Ausrufung von der WHO vorgenommene &Auml;nderung der Kriterien daf&uuml;r. So stellte der Bericht fest: &sbquo;Vor dem 4. Mai 2009 lautete die Definition, dass eine Influenzapandemie dann vorliege, wenn ein neues Influenzavirus auftauche, gegen das die Bev&ouml;lkerung nicht immun sei, was zu weltweiten Epidemien mit einer hohen Zahl von Todesf&auml;llen und Erkrankungen f&uuml;hren werde&lsquo;. Der Schweregrad, also die Zahl der schweren Verl&auml;ufe oder Todesf&auml;lle, fand sich anders als zuvor nicht mehr in der Definition wieder. Die genauen Umst&auml;nde dieser bis heute bestehenden &Auml;nderung der Pandemie-Definition bleiben unklar.&ldquo; (S. 48)\n<\/p><\/blockquote><p><em>Was gesund ist, bestimmt Bill Gates<\/em>, besagt auch, dass es ganz stinknormale kapitalistische Interessen sind, die in der Gesundheitsindustrie eine Rolle spielen, um genau zu sein, eine immer dominantere Rolle. Wenn immer mehr H&uuml;ft-OPs durchgef&uuml;hrt werden, dann liegt das nicht an der medizinischen Notwendigkeit, sondern auch an dem Faktum, dass eine OP viel mehr Geld bringt als eine gute Beratung, die zu &bdquo;konservativen&ldquo; Therapien r&auml;t.<\/p><p>Die krankmachende Rolle der Privatisierung des Gesundheitswesens, in der notwendigerweise Profitraten mehr z&auml;hlen (m&uuml;ssen) als ausschlie&szlig;lich therapeutisch indizierte Diagnosen, darf zwei Jahre sp&auml;ter, in Zeiten von Corona, nicht beachtet, nicht ausgef&uuml;hrt, nicht in Erinnerung gebracht werden. Ein Erinnerungsverbot.<\/p><p>Deshalb musste dieser Satz zwei Jahre sp&auml;ter verschwinden. Ein sicherlich symbolischer Akt, der aber darauf verweist, dass man Zusammenh&auml;nge zerst&ouml;ren, verwischen will, die keinem verschw&ouml;rerischen Geheimbund entspringen, sondern einem recht durchschnittlichen Allgemeinwissen.<\/p><p>Diese Episode sagt noch etwas: Selbst Menschen, die es besser wissen, die eher mit kritischem Bewusstsein die Welt betrachten (m&ouml;chten), m&uuml;ssen und wollen sich jetzt in Corona-Zeiten wegducken.<\/p><p><strong>Verschw&ouml;rungstheorie und\/oder Kapitalismusanalyse<\/strong><\/p><p>Mit dem oben genannten &bdquo;Framing&ldquo; vonseiten des Deutschlandfunks f&auml;ngt der Beitrag von Andrej Hunko an: <em>WHO &ndash; Wer bestimmt, was gesund ist?<\/em><\/p><p>Er stellt viele Fakten zur Verf&uuml;gung, die das Bild einer Weltgesundheitsbeh&ouml;rde, die von staatlichen und wirtschaftlichen Einflussnahmen unabh&auml;ngig ist, m&auml;chtig l&auml;diert.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im Falle der WHO setzten 1993 die USA unter George Bush zun&auml;chst durch, dass die Pflichtbeitr&auml;ge der Mitgliedsstaaten eingefroren wurden: Das schon in den 1980er-Jahren eingef&uuml;hrte reale Nullwachstum wurde durch ein nominelles Nullwachstum ersetzt. Inflations- oder W&auml;hrungsschwankungen wurden nicht mehr ausgeglichen und der Haushalt sinkt damit allj&auml;hrlich real, also inflationsbereinigt. In die so organisierte Finanzierungsl&uuml;cke traten zunehmend freiwillige programmgebundene Beitr&auml;ge der Mitgliedsstaaten sowie private Akteure mit ihren jeweiligen Interessen. Unter dem Strich bedeutet diese Entwicklung, dass die WHO sich heute nur noch zu etwa 20 Prozent aus regul&auml;ren Mitgliedsbeitr&auml;gen finanziert, &uuml;ber die sie frei verf&uuml;gen kann, w&auml;hrend ca. 70 Prozent der Mittel zweckgebunden sind. Vor 30 Jahren machten die Mitgliedsbeitr&auml;ge hingegen noch etwa die H&auml;lfte der Einnahmen aus. (&hellip;) Was auf der Hand liegt: Mit den &sbquo;freiwilligen Beitr&auml;gen&lsquo; bestimmt der Geber, was gemacht wird.&ldquo; (S. 45)\n<\/p><\/blockquote><p>All das ist pr&auml;gnant in diesem Beitrag zusammengefasst, wobei dies alles fast alles &sbquo;Schnee von gestern&lsquo; ist. Lange vor Corona sind dazu ausgezeichnete Artikel geschrieben worden, auf die auch Andrej Hunko zur&uuml;ckgreift. <\/p><p>Was hier jedoch Aufmerksamkeit verdient, ist die in Corona-Zeiten stattfindende Zerst&ouml;rung von Zusammenh&auml;ngen, die Denunziation eines Wissens, das der allseits gef&ouml;rderten und erw&uuml;nschten Angst die Grenzenlosigkeit nehmen w&uuml;rde.<\/p><p>Andrej Hunko ist selbst in diesen Bannkreis geraten, als er die Rolle der WHO auf einer Kundgebung thematisierte und sogleich dem Verdacht ausgesetzt war, &bdquo;<em>Stichworte genannt (zu haben), die an Verschw&ouml;rungstheorien ankn&uuml;pfen<\/em>&ldquo;. (S. 43).<\/p><p><strong>Der reale und der unterschlagene Ausnahmezustand\/Notstand<\/strong><\/p><p>Zu dieser neuen Form der Wissenstilgung geh&ouml;rt auch das banale Wissen, dass &bdquo;Notst&auml;nde&ldquo; ganz wenig mit dem Anlass zu tun haben, sondern mit einer Krise, die eine Regierung selten wie folgt kommunizieren m&ouml;chte:<\/p><blockquote><p>\nMeine Damen und Herren, wir steuern auf schwierige Zeiten zu. Diese Krise werden wir nur gut &uuml;berstehen, wenn Sie daf&uuml;r bezahlen. Das geht eben nicht nur mit ihrem Einverst&auml;ndnis. Also m&uuml;ssen wir sie dazu zwingen und deshalb werden wir mehr Repressionsmittel bereithalten, um ihre Zustimmung zu bekommen. Es liegt an Ihnen, ob wir sie auch einsetzen. Sie werden verstehen lernen, dass wir noch keine Krise ausgebadet haben, es sei denn, es g&auml;be eine Revolution. Damit es dazu nicht kommt, haben wir uns auch darauf vorbereitet und das kostet auch Geld, also ihr Geld.\n<\/p><\/blockquote><p>Genau eine solche Regierungsansprache wird es nicht geben, gab es noch nicht. Vielmehr wird eine Bedrohung inszeniert, in der wir alle gleich sind, vor der wir alle gemeinsam Angst bekommen sollen. Eine Angst, die uns vergessen macht, wie gro&szlig; die Unterscheide sind, &uuml;ber die wir jetzt einfach hinwegsehen d&uuml;rfen\/m&uuml;ssen.<\/p><p>Es war einmal der Kommunismus, also das kommunistische Virus, das uns alle bedrohte. Dann war es die RAF, die nach unser aller Leben trachtete, dann der Islamismus, der zur Ausrufung des &bdquo;Krieges gegen den Terror&ldquo; f&uuml;hrte und seitdem kein Ende findet.<\/p><p>Daf&uuml;r, dass auch dieses Wissen nicht versch&uuml;tt geht, sorgen zwei Texte: Ein Beitrag von Rolf G&ouml;ssner (<em>Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat in Zeiten der Pandemie<\/em>, ab S. 165) und ein Beitrag von Joachim Hirsch: Sicherheitsstaat 4.0 (ab S. 143)<\/p><p>Dazu f&uuml;hrt der emeritierte Professor f&uuml;r Politikwissenschaften und Mitherausgeber von &bdquo;Links-Netz&ldquo; aus: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Sicherheitsgesetzgebung, die eine wesentliche Einschr&auml;nkung b&uuml;rgerlicher Freiheiten und rechtsstaatlicher Normen beinhaltete, wurde &ndash; diesmal im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den &sbquo;islamischen Terrorismus&lsquo; nach dem Anschlag auf das New Yorker World Trade Center 2001 &ndash; weiter versch&auml;rft. Nimmt man die Notstandsgesetze vom Ende der 1960er-Jahre hinzu, so erleben wir heute die vierte sicherheitsstaatliche Phase der deutschen Nachkriegsgeschichte: Sicherheitsstaat 4.0. Die &sbquo;Corona-Krise&lsquo; und die Form des Umgangs mit ihr bezeichnet nicht nur eine weitere, sondern auch sehr einschneidende Etappe dieses Prozesses. Sie weist einige hervorstechende Merkmale auf, die sie von fr&uuml;heren sicherheitsstaatlichen Entwicklungen unterscheiden. Dazu geh&ouml;ren der Umgang mit der Verfassung und mit rechtsstaatlichen Prinzipien sowie der Einsatz der neuen digitalen Informations- und &Uuml;berwachungstechniken. (&hellip;) Neu ist, dass im Gegensatz zu fr&uuml;her &ndash; etwa bei den stark umk&auml;mpften Grundgesetz&auml;nderungen beim Erlass der Notstandsgesetze &ndash; die Verfassung einfach nicht mehr beachtet wurde. Wesentliche Grundrechte wurden unter Ausschaltung des Parlaments per Regierungsdekret faktisch au&szlig;er Kraft gesetzt. Dies unter R&uuml;ckgriff auf ein Seuchengesetz, das exekutive Erm&auml;chtigungen nur sehr vage definiert. Das im M&auml;rz 2020 neu gefasste Infektionsschutzgesetz enth&auml;lt eine Generalklausel ohne jegliche Spezifizierung und bietet der Exekutive einen fast unbeschr&auml;nkten Spielraum. Das ist nach den herrschenden Verfassungsgrunds&auml;tzen unzul&auml;ssig. Au&szlig;er Kraft gesetzt wurden nicht nur Freiheits- und Eigentumsrechte, sondern auch das Demonstrations- und Versammlungsrecht und damit ein zentrales Moment politischer Beteiligung. Die bei Grundrechtseinschr&auml;nkungen notwendige Pr&uuml;fung der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit dieser Ma&szlig;nahmen fand nicht statt. Ein vom Grundgesetz &uuml;berhaupt nicht vorgesehenes, aus der Kanzlerin und den Ministerpr&auml;sidentInnen der Bundesl&auml;nder bestehendes Gremium wurde zum Gesetzgeber. Heraus kam ein autorit&auml;rer Staat unter Beibehaltung eines institutionell-demokratischen Beiwerks.&ldquo; (S. 144\/45)\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Beitrag ist auch deshalb so wichtig, weil sich (gro&szlig;e) Teile der Linken in Corona-Zeiten durch Zweierlei auszeichnen: Zum einen werden fast alle Ma&szlig;nahmen begr&uuml;&szlig;t und geradezu ultra*legal eingehalten. Zum anderen ersch&ouml;pft sich Kritik an der Kritik dieser Ma&szlig;nahmen durch die &bdquo;Querdenker*innen&ldquo; in blanker Denunziation, was sie in der Tat zu einer regierungsnahen &bdquo;Stiftung&ldquo; macht, die mit Demonstrationen gegen die &bdquo;Covidioten&ldquo; solange Regierungspolitik betreiben wird, wie sie es unterl&auml;sst, eine eigene Kritik an den Ausnahmezust&auml;nden zu formulieren. Diesen Aspekt f&uuml;hrt auch der Beitrag von Peter Nowak, &bdquo;<em>Die autorit&auml;re Staatlichkeit und der Konformismus der Linken<\/em>&ldquo;, sehr eindrucksvoll aus: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sp&auml;testens Ende April begannen vor allem in Berlin antifaschistische Gegenproteste, die allerdings sowohl praktisch als auch theoretisch extrem staatstragend auftraten.&ldquo; (S. 157)\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist erfreulich und wohltuend, die beiden Beitr&auml;ge von Rolf G&ouml;ssner und Joachim Hirsch zu lesen. Und hoffentlich dienen sie als Ansto&szlig; f&uuml;r die Linke, sich damit auseinanderzusetzen, um einem wesentlichen Fixpunkt linker Kritik gerecht zu werden: Herrschaftskritik zu &uuml;ben und in einer Praxis zu beweisen, wie Herrschaft delegitimiert, wie sie blo&szlig;gestellt werden kann.<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p><strong>Wozu dieser ganze Corona-Wahnsinn?<\/strong><\/p><p>Wenn man die Corona-Zeiten nicht als medizinisches Ph&auml;nomen begreift, sondern als ein gesellschaftliches, herrschaftspolitisches, dann stellt sich die Frage: Wozu dieser ganze Aufwand? Wozu der Lockdown, der Milliarden Euro kosten wird? Wozu all diese Einschr&auml;nkungen, die gerade auch jene emp&ouml;ren, die bisher noch nicht &bdquo;auf der Stra&szlig;e&ldquo; waren? Wozu eine Angst, die geradezu pandemisch alles &ndash; Menschen, Wissen und Erfahrungen &ndash; mit- und voneinander isoliert?<\/p><p>Joachim Hirsch hat nicht nur zu dem Aspekt &bdquo;Sicherheitsstaat&ldquo; gearbeitet. Er hat diese staatstheoretischen &Uuml;berlegungen in eine kapitalistische Gesamtanalyse eingebettet. Dabei benutzt Joachim Hirsch als Werkzeug die Begriffe &bdquo;Regulations- und Akkumulationregime&ldquo;, also das Zusammenwirken von staatlichem Handeln und kapitalimmanenten Ver&auml;nderungen. Diese Werkzeuge sind sehr gut geeignet, den Staat als etwas zu begreifen, was eben mehr ist als ein Laufjunge des Kapitals.<\/p><p>Was macht also der Staat, der eigentlich ziemlich irre ist, wenn er als &bdquo;Laufjunge&ldquo; des Kapitals f&uuml;r milliardenschwere Verluste sorgt und die &bdquo;Wirtschaft&ldquo; in eine tiefe Rezession treibt?<\/p><p>Dazu bietet der Beitrag von Alfred J. Noll: Seuchenzeit: Der Staat als &bdquo;<em>ideeller Gesamtkapitalist<\/em>&ldquo; genug Futter.<\/p><p>Mit dem &bdquo;ideellen Gesamtkapitalisten&ldquo; greift Noll auf eine marxistische Kategorie zur&uuml;ck, die ich f&uuml;r &auml;u&szlig;erst hilfreich und extrem schlau halte, wenn man das Zusammenspiel von Staat und Kapital\/Wirtschaft beschreiben will.<\/p><p>Jeder Einzelkapitalist ist des anderen Feind. Wie k&ouml;nnen und m&uuml;ssen sie aber dennoch ihre gemeinsamen Interessen formulieren und zur Geltung bringen? Hier kommt der Staat ins Spiel. Wenn er seine Rolle gekonnt aus&uuml;bt, dann ist er eben nicht nur Promoter eines Gro&szlig;unternehmens (sei es Siemens, VW oder RWE). Er muss es schaffen, sozusagen die Quersumme aller Kapitalinteressen zu verk&ouml;rpern. Das geht gelegentlich auch auf (&uuml;berschaubare) Kosten von Big Players, wie beim Atomausstieg.<\/p><p>Der Staat als &bdquo;ideeller Gesamtkapitalist&ldquo; ist deshalb ein ideeller, weil es f&uuml;r die &bdquo;Quersumme&ldquo; keine objektive Bestimmung gibt. Was also auch hei&szlig;en kann, dass es schiefgehen kann und der Staat, also die Regierung, auch Fraktionen innerhalb des Kapitals gegen sich aufbringt.<\/p><p>Was gelingt dem Staat als &bdquo;ideellem Gesamtkapitalisten&ldquo; in und mit der Corona-Krise?<\/p><p>Zun&auml;chst einmal hebt Noll hervor, dass, entgegen anderen Krisenverursachern, die Corona-Krise durch den Staat selbst, durch den verordneten Lockdown, ausgel&ouml;st wurde: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Covid-19-Staat ist der W&uuml;rgeengel der kapitalistischen Produktionsweise, indem er Produktion und Konsumtion &uuml;ber weite Strecken verhindert &ndash; er macht also exakt das Gegenteil von dem, wozu er geschaffen wurde.&ldquo; (S. 93)\n<\/p><\/blockquote><p>L&auml;sst man einmal beiseite, ob es sich beim Lockdown um einen W&uuml;rgeengel handelt, dann besagt dies auf jeden Fall, dass sich der Staat ganz sch&ouml;n viel herausgenommen hat, auch und gerade gegen Einzelinteressen, die die Kapitalseite ber&uuml;hren.<\/p><p>Es kommt also jetzt darauf an, ob der Staat diese &bdquo;Kosten&ldquo; rechtfertigen kann (vor allem gegen&uuml;ber der Kapitalseite) und was er als Kompensation bietet.<\/p><p>Und genau hier bekommen die Begriffe vom Regulations- und Akkumulationregime ihre Bedeutung:<\/p><p>Der Staat wird &ndash; aller Voraussicht nach &ndash; nicht nur die Verluste auf Kapitalseite in Grenzen halten (was er bereits mit Milliarden-Hilfen unter Beweis gestellt hat). Er wird auch ein neues Akkumulationregime ansto&szlig;en, das in der Luft lag und durch Corona richtig Wind bekommt: Es geht um den ewig und drei Tage angek&uuml;ndigten Umbau der Wirtschaft, um eine Transformation der Energiewirtschaft und fossilen Mobilit&auml;t, um die Forcierung der Digitalisierung und den Einsatz von KI (K&uuml;nstlicher Intelligenz), wie es der Beitrag <em>Neues Akkumulationsmodell: Verhalten und K&ouml;rper im Visier des Kapitals (Hannes Hofbauer und Andrea Komlosy)<\/em> anschaulich ausf&uuml;hrt. Das geht immer und notwendigerweise mit Friktionen einher, also Unstimmigkeiten zwischen den Verlierern und Gewinnern der Transformation. Ich w&uuml;rde in der Tat die These wagen, dass Corona der ideale Beschleuniger dieser &bdquo;Wende&ldquo; ist.<\/p><p>Damit einher geht das Ende des &bdquo;schlank&ldquo;-gemachten Staates, eines Nachtw&auml;chterstaates, der tats&auml;chlich dem Butler im Luxushotel sehr nahekommt. Es geht, wie Noll prognostiziert, um die &bdquo;R&uuml;ckkehr des starken Staates&ldquo; (S. 94).<\/p><p>Tats&auml;chlich braucht es diesen &bdquo;starken&ldquo; Staat in vierfacher Hinsicht:<\/p><p>Er muss als &bdquo;ideeller Gesamtkapitalist&ldquo; den Kapitalismus auf 3.0 bringen, was eben auch bedeutet, R&uuml;ckenwind auszuhalten, auch aus den &bdquo;eigenen Reihen&ldquo;, ideologisch und politisch (was sich auch in der Pr&auml;senz der AfD ausdr&uuml;ckt).<\/p><p>Zum Zweiten wird diese Transformation ohne staatliche Subventionen und Absicherungen nicht gehen. Das hei&szlig;t, dieser Staat braucht mehr und nicht weniger Steuerungsmittel, wozu im Kapitalismus auch ein Batzen Geld geh&ouml;rt, also erh&ouml;hte Steuereinnahmen. Die Au&szlig;erkraftsetzung der &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; ist ein Schritt in diese Richtung. <\/p><p>Und dieser Staat wird eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle spielen (m&uuml;ssen), wenn die Analyse richtig ist, dass die &bdquo;Globalisierung&ldquo;, wie sie in den letzten 20 Jahren betrieben wurde, zu Ende ist. Es wird zu einer Renationalisierung kommen, die schon seit einiger Zeit die bestimmende Gegenbewegung ausmacht. Dazu z&auml;hlen Handelsschranken\/-embargos (nicht anderes als Wirtschaftskriege), Abschottungsma&szlig;nahmen bis hin zur R&uuml;ckverlagerung von &bdquo;systemrelevanten&ldquo; Produktionen. Die Schutzmasken, die in China hergestellt wurden und in Deutschland nicht verf&uuml;gbar waren, sind die Covergeschichte f&uuml;r diese &bdquo;Wende&ldquo;. Es geht in Zukunft darum, Grenzen hochzuziehen, wozu es einen starken Staat braucht.<\/p><p>Last not least, wird diese &bdquo;Zeitenwende&ldquo; dreifach Geld kosten, vor allem zu Lasten derer, die schon immer f&uuml;rs Ausbaden da sind. Zum einen werden die nahe 1.000 Milliarden Euro, die der Lockdown gekostet hat, von denen genommen, die eh wenig haben.<\/p><p>Zum Zweiten wird die Transformation viele Arbeitspl&auml;tze kosten und &ndash; gerade in Corona-Zeiten &ndash; zu vielen Zugest&auml;ndnissen f&uuml;hren, die nichts anderes bedeuten, als dass die (noch) Besch&auml;ftigten die Krise ausbaden.<\/p><p>Und drittens wird die Renationalisierung Produkte notwendigerweise teurer machen und vor allem jene belasten, die eh jeden Cent umdrehen m&uuml;ssen.<\/p><p>Und bevor es vergessen wird: Die Einschr&auml;nkungen von Grundrechten, die dank Corona gut einge&uuml;bt wurden, werden nicht r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht.<\/p><p>Dieser Beitrag ber&uuml;cksichtigt ungef&auml;hr f&uuml;nf Beitr&auml;ge in diesem Buch. Ein Grund mehr, das ganze Buch zu lesen, das mit insgesamt zwanzig Beitr&auml;gen beeindruckt.<\/p><p>Titelbild: Titelbild: Billion Photos\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen und Hinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em>LOCKDOWN 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu ver&auml;ndern<\/em>, Hg. Hannes Hofbauer &amp; Stefan Kraft, Promedia Verlag Wien, 2020<\/li>\n<li><em>Eine Geisel potenter Geldgeber<\/em>, Thomas Gebauer, Deutschlandfunk Kultur vom 18. Mai 2015, <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/weltgesundheitsorganisation-eine-geisel-potenter-geldgeber.1008.de.html?dram:%20article_id=320082\">deutschlandfunkkultur.de\/weltgesundheitsorganisation-eine-geisel-potenter-geldgeber.1008.de.html?dram:article_id=320082<\/a><\/li>\n<li><em>Der heimliche WHO-Chef hei&szlig;t Bill Gates<\/em>, Jakob Simmank, Zeit Online vom 04. April 2017, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wissen\/gesundheit\/2017-03\/who-unabhaengigkeit-bill-gates-film\">zeit.de\/wissen\/gesundheit\/2017-03\/who-unabhaengigkeit-bill-gates-film.<\/a><\/li>\n<li><em>Die WHO am Bettelstab: Was gesund ist, bestimmt Bill Gates<\/em>, Thomas Kruchem, SWR, 22. Januar 2019, <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/who-am-bettelstab-was-gesund-ist-bestimmt-bill-gates-100.html\">swr.de\/swr2\/wissen\/who-am-bettelstab-was-gesund-ist-bestimmt-bill-gates-100.html<\/a><\/li>\n<li><em>Unabh&auml;ngigkeit der Weltgesundheitsorganisation: Das Dilemma der WHO<\/em>, Thomas Kruchem, Deutschlandfunk Kultur vom 17. Juli 2018, <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/unabhaengigkeit-der-weltgesundheitsorganisation-das-dilemma.976.de.html?dram:article_id=423076\">deutschlandfunkkultur.de\/unabhaengigkeit-der-weltgesundheitsorganisation-das-dilemma.976.de.html?dram:article_id=423076<\/a><\/li>\n<li><em>Die Corona-Krise. Die Linke. Und die Sterblichkeit. Eine Halbjahresbilanz<\/em>, Wolf Wetzel, Teil 1: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/09\/20\/die-corona-krise-die-linke-und-die-sterblichkeit-eine-halbjahresbilanz\/\">wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/09\/20\/die-corona-krise-die-linke-und-die-sterblichkeit-eine-halbjahresbilanz\/<\/a><\/li>\n<li><em>Ausnahmezust&auml;nde verschwinden nicht, sondern verwandeln sich in eine neue Form des Normalzustandes<\/em>, Wolf Wetzel, Teil 2: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/09\/26\/ausnahmezustaende-verschwinden-nicht-sondern-verwandeln-sich-in-eine-neue-form-des-normalzustandes-2-teil\/\">wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/09\/26\/ausnahmezustaende-verschwinden-nicht-sondern-verwandeln-sich-in-eine-neue-form-des-normalzustandes-2-teil\/<\/a><\/li>\n<\/ul><p><strong>Anhang: Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/p><ul>\n<li>Vorwort <\/li>\n<li>DER N&Auml;HRBODEN F&Uuml;R DIE PANDEMIE<\/li>\n<li>Chuang-Blog &ndash; Soziale Ansteckung <\/li>\n<li>Andrej Hunko &ndash; WHO &ndash; Wer bestimmt, was gesund ist?<\/li>\n<li>Andreas S&ouml;nnichsen &ndash; Covid-19: Wo ist die Evidenz?<\/li>\n<li>Armando Mattioli &ndash; Ursachen f&uuml;r die pandemiebedingte Krise in Italien <\/li>\n<li>SOZIO&Ouml;KONOMISCHE FOLGEN<\/li>\n<li>Hannes Hofbauer und Andrea Komlosy  &ndash; Neues Akkumulationsmodell: Verhalten und K&ouml;rper im Visier des Kapitals <\/li>\n<li>Alfred J. Noll &ndash; Seuchenzeit: Der Staat als &raquo;ideeller Gesamtkapitalist&laquo; . <\/li>\n<li>Andrea Komlosy &ndash; Entflechtung oder Neuordnung: Globale G&uuml;terketten nach dem Lockdown<\/li>\n<li>STAATLICHE ZWANGSMASSNAHMEN UND DIE ROLLE DER MEDIEN<\/li>\n<li>Matthias Burchardt &ndash;  Versuch &uuml;ber den Homo hygienicus <\/li>\n<li>Roland Rottenfu&szlig;er &ndash; Die Gesundheitsdiktatur <\/li>\n<li>Joachim Hirsch &ndash; Sicherheitsstaat 4.0<\/li>\n<li>Peter Nowak &ndash; Die autorit&auml;re Staatlichkeit und der Konformismus der Linken <\/li>\n<li>Rolf G&ouml;ssner &ndash; Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat in Zeiten der Pandemie <\/li>\n<li>Walter van Rossum &ndash; Mediale Superspreader <\/li>\n<li>DER NEUE UMGANG<\/li>\n<li>Stefan Kraft &ndash; Der ausgeschlossene Tod <\/li>\n<li>Ulrike Baureithel &ndash; Die Angst, aussortiert zu werden <\/li>\n<li>Valentin Widmann &ndash; Die Menschenw&uuml;rde und der Wert des Lebens in Zeiten von Corona <\/li>\n<li>Jochen Krautz &ndash; Bildendes Lernen braucht Schule und Unterricht <\/li>\n<li>Bernhard Heinzlmaier &ndash; Jugendliche als Betroffene der Corona-Epidemie <\/li>\n<li>Gerhard Ruiss &ndash; Kulturpolitik in der Corona-Krise <\/li>\n<li>Nicole Selmer &ndash; Kein Zur&uuml;ck zu einem kaputten System: Fu&szlig;ball in der Krise <\/li>\n<li>Zitate zum Lockdown<\/li>\n<li>AutorInnenbiografien<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch &bdquo;<em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A39728345&amp;listtype=search&amp;searchparam=Lockdown%202020\">LOCKDOWN 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu ver&auml;ndern<\/a><\/em>&ldquo; (Hg. Hannes Hofbauer &amp; Stefan Kraft) wird bald im Buchhandel sein. Es enth&auml;lt zwanzig Beitr&auml;ge, die das breite Feld abdecken, das Corona nicht entdeckt hat, sondern vorfindet. Es bringt biopolitische, staatstheoretische, &ouml;konomische und gesellschaftliche &Uuml;berlegungen zusammen. 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