{"id":65910,"date":"2020-10-16T10:00:38","date_gmt":"2020-10-16T08:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65910"},"modified":"2020-10-23T09:39:42","modified_gmt":"2020-10-23T07:39:42","slug":"prozess-gegen-julian-assange-der-racheakt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65910","title":{"rendered":"Prozess gegen Julian Assange: Der Racheakt"},"content":{"rendered":"<p>Der australische Investigativjournalist und Dokumentarfilmer John Pilger hat den Auslieferungs-Prozess gegen Julian Assange von der Besuchertrib&uuml;ne im Londoner Old Bailey aus verfolgt. <a href=\"http:\/\/johnpilger.com\/articles\/eyewitness-to-the-trial-and-agony-of-julian-assange\">Im Folgenden<\/a> berichtet er dem australischen <a href=\"https:\/\/arena.org.au\/eyewitness-to-the-agony-of-julian-assange\/\">Arena Magazine<\/a> von dieser Erfahrung. &Uuml;bersetzung von <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Sie haben den Prozess gegen Julian Assange miterlebt, k&ouml;nnen Sie die Grundstimmung im Gericht beschreiben?<\/strong><\/p><p>Die Stimmung war ersch&uuml;tternd. Das sage ich, ohne zu z&ouml;gern; ich habe bereits in vielen Gerichtss&auml;len gesessen und selten so ein unfaires Verfahren erlebt; das hier ist schlicht ein Racheakt. Wenn man einmal von den Ritualen absieht, welche mit der &bdquo;britischen Justiz&ldquo; verbunden sind, hat es einen bisweilen an einen stalinistischen Schauprozess erinnert. <\/p><p>Ein Unterschied dazu war, dass der Angeklagte in den Schauprozessen im Gerichtssaal stand. Im Assange-Prozess war er hinter dickes Glas gesperrt und musste, unter Aufsicht seines W&auml;chters, auf Knien zu einem Schlitz im Glaskasten krabbeln, um Kontakt zu seinen Anw&auml;lten aufzunehmen. Seine Nachricht, die er kaum h&ouml;rbar durch eine Maske fl&uuml;sterte, wurde dann mittels kleiner Post-it-Zettelchen quer durch den ganzen Gerichtssaal getragen, dorthin, wo seine Anw&auml;lte ihn gegen die Auslieferung in ein amerikanisches Drecksloch verteidigten.<\/p><p>F&uuml;hren Sie sich einmal folgende t&auml;gliche Routine von Julian Assange vor Augen, Assange &ndash; einem Australier, der vor Gericht steht, weil er mit seiner journalistischen Arbeit die Wahrheit gesagt hat. Er wurde um f&uuml;nf Uhr morgens in seiner Zelle im Belmarsh-Gef&auml;ngnis, im trostlosen zersiedelten S&uuml;den Londons, geweckt. (Als ich Julian zum ersten Mal in Belmarsh gesehen habe, nachdem ich eine halbe Stunde lang &sbquo;Sicherheits&lsquo;-Kontrollen &uuml;ber mich ergehen lassen musste, inklusive einer Hundeschnauze an meinem Hintern, stand ich vor einer schmerzlich schmalen Gestalt, die da alleine sa&szlig; und ein gelbes Armband trug. Er hatte innerhalb weniger Monate mehr als zehn Kilo Gewicht verloren; seine Arme hatten keine Muskeln mehr. Seine ersten Worte lauteten: &bdquo;Ich denke, ich verliere meinen Verstand.&ldquo; Ich versuchte ihm zu versichern, dass das nicht stimmte. Seine Widerstandskraft und sein Mut sind beeindruckend, doch irgendwann ist das Ma&szlig; des Ertr&auml;glichen voll. Diese Begegnung liegt nun mehr als ein Jahr zur&uuml;ck.)<\/p><p>In den vergangenen drei Wochen, noch vor Morgengrauen, wurde er einer Leibesvisitation unterzogen, gefesselt und f&uuml;r den Transport zum Central Criminal Court, dem Old Bailey, vorbereitet, den er in einem Kleinlaster zur&uuml;cklegte, den seine Partnerin Stella Moris als aufgerichteten Sarg beschrieb. Der Wagen hatte nur ein kleines Fenster; Julian musste prek&auml;r stehen, um einen Blick nach drau&szlig;en zu erhaschen. Der Transporter und das Wachpersonal geh&ouml;rten zu Serco, einer von vielen Firmen mit Beziehungen zur Politik, die in Boris Johnsons Gro&szlig;britannien das Sagen haben.<\/p><p>Die Fahrt zum Old Bailey dauerte mindestens 1,5 Stunden. T&auml;glich wurde er also mindestens drei Stunden lang auf der qu&auml;lend langsamen Fahrt durchgesch&uuml;ttelt. Er wurde zu seinem engen K&auml;fig hinten im Gerichtssaal gef&uuml;hrt, dann schaute er auf, blinzelnd, und versuchte die Gesichter im Zuschauerbereich durch die spiegelnde Glasscheibe zu erkennen. Da sah er die vornehme Gestalt seines Vaters, John Shipton, und mich, und wir reckten unsere F&auml;uste. Durch die Scheibe versuchte er, seine Finger an die von Stella zu legen. Sie ist Anw&auml;ltin und sitzt in der Mitte des Saales. <\/p><p>Wir waren hier, um das &Auml;u&szlig;erste dessen zu erleben, was der Philosoph Guy Debord &bdquo;Die Gesellschaft des Spektakels&ldquo; nannte: einen Menschen, der um sein Leben k&auml;mpft. Doch das Verbrechen dieses Mannes besteht darin, der Allgemeinheit einen gewaltigen Dienst zu leisten: das zu enth&uuml;llen, was zu erfahren uns zusteht: die L&uuml;gen unserer Regierungen und die Verbrechen, die sie in unserem Namen begehen. Seine Schaffung von WikiLeaks und sein wasserdichter Quellenschutz haben den Journalismus revolutioniert und haben ihn mit der Vision seiner Idealisten vers&ouml;hnt. Edmund Burkes Vorstellung vom freien Journalismus als vierter Macht ist nun eine f&uuml;nfte Macht, die jene ans Licht zerrt, die mit ihrem verbrecherischen Wirken im Verborgenen die Bedeutung der Demokratie an sich schw&auml;chen. Darum f&auml;llt die Bestrafung auch so extrem aus. <\/p><p>Die blanke Parteilichkeit in den Gerichten, die ich in diesem und im vergangenen Jahr selbst mitbekommen habe, als Julian auf der Anklagebank sa&szlig;, sprechen der Vorstellung von der britischen Justiz Hohn. Wenn man sich das Foto n&auml;her ansieht, das Julian zeigt, als ihn brutale Polizisten aus seinem Asyl in der ecuadorianischen Botschaft schleiften, sieht man, dass er ein Buch von Gore Vidal in der Hand h&auml;lt. Assanges politischer Humor &auml;hnelt dem von Vidal. Ein Richter verurteilte ihn zu einer haarstr&auml;ubenden Haftstrafe von 50 Wochen in einem Hochsicherheitsgef&auml;ngnis &ndash; und das nur, weil er Kautionsauflagen verletzt hat.<\/p><p>Monatelang durfte er sich kaum bewegen und wurde in Einzelhaft gehalten, die man als &sbquo;Gesundheitsvorsorge&lsquo; verschleierte. Er erz&auml;hlte mir einmal, dass er seine Zelle entlangschritt, hin und her, hin und her, um so seinen eigenen Halbmarathon zu laufen. In der Nachbarzelle schrie der Insasse die ganze Nacht hindurch. <\/p><p>Zuerst enthielt man ihm seine Lesebrille vor, die er in der Botschaft zur&uuml;ckgelassen hatte. Man verweigerte ihm die Akten, die er brauchte, um die Gerichtsverhandlung vorzubereiten, sowie den Zugang zur Gef&auml;ngnisb&uuml;cherei und die Benutzung eines einfachen Laptops. B&uuml;cher, die ihm ein Freund, der Journalist Charles Glass &ndash; selbst &Uuml;berlebender einer Geiselnahme in Beirut &ndash; zuschickte, wurden wieder zur&uuml;ckgesandt. <\/p><p>Er durfte seine amerikanischen Anw&auml;lte nicht anrufen. Er wird von den Gef&auml;ngnisbeh&ouml;rden st&auml;ndig mit Medikamenten behandelt. Als ich ihn fragte, was sie ihm da gaben, konnte er es mir nicht sagen. Dem Pr&auml;sidenten des Gef&auml;ngnisses wurde &uuml;brigens der Orden des British Empire verliehen.<\/p><p>Am Old Bailey beschrieb die medizinische Expertin Dr. Kate Humphrey, eine klinische Neuropsychologin vom Imperial College in London, den so angerichteten Schaden in ihrer Zeugenaussage so: Julians intellektuellen F&auml;higkeiten h&auml;tten zun&auml;chst &sbquo;im &uuml;berragenden oder wahrscheinlich au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Bereich&lsquo; rangiert und bewegten sich nun &sbquo;deutlich unter&lsquo; diesem optimalen Niveau bis hin zu dem Punkt, an dem er Schwierigkeiten hatte, Informationen aufzunehmen und &sbquo;im Bereich des unteren Durchschnitts zu funktionieren&lsquo;.<\/p><p>Dies ist es, was der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen &uuml;ber Folter, Professor Nils Melzer, &sbquo;psychologische Folter&rsquo; nennt, die Folge gemeinschaftlich begangenen &sbquo;Mobbings&lsquo; durch Regierungen und ihre Lockv&ouml;gel von den Medien. Einige der &auml;rztlichen Befunde sind so ersch&uuml;tternd, dass ich sie hier nicht wiederholen m&ouml;chte. Es soll gen&uuml;gen zu sagen, dass Assange die Diagnose Autismus und Asperger-Syndrom gestellt wurde. Laut Professor Michael Kopelman, einem der weltweit f&uuml;hrenden Neuropsychiater, hat er &sbquo;Suizidgedanken&lsquo; und, sollte er nach Amerika ausgeliefert werden, wird er wahrscheinlich einen Weg finden, sich das Leben zu nehmen. <\/p><p>Der Kronanwalt James Lewis, Amerikas britischer Ankl&auml;ger, hat einen Gro&szlig;teil seines Kreuzverh&ouml;rs von Professor Kopelman darauf verwendet, psychische Krankheiten und die damit verbundenen Risiken als &sbquo;Simulieren&lsquo; abzutun. Ich habe in der heutigen Zeit noch nie eine derart primitive Auffassung menschlicher Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit erlebt.<\/p><p>Meiner Ansicht nach kann Assange, sollte er freikommen, einen Gro&szlig;teil seines Lebens zur&uuml;ckerlangen. Er hat eine liebevolle Partnerin, treu ergebene Freunde und Verb&uuml;ndete und die angeborene St&auml;rke eines charakterfesten politischen Gefangenen. Au&szlig;erdem hat er einen hintergr&uuml;ndigen Humor.<\/p><p>Aber so weit ist es noch lange nicht. Immer wieder gab es schamlose Absprachen zwischen der Richterin &ndash; einer Justizbeamtin gotischen Aussehens, &uuml;ber die man wenig wei&szlig; &ndash; und der Anklage, die f&uuml;r das Trump-Regime spricht. Bis zum Schluss der Anh&ouml;rungen wurden Argumente der Verteidigung laufend abgewiesen. Der Chefankl&auml;ger und Kronanwalt James Lewis, ein fr&uuml;herer Angeh&ouml;riger der Special Air Services (einer Spezialeinheit der British Army, Anmerkung der &Uuml;bersetzerin) und aktueller Oberster Richter der Falkland-Inseln, kriegt im Gro&szlig;en und Ganzen, was er will. Insbesondere gestand man ihm bis zu vier Stunden zu, um Experten-Zeugen schlechtzumachen, w&auml;hrend die Befragung durch die Verteidigung nach einer halben Stunde abgebrochen wurde. Ich habe keinen Zweifel, dass Julian Assange freik&auml;me, h&auml;tte eine Jury zu entscheiden.<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>Der Dissident und K&uuml;nstler Ai Weiwei hat sich eines Morgens zu uns auf die Besuchertrib&uuml;ne gesetzt. Er merkte an, dass in China das Urteil des Richters bereits festst&uuml;nde. Das sorgte f&uuml;r bitter ironische Belustigung. Mein Begleiter im Saal, der scharfsinnige Chronist und fr&uuml;here britische Botschafter <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2020\/09\/your-man-in-the-public-gallery-assange-hearing-day-16\/\">Craig Murray<\/a>, schrieb:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich f&uuml;rchte, ein heftiger Regen f&auml;llt auf jene, die ein Leben lang in Institutionen der liberalen Demokratie gearbeitet haben, welche sich zumindest im Gro&szlig;en und Ganzen und f&uuml;r gew&ouml;hnlich im Rahmen ihrer eigenen erkl&auml;rten Grunds&auml;tze bewegte. Vom ersten Tage an war es f&uuml;r mich offensichtlich, dass vor meinen Augen eine Scharade aufgef&uuml;hrt wurde. Es schockiert mich nicht im Geringsten, dass Baraitser meint, dass nur die schriftlich verfassten Er&ouml;ffnungserkl&auml;rungen von Belang sind. Wieder und wieder habe ich davon berichtet, dass, wenn Entscheidungen anstanden, sie diese bereits schriftlich ausformuliert in den Gerichtssaal mitbrachte, ohne die Argumentation anzuh&ouml;ren. Ich habe den starken Verdacht, dass die endg&uuml;ltige Entscheidung in diesem Fall feststand, ehe &uuml;berhaupt die ersten Argumente vorgebracht wurden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Plan der US-Regierung bestand durchweg darin, die f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit verf&uuml;gbaren Informationen zu begrenzen. Das erkl&auml;rt die extremen Einschr&auml;nkungen, was den physischen und den virtuellen Zugang zum Prozess angeht. Die mitschuldigen Mainstream-Medien sorgen daf&uuml;r, dass diejenigen, die wissen, was hier vor sich geht, eine verschwindende Minderheit bleiben.<br>\nEs gibt kaum Berichte &uuml;ber die Vorg&auml;nge vor Gericht. Es sind folgende: Craig Murrays pers&ouml;nlicher Blog, Joe Laurias Live-Berichte auf Consortium News und die World Socialist Website. Der US-Journalist Kevin Gosztola hat auf seinem Blog Shadowproof, den er gr&ouml;&szlig;tenteils aus eigener Tasche betreibt, mehr &uuml;ber den Prozess berichtet als die gro&szlig;en Zeitungen und Fernsehsender, darunter CNN, zusammengenommen. In Australien, Assanges Heimatland, folgt die &sbquo;Berichterstattung&lsquo; einem Muster, das in &Uuml;bersee festgelegt wurde. Neulich schrieb die London-Korrespondentin des Sidney Morning Herald, Latika Bourke, Folgendes:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Vor Gericht erfuhr man, dass Assange w&auml;hrend der sieben Jahre, die er in der ecuadorianischen Botschaft verbrachte, depressiv wurde. Dort suchte er politisches Asyl auf der Flucht vor einer Auslieferung an Schweden, wo er sich einer Anklage wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs stellen sollte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es gab keine &sbquo;Anklage wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs&rsquo; in Schweden. Bourkes faul dahingesagte falsche Behauptung ist nicht ungew&ouml;hnlich. Wenn der Assange-Prozess der politische Prozess des Jahrhunderts ist, wovon ich &uuml;berzeugt bin, wird sein Ausgang nicht nur das Schicksal eines Journalisten besiegeln, daf&uuml;r, dass er seinen Job gemacht hat. Sein Ausgang wird die Grundfesten des freien Journalismus und der freien Rede ersch&uuml;ttern. Dass im Mainstream &uuml;ber die Geschehnisse nicht berichtet wird, ist zumindest selbstzerst&ouml;rerisch. Journalisten sollen fragen: Wen trifft es als n&auml;chstes?<\/p><p>Es ist alles so besch&auml;mend. Vor zehn Jahren hat der Guardian Assanges Arbeit ausgeschlachtet, hat finanziell abgesahnt und Preise sowie einen lukrativen Vertrag mit Hollywood eingeheimst und sich dann voller Bosheit gegen Assange gerichtet. W&auml;hrend des Prozesses am Old Bailey hat die Anklageseite immer wieder zwei Namen genannt &ndash; David Leigh vom Guardian, der inzwischen &sbquo;investigativer Redakteur&lsquo; im Ruhestand ist, und Luke Harding, den Russenhasser und Autor einer erfundenen &sbquo;Enth&uuml;llungsstory&lsquo; des Guardian, in der er behauptete, dass der Trump-Berater Paul Manafort und eine Gruppe Russen Assange in der ecuadorianischen Botschaft besucht h&auml;tten.<\/p><p>Das entspricht freilich nicht den Tatsachen, und eine Entschuldigung des Guardian f&uuml;r die Behauptung steht noch aus. Das Buch von Harding und Leigh &uuml;ber Assange &ndash; das sie hinter seinem R&uuml;cken geschrieben haben &ndash; gab ein geheimes Passwort zu einer Datei von WikiLeaks preis, das Assange Leigh im Rahmen der &sbquo;Partnerschaft&lsquo; mit dem Guardian anvertraut hatte. Weshalb die Verteidigung diese beiden nicht in den Zeugenstand gerufen hat, ist schwer zu verstehen.  <\/p><p>Laut ihrem Buch soll Assange bei einem Abendessen in einem Londoner Restaurant erkl&auml;rt haben, es sei ihm egal, ob Informanten, die in den Leaks genannt sind, zu Schaden k&auml;men. Doch weder Harding noch Leigh waren bei diesem Abendessen dabei. John Goetz, ein Investigativreporter des &sbquo;Spiegel&lsquo;, war dabei und er bezeugte, dass Assange nichts dergleichen gesagt habe. Unglaublicherweise hat die Richterin Baraitser Goetz davon abgehalten, dies vor Gericht auszusprechen. <\/p><p>Der Verteidigung ist es jedenfalls gelungen, zu zeigen, welche Anstrengungen Assange unternommen hat, um die Namen in den von WikiLeaks ver&ouml;ffentlichten Dateien zu sch&uuml;tzen und zu schw&auml;rzen, und darzulegen, dass es keinen glaubhaften Beweis daf&uuml;r gibt, dass einzelnen Menschen aufgrund der Leaks Schaden zugef&uuml;gt worden sei. Der gro&szlig;e Whistleblower Daniel Ellsberg sagte, Assange habe pers&ouml;nlich 15.000 Dateien redaktionell bearbeitet. Der angesehene Neuseel&auml;nder Investigativjournalist Nicky Hager, der mit Assange an den Afghanistan- und Irak-Kriegs-Leaks gearbeitet hat, beschrieb, wie Assange &sbquo;au&szlig;erordentliche Vorsichtsma&szlig;nahmen traf, um die Namen von Informanten zu tilgen&lsquo;.<\/p><p><strong>Was bedeutet das Urteil in diesem Prozess f&uuml;r den Journalismus im Allgemeinen &ndash; ist es ein Menetekel dessen, was auf uns zukommt?<\/strong><\/p><p>Der &sbquo;Assange-Effekt&rsquo; ist bereits weltweit sp&uuml;rbar. Wenn investigative Journalisten dem Regime in Washington missliebig sind, k&ouml;nnen sie nach dem US-Spionage-Gesetz von 1917 strafrechtlich verfolgt werden; es ist ein ma&szlig;geblicher Pr&auml;zedenzfall. Es spielt keine Rolle, wo sie sind. F&uuml;r Washington fiel die Staatsangeh&ouml;rigkeit und die Souver&auml;nit&auml;t anderer Menschen ohnehin selten ins Gewicht; inzwischen existieren diese Kategorien schlicht nicht mehr. Gro&szlig;britannien hat seine Rechtsprechung de facto an Trumps korruptes Justizministerium abgetreten. In Australien verhei&szlig;t ein National-Security-Information-Gesetz Gesetzes&uuml;bertretern kafkaeske Prozesse.<\/p><p>Die Australian Broadcasting Corporation wurde bereits von der Polizei durchsucht, Computer von Journalisten wurden beschlagnahmt. Die Regierung hat Geheimdienstmitarbeitern nie dagewesene Befugnisse erteilt und so dem Whistle-Blowing durch Journalisten einen Riegel vorgeschoben. Der australische Premierminister Scott Morrison sagt, Assange &sbquo;muss f&uuml;r seine Taten geradestehen&lsquo;. Die perfide Grausamkeit seiner &Auml;u&szlig;erung wird durch ihre Banalit&auml;t noch verst&auml;rkt.<\/p><p>&sbquo;Das B&ouml;se&rsquo;, schrieb Hannah Arendt, &sbquo;r&uuml;hrt von einem Scheitern des Denkens. Es trotzt dem Denken, denn sobald das Denken versucht, sich mit dem B&ouml;sen zu befassen und seine Pr&auml;missen und Prinzipien zu untersuchen, ist es frustriert, weil es dort nichts findet. Das ist die Banalit&auml;t des B&ouml;sen.&lsquo;<\/p><p><strong>Nachdem Sie die Geschichte von WikiLeaks ein Jahrzehnt lang genau verfolgt haben, wie hat denn Ihre Erfahrung als Augenzeuge der Anh&ouml;rungen Ihr Verst&auml;ndnis daf&uuml;r ver&auml;ndert, was hier beim Assange-Prozess auf dem Spiel steht?  <\/strong><\/p><p>Ich kritisiere seit langem einen Journalismus, der nur ein Echo der Macht ist, die niemandem Rechenschaft abgibt, und stehe auf der Seite derer, die Leuchtt&uuml;rme sind. F&uuml;r mich war es aufregend, dass WikiLeaks auf der Bildfl&auml;che erschien; ich bewunderte die Art, wie Assange der &Ouml;ffentlichkeit Respekt entgegenbrachte, dass er bereit war, seine Arbeit mit dem &sbquo;Mainstream&lsquo; zu teilen, aber nicht dazu, ihrem Kl&uuml;ngel der heimlichen Absprachen beizutreten. Dies und nackter Neid machte ihm Feinde unter den &Uuml;berbezahlten und Minderbegabten, die sich unsicher in ihrer vorgeblichen Unabh&auml;ngigkeit und Unvoreingenommenheit f&uuml;hlten.<\/p><p>Ich bewunderte die moralische Dimension von WikiLeaks. Assange wurde selten dazu befragt, doch seine bemerkenswerte Energie geht zum gro&szlig;en Teil auf seine feste moralische &Uuml;berzeugung zur&uuml;ck, dass Regierungen und andere m&auml;chtige Interessensgruppen nicht hinter geheimen Mauern agieren sollten. Er ist ein Demokrat. Das machte er in einem unserer ersten Interviews bei mir Zuhause im Jahr 2010 deutlich. <\/p><p>Was f&uuml;r uns alle auf dem Spiel steht, steht schon lange auf dem Spiel: die Freiheit, Autorit&auml;ten zur Rechenschaft zu ziehen, die Freiheit, sie anzufechten, auf Verlogenheit hinzuweisen, zu widersprechen. Der Unterschied besteht heute darin, dass die imperialistische Macht der Welt, die Vereinigten Staaten, sich ihrer metastatischartigen Autorit&auml;t noch nie so wenig sicher sein konnten wie heute. Wie ein wild um sich schlagender Ganove treibt sie uns in die Richtung eines Weltkrieges. Wenn wir es zulassen. Von dieser Bedrohung findet sich kaum etwas in den Medien wieder. <\/p><p>WikiLeaks dagegen hat uns einen Blick auf den blindw&uuml;tigen imperialistischen Marsch durch ganze Staaten erhaschen lassen &ndash; man denke nur an das Gemetzel im Irak, in Afghanistan, Libyen, Syrien, dem Jemen, um nur einige zu nennen, die Enteignung von 37 Millionen Menschen und den Tod von 12 Millionen M&auml;nnern, Frauen und Kindern im &sbquo;Anti-Terror-Krieg&lsquo; &ndash; ein Gro&szlig;teil davon vollzog sich hinter einer Fassade der T&auml;uschung.<\/p><p>Julian Assange ist eine Bedrohung f&uuml;r diese immer wiederkehrenden Gr&auml;uel &ndash; deshalb wird er verfolgt, deshalb ist ein Gericht zum Werkzeug der Unterdr&uuml;ckung geworden, deshalb sollte er in unserem kollektiven Bewusstsein sein: Deshalb sollten wir alle die Bedrohung sein.<\/p><p>Das Urteil der Richterin wird am 4. Januar erwartet.<\/p><p>Titelbild: Alexandros Michailidis \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der australische Investigativjournalist und Dokumentarfilmer John Pilger hat den Auslieferungs-Prozess gegen Julian Assange von der Besuchertrib&uuml;ne im Londoner Old Bailey aus verfolgt. <a href=\"http:\/\/johnpilger.com\/articles\/eyewitness-to-the-trial-and-agony-of-julian-assange\">Im Folgenden<\/a> berichtet er dem australischen <a href=\"https:\/\/arena.org.au\/eyewitness-to-the-agony-of-julian-assange\/\">Arena Magazine<\/a> von dieser Erfahrung. &Uuml;bersetzung von <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":52507,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,198,126,11],"tags":[681,927,2163,469,2292,930,304,1919,1415,1556,665],"class_list":["post-65910","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-erosion-der-demokratie","category-strategien-der-meinungsmache","tag-assange-julian","tag-folter","tag-gefaengnis","tag-grossbritannien","tag-guardian","tag-justiz","tag-kriegsverbrechen","tag-lueckenpresse","tag-pressefreiheit","tag-usa","tag-wikileaks-2"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/shutterstock_1370226980.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65910","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65910"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65910\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65932,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65910\/revisions\/65932"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/52507"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65910"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65910"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65910"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}