{"id":6608,"date":"2010-08-30T08:50:04","date_gmt":"2010-08-30T06:50:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6608"},"modified":"2020-02-25T12:57:37","modified_gmt":"2020-02-25T11:57:37","slug":"biedermaenner-und-ein-brandstifter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6608","title":{"rendered":"Biederm\u00e4nner und ein Brandstifter"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,714417,00.html\">&ouml;ffentliche &bdquo;Debatte&ldquo;<\/a> um den Brandstifter Sarrazin betrachte, dr&auml;ngt sich mir das gleichnamige Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch auf. Obwohl immer erkennbarer wird, dass Sarrazin ganz offen mit den gerade in Deutschland brandgef&auml;hrlichen Syndromen, n&auml;mlich der Rassenhygiene und einer negativen <a href=\"http:\/\/taz.de\/1\/politik\/deutschland\/artikel\/1\/die-gene-sind-schuld\/\">Eugenik<\/a> z&uuml;ndelt, reagieren die Biederm&auml;nner mit Gutgl&auml;ubigkeit, Feigheit oder &uuml;berwiegend gar mit aktiver Unterst&uuml;tzung. Manche helfen Sarrazin &ndash; wie in Max Frischs Parabel &ndash; sogar noch dessen Z&uuml;ndschnur zu vermessen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDen einen gilt Sarrazin als &bdquo;Klartext-Politiker&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2010\/08\/23\/thilo-sarrazin\/deutschland-immer-aermer-und-duemmer.html\">Bild<\/a>) und sie unterst&uuml;tzen dessen biologistisch begr&uuml;ndete Abwertung von T&uuml;rken und Arabern ganz offen. Geradezu als Beleg f&uuml;r die Richtigkeit solcher rassistischen Thesen wird verk&uuml;ndet, das fast 90 Prozent der Bild-Leser der Meinung sind: &bdquo;Ja, Sarrazin legt die Finger in unsere Wunde! Er hat Recht!&ldquo;. <\/p><p>&bdquo;Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden&rdquo;, sagte Sarrazin der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/brennpunkte_nt\/article9265318\/Kritik-an-Sarrazin-wegen-Aeusserungen-ueber-Juden.html\">&bdquo;Welt am Sonntag&rdquo;<\/a> und entlarvt damit die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/35\/Sarrazin\">kulturelle Verbr&auml;mung<\/a> seiner Diffamierung von Nichtdeutschen als plumpen Rassismus. Dass Gene <a href=\"http:\/\/hpd.de\/node\/10022\">&bdquo;kein Schicksal&ldquo; sind<\/a> oder dass Anh&auml;nger des islamischen Glaubens noch nicht einmal einer &bdquo;Rasse&ldquo; zugeordnet werden k&ouml;nnen, sei hier nur am Rande erw&auml;hnt.<\/p><p>Der ansonsten &uuml;berall nur Antisemitismus witternde und sein <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/tid-6649\/boerne-preis-2007_aid_64226.html\">&bdquo;islamophober&ldquo;<\/a> Bruder im Geiste, Henryk M. Broder, nennt die Kritik an Sarrazin in der Bild am Sonntag den ersten &bdquo;Fall einer Hexenjagd in Deutschland seit Mitte des 17. Jahrhunderts&ldquo; und denunziert sie als &bdquo;Hysterie&ldquo;.<\/p><p>Das Lob der Rechtsextremisten ist Sarrazin ohnehin sicher. (Auf die zahlreichen Links verzichte ich.) Sie bedauern nur, dass wenn NPD, DVU oder die &bdquo;Junge Freiheit&ldquo; das Gleiche wie Sarrazin sagen, nicht soviel Echo kommt. Im braunen Milieu wird daraus gleich eine Kampagne zur Abschaffung des Strafrechtsparagrafen gegen &bdquo;Volksverhetzung&ldquo; und die Rechtsausleger der CDU sehen eine Chance die Denkblockaden aufgrund der <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/andere-meinung\/die-politische-rechte-steht-fuer-buergerlichkeit\/1902294.html\">Nazi-Vergangenheit aufzubrechen<\/a>. <\/p><p>In den &bdquo;gepflegteren Milieus&ldquo; reagiert man &bdquo;teetassenhaft&ldquo;: &bdquo;Wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedr&uuml;ckt h&auml;tte, h&auml;tte ich ihm in weiten Teilen zustimmen k&ouml;nnen&ldquo;, zitiert der das Buch herausgebende Verlag <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/intelligenz-ist-zu-50-bis-80-prozent-angeboren\/1912078.html\">Helmut Schmidt<\/a>. &bdquo;Da wird wieder einmal in typischer Art und Weise auf den &Uuml;berbringer der schlechten Nachricht eingepr&uuml;gelt&ldquo;, sagte der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel der rechtslastigen &bdquo;Jungen Freiheit&ldquo;. Zu Guttenberg wird in der BamS zitiert, Sarrazin habe die Grenze der Provokation &uuml;berschritten und seine &Auml;u&szlig;erungen seien &bdquo;unpassend&ldquo;. Dass die Behauptungen zum gro&szlig;en Teil wissenschaftlich unhaltbar, bestenfalls Halbwahrheiten und demagogisch zugespitzt sind, sagt er nicht.  <\/p><p>Wieder Andere, wie etwa der Prediger mit dem in <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/peter-hahne\/\">&bdquo;freudiger Erregung eingerasteten Kasperlegesicht&ldquo;<\/a>, Peter Hahne, wiegeln ab. Man brauche &bdquo;Tabubrecher zum Wachr&uuml;tteln&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/standards\/bams-hahne\/2010\/08\/29\/gedanken-am-sonntag.html\">BamS<\/a>). Ja sogar die Rolle des furchtlosen Aufkl&auml;rers wird ihm von manchen zuerkannt. Sarrazin hat es geschafft, selbst die Kanzlerin zu einer Erkl&auml;rung zu zwingen: Seine Thesen k&ouml;nnten &bdquo;f&uuml;r viele Menschen in diesem Land verletzend&ldquo; sein.<\/p><p>Aber in der Sache wird nur ganz selten widersprochen und dass er Zahlen (wie etwa die Ablehnung des Staates durch T&uuml;rken und Araber) aus der Luft greift oder nur solche Statistiken nutzt, die in sein Feindbild passen, wird kaum irgendwo erw&auml;hnt &ndash; klare Gegenpositionierungen muss man mit der Lupe suchen.<\/p><p>In den meisten der zahllosen Interviews bet&auml;tigen sich die Interviewer als <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/idw_dlf\/1259519\/\">Stichwortgeber<\/a>, damit Sarrazin in endlosen Wiederholungen seine kruden Thesen vom Aussterben der Deutschen, von &bdquo;F&auml;ulnisprozessen&ldquo;, von der genetisch bestimmten &bdquo;kulturellen&ldquo; Grunddisposition der islamischen Einwanderer zu Gewalt, Terrorismus, Bildungs- und Sprachresistenz und von der <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2010\/08\/27\/thilo-sarrazin\/es-waechst-eine-arbeitslose-unterklasse-heran.html\">&bdquo;weitgehend funktions- und arbeitslosen Unterklasse&ldquo;<\/a> verbreiten kann. Die meisten Interviewer sind unf&auml;hig zur Gegenwehr in der Sache.<\/p><p>Niemand fragt ihn danach, was ihn von den Untergangspredigern des deutschen Volkes und den Rassenfanatikern w&auml;hrend Deutschlands schrecklichster Epoche unterscheidet. Der neunmalkluge Frank Schirrmacher verschiebt in der FAZ deshalb lieber auf die &bdquo;Intelligenzdebatten, die vor fast genau hundert Jahren in den Vereinigten Staaten stattfand&ldquo; und tut damit den Vorwurf des Rassismus ab. <\/p><p>Man kann und muss die Probleme bei der Integration der &uuml;berwiegend ins Land geholten <a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/programm\/sendungen\/interview-der-woche\/-\/id=6633966\/property=download\/nid=659202\/1eksan4\/swr2-interview-der-woche-20100828.pdf\">Ausl&auml;nder benennen [PDF -148 KB]<\/a>. Die meisten Muslime, die angeworben wurden, sind nicht arm, weil sie dumm sind, sondern weil sie ihre Arbeitspl&auml;tze verloren haben und weil ihre <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news383310\">Kinder als Arme schlechte Bildungschancen haben<\/a>. Man m&uuml;sste also zumindest auch danach fragen, was die 94 Prozent der Deutschen gegen&uuml;ber den 6 Prozent der Migranten mit t&uuml;rkischer Abstammung <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468\/Doc~E8844167DB87E45D68639E4C19F5358E6~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">getan haben<\/a>, um die von Sarrazin selektiv zitierten Statistiken und Teilwirklichkeiten zu &auml;ndern. Nicht seine Kritiker verweigern eine Diskussion &uuml;ber die Realit&auml;ten, sondern er selbst und seine offenen oder latenten Unterst&uuml;tzer verweigern eine Analyse einer lange geleugneten Einwanderung und einer fehlenden Integrationspolitik.<\/p><p>So erm&ouml;glicht man es Sarrazin &ndash; wie in Max Frischs Parabel &ndash; in &bdquo;die beste und sicherste Tarnung&ldquo; zu schl&uuml;pfen, n&auml;mlich als den Verk&uuml;nder der &bdquo;blanken und nackten Wahrheit&ldquo;. Und die Biederm&auml;nner scheinen wie in Frischs Nachspiel auch nach der historischen Katastrophe nichts dazu gelernt zu haben. <\/p><p>Wie unterschiedlich ist doch die &bdquo;Diskussionskultur&ldquo;, wenn es in Deutschland gegen solche geht, die die sozialen Missst&auml;nde, die Ursachen von Armut oder die Bildungsmisere anprangern.<br>\nMan vergleiche zum Beispiel nur einmal die Tonlage, die Abwertung oder die Polemik in der &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung mit der Linkspartei oder speziell mit Oskar Lafontaine. Da werden alle Register gezogen, um jemand nieder zu schreiben. Im Gegensatz dazu wirft Sarrazin keiner &ndash; wie das <a href=\"?p=3496\">bei Lafontaine die Regel ist<\/a> &ndash; &bdquo;Besserwisserei&ldquo;, &bdquo;Scharfmacherei&ldquo;, <a href=\"?p=5660#h15\">&bdquo;r&uuml;cksichtslosen Sozialdemagogie&ldquo;<\/a>, &bdquo;ideologische Verblendung&ldquo;, &bdquo;rechthaberischen Populismus&ldquo;, &bdquo;Ahnungslosigkeit&ldquo; oder (in seiner Rolle als Finanzsenator) Mitverantwortung f&uuml;r Zust&auml;nde vor, f&uuml;r die er jetzt pauschal einer Minderheit die Schuld zuschiebt. Niemand fragt ihn danach, warum er sich in Berlin &bdquo;aus der Verantwortung geschlichen&ldquo; und bei der Bundesbank seine Sch&auml;fchen ins Trockene gebracht hat. <\/p><p>W&auml;hrend bei der Linkspartei, selbst wenn ihre (westlichen) Repr&auml;sentanten sich seit der Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik sich als gestandene Demokraten erwiesen haben, st&auml;ndig der Verdacht der N&auml;he zur SED-Diktatur ge&auml;u&szlig;ert wird, werden bei Sarrazin die Argumentationsmuster, die eine enge Geistesverwandtschaft zur <a href=\"?p=6584#h19\">Nazi-Ideologie geradezu aufdr&auml;ngen<\/a>, geleugnet oder verharmlost.<\/p><p>Als Oskar Lafontaine einmal das Wort <a href=\"?p=625\">&bdquo;Fremdarbeiter&ldquo;<\/a> im Zusammenhang von Lohndumping durch ausl&auml;ndische Arbeitnehmer benutzte, da wurde versucht, ihn in die rechtsradikale Ecke zu stellen. Wenn Sarrazin halbe Wahrheiten und damit ganze L&uuml;gen &uuml;ber die &Uuml;berfremdung Deutschlands durch integrationsunwillige Einwanderer aus islamisch gepr&auml;gten L&auml;ndern verk&uuml;ndet und das Ende der deutschen Kultur an die Wand malt, dann gilt das als &bdquo;Klartext&ldquo; oder schlimmstenfalls als &bdquo;Provokation&ldquo; oder &bdquo;Tabubruch&ldquo;. Der Feind steht eben im heutigen Deutschland eben immer links.<\/p><p>Dass in Deutschland selbst das lesende B&uuml;rgertum Sarrazin begeistert hinterher rennt und schon vor der offiziellen Vorstellung die dritte Auflage seiner Kampfschrift in Druck ist und 70.000 Exemplare an die <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2010\/08\/29\/thilo-sarrazin-schlacht\/die-sarrazin-schlacht.html\">Buchhandlungen ausgeliefert sind<\/a>, m&uuml;sste ein Alarmsignal sein. Aber Deutschlands Biederm&auml;nner spielen wieder einmal die Arglosen, die dem Brandstifter die Z&uuml;ndh&ouml;lzer reichen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,714417,00.html\">&ouml;ffentliche &bdquo;Debatte&ldquo;<\/a> um den Brandstifter Sarrazin betrachte, dr&auml;ngt sich mir das gleichnamige Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch auf. Obwohl immer erkennbarer wird, dass Sarrazin ganz offen mit den gerade in Deutschland brandgef&auml;hrlichen Syndromen, n&auml;mlich der Rassenhygiene und einer negativen <a href=\"http:\/\/taz.de\/1\/politik\/deutschland\/artikel\/1\/die-gene-sind-schuld\/\">Eugenik<\/a> z&uuml;ndelt, reagieren die Biederm&auml;nner mit Gutgl&auml;ubigkeit, Feigheit oder &uuml;berwiegend<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6608\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[207,125,161],"tags":[459,341,777,705,786,399,328],"class_list":["post-6608","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anti-islamismus","category-rechte-gefahr","category-wertedebatte","tag-bild","tag-broder-henryk-m","tag-henkel-hans-olaf","tag-sarrazin-thilo","tag-schirrmacher-frank","tag-schmidt-helmut","tag-welt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6608"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6613,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6608\/revisions\/6613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}