{"id":66113,"date":"2020-10-23T11:38:23","date_gmt":"2020-10-23T09:38:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66113"},"modified":"2020-10-23T13:57:12","modified_gmt":"2020-10-23T11:57:12","slug":"der-begrenzte-planet-und-die-unbegrenzte-wirtschaft-heiner-flassbeck-knoepft-sich-in-seinem-neuen-buch-die-deutsche-klimapolitik-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66113","title":{"rendered":"\u201eDer begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft\u201c \u2013 Heiner Flassbeck kn\u00f6pft sich in seinem neuen Buch die deutsche Klimapolitik vor"},"content":{"rendered":"<p>Der &Ouml;konom Heiner Flassbeck hat ein neues Buch geschrieben. <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ebook\/Alle-Buecher\/Der-begrenzte-Planet-und-die-unbegrenzte-Wirtschaft.html\">&bdquo;Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft&ldquo;<\/a> hei&szlig;t es. Im Kern ist das Werk eine kritische Auseinandersetzung mit der Klimapolitik dieser Tage. Flassbeck schl&auml;gt darin einen Bogen von den Klimagipfeln in Paris, Bonn und Madrid &uuml;ber die Fridays-for-Future-Bewegung hin zur deutschen Energiewende, um schlie&szlig;lich wieder bei der globalen Klimapolitik zu landen. Garniert wird das Ganze dann noch mit etwas klassischer Umwelt&ouml;konomie, sprich einer Diskussion &uuml;ber externe Effekte, CO2-Steuern, Zertifikatehandel und Ordnungsrecht. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Inhalt kommt auf den ersten Blick etwas &uuml;berraschend daher, denn der Buchtitel l&auml;sst eigentlich vermuten, dass sich Flassbeck hier kritisch mit der Postwachstums&ouml;konomie auseinandersetzt. Doch das tut er nur am Rande, und dies hat auch seinen Grund. Denn Flassbeck h&auml;lt das Thema Postwachstum f&uuml;r nicht mehrheitsf&auml;hig und damit auch f&uuml;r keine gangbare Alternative.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das klingt f&uuml;r Menschen mit hohem Einkommen sympathisch und vern&uuml;nftig, es hat aber noch niemand gezeigt, dass sich daraus ein politisches Programm zimmern l&auml;sst, mit dem man Mehrheiten erzielen kann.&ldquo; (S. 32)\n<\/p><\/blockquote><p>Flassbeck hingegen wendet sich lieber dem politisch Machbaren zu, sprich der praktischen Umweltpolitik, und das ist gut so. Denn hier kann er mit Hintergrundwissen aus seinen fr&uuml;heren T&auml;tigkeiten als Chefvolkswirt der Welthandelsorganisation UNCTAD sowie als Staatssekret&auml;r im Bundesfinanzministerium punkten. &Uuml;ber den Klimagipfel von Paris, auf dem sich die Staaten der Erde auf die Begrenzung der menschengemachten Klimaerw&auml;rmung verst&auml;ndigt haben, sagt er etwa:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Globale Vereinbarungen wie das Pariser Abkommen werden von den meisten L&auml;ndern nur als blo&szlig;e Absichtserkl&auml;rungen angesehen und verschwinden sofort in der Schublade, wenn die Regierungen glauben, dass die wirtschaftlichen M&ouml;glichkeiten zur Entwicklung durch billige fossile Rohstoffe gef&ouml;rdert werden k&ouml;nnten.&ldquo; (S. 27)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Preisanstieg auf globaler Ebene<\/strong><\/p><p>Flassbecks zentrale Botschaft ist, dass eine Klimapolitik nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie konsequent und dauerhaft und auf globaler Ebene den Preis f&uuml;r fossile Energietr&auml;ger verteuert. Und dies macht er gleich an mehreren Stellen deutlich. Er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist eine Illusion zu glauben, man k&ouml;nne eine Verdr&auml;ngung fossiler Brennstoffe erwarten, ohne dass es eine lang anhaltende und f&uuml;r die Investoren abgesicherte relative Verteuerung von Kohle und &Ouml;l im Vergleich zu erneuerbaren Energien g&auml;be.&ldquo; (S. 18) Und an anderer Stelle hei&szlig;t es: &bdquo;Wer ernsthafte Klimapolitik betreiben will, muss fossile Brennstoffe teuer machen, alles andere ist Schall und Rauch.&ldquo; (S. 112)\n<\/p><\/blockquote><p>Die Politik steht hier jedoch gleich vor einem doppelten Dilemma. Erstens war fossile Energie in den vergangenen 200 Jahren unabdingbar f&uuml;r die wirtschaftliche Entwicklung der Menschheit, so dass ein einfaches Umsteuern &uuml;berhaupt nicht m&ouml;glich ist, und zweitens ist Energie nach wie vor &bdquo;spottbillig&ldquo;, so dass im Grunde noch gar nichts gewonnen ist. Dazu schreibt Flassbeck:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der wahre Umweltskandal ist die Tatsache, dass der reale &Ouml;lpreis heute nicht h&ouml;her als 1970 ist, also vor der ersten &Ouml;lkrise. Dieser Preis ist das mit Abstand wichtigste Marktsignal, das eine von den Staaten durchgesetzte Klimapolitik aussenden m&uuml;sste.&ldquo; (S. 89f)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Vollbesch&auml;ftigung und Umverteilung<\/strong><\/p><p>Die zweite zentrale Botschaft, die Flassbeck aussendet, ist, dass die Bew&auml;ltigung der Klimafrage in demokratisch organisierten Staaten nur funktionieren kann, wenn die Wirtschaftspolitik die negativen Folgen des &ouml;kologischen Umbaus abfedert, sprich sie muss f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung sorgen und gleichzeitig die unteren Einkommen entlasten. Gelingt das nicht, ist die Klimapolitik zum Scheitern verurteilt, wie man unter anderem an der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich sehen kann.<\/p><p>Der gro&szlig;e Pluspunkt dieses Buches ist, dass Flassbeck darin klipp und klar ausspricht, dass Deutschland samt seiner Energiewende keineswegs der Musterknabe der globalen Klimapolitik ist. So schreibt er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Noch weniger sind moralische H&ouml;henfl&uuml;ge angebracht, bei denen wir uns wieder mal als die &uuml;berlegene und damit als einzige zum F&uuml;hren der Welt geeignete Nation feiern. Die Energiewende jedenfalls taugt weder als Beweis f&uuml;r moralische noch technische &Uuml;berlegenheit, weil auch Deutschland vom Erreichen des einmal festgesetzten Klimaziels meilenweit entfernt ist.&ldquo; (S. 53)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Fehlentwicklungen der Energiewende<\/strong><\/p><p>Flassbeck verweist in diesem Zusammenhang auf Fehlentwicklungen wie Dunkelflauten und Minuspreise oder auch darauf, dass ohne fossile Kraftwerke als Reservekapazit&auml;t eine Energiewende nach deutschem Vorbild gar nicht m&ouml;glich ist. Abgesehen davon ist der gr&ouml;&szlig;te Teil der deutschen CO2-Reduktion ohnehin nur darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass 1990 als Basisjahr f&uuml;r die Berechnungen gew&auml;hlt wurde und somit der Wegfall der Industrieproduktion in der DDR noch voll zum Tragen kommt. Und auch in punkto sozialer Ausgewogenheit ist es mit der Energiewende nicht weit her. &bdquo;Das Thema sozialer Ausgleich f&uuml;r die hohen Stromkosten existiert in Deutschland praktisch nicht&ldquo;, sagt Flassbeck. (S.21)<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus kritisiert er, dass die eigentliche klimapolitische Aufgabe, n&auml;mlich die Verteuerung fossiler Energietr&auml;ger auf globaler Ebene, von der Politik erst gar nicht angegangen wird. Stattdessen verliert sich die Bundesregierung in einem Sammelsurium an Einzelma&szlig;nahmen, wie Kohlekraftwerke abschalten und &bdquo;Verbrenner&ldquo; verbieten, die in der Summe wohl kaum einen oder gar keinen Effekt auf das Klima haben.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Am Beispiel Energiewende zeigt sich wieder einmal, dass die traditionelle Politik in unseren Demokratien heillos &uuml;berfordert ist. Folglich tut sie das, was man Symbolpolitik nennen kann: Sie macht irgendwas, was vermeintlich in die richtige Richtung zeigt, ohne es zu Ende zu denken und ohne die systembedingten Folgerungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen.&ldquo; (S. 51)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Rolle der Gr&uuml;nen<\/strong><\/p><p>Auch von einer m&ouml;glichen Regierungsbeteiligung der Gr&uuml;nen verspricht sich Flassbeck keine Wende zum Besseren. Und dies vor allem, weil die Partei aus seiner Sicht &bdquo;wirtschaftspolitisch dilettiert&ldquo;. So gebe es in den Reihen der Gr&uuml;nen niemanden, der offensiv die Haushaltspolitik nach Art der &bdquo;schw&auml;bischen Hausfrau&ldquo; infrage stellt, und auch in der gesamten Eurokrise habe man keine eigenst&auml;ndige gr&uuml;ne Position vernommen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bleibt es bei dem wirtschaftspolitischen Vakuum der Gr&uuml;nen, wird sie in einer Jamaika-Koalition auf Bundesebene gnadenlos von CDU\/CSU und FDP auf einen engen neoliberalen Pfad gedr&auml;ngt, auf dem am Ende f&uuml;r effektiven Umweltschutz kein Platz mehr ist.&ldquo; (S. 147)\n<\/p><\/blockquote><p>Flassbeck betont zwar gleich zu Beginn des Buches, dass er nicht in Pessimismus und Def&auml;tismus enden m&ouml;chte, viel Anlass zur Hoffnung gibt er auf den dann folgenden gut 160 Seiten allerdings auch nicht. Denn dazu klafft &ndash; so macht er immer wieder deutlich &ndash; zwischen dem politisch Notwendigen und den aktuellen L&ouml;sungsans&auml;tzen einfach eine zu gro&szlig;e L&uuml;cke. Er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Gemessen an den Vorstellungen der Klimaforscher, die eine rasche absolute Verminderung des CO2-Aussto&szlig;es erreichen wollen, ist die derzeit global betriebene Politik einfach nicht geeignet, das zu tun, was man tun m&uuml;sste, um eine globale Erw&auml;rmung zu verhindern.&ldquo; (S. 106)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Flammender Appell<\/strong><\/p><p>Ganz am Ende, im Ausblick, der fast schon ein flammender Appell geworden ist, best&auml;rkt Flassbeck den Leser dann doch noch wenigstens etwas in der Hoffnung, dass die Menschheitsaufgabe Bew&auml;ltigung des Klimawandels einen guten Ausgang nehmen k&ouml;nnte. Dazu m&uuml;ssten aber die Vereinten Nationen nicht nur &ndash; so wie sie es jetzt tun &ndash; Ziele festsetzen, sondern mit den nationalen Regierungen auch konkret &uuml;ber Instrumente sprechen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Man kann die Erzeugung fossiler Rohstoffe auf der gesamten Welt nur im Rahmen einer internationalen Konvention herunterfahren.&ldquo; (S.157)\n<\/p><\/blockquote><p>Und nicht zuletzt m&uuml;ssten &bdquo;gr&uuml;ne Parteien ihr wirtschaftspolitisches Profil sch&auml;rfen, sich vom Neoliberalismus vollst&auml;ndig l&ouml;sen, globale Zusammenh&auml;nge in den Fokus nehmen und die soziale Frage zu einem Kernelement ihrer Programmatik machen&ldquo;. (S. 165)<\/p><p>Titelbild: Billion Photos\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/d4e0c9beb5384019b811e1a8b044f443\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &Ouml;konom Heiner Flassbeck hat ein neues Buch geschrieben. <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ebook\/Alle-Buecher\/Der-begrenzte-Planet-und-die-unbegrenzte-Wirtschaft.html\">&bdquo;Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft&ldquo;<\/a> hei&szlig;t es. Im Kern ist das Werk eine kritische Auseinandersetzung mit der Klimapolitik dieser Tage. 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