{"id":66268,"date":"2020-10-28T12:30:41","date_gmt":"2020-10-28T11:30:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66268"},"modified":"2020-10-29T16:39:58","modified_gmt":"2020-10-29T15:39:58","slug":"gedanken-zur-qualitaet-politischer-entscheidungen-aus-anlass-der-corona-entscheidungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66268","title":{"rendered":"Gedanken zur Qualit\u00e4t politischer Entscheidungen \u2013 aus Anlass der Corona-Entscheidungen"},"content":{"rendered":"<p>Politik kann so oder so entscheiden: Auf der Basis eindimensionaler Daten und Emotionen oder auf der Basis differenzierter Analysen. Oder irgendwo dazwischen. Bundesregierung und L&auml;nderregierungen mussten im M&auml;rz schnell entscheiden, sie entscheiden auch heute wieder. Tun sie das auf der Basis differenzierter Analysen? Haben sie sich breit genug informiert, nicht nur von Virologen? Gehen die vermutlichen Folgen der Entscheidungen in die Erw&auml;gungen und Entscheidungsgr&uuml;nde ein? Wir haben Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten auch deshalb nach den Folgen, den Risiken und Nebenwirkungen der Corona-Ma&szlig;nahmen gefragt und diese am Montag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66171\">dokumentiert<\/a>, weil wir ein Bild davon vermitteln wollten, welche Folgen die Corona-Politik hat, und weil wir zeigen wollten, wie ungen&uuml;gend die Entscheidungsbasis der verantwortlichen Politiker in Deutschland oft ist. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9137\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-66268-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201029-Gedanken-zur-Qualitaet-politischer-Entscheidungen-aus-Anlass-der-Coronaentscheidungen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201029-Gedanken-zur-Qualitaet-politischer-Entscheidungen-aus-Anlass-der-Coronaentscheidungen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201029-Gedanken-zur-Qualitaet-politischer-Entscheidungen-aus-Anlass-der-Coronaentscheidungen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201029-Gedanken-zur-Qualitaet-politischer-Entscheidungen-aus-Anlass-der-Coronaentscheidungen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=66268-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201029-Gedanken-zur-Qualitaet-politischer-Entscheidungen-aus-Anlass-der-Coronaentscheidungen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201029-Gedanken-zur-Qualitaet-politischer-Entscheidungen-aus-Anlass-der-Coronaentscheidungen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Entscheidungen sind getroffen worden, ohne die Folgen ausreichend in die Abw&auml;gungen einzubeziehen. Das ist schon oft in der j&uuml;ngeren Geschichte so geschehen. Wie am Rande der Dokumentation angek&uuml;ndigt, lade ich Sie dazu ein, in einem kleinen historischen R&uuml;ckblick und anhand einiger so oder so getroffener Entscheidungen beispielhaft zu untersuchen, ob und welchen Grad der Umsicht und der Weitsicht es in Entscheidungen der Politik von 1949 bis heute gegeben hat. In der kurzen &Uuml;bersicht wird sichtbar, dass von der Nachkriegszeit bis heute gravierende Fehlentscheidungen getroffen worden sind &ndash; wegen unzureichender Entscheidungsbasis, wegen der Unf&auml;higkeit und\/oder der mangelnden Bereitschaft, einen weiteren Kreis von absehbaren Folgen mit zu bedenken.<\/p><p>Ich beziehe &ndash; quasi zum Vergleich &ndash; auch Entscheidungen mit ein, die auf einer differenzierteren Basis von Informationen getroffen worden sind. Dabei greife ich auch auf pers&ouml;nliche Beobachtungen zur&uuml;ck, auch auf Erfahrungen, die ich in der politischen Zentrale der Bundesrepublik West, als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt, gemacht habe. <\/p><p>Bei unseren Leserinnen und Lesern, die in der DDR gelebt haben, muss ich mich zuvor daf&uuml;r entschuldigen, dass die meisten der folgenden 9 Beispiele aus der Zeit der Trennung stammen. Aber sie waren und sind, wie das erste Beispiel schon zeigt, auch von Bedeutung f&uuml;r B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in der DDR.<\/p><p>Noch eine Vorbemerkung: Ich werde mich teilweise auf Stichworte beschr&auml;nken, um den Text nicht zu lang werden zu lassen. Vielleicht baue ich dann sp&auml;ter das Ganze zu einem umfassenderen Essay &uuml;ber die Qualit&auml;t politischer Entscheidungen aus. Da sich die politische Wissenschaft in Deutschland aus meiner Sicht viel zu wenig um dieses Anliegen k&uuml;mmert, k&ouml;nnte das sinnvoll sein.<\/p><p>Eines kann man schon vorhersagen: Die Vertreterinnen und Vertreter der Quasi-Staatspartei CDU\/CSU hatten durchgehend die Neigung, einfach zu erl&auml;uternde und emotional eing&auml;ngige Entscheidungen zu treffen. Sie haben damit Wahlen gewonnen, auch wenn hinterher der angerichtete Schaden als erheblich notiert werden konnte und musste.<\/p><p><strong>Neun Beispiele f&uuml;r wichtige politische Entscheidungen:<\/strong><\/p><p><strong>1. Die Entscheidung f&uuml;r die Wiederbewaffnung und damit f&uuml;r die Trennung der beiden Teile Deutschlands<\/strong><\/p><p>Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, &uuml;berraschte den Innenminister seines Kabinetts, Gustav Heinemann (damals noch CDU), mit dem Angebot an die westlichen Alliierten, die Bundesrepublik Deutschland wieder aufzur&uuml;sten und letztlich auch in die westlichen Milit&auml;rb&uuml;ndnisse einzubringen. Heinemann trat deshalb Ende 1950 als Innenminister zur&uuml;ck, dann sp&auml;ter aus der CDU aus und gr&uuml;ndete eine eigene Partei, die Gesamtdeutsche Volkspartei. Er und seine neuen Parteifreunde wollten verhindern, dass die Bundesrepublik Deutschland mit der Re-Militarisierung, dem Eintritt in die NATO und der sogenannten Westbindung die Chance vergibt, und stattdessen unserem Volk damals auf der Basis der politischen und milit&auml;rischen Neutralit&auml;t die Chance erhalten, die beiden Teile Deutschlands wieder zu vereinigen.<\/p><p>Adenauer und seine Freunde haben nicht die negativen Folgen ihrer Entscheidung f&uuml;r die Deutschen in der DDR beachtet. Sie haben nicht beachtet, was an Kaltem Krieg bis hin zum Mauerbau ins Haus stand. Daf&uuml;r sprachen sie umso mehr von &bdquo;Br&uuml;dern und Schwestern&ldquo;.<\/p><p>Ihre einseitige und egoistisch auf den Vorteil der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger im Westen bedachte Entscheidung war im Westen leicht zu verkaufen. Die Westbindung und die Freundschaft mit den USA tat der Seele gut. Wir geh&ouml;rten zum Verein der Guten und grenzten uns ab von den b&ouml;sen Kommunisten und &bdquo;Soffjets&ldquo;, wie Adenauer zu sagen pflegte. Alles passte. Die emotionale Gewalt des Kampfes der Nazis gegen Kommunisten und Slawen floss in die westdeutsche Agitation ein. Wahlpolitisch war das exzellent f&uuml;r CDU und CSU. Sie erreichten 1957 die absolute Mehrheit.<\/p><p>An diesem Beispiel kann man schon zeigen, dass in der j&uuml;ngeren Geschichte unseres Landes die Konservativen, namentlich die CDU\/CSU, von Entscheidungen, die auf einer verk&uuml;rzten, aber emotional fruchtbaren Entscheidungsbasis getroffen worden sind, profitierten. So ist es vermutlich heute noch. Merkel und S&ouml;der spielen auf diesem Klavier. &bdquo;Die im Dunkeln sieht man nicht&ldquo;, die dort eintretenden Folgen waren damals wie heute unbedeutend f&uuml;r die gro&szlig;en Entscheidungen.<\/p><p>Wahrscheinlich vertritt mit mir nur eine kleine radikale Minderheit diesen Blick auf die Geschichte unseres Volkes in einer entscheidenden Zeit &ndash; 5 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber das &auml;ndert ja nichts daran, dass man die Qualit&auml;t der damaligen politischen Entscheidung zugunsten der Westbindung und der Trennung unseres Volkes f&uuml;r schlecht halten kann.<\/p><p><strong>2. Die Nutzung der Kernenergie<\/strong><\/p><p>Ende der F&uuml;nfzigerjahre ist in Deutschland-West die Entscheidung getroffen worden, Atomkraftwerke zu bauen. Das erste ist 1962 ans Netz gegangen. In die Ende der F&uuml;nfzigerjahre getroffene Entscheidung ist die Entsorgungsproblematik nicht eingegangen. Es ist eindeutig nicht beachtet worden, dass die Endlagerung f&uuml;r eine Million Jahre gesichert werden muss. Das kann aus heutiger Sicht keine Politikerin und kein Politiker verantworten. Deshalb muss man feststellen, dass die damaligen Entscheidungen auf der Basis mangelhafter Folgenabsch&auml;tzung getroffen worden sind. Vermutlich war die Lobby so stark, dass die politisch Entscheidenden die Bedenken &uuml;ber Bord geworfen haben.<\/p><p><strong>3. Chemisierung der Landwirtschaft und Flurbereinigung und die Folgen: dramatischer Verfall der Tierarten<\/strong><\/p><p>Am 19. Oktober berichtete die Tagesschau von einem EU-Bericht unter dem Titel: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/eu-natur-umweltschutz-101.html\">&bdquo;Wenn die Feldlerche nicht mehr singt&ldquo;<\/a>. Im Anhang wird der gesamte Text wiedergegeben. Der Bericht gibt wieder, welche Folgen die Chemisierung und Intensivierung der Landwirtschaft und die daf&uuml;r als notwendig erachtete Flurbereinigung und Zersiedelung der Landschaft hatte und hat.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man behaupten, dass die Entwicklung der Landwirtschaft, wie wir sie heute vorfinden, notwendig war, um die Europ&auml;er zu ern&auml;hren. Dass dies eine falsche Diagnose ist, sieht man schon daran, dass Europa in andere Kontinente exportiert und dort wie zum Beispiel in Teilen von Afrika zu einem Ruin der dortigen Landwirtschaft beitr&auml;gt.<\/p><p>Man k&ouml;nnte auch behaupten, man habe die dramatische Entwicklung des Artenverfalls nicht vorhersehen k&ouml;nnen und nicht gewusst, dass zum Beispiel die Flurbereinigung solche Folgen haben wird. Dass diese Behauptung falsch ist, kann ich pers&ouml;nlich bezeugen:  In meiner Heimatgemeinde Meckesheim im Kraichgau wurde die Flurbereinigung und damit kombiniert auch die Aussiedlung von landwirtschaftlichen Betrieben, die bisher im Dorf selbst wirtschafteten, in der 2. H&auml;lfte der F&uuml;nfzigerjahre diskutiert. 1959 wurde der Flurbereinigungsbeschluss gefasst. Im konkreten Fall sah die Flurbereinigung vor, dass die H&uuml;gellandschaft, die durch Hohlwege und sogenannte Klingen &ndash; das waren mit Hecken und B&auml;umen bestandene Abbr&uuml;che &ndash; reich gegliedert war, plattgemacht wird. Hohlwege und Klingen wurden eingeebnet und der landwirtschaftlichen Nutzung zugef&uuml;hrt. Damit waren die R&uuml;ckzugsfl&auml;chen f&uuml;r V&ouml;gel und anderes Getier vernichtet. Obendrein verringerte die unter menschlichen und &ouml;konomischen Gesichtspunkten v&ouml;llig abstruse Aussiedlung und Zersiedelung die Anzahl zusammenh&auml;ngender, beruhigter Fl&auml;chen. Den gro&szlig;en Rest erledigte die Chemie. So oder &auml;hnlich lief es in anderen Teilen unseres Landes.<\/p><p>Ich erw&auml;hne diesen Vorgang deshalb, weil ich belegen kann, dass die Folgen damals schon absehbar waren. Eine kleine Gruppe von J&uuml;ngeren hat schon damals gegen diese Art von Flurbereinigung gestritten. Und wir haben auch vorhergesagt, wie unsinnig die Aussiedlung und Zersiedelung ist. Man konnte die Folgen kennen, aber man hat den Hinweis auf die Folgen beiseitegeschoben. Die Hauptverantwortlichen f&uuml;r diese massive Umgestaltung der Landschaft waren in Baden-W&uuml;rttemberg die von der CDU gestellten Landwirtschaftsminister und ihre Regierungen.<\/p><p>Wenn wir damals schon darauf bedacht gewesen w&auml;ren, in Deutschland und in der EU wirklich gute politische Entscheidungen zu treffen, dann h&auml;tten wir die &ndash; heute noch g&uuml;ltige &ndash; Agrarpolitik so nicht einget&uuml;tet. Insofern ist das Beispiel auch f&uuml;r die heutige Debatte um die Corona-Politik von Relevanz.<\/p><p>&Uuml;brigens gibt es zum Vorgang &bdquo;Flurbereinigung&ldquo; &ndash; diesem entsetzlichen Wort &ndash; eine eher heitere Episode: Eine der Klingen im freien Feld zwischen meinem Heimatdorf und einem sch&ouml;nen Wald, dem R&uuml;ckwald, war nach einem in H&ouml;hlen lebenden Italiener mit dem Namen Francesco benannt &ndash; &bdquo;Dachsenfranz-Klinge&ldquo;. Er lebte vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg in unserer Gegend. Die &bdquo;Dachsenfranz-Klinge&ldquo; ist auch zum Opfer der Flurbereinigung geworden, sie gibt es nicht mehr, stattdessen ein nach ihm benanntes Bier. <\/p><p>Noch eine Anmerkung zum Gesamtthema &bdquo;intensive landwirtschaftliche Nutzung und Folgen f&uuml;r Natur und Umwelt&ldquo;: Moritz M&uuml;ller macht darauf aufmerksam, dass das, was bei uns mit der Flurbereinigung betrieben worden ist, in Irland unter dem Begriff &bdquo;land making&ldquo; l&auml;uft. Der Guardian hat sich am 28. September dieses Jahres mit den nicht bedachten Folgen &ndash; unser Thema &ndash; befasst. <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2020\/sep\/28\/weve-crossed-a-threshold-has-industrial-farming-contributed-to-irelands-water-crisis\">Siehe hier<\/a>.<\/p><p><strong>4. Aufwertung der D-Mark im Jahre 1969 statt eines hohen Lieds auf die Exportweltmeisterschaft<\/strong><\/p><p>Im Jahre 1968 war deutlich sichtbar geworden, dass die D-Mark unterbewertet ist. Es gab Spekulationen gegen den Dollar. Im damaligen W&auml;hrungssystem war es dann Aufgabe der Bundesregierung, den damals staatlich bestimmten Wechselkurs zu ver&auml;ndern, die D-Mark aufzuwerten. Der damalige, f&uuml;r die W&auml;hrungspolitik zust&auml;ndige Bundeswirtschaftsminister Professor Dr. Karl Schiller hat diese Aufwertung in internen Gespr&auml;chen und auf Konferenzen schon im Jahre 1968 und dann definitiv am 9. Mai 1969 vorgeschlagen. Der damalige Bundeskanzler Kiesinger (CDU) hat auf Betreiben des Bundesfinanzministers Franz Josef Strau&szlig; (CSU) die Zustimmung verweigert. Das Thema wurde zum Wahlkampfthema. Ich wurde als Redenschreiber von Schiller damals mit der Umsetzung dieses schwierigen Themas im Wahlkampf beauftragt.<\/p><p>Die Neinsager um Franz Josef Strau&szlig; hatten alle popul&auml;ren Argumente auf ihrer Seite: unsere Export&uuml;bersch&uuml;sse waren riesig gro&szlig;. Wir waren fast schon Exportweltmeister. Und die R&uuml;stungs- und Flugzeugindustrie im Raum M&uuml;nchen machte Druck gegen die Aufwertung. <\/p><p>Schiller und seine Partei, die SPD, h&auml;tten sich damals der popul&auml;ren Linie anschlie&szlig;en k&ouml;nnen und Propaganda machen k&ouml;nnen, wie Sch&auml;uble und Merkel es im letzten Jahrzehnt gemacht haben. Sie h&auml;tten sich als Helden f&uuml;r die hohen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse feiern lassen k&ouml;nnen. Aber damals hat man die Folgen dieser W&auml;hrungsschieflage bedacht und auf andere V&ouml;lker R&uuml;cksicht genommen und deshalb das Auseinanderdriften beendet. So verschieden f&auml;llt Politik aus, wenn man die Folgen der eigenen Entscheidungen bedenkt oder nicht bedenkt.<\/p><p><strong>5. Vorschlag f&uuml;r eine Geburtspr&auml;mie von 2000 DM<\/strong><\/p><p>Mitte der Siebzigerjahre, es muss 1976 gewesen sein, tagte im Umfeld des Statistischen Bundesamtes und des Bundesinnenministeriums ein Kreis von &bdquo;Bev&ouml;lkerungsexperten&ldquo; meist konservativer Herkunft. Aus diesem Kreis kam ein Vorschlag f&uuml;r den damaligen Bundesinnenminister Maihofer (FDP): F&uuml;r jedes neugeborene Kind sollte eine Pr&auml;mie von 2000 DM gezahlt werden. Dieser Vorschlag wurde auch dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt pr&auml;sentiert und in mehreren Medien wurde mit der Drohung vom angeblich &bdquo;sterbenden Volk&ldquo; Stimmung gemacht. Insbesondere die CDU\/CSU hat sich bei diesem Thema engagiert.<\/p><p>Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes hat dem Bundeskanzler vorgerechnet, was das f&uuml;r den Bundeshaushalt bedeuten w&uuml;rde. Viel wichtiger waren aber die Argumente erstens, dass die Parole vom sterbenden Volk eine Schim&auml;re, eine Propagandaparole, ist, und dass zweitens mit einer einmaligen Zahlung von 2000 DM Frauen, die man mit dieser Pr&auml;mie locken wollte, und ihren daraufhin geborenen Kindern nicht geholfen ist. Wir haben daf&uuml;r pl&auml;diert, die Folgen zu bedenken.<\/p><p>Die Planungsabteilung wurde in der &ouml;ffentlichen Debatte publizistisch t&auml;tig, um den Vorsto&szlig; der Bev&ouml;lkerungspolitiker zu kontern. Der Vorschlag der &bdquo;Experten&ldquo; f&uuml;r Demographie und des Bundesinnenministers wurde nicht akzeptiert.<\/p><p><strong>6. Fortsetzung des Dialogs mit der Sowjetunion und den Warschauer Vertragsstaaten trotz milit&auml;rischer Intervention der Sowjetunion in Afghanistan 1980<\/strong><\/p><p>Die meisten Beobachter des Geschehens &ndash; zeitgen&ouml;ssische Journalisten, Politologen, Historiker &ndash; haben nicht notiert, dass die Entspannungspolitik und damit letztlich auch die Wiederherstellung der deutschen Einheit zwischen Dezember 1979 und dem 11. Mai 1980 gef&auml;hrdet war. Ich skizziere den Vorgang in Stichworten, einschlie&szlig;lich der notwendigen Einzelheiten:<\/p><ul>\n<li>Am 24. Dezember 1979 intervenierte die Sowjetunion mit einer milit&auml;rischen Invasion in Afghanistan.<\/li>\n<li>Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strau&szlig; und kommende Kanzlerkandidat der Union verk&uuml;ndete daraufhin, dies sei das Ende der Entspannungspolitik.<\/li>\n<li>Innerhalb der damaligen Bundesregierung Schmidt war die Reaktion zun&auml;chst unklar.<\/li>\n<li>Die Planungsabteilung beauftragte im Februar 1980 das Sinus-Institut in Heidelberg mit einer qualitativen Studie zur Frage, wie die Menschen den mit der Entspannungspolitik Willy Brandts ab 1966\/1969 begonnenen Dialog mit der Sowjetunion beurteilen. Das Ergebnis war klar. Es gab eine eindeutige Mehrheit f&uuml;r die Fortsetzung der Entspannungspolitik, auch trotz der Intervention der Sowjetunion in Afghanistan.<\/li>\n<li>Unter anderem mit dieser Studie &uuml;berzeugten wir den Bundeskanzler Helmut Schmidt von der Notwendigkeit, die bisherige Linie beizubehalten. Wir lie&szlig;en gleichzeitig die Ergebnisse der Studie im &bdquo;Spiegel&ldquo; lecken. Das f&uuml;hrte zu einer ungew&ouml;hnlichen Intervention des Bundesau&szlig;enministers und Vorsitzenden des Koalitionspartners FDP beim Bundeskanzler. Hans-Dietrich Genscher beklagte sich &uuml;ber die Planungsabteilung. Helmut Schmidt gab diese Kritik an mich weiter. Halb ernst, halb zustimmend.<\/li>\n<li>Im April 1980 meldete der Stern, dass es zwischen Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl, dem Vorsitzenden der CDU, Gespr&auml;che &uuml;ber einen Koalitionswechsel von Sozialliberal zu Schwarz-Gelb gegeben habe. Der &bdquo;Entspannungspolitiker&ldquo; Genscher wollte also erkennbar die Intervention der Sowjetunion in Afghanistan nutzen, um die Koalition zu wechseln.<\/li>\n<li>In dieser Gemengelage entschied sich die nordrhein-westf&auml;lische SPD, den Landtagswahlkampf in NRW auf das bundespolitische Thema der Entspannungspolitik und des Friedens auszurichten. Es erschien im Zuge dieser Kampagne eine bundesweit wahrgenommene Anzeige mit 49 Kriegerwitwen und der &Uuml;berschrift &bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo;.<\/li>\n<li>Bei der Wahl am 11. Mai 1980 erreichte die SPD mit 48,4 % die absolute Mehrheit der Mandate, die FDP flog mit 4,9 % aus dem D&uuml;sseldorfer Landtag.<\/li>\n<li>Am Abend des 12. Mai tagte das Pr&auml;sidium der Bundes-FDP und beriet &uuml;ber die Konsequenzen.<\/li>\n<li>Vom Beratungsergebnis berichtete der Redenschreiber Helmut Schmidts am 13. Mai in der morgendlichen Lagebesprechung im Bundeskanzleramt. Rolf Breitenstein war FDP-Mitglied und hatte wegen seiner Redenschreiber-Funktion beim Bundeskanzler das Recht, an Pr&auml;sidiumssitzungen der FDP teilzunehmen. Er war ein Mensch mit einem lustigen Anflug zum Zynismus. Entsprechend war seine Einlassung bei unserer Lagebesprechung, nahezu w&ouml;rtlich: Hiermit kann ich Ihnen mitteilen, dass das FDP-Pr&auml;sidium gestern Abend beschlossen hat, wieder f&uuml;r die Entspannungspolitik zu sein.<\/li>\n<\/ul><p>Diesen Vorgang habe ich ausf&uuml;hrlich geschildert, weil es erstens ja um eine f&uuml;r unser Volk quasi lebensentscheidende Frage ging &ndash; Fortsetzung der Friedenspolitik oder R&uuml;ckkehr zur Konfrontation &ndash; und weil zweitens daran sichtbar wird, dass auch so gro&szlig;e und weltpolitisch relevante Entscheidungen oft von wirklich minder relevanten Erw&auml;gungen gepr&auml;gt sind &ndash; im konkreten Fall von der Absicht der FDP, aus gesellschaftspolitischen Gr&uuml;nden die Koalition zu wechseln, was ja dann 2 Jahre sp&auml;ter im September 1982 tats&auml;chlich gelang, und dann zum Beispiel von der Erw&auml;gung des CSU-Vorsitzenden Strau&szlig;, die R&uuml;ckkehr zum Kalten Krieg f&uuml;r die Mobilisierung der eigenen Anh&auml;nger zu nutzen. Fast h&auml;tten solche vergleichsweise unsachlichen Entscheidungsgr&uuml;nde damals zum Ende der Entspannungspolitik gef&uuml;hrt. Mit weitreichenden Konsequenzen &ndash; in diesem Fall auch f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger der DDR.<\/p><p><strong>7. Vermehrung und Kommerzialisierung der Fernseh- und H&ouml;rfunkprogramme<\/strong><\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 1978 haben die von der CDU\/CSU regierten Bundesl&auml;nder im Vorfeld eines Treffens mit dem Bundeskanzler und dann bei der Sitzung selbst im Mai 1978 den Vorschlag pr&auml;sentiert, der Bund solle mit 200 Millionen D-Mark die Vermehrung der Fernsehprogramme durch Fl&auml;chenverkabelung in 11 St&auml;dten f&ouml;rdern. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat sich geweigert, diese Subvention f&uuml;r die Programmvermehrung und damit verbundene Kommerzialisierung der elektronischen Medien durch den Bund zahlen zu lassen. Er hat in einem &ouml;ffentlichen Pl&auml;doyer f&uuml;r einen &bdquo;fernsehfreien Tag&ldquo; &Ouml;ffentlichkeitsarbeit &uuml;ber die Folgen von Vermehrung und Kommerzialisierung betrieben. Er hat dies bis zur Abl&ouml;sung im September 1982 durchgehalten. Die Regierung Kohl hat unter der Leitung des damaligen Postministers Schwarz-Schilling sofort die Wende eingeleitet und dann im Jahre 1984 auch vollzogen. Seitdem explodierten die Programme und die Kommerzialisierung konnte durchgesetzt werden.<\/p><p>Die Regierung Kohl hat die Folgen nicht bedacht. In sp&auml;teren &Auml;u&szlig;erungen haben mehrere CDU\/CSU-Politiker dann ihre Entscheidung als Fehlentscheidung bedauert. Da war aber das Kind schon in den Brunnen gefallen. Ein typisches Beispiel daf&uuml;r, dass in der praktischen Politik Fehlentscheidungen deshalb getroffen werden, weil die Folgen nicht bedacht werden. Auch ein typisches Beispiel daf&uuml;r, dass bei solchen Gelegenheiten immer mit dem Argument &bdquo;Arbeitspl&auml;tze&ldquo; gearbeitet wird und gro&szlig;e Interessen entscheidend sind. <\/p><p><strong>8. Digitalpakt<\/strong><\/p><p>Es ist nicht zu bestreiten, dass die Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft um sich greift und auch staatlich gef&ouml;rdert werden sollte. Aber es spricht &uuml;berhaupt nichts dagegen, bei der praktischen Gestaltung die Frage nach den Folgen zum Beispiel f&uuml;r Kinder geringen Alters zu stellen. Auch bei einer solchen Entscheidung muss man doch danach fragen, welche Risiken und Nebenwirkungen zum Beispiel damit verbunden sind, wenn Kinder im Alter von 4-10 oder 14 Jahren vornehmlich mit Tablets umgehen. Man muss doch bei einer solchen Entscheidung wenigstens zuh&ouml;ren, was Hirnforscher zu sagen haben. Das geschieht bei uns nicht. Die Entscheidung f&uuml;r den Digitalpakt um die Zahlung von Milliarden ist ohne R&uuml;cksprache mit den fachkundigen &bdquo;Bedenkentr&auml;gern&ldquo; gefasst worden.<\/p><p><strong>9. Stuttgart 21 &ndash; ein nicht durchdachtes Gro&szlig;projekt<\/strong><\/p><p>Die Entscheidungsgrundlage f&uuml;r dieses Projekt war ausgesprochen eng, zum Teil auf primitive Weise propagandistisch unterf&uuml;ttert: &bdquo;Wir brauchen eine Verbindung von Paris nach Bratislava ohne Kopfbahnhof in Stuttgart!&ldquo; &ndash; So lautete die wirklich d&auml;mliche Hauptparole. <\/p><p>Stuttgart 21 wurde von der Bundeskanzlerin im September 2010 zum Ma&szlig;stab der&nbsp;&ldquo;Zukunftsf&auml;higkeit Deutschlands&rdquo; gemacht, bei einem Scheitern w&auml;re&nbsp;&ldquo;Deutschland unregierbar&rdquo;&nbsp;und&nbsp;&ldquo;Europa in Gefahr&rdquo;. Siehe die entsprechenden Zitate und Quellen <a href=\"http:\/\/wikireal.org\/wiki\/Stuttgart_21\/Zitate\">hier<\/a>.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-1024x405.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"405\" class=\"alignleft size-large wp-image-66270\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-1024x405.png 1024w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-300x119.png 300w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-768x304.png 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-1536x607.png 1536w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-1060x419.png 1060w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-1240x490.png 1240w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2-620x245.png 620w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/201028_am2.png 1877w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p><p>Die S&uuml;ddeutsche Zeitung schrieb am 16.9.2010: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Politische Gegner werden sich die H&auml;nde reiben, weil Merkel keine inhaltliche und damit keine &uuml;berzeugende Antwort daf&uuml;r liefert, warum sie sich f&uuml;r Stuttgart 21 so&nbsp;starkmacht.&ldquo; &bdquo;Je intransparenter Politik organisiert wird, desto gr&ouml;&szlig;er ist die Pflicht zur Begr&uuml;ndung. Genau das hat Merkel auf fast provozierende Art vernachl&auml;ssigt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Diese 10 Jahre alten Feststellungen &uuml;ber die Entscheidungsgrundlagen f&uuml;r Stuttgart 21 kann man ohne Z&ouml;gern auf heutige Entscheidungen zu sehr wichtigen Fragen &uuml;bertragen. Das gilt f&uuml;r die Aufr&uuml;stung wie f&uuml;r die Corona-Politik und vieles mehr.<\/p><p><strong>Schlussbemerkung:<\/strong><\/p><p>Diese <strong>&bdquo;Gedanken zur Qualit&auml;t politischer Entscheidungen&ldquo;<\/strong> sollten zeigen, dass es insgesamt ein Defizit bei der Planung und Entscheidung zu wichtigen politischen Projekten und Entscheidungen gibt. Zusammenfassend:<\/p><ul>\n<li>Oft werden die Folgen nicht bedacht.<\/li>\n<li>Es wird danach entschieden, was gerade popul&auml;r ist.<\/li>\n<li>Und es werden Interessen bedient.<\/li>\n<\/ul><p>Selbst wenn die notwendige Schnelligkeit von Entscheidungen es schwierig macht, gleich alle wichtigen Folgen zu bedenken, gilt: <\/p><p>Eine Regierung sollte erstens f&auml;hig sein, den notwendigen breiten Sachverstand auch schnell zu organisieren, jedenfalls Kontrollinstanzen einzubauen. Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes war fr&uuml;her eine solche notwendige Kontrollinstanz mit dem Ziel der breiteren Analyse der Entscheidungsbedingungen und Konsequenzen.<\/p><p>Eine Regierung sollte zweitens f&auml;hig und willens sein, ungen&uuml;gende Entscheidungen schnell zu korrigieren. Das hat die Bundesregierung im Falle von Corona im Fr&uuml;hjahr 2020 nicht geleistet. Ob das heute bei den Beratungen zwischen Bundeskanzlerin und Ministerpr&auml;sidenten\/In anders l&auml;uft, wird sich zeigen.<\/p><p><strong>Anhang:<\/strong><\/p><p><strong>EU-Bericht<br>\nWenn die Feldlerche nicht mehr singt<\/strong><br>\n19. Oktober 2020 Quelle: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/eu-natur-umweltschutz-101.html\">tagesschau<\/a><\/p><p><strong>Es sind dramatische Zahlen zum Biodiversit&auml;tsverlust in der&nbsp;EU. V&ouml;geln, anderen Tieren und gesamten &Ouml;kosystemen geht es&nbsp;immer&nbsp;schlechter. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Landwirtschaft.<\/strong><\/p><p>Von Gudrun Engel, ARD-Studio Br&uuml;ssel<\/p><p>1998 und 2019 wurde die Feldlerche in Deutschland zum Vogel des&nbsp;Jahres gek&uuml;rt. Eine Auszeichnung, die auf die Gef&auml;hrdung der Tiere&nbsp;und&nbsp;Lebensr&auml;ume aufmerksam machen soll. Der heute ver&ouml;ffentlichte Bericht&nbsp;zum &ldquo;Zustand der Natur in der EU&rdquo; der Europ&auml;ischen&nbsp;Umweltagentur&nbsp;best&auml;tigt genau das: Die Natur leidet, die Artenvielfalt schwindet.<\/p><p>Besonders Flora und Fauna in Gebieten, die exzessiv von der&nbsp;Landwirtschaft genutzt werden, geht es &uuml;berwiegend schlecht: 39 Prozent&nbsp;&nbsp;der V&ouml;gel, 63 Prozent der anderen Tiere und sogar 81 Prozent der&nbsp;&Ouml;kosysteme, die in der Europ&auml;ischen Union nach der FFH-Richtlinie&nbsp;(FFH&nbsp;ist die Abk&uuml;rzung f&uuml;r Fauna-Flora-Habitat) gesch&uuml;tzt sind, seien in&nbsp;unzureichendem oder schlechtem Zustand. Vor allem Grasland,&nbsp;&nbsp;Wiesengebiete sowie Meere und K&uuml;sten werden genannt.<\/p><p><strong>Zu viel Druck auf die Tier- und Pflanzenwelt<\/strong><\/p><p>&ldquo;Der &lsquo;Bericht zum Zustand der Natur&rsquo; in Europa ist die gr&ouml;&szlig;te und&nbsp;umfassendste Datensammlung, die jemals zum Zustand von Flora und&nbsp;Fauna&nbsp;in der EU zusammengetragen wurde&rdquo;, freut sich der Chef der Europ&auml;ischen&nbsp;Umweltagentur, Hans Bruyninckx.<\/p><p>Doch die Hauptnachricht ist keine gute: &ldquo;W&auml;hrend einige wenige Arten&nbsp;und Lebensr&auml;ume sich auf dem gleichen Niveau wie bei der&nbsp;letzten&nbsp;Erhebung bewegen, befindet sich die Mehrheit der Tiere und &Ouml;kosysteme in&nbsp;einer schlechten oder sogar sehr schlechten&nbsp;Verfassung&rdquo;, so Bruyninckx.&nbsp;Denn die verschiedenen Faktoren, die Druck auf die Tier- und&nbsp;Pflanzenwelt aus&uuml;bten, seien einfach zu viele&nbsp;und zu gro&szlig;, stellt der&nbsp;Belgier fest.<\/p><p><strong>Immer weniger Brutpaare in der EU<\/strong><\/p><p>463 verschiedene Wildvogelarten gibt es in der Europ&auml;ischen Union &ndash;&nbsp;aber nur 47 Prozent aller Vogelarten geht es gut. Vor sechs Jahren&nbsp;waren&nbsp;es noch 52 Prozent gewesen. Ein R&uuml;ckgang um f&uuml;nf Prozentpunkte. 39&nbsp;Prozent der V&ouml;gel haben zwischenzeitlich einen&nbsp;schlechten oder sogar&nbsp;sehr schlechten Status.<\/p><p>Es gibt immer weniger Brutpaare. Vor allem auf Wiesen und Feldern&nbsp;ist die Entwicklung deutlich r&uuml;ckl&auml;ufig &ndash; dies sind genau die&nbsp;Landschaften, die Feldlerche und Rebhuhn ben&ouml;tigen. Ein weiteres&nbsp;Problem: 86 verschiedene Vogelarten werden nach wie vor bejagt &ndash;&nbsp;vor&nbsp;allem in S&uuml;deuropa.<\/p><p><strong>Wie geht es den Meeren?<\/strong><\/p><p>Der Bericht fokussiert sich nicht alleine auf die etwa 2000&nbsp;gef&auml;hrdeten Tierarten, sondern blickt auch auf die &Ouml;kosysteme und&nbsp;Lebensr&auml;ume dieser Tiere. 233 verschiedene Landschaftstypen in Europa&nbsp;gelten als besonders sch&uuml;tzenswert. Dies sind etwa Moore,&nbsp;D&uuml;nenlandschaften oder Urw&auml;lder. Insgesamt befinden sich 81 Prozent&nbsp;dieser Lebensr&auml;ume aus Sicht des Artenschutzes in einem&nbsp;unzureichenden&nbsp;oder schlechten Zustand. Vor allem die landwirtschaftlich genutzten&nbsp;Gr&uuml;nfl&auml;chen, aber auch Seen und Moore sind&nbsp;betroffen. Und die Lage&nbsp;verschlechtert sich laut den Verfassern der Studie stetig weiter.<\/p><p>Besonders schwierig sind laut dem Forscherteam Aussagen zum Zustand&nbsp;der Meere: Obwohl neun europ&auml;ische Regionen sogar eine&nbsp;maritime&nbsp;Schutzzone ausgewiesen haben, gibt es keine konkreten Zahlen zu&nbsp;Artenvielfalt und Vorkommen &ndash; nicht einmal f&uuml;r gut&nbsp;bekannte Arten wie&nbsp;Seeschildkr&ouml;ten oder Zwergwale.<\/p><p><strong>Ehrenamtliche haben eine wichtige Rolle<\/strong><\/p><p>Der Bericht zum &ldquo;Zustand der Natur in der EU&rdquo; erscheint alle sechs&nbsp;Jahre und basiert auf den eingereichten Daten der Mitgliedsl&auml;nder.&nbsp;Zum&nbsp;ersten Mal ist auch Kroatien mit dabei. Die Zahlen aus Rum&auml;nien seien&nbsp;allerdings nur l&uuml;ckenhaft, hei&szlig;t es von den Verfassern der&nbsp;Studie. Aus&nbsp;Deutschland werden die Daten des FFH-Monitorings zu Grunde gelegt.<\/p><p>Eine wichtige Datenbasis liefern die Vogelz&auml;hlungen von vielen&nbsp;Tausend Ehrenamtlichen zwischen 2013 und 2018. In etwa 14.000&nbsp;Stichproben erfassten sie den Zustand von Tieren, Pflanzen und&nbsp;Lebensr&auml;umen. Aus all diesen europ&auml;ischen Daten lassen sich&nbsp;R&uuml;ckschl&uuml;sse&nbsp;auf die Lage der Natur insgesamt ziehen.<\/p><p><strong>Laut NABU gibt es zu wenige freie Fl&auml;chen<\/strong><\/p><p>Die Situation in Deutschland unterscheidet sich laut Naturschutzbund&nbsp;Deutschland, NABU, nicht vom allgemeinen EU-Trend: Besonders&nbsp;Feldv&ouml;gel&nbsp;wie die Lerche oder das Haselhuhn verschwinden auch hierzulande.<\/p><p>Was fehle, seien unbewirtschaftete Fl&auml;chen, auf denen die V&ouml;gel&nbsp;Nahrung finden und in Ruhe br&uuml;ten k&ouml;nnten. &ldquo;Europa ist ein intensiv&nbsp;genutzter Lebensraum, insbesondere die Landwirtschaft richtet gro&szlig;e&nbsp;Sch&auml;den an der Artenvielfalt an, ebenso wie die Zersiedelung und&nbsp;der&nbsp;Ausbau sinnloser Verkehrsachsen&rdquo;, konstatiert Magnus Wessel vom BUND.<\/p><p>Als wesentliche Ursachen f&uuml;r die Probleme nennt die Europ&auml;ische&nbsp;Umweltagentur die Landwirtschaft: D&uuml;nger und Pestizide, die&nbsp;intensive&nbsp;Nutzung und Versiegelung von Fl&auml;chen durch Bebauung, aber teils auch das&nbsp;Abholzen von W&auml;ldern, die Energieproduktion,&nbsp;bis hin zu Tourismus und&nbsp;Freizeitaktivit&auml;ten wie Sport.<\/p><p><strong>EU debattiert &uuml;ber gemeinsame Agrarpolitik<\/strong><\/p><p>Der Zeitpunkt der Ver&ouml;ffentlichung des Berichts passt zur&nbsp;politischen Agenda in Br&uuml;ssel: In dieser Woche steht im EU-Parlament die&nbsp;Abstimmung &uuml;ber die Agrarreform an. Entschieden wird &uuml;ber die k&uuml;nftige&nbsp;gemeinsame Agrarpolitik bis 2027. Dabei geht es unter&nbsp;anderem darum, wie&nbsp;viel Platz landwirtschaftliche Betriebe f&uuml;r den Schutz der&nbsp;Artenvielfalt vorhalten m&uuml;ssen, also etwa Bl&uuml;hfl&auml;chen,&nbsp;Gr&uuml;nstreifen oder&nbsp;Hecken, wenn sie k&uuml;nftig noch Subventionen aus EU-T&ouml;pfen bekommen&nbsp;wollen.<\/p><p>Im Zustandsbericht finden sich aber auch gute Nachrichten: Auf&nbsp;regionaler Ebene entst&uuml;nden durch gezielte Schutzma&szlig;nahmen wahre&nbsp;Erfolgsgeschichten, so die Umweltagentur. Als Beispiel nennt sie etwa&nbsp;die Papageientaucher in Nordeuropa. Die Zahl der Brutpaare&nbsp;habe sich&nbsp;wieder erh&ouml;ht. Und beim europ&auml;ischen Biber habe sich der Bestand&nbsp;immerhin stabilisiert.<\/p><p>Titelbild: 360b \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik kann so oder so entscheiden: Auf der Basis eindimensionaler Daten und Emotionen oder auf der Basis differenzierter Analysen. Oder irgendwo dazwischen. Bundesregierung und L&auml;nderregierungen mussten im M&auml;rz schnell entscheiden, sie entscheiden auch heute wieder. Tun sie das auf der Basis differenzierter Analysen? Haben sie sich breit genug informiert, nicht nur von Virologen? 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