{"id":66321,"date":"2020-10-30T09:03:56","date_gmt":"2020-10-30T08:03:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66321"},"modified":"2022-02-24T12:10:53","modified_gmt":"2022-02-24T11:10:53","slug":"im-grunde-kann-ich-jetzt-flaschen-sammeln-gehen-ein-interview-mit-dem-dj-und-konzertveranstalter-benny-ruess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66321","title":{"rendered":"\u201eIm Grunde kann ich jetzt Flaschen sammeln gehen\u201c \u2013 ein Interview mit dem DJ- und Konzertveranstalter Benny Ruess"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Motto &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66171\">Die im Dunkeln sieht man nicht<\/a>&ldquo; sammeln die NachDenkSeiten zurzeit Erfahrungen und Sichtweisen von denen, die unter den Corona-Ma&szlig;nahmen am st&auml;rksten leiden und deren Schicksale in der medialen und politischen Debatte kaum Beachtung finden. Dazu geh&ouml;rt vor allem die Musik- und Clubszene. NachDenkSeiten-Redakteur <strong>Jens Berger<\/strong> hatte die Gelegenheit, sich dazu mit dem Hamburger DJ und Konzertveranstalter <strong>Benny Ruess<\/strong> zu unterhalten. Seine Schilderungen sind niederschmetternd und die Prognose l&auml;sst wenig Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7882\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-66321-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201030_Interview_mit_dem_DJ_und_Konzertveranstalter_Benny_Ruess_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201030_Interview_mit_dem_DJ_und_Konzertveranstalter_Benny_Ruess_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201030_Interview_mit_dem_DJ_und_Konzertveranstalter_Benny_Ruess_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201030_Interview_mit_dem_DJ_und_Konzertveranstalter_Benny_Ruess_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=66321-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201030_Interview_mit_dem_DJ_und_Konzertveranstalter_Benny_Ruess_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201030_Interview_mit_dem_DJ_und_Konzertveranstalter_Benny_Ruess_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Hallo Benny. Da die meisten NachDenkSeiten-Leser sicher nicht zur norddeutschen Club- und Indie-Szene geh&ouml;ren, sollten wir Dich erst einmal vorstellen. Zusammen mit Marco Fl&ouml;&szlig; hast Du 2001, also vor fast 20 Jahren, das Projekt &bdquo;Revolver Club&ldquo; ins Leben gerufen, das seitdem in Hamburg und im norddeutschen Raum eine feste Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r tanzfreudige Fans der Indiemusik ist. Mehrfach im Monat habt ihr in wechselnden Clubs unter eurem Label aufgelegt oder kleine Konzerte veranstaltet. Und dann kam Corona. Der letzte Termin auf eurer <a href=\"http:\/\/www.revolver-club.de\/club\/index.html\">Internetseite<\/a> ist der 22. M&auml;rz. Hattest Du damals gedacht, dass die unfreiwillige Pause so lange dauern wird?<\/strong><\/p><p>In meinen k&uuml;hnsten Tr&auml;umen hatte ich damals nicht damit gerechnet. Die Veranstaltung vom 22. M&auml;rz wurde ja auch schon eine Woche vorher gecancelt. Dann brach Tag f&uuml;r Tag die Planung f&uuml;r den Rest des Jahres zusammen.<\/p><p><strong>Hattet ihr seitdem irgendwelche Auftritte?<\/strong><\/p><p>Nein, durch den Lockdown waren Soloselbstst&auml;ndige in der Musik-Veranstalterbranche wie ich ja eh mit die ersten, die komplett alles runterfahren mussten. Im M&auml;rz war aber f&uuml;r die Branche noch nicht abzusehen gewesen, dass die Pandemie in dieser drastischen Form noch l&auml;nger als August vorhalten w&uuml;rde. Darum hatte ich, wie auch viele andere in der Kultur- und Veranstaltungsbranche, erstmal die F&uuml;&szlig;e stillgehalten. <\/p><p><strong>Du betreibst Deinen Job ja als Selbstst&auml;ndiger. Wenn ich mir Deinen alten Veranstaltungskalender so anschaue, w&uuml;rde ich schon sch&auml;tzen, dass man davon auch gut leben kann. Und von einem Tag auf den anderen war Lockdown und die Clubszene ist seitdem ja durch die fortlaufenden Ma&szlig;nahmen im Grunde klinisch tot. Brachen damit f&uuml;r Dich auch von einem Tag auf den anderen s&auml;mtliche Einnahmen weg?<\/strong><\/p><p>Absolut, da war dann pl&ouml;tzlich absolut nichts mehr da. Man ist &uuml;ber Nacht von hundert auf null runtergefahren worden. Ich hatte diverse Veranstaltungen und Events schon geplant, ebenso Touren f&uuml;r kleine Bands. F&uuml;r diverse andere Veranstaltungen hatte ich schon Vorauslagen gemacht. Ich glaube, nur wenige Branchen sind so hart und eiskalt erwischt worden. Zur Kr&ouml;nung hatte ich als Freelancer u.a. aufgrund der Pandemie auch noch meinen zweiten Job als Event-, Guest&amp;Industry-Liaison-Manager bei einem britischen Music College im August hier in Hamburg verloren und kann jetzt eigentlich im Grunde Flaschen sammeln gehen. <\/p><p>Daher war ich zu Beginn der Pandemie auch schon &uuml;ber einige Reaktionen in meinem Umfeld best&uuml;rzt, die nicht gerade Ausdruck von Solidarit&auml;t und Empathie waren. Da wurde man tats&auml;chlich gefragt, warum man denn nicht mal ein bis zwei Jahre von R&uuml;cklagen leben k&ouml;nne. Ich frage mich: Welche R&uuml;cklagen denn bitte? Ich habe keine, die das auffangen k&ouml;nnen.<\/p><p>Es gab leider sogar Menschen aus der Musikbranche, die sich in einer finanziellen Komfortzone mit Eigenheim und beruflich abgesicherten Job befinden, die mir glatt vorwarfen, ich solle mich bittesch&ouml;n in meiner Not nicht in eine Art &bdquo;Opferrhetorik&ldquo; verfangen. Das hatte mich sehr erschrocken, war sehr ern&uuml;chternd und traurig. <\/p><p><strong>Bereits im M&auml;rz r&uuml;hmte sich Finanzminister Scholz damit, die &bdquo;Bazooka&ldquo; ausgepackt zu haben und Geldmittel in einem so noch nie gesehenen Umfang zu mobilisieren, um die Folgen der Corona-Krise abzufedern. Die Lufthansa bekam Milliarden. Hast Du, als wirtschaftlich besonders hart Betroffener, von diesen Hilfen irgendetwas gesehen?<\/strong><\/p><p>Naja, ehrlich gesagt hatte man sich im M&auml;rz bis Ende Juni weniger Sorgen gemacht und, wie eben schon erw&auml;hnt, die F&uuml;&szlig;e stillgehalten, da Olaf Scholz ja auch gerade in Bezug auf die Soloselbstst&auml;ndigen Ende M&auml;rz noch vollmundig verk&uuml;ndete, dass ja Geld f&uuml;r alle da sei. Gerade als man schon zu Beginn der Pandemie z.B. einem total gesunden Konzern wie Adidas &uuml;ber drei Milliarden Euro hinterherschmiss und auch die Lufthansa rettete, dachte man sich doch: Ok, da wird f&uuml;r uns doch, zumindest was eine Existenzsicherung anbelangt, sicher was &uuml;brigbleiben. Unser Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, den ich &uuml;brigens sonst sehr sch&auml;tze, wiederholte ja noch im Juni, dass man seine Soloselbstst&auml;ndigen in Hamburg nicht fallen lasse. Angeblich soll es damals schon Rettungsprogramme gegeben haben, die auf die Bahn gebracht werden sollten. Seitdem hat sich aber nichts mehr getan. Angeblich soll es dann aber einen Maulkorberlass gegeben haben, aber das sind nur Ger&uuml;chte, die ich nicht beweisen kann. Carsten Brosda vermittelte mir zumindest aber den Eindruck, dass er f&uuml;r uns k&auml;mpft. Aber anscheinend ist er doch etwas alleine auf verlorenem Posten. <\/p><p><strong>Welche konkreten Hilfen hast Du bekommen?<\/strong><\/p><p>Nun, ich hatte zu Beginn der Pandemie im M&auml;rz einmal 4.000 Euro Soforthilfe bekommen, die aber damals auch nur f&uuml;r die Zeit von M&auml;rz bis Juni gelten sollte. Mehr konnte ich auch nicht nachweisen, aber das war nat&uuml;rlich erstmal besser als nichts. Andere waren da schlauer und haben ihre Zahlen gleich recht hoch angesetzt, aber ich wollte da lieber ehrlich bleiben. Dann gab es in Hamburg nochmal im August so eine &bdquo;Neustartpr&auml;mie&ldquo; von 2.000 Euro, was aber nicht mal einen Tropfen auf den hei&szlig;en Stein bedeutete. Seitdem kam nichts mehr: Pustekuchen. Da ich verheiratet bin und meine Frau als Palliativ-Kinderkrankenschwester angeblich noch zu viel verdient, bekomme ich gar nichts mehr. Kein Wohngeld, keine Krankenversicherung, kein Hartz IV, absolut nichts. Ich glaube, den meisten Politikern ist &uuml;berhaupt nicht klar, wie diese Branche funktioniert und dass sie zum nicht unerheblichen Teil von Soloselbstst&auml;ndigen und Freelancern getragen wird. Da sieht man jetzt aktuell gerade wieder, wie weltfremd da aktionistisch von Seiten der Politik agiert wird. <\/p><p><strong>Hast Du Vergleiche, wie es in anderen L&auml;ndern aussieht?<\/strong><\/p><p>Was mich am meisten befremdet, ist die Tatsache, dass in den meisten westeurop&auml;ischen Nachbarl&auml;ndern die Existenz-Grundsicherung f&uuml;r die Soloselbstst&auml;ndigen in der Kulturbranche viel besser funktioniert hat als hier. Durch meine Arbeit als Booker bin ich nat&uuml;rlich ganz gut vernetzt und ich musste nach Gespr&auml;chen mit meinen Kollegen in den Niederlanden, Skandinavien, Spanien, England, Frankreich, &Ouml;sterreich und der Schweiz zu meinem Erstaunen feststellen, dass dort schon ab April ein monatliches Existenzgeld f&uuml;r jeden in unserer Kultur-Branche bereitgestellt worden ist. Klar, das ist auch nicht so viel, aber man schlittert nicht unverschuldet in h&ouml;chst prek&auml;re Verh&auml;ltnisse. In &Ouml;sterreich bekommt man z.B. 1.100 Euro monatlich ausgezahlt. Damit kann man wenigstens erstmal seine Miete und die Krankenversicherung zahlen. Noch besser sieht es in Gro&szlig;britannien, den Benelux-L&auml;ndern und Skandinavien aus. In Hamburg hat <a href=\"https:\/\/www.rockcity.de\/\">Rockcity<\/a> gerade ein neues Programm auf die Bahn gebracht, was sich aber leider als sehr kompliziert und schwer umsetzbar herausgestellt hat, um irgendwelche Gelder zu bekommen, das da auch f&uuml;r mich irgendwas gro&szlig; abfallen k&ouml;nnte. Ich meine, wie soll ich z.B. in einem &bdquo;Lockdown Light&ldquo; ein Streaming eines Konzerts und einer DJ-Performance machen? Das Equipment und die r&auml;umlichen M&ouml;glichkeiten daf&uuml;r habe ich doch gar nicht.<\/p><p>Das wurde leider nicht zu Ende gedacht. Aber ich hoffe, dass da eventuell schnellstm&ouml;glich nochmal nachgebessert wird. So macht das jedenfalls keinen Sinn und ich kann den Unmut einiger Kollegen schon verstehen. Andererseits ist es sehr gut, dass die Branche der soloselbstst&auml;ndigen Musiker, Stagehands, Techniker, DJ&rsquo;s, B&uuml;hnenbauer und Booker solche F&uuml;rsprecher wie Rockcity hier in Hamburg immerhin noch hat. Die Vorsitzende Andrea Rothaug k&auml;mpft da gerade verbissen mit der Politik, denen sie erstmal die Strukturebene im Live- und Clubgesch&auml;ft beibringen musste. Das ist schon beachtenswert.<\/p><p><strong>Wie sieht es bei Deinen Kollegen in der Branche aus?<\/strong><\/p><p>Viele der kleinen Agenturen, die ich kenne, haben Personal verkleinert, gek&uuml;ndigt, oder sind auf Kurzarbeit gegangen. In anderen Bundesl&auml;ndern haben andere, die ich kenne, wiederum bessere Hilfspakete bekommen. Das ist ja auch so ein Punkt, der mich gerade total befremdet, dass hier jedes Bundesland diesbez&uuml;glich anscheinend macht, was es will. <\/p><p><strong>Und wie ergeht es den zahlreichen Menschen, die im Umfeld der Clubszene t&auml;tig sind? Das sind ja oft Jobber, die sich hinter der Theke oder an der T&uuml;r ein paar Euro dazuverdienen und ohnehin finanziell nicht eben auf Rosen gebettet sind. <\/strong><\/p><p>Die stehen ebenfalls ohne irgendeine Perspektive da. Man vergisst immer, wie viele Studenten sich alleine in diesem Land durch genau die von dir genannten Jobs ihr Studium finanzieren. Ich glaube auch, das hat die Politik auch noch gar nicht so richtig realisiert. <\/p><p><strong>Kannst Du auch die Folgen des kulturellen Dauer-Lockdowns f&uuml;r die in diesem Feld t&auml;tigen Unternehmer kurz beschreiben, also f&uuml;r die Betreiber der Clubs und f&uuml;r Party- und Eventveranstalter? Wie viele Clubs mussten schon die Pforten dauerhaft schlie&szlig;en und was sch&auml;tzt Du, wie lange es dauern wird, bis die &uuml;brigen auch die Fahnen streichen m&uuml;ssen?<\/strong><\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>Nun, ich kann da nur f&uuml;r die Situation in Hamburg sprechen, aber da sind bzgl. der Hilfe an die Clubs schon einige Summen in Bewegung gesetzt worden. Es gibt da nur ein Problem: Die Verteilung. Ich glaube, die Verantwortlichen in der Kulturbeh&ouml;rde dachten, wenn das Geld an die Clubs und die gro&szlig;en Agenturen geht, werden die das schon irgendwie fair verteilen, was aber nicht passiert. Die bekommen immerhin etwas, um ihre Mieten und die paar Angestellten zahlen zu k&ouml;nnen. Die Protagonisten, die viele Acts und progressiven Content in die Clubs bringen, die ja nun mal oft Freelancer sind, gehen leer aus. Ich empfinde das derzeit leider etwas als eine Art Zweiklassen-Verteilung und das zeigt mir nur auf, wie schlecht es derzeit um ein Miteinander und die Solidarit&auml;t bestellt ist. &Uuml;ber die mir bekannten Musiker, die nicht irgendwelche R&uuml;cklagen haben und die nicht die M&ouml;glichkeit haben, irgendwo bei gro&szlig;en K&uuml;nstlern unterzukommen, braucht man gar nicht reden. Da kenne ich viele, die schon kurz davor sind, den Beruf aufzugeben und sich beruflich v&ouml;llig neu zu orientieren. Ich denke, viele Clubs und Bars wird es sp&auml;testens Ende 2021 in Deutschland nicht mehr geben, wenn nicht schnellstm&ouml;glich fl&auml;chendeckend ein Existenz-Grundeinkommen eingef&uuml;hrt wird, solange der Pandemie-Status anh&auml;lt. <\/p><p>Was mir wirklich in den letzten Wochen und Monaten fehlte, ist die gegenseitige Solidarit&auml;t und das Zusammenr&uuml;cken. Ok, da gab es diese Demos in Berlin. Aber als ich bei der ersten Demo, auf der ich war, dann Herbert Gr&ouml;nemeyer h&ouml;rte, der auch nur wohlfeil politisch korrekte Phrasen drosch, lies mich das ziemlich desillusioniert zur&uuml;ck. Mich wundert auch, dass immer noch so wenig von der Musikindustrie kommt und sich keiner der gro&szlig;en Major-Label mal &ouml;ffentlich meldet. Ebenso die ganz gro&szlig;en Stars. Wo sind die alle?<\/p><p>Da mussten doch glatt sieben Monate ins Land ziehen, dass &ldquo;Die &Auml;rzte&rdquo; in den Tagesthemen auftauchten und dem gemeinen Volke erkl&auml;rten, wie prek&auml;r die Situation aktuell im Lande der &bdquo;Dichter &amp; Denker&ldquo; f&uuml;r die Kulturschaffenden ist. Dass die dort u.a. ihre neue Scheibe dazu promoten wollten, geschenkt&hellip; Leider ist das fast schon zu sp&auml;t und ich bin erschrocken, wie viele der gro&szlig;en K&uuml;nstler sich immer noch wegducken. Haben die alle Angst, man k&ouml;nne sie in die Querfrontler- oder Aluhut-Ecke stellen, oder wie?<\/p><p>Au&szlig;er z.B. Peter Maffay und Jule Neigel hatten bisher leider viel zu wenige den Schneid, mal kr&auml;ftig auf die Alarm-Pauke zu hauen. Ebenso h&auml;tte ich erwartet, dass von den Parteien, denen ich eigentlich am n&auml;chsten stehe, Linke und Gr&uuml;ne, Unterst&uuml;tzung und solidarische Oppositionsarbeit kommt, um die Kultur- und Veranstalterbranche mit guten Konzepten zu retten. Aber da kam in meiner Wahrnehmung bisher au&szlig;er leerer Worth&uuml;lsen gar nichts. Das ist f&uuml;r mich eine der gr&ouml;&szlig;ten Entt&auml;uschungen gewesen, stattdessen &uuml;berlie&szlig; man dem braunen, p&ouml;belnden Abfallger&uuml;mpel der Volksparteien, der AfD, das Oppositions-Feld. <\/p><p><strong>Noch im Sommer war ja die Rede davon, dass zumindest Konzerte und bestimmte Veranstaltungen wieder stattfinden k&ouml;nnen sollten, wenn die Betreiber bestimmte Hygienekonzepte erarbeiten. Wie realistisch sind solche Konzepte und sind sie auf die Clubszene &uuml;berhaupt &uuml;bertragbar?<\/strong><\/p><p>Nein, wenn man den derzeitigen Status Quo betrachtet, war von Anfang an nichts wirklich kostendeckend umsetzbar. Ohne Subventionen ging und geht doch absolut nichts mehr. Man hatte ja z.B. das Reeperbahnfestival im September k&uuml;nstlich hochgejuxt, was in meinen Augen ein reines Politikum war, um nach au&szlig;en der Bev&ouml;lkerung zu zeigen: &bdquo;Hallo, wir leben noch!&ldquo; Das war sicher gut gemeint, aber im Nachhinein betrachtet war das meiner Meinung nach doch das total falsche Signal gewesen ist. Ich habe ja auch Konzepte f&uuml;r den kommenden Winter entwickelt, die ich open air umsetzen will.  Zum Beispiel &sbquo;Revolver Club On Ice&lsquo;, wo unter Hygieneauflagen, gerne dann auch mit Maske, die Leute individuell zu zweit zu guter Musik auf Schlittschuhen auf einer sehr gro&szlig;en Eisbahn rumkurven k&ouml;nnen. Sollte der jetzige Lockdown verl&auml;ngert werden und die Personenbeschr&auml;nkungen weiter gelten, sind leider auch diese Pl&auml;ne v&ouml;llig obsolet. <\/p><p><strong>Wenn wir von Musik und der Clubszene sprechen, geht es ja beileibe nicht nur ums Geld. Eure Veranstaltungen sind ja auch ein soziales Event, auf dem die Menschen Spa&szlig; haben, miteinander kommunizieren, sich kennen- und lieben lernen, Frust abbauen und vor dem oft tristen und grauen Alltag fliehen. Das Alles ist nun nicht mehr m&ouml;glich. Sind dies die Kollateralsch&auml;den einer Politik, die sich nur noch um Infiziertenzahlen und Containment zu drehen scheint?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, es f&auml;llt immer noch ganz vielen schwer, sich einzugestehen, dass Kultur in diesem Land einfach keinen Wert mehr hat. Wie anders ist es denn zu erkl&auml;ren, dass im Ausland die Hilfsprogramme ganz anders, konstruktiver und wesentlich besser anlaufen? Von Schweden und D&auml;nemark will ich ja gar nicht erst reden, wo man als Musiker und Musikschaffender einen h&ouml;chst anerkannten und gro&szlig;artig gef&ouml;rderten Beruf hat. Man muss dieser Tage schon echt aufpassen, sich in seiner Ohnmacht und Verzweiflung nicht in irgendwelchen Verschw&ouml;rungstheorien zu verlieren, denn dass Musik und Kultur tats&auml;chlich so minder f&uuml;r den sozialen und geistigen Wert einer Gesellschaft wertgesch&auml;tzt werden wie derzeit in Deutschland, das ist schon sehr verst&ouml;rend und niederschmetternd. <\/p><p>Ich habe das Ganze nach meinem Studium ja eh immer nur aus Liebe zur Musik und den T&ouml;nen gemacht und nie aus irgendeinem Gesch&auml;ftsinteresse, um viel Geld zu verdienen. Man macht sowas aus Liebe zu einer Kulturszene, das war auch schon vor 20 Jahren so. Mir hat dieses Zusammengeh&ouml;rigkeitsgef&uuml;hl einer vom Aussterben bedrohten Subkultur immer sehr viel gegeben und mein Leben erf&uuml;llt. <\/p><p>Die Politik verf&auml;llt aber derzeit in einen merkw&uuml;rdigen Aktionismus ohne klares Ziel, mit der Hoffnung, dass der heilige Impfstoff dann im Fr&uuml;hsommer 2021 wie Manna vom Himmel f&auml;llt. Wie soll das denn alles weitergehen? <\/p><p>Nein, ich will auch gar nicht &uuml;ber die zweifellos hohe Gef&auml;hrlichkeit des Corona-Virus diskutieren, sondern suche verzweifelt einen Ausweg, wie man halbwegs heil und miteinander solidarisch und sozial aus der ganzen Sache herauskommt. Ich glaube n&auml;mlich, die sozialen Sch&auml;den und seelischen Vereinsamungen, die eine Folge der aktuellen, v&ouml;llig empathielosen Politik sind, werden um ein Vielfaches h&ouml;her als die Toten sein und das kann einem schon Angst machen. Gerade in einer Gesellschaft, die durch die letzten 20 Jahre medial verursachten Gehirnverschmutzungsorgien, im Netz und TV, extrem borniert, infantil und verroht geworden ist, ist unsere Demokratie, oder was von ihr noch &uuml;brig ist, im h&ouml;chsten Ma&szlig;e gef&auml;hrdet. <\/p><p><strong>Was mich be&auml;ngstigt, ist, dass es vor allem aus den Reihen der &bdquo;Lockdown-Fraktion&ldquo; einen gewissen Pietismus gibt. Alles was als unvern&uuml;nftig gilt, steht als erstes auf dem Pr&uuml;fstand. Und dazu geh&ouml;ren Alkohol, Singen, Tanzen und zwischenmenschliche Kontakte, also alles, was eine gute Party ausmacht. Ist das der Beginn einer neuen Periode der Enthaltsamkeit?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, das f&uuml;hrt zu einer noch gr&ouml;&szlig;eren empathielosen Verrohung und sozialen Behinderung einer Gesellschaft. Man sieht doch schon jetzt in den sozialen Netzwerken, wie vergiftet der Ton geworden ist. Im Zweifel f&uuml;r den Zweifel ist nicht angesagt. Du bekommst schneller den Stempel des Verschw&ouml;rungstheoretikers aufgedr&uuml;ckt und den Aluhut aufgesetzt, als es dir lieb sein kann. Das stimmt mich schon sehr nachdenklich und traurig. Die Diskurskultur, die einst ein gro&szlig;es Gut in diesem Lande war, die ist v&ouml;llig im Eimer. <\/p><p><strong>Kommen wir zu den konkreten Ma&szlig;nahmen zur&uuml;ck. Was w&uuml;rdest Du von der Politik fordern und was w&uuml;rdest Du Dir von der Gesellschaft w&uuml;nschen, um Euch Kulturschaffenden die n&ouml;tige Wertsch&auml;tzung zukommen zu lassen?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, uns soloselbstst&auml;ndige Musiker, DJ&rsquo;s, Booker, Techniker, Stagehands etc. kann jetzt nur ein Grundeinkommen, solange der Status der Pandemie anh&auml;lt, retten. Diese Erkenntnis konnte man eigentlich schon zu Beginn der Pandemie haben, und so etwas wurde in einigen L&auml;ndern in der EU ja auch umgesetzt. Ich glaube, viele Politiker haben v&ouml;llig verlernt, den Wert der Kultur und Subkultur zu sch&auml;tzen. Gerade auch was eine progressive und soziale Entwicklung einer Gesellschaft anbelangt, waren diese Bewegungen in der Geschichte doch immer ma&szlig;geblich befruchtend, progressiv und zielf&uuml;hrend. Die Politik muss schnell erkennen, dass diese Kultur eines der gr&ouml;&szlig;ten und erhaltenswerten G&uuml;ter dieses Landes ist und eben nicht nur der industrielle Standort der Automobil-Pharma-und Waffenindustrie.<\/p><p><strong>Die Ma&szlig;nahmen werden mit den Fallzahlen begr&uuml;ndet. Mir pers&ouml;nlich fehlt die Phantasie, mir vorzustellen, dass diese Fallzahlen vor dem n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr zur&uuml;ckgehen und selbst das von der Politik als Licht am Ende des Tunnels beschriebene Warten auf den Impfstoff kann &ndash; mit allen Risiken und Nebenwirkungen &ndash; ja ein sehr langes Warten werden. F&uuml;r die Kulturszene und vor allem f&uuml;r die Clubszene sind dies ja rabenschwarze Aussichten. Lass es mich mal zynisch ausdr&uuml;cken &ndash; hast Du schon umgesattelt? <\/strong><\/p><p>Ich habe sogar die Bef&uuml;rchtung, dass die Leute selbst bei einer &Ouml;ffnung der Clubs und Kulturorte dann irgendwann nicht mehr so zur&uuml;ckstr&ouml;men werden. Vielleicht sitzt die Angst bei einigen mittlerweile so tief, dass ihnen am Ende so eine Art der Party- und Livekultur gar nicht mehr fehlt. Man hat es sich vielleicht in seiner infantilen Komfortzone zwischen Job und Netflix bequem gemacht und vermisst nichts mehr. Das w&auml;re wirklich h&ouml;chst fatal und definitiv eine historische Z&auml;sur in der Gesellschaft.  <\/p><p>Vielen ist derzeit doch noch gar nicht klar, dass es mindestens 30% der Bands und K&uuml;nstler nicht mehr geben wird, wenn das so weiter geht. Keine kleinere Band kann das &uuml;berleben.<\/p><p>Ich mache im Augenblick noch verzweifelt weiter, renne wie Don Quijote gegen die Windm&uuml;hlen an und hoffe, dass mit Herstellung von &Ouml;ffentlichkeit wieder etwas mehr Wertsch&auml;tzung und Bewusstsein f&uuml;r die Kunst und Kultur entstehen wird. Auch nach Corona. Dazu will ich meinen kleinen bescheidenen Beitrag leisten. Dass die Leute sich vergegenw&auml;rtigen, dass was Essenzielles f&uuml;r die Gesellschaft gerade fehlt. Diese Dinge, die immer so selbstverst&auml;ndlich da waren, und sie eben nicht so einfach entbehrlich sind. Da will ich ein Bewusstsein und Solidarit&auml;t f&uuml;r uns alle entfachen. <\/p><p>Was mich anbelangt, schlage ich mich in schlaflosen N&auml;chten schon mit dem Gedanken herum, was v&ouml;llig anderes machen zu m&uuml;ssen. Die Verschuldung wird nicht kleiner und die Einschl&auml;ge kommen ja Tag f&uuml;r Tag n&auml;her, aber bis Anfang Dezember habe ich mir noch eine pers&ouml;nliche Frist gesetzt. Wenn sich bis dann am derzeitigen Status Quo in der Kultur-Politik nichts ge&auml;ndert hat, muss ich wohl auch die Rei&szlig;leine ziehen. <\/p><p><strong>Hoffen wir, dass solche &bdquo;Erfahrungsberichte von der Front&ldquo; auch von der Politik wahrgenommen werden und man erkennt, dass Kultur mehr als eine Nebensache ist, die man zur Not zur Disposition stellen kann. Benny Ruess, wir danken Dir f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p>Titelbild: Rick Menapace\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/3b8b53da0b494fa1ab840f0e6c1500bf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Motto &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66171\">Die im Dunkeln sieht man nicht<\/a>&ldquo; sammeln die NachDenkSeiten zurzeit Erfahrungen und Sichtweisen von denen, die unter den Corona-Ma&szlig;nahmen am st&auml;rksten leiden und deren Schicksale in der medialen und politischen Debatte kaum Beachtung finden. Dazu geh&ouml;rt vor allem die Musik- und Clubszene. 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