{"id":66351,"date":"2020-11-01T10:00:03","date_gmt":"2020-11-01T09:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66351"},"modified":"2020-11-01T12:46:22","modified_gmt":"2020-11-01T11:46:22","slug":"nichts-ist-kostbarer-als-die-freiheit-ho-chi-minh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66351","title":{"rendered":"\u201eNichts ist kostbarer als die Freiheit\u201c (Ho Chi Minh)"},"content":{"rendered":"<p>Vietnam: Antikolonialer Widerstand mit Tradition (Teil VI von VII). Im sechsten Teil der siebenteiligen Serie zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Verm&auml;chtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien besch&auml;ftigt sich unser Autor Rainer Werning mit der Herrschaft Japans &uuml;ber Vietnam, das seit 1887 Teil von Franz&ouml;sisch-Indochina war. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r die Kaiserlich-Japanischen Truppen war diese Kernregion im kontinentalen S&uuml;dostasien wegen seiner Rohstoffe und milit&auml;rstrategischen Lage von herausragender Bedeutung, bildete sie doch das Scharnier zwischen China und dem S&uuml;dzipfel der malaiischen Landzunge inklusive Singapur sowie der britischen Kolonie Birma. Nach dessen Eroberung erhoffte man sich in Tokio einen ungehinderten Zugang zum gesamten indischen Subkontinent. In Indien, so das Kalk&uuml;l der Achsenm&auml;chte Japan und Deutschland, sollten sich die siegreichen Truppen beider M&auml;chte treffen und die Neuaufteilung der asiatisch-pazifischen Welt gem&auml;&szlig; koordiniertem imperialen Design vornehmen.<\/p><p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p><em>&bdquo;75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien &ndash; Vorgeschichte, Verlauf, Verm&auml;chtnisse&ldquo; lautet der Titel dieser siebenteiligen Artikelserie von <strong>Rainer Werning<\/strong>, die die NachDenkSeiten innerhalb dieses Jahres in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden ver&ouml;ffentlicht. Lesen Sie bitte auch die ersten f&uuml;nf Teile dieser Serie (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58483\">Teil 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59918\">Teil 2<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61422\">Teil 3<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63014\">Teil 4<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65223\">Teil 5<\/a>.<\/em><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im Herbst 1940, als die japanischen Faschisten in Indochina eindrangen, um es als St&uuml;tzpunkt im Krieg gegen die Alliierten zu benutzen, verrieten die franz&ouml;sischen Kolonialherren unser Land, gaben es in die H&auml;nde der Eroberer und kapitulierten vor Japan. Seitdem hat unser Volk unter dem doppelten japanisch-franz&ouml;sischen Druck zu leiden. Das verschlechterte die ohnehin jammervolle Lage des Volkes. Ende 1944 und Anfang 1945 starben in weiten Gebieten, von Quang Tri im S&uuml;den bis zum Norden des Landes, &uuml;ber zwei Millionen unserer Landsleute an Hunger. Am 9. M&auml;rz 1945 entwaffneten die Japaner die franz&ouml;sischen Truppen. Und wieder sind die franz&ouml;sischen Kolonialherren geflohen oder sie haben vor den Japanern kapituliert. So vermochten sie nicht nur nicht, uns zu &bdquo;sch&uuml;tzen&ldquo;, sondern sie verkauften im Gegenteil unser Land im Laufe von f&uuml;nf Jahren zweimal an die Japaner. (&hellip;)<\/p>\n<p>De facto hat unser Land im Herbst 1940 aufgeh&ouml;rt, franz&ouml;sische Kolonie zu sein; es wurde zu einer japanischen. Nach der Kapitulation Japans erhob sich die gesamte Bev&ouml;lkerung unseres Landes, nahm die Macht in die eigenen H&auml;nde und gr&uuml;ndete die Demokratische Republik Vietnam. So haben wir eigentlich unsere Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit den Japanern und nicht den Franzosen entrissen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Aus der Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung, die der Revolutionsf&uuml;hrer Ho Chi Minh am 2. September 1945 in Hanoi anl&auml;sslich der Gr&uuml;ndung der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) verk&uuml;ndete<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der vietnamesische Historiker Le Than Khoi schildert in seinem 1955 in Paris erschienenen Buch &sbquo;Le Vietnam. Histoire et Civilisation&lsquo;, in welch unbeschreiblichem Elend die gro&szlig;e Mehrheit der Vietnamesen in dieser Zeit [zu Beginn der 1940er Jahre &ndash; Anm.: RW] lebte. F&uuml;r die vietnamesischen Arbeiter gab es keinen freien Sonntag, keinen bezahlten Urlaub, keine gesundheitliche Betreuung, keine Sozialversicherung, keine Arbeitslosenunterst&uuml;tzung. F&uuml;r die geringsten &sbquo;Vergehen&lsquo; gab es Pr&uuml;gelstrafen, Geldbu&szlig;en und Gef&auml;ngnis. Auf den s&uuml;dvietnamesischen Plantagen starben j&auml;hrlich Hunderte von Menschen an den Folgen der barbarischen Behandlung.<\/p>\n<p>Die Kohlenminen von Hong Gai in Nordvietnam und die Kautschukplantagen im S&uuml;den unterhielten ihre eigene Polizei, einen eigenen Spitzelapparat zur &Uuml;berwachung der Arbeiter und eigene Gef&auml;ngnisse. Ihr Elend beschreibt der US-amerikanische Journalist H. A. Frank in seinem 1926 in London ver&ouml;ffentlichten Buch &sbquo;East of Siam&lsquo; so:<br>\n&sbquo;Es sind arme Sklaven, in armselige Lumpen geh&uuml;llt, und schwach ist die Hand, welche die Hacke schwingt. Die Sonne brennt erbarmungslos, die Arbeit ist kr&auml;ftezehrend, doch sie bringt nur wenig ein. Es gab dort auch Frauen, und vor allem, hinter den Kohlekarren, kleine Kerlchen von kaum zehn Jahren; ihre von Ersch&ouml;pfung gezeichneten, mit Kohlenstaub bedeckten Gesichter aber glichen denen von Vierzigj&auml;hrigen. Ihre nackten F&uuml;&szlig;e waren von einer harten Kruste bedeckt. Ohne Pause trotteten sie durch den Staub.&lsquo;<\/p>\n<p>Und der franz&ouml;sische Geograf Pierre Gourou schreibt in seinem Buch &sbquo;L&rsquo; Asie&lsquo; (Paris 1954): &sbquo;Hunger und Elend zwingen die tonkinesischen und annamitischen Bauern, auf Insekten Jagd zu machen, die sie dann gierig verzehren. In Tonkin f&auml;ngt man Heuschrecken, Grillen, Eintagsfliegen, sammelt einige Raupen und Bambusw&uuml;rmer und schreckt auch nicht davor zur&uuml;ck, die Puppen der Seidenraupe zu essen. Jedermann wei&szlig;, dass dort st&auml;ndig Hungersnot herrscht.&lsquo;<\/p>\n<p>(&hellip;) Diese kurzen Einblendungen verdeutlichen, warum die gro&szlig;e Mehrheit der Vietnamesen dem Aufruf der am 19. Mai 1941 von Ho Chi Minh gegr&uuml;ndeten Vietnam Doc Lap Dong Minh, der Liga f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit Vietnams, zum nationalen Befreiungskampf folgte. Die kurz Viet Minh genannte Befreiungsfront bestand nicht nur aus Kommunisten, wie oft f&auml;lschlicher Weise angef&uuml;hrt, sondern ihr geh&ouml;rten breite Bev&ouml;lkerungsschichten an: Arbeiter und Bauern, verschiedene Schichten des Kleinb&uuml;rgertums, Vertreter der Intelligenz, der nationalen Bourgeoisie, Angeh&ouml;rige der nationalen Minderheiten, buddhistische M&ouml;nche, vietnamesische Soldaten der franz&ouml;sischen Kolonialarmee und selbst Mandarine, Angeh&ouml;rige der hohen vietnamesischen Feudalschicht.<\/p>\n<p>Am 22. Dezember 1944 bildete die Viet Minh offiziell eine erste Partisanen-Einheit, aus der eine rasch anwachsende Volksarmee hervorging. Ihr Befehlshaber wurde der 31j&auml;hrige Lehrer Vo Nguyen Giap, der sp&auml;tere Verteidigungsminister der Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Er kommandierte auch die vietnamesischen Truppen, von denen die Franzosen im Mai 1954 in der Schlacht bei Dien Bien Phu geschlagen wurden.<\/p>\n<p>Am 9. August rief die Viet Minh zum bewaffneten Aufstand gegen die japanischen Truppen auf, die im Fr&uuml;hjahr 1940 Vietnam besetzt hatten, und gegen die franz&ouml;sischen Kolonialisten, die unter der japanischen Besatzung die Verwaltung weiter aus&uuml;bten. Am 19. August nahmen die Vietnamesen Hanoi ein, am 23. August die alte Kaiserstadt Hue. Das Ereignis wird von den Vietnamesen als Augustrevolution bezeichnet.<\/p>\n<p>Die F&uuml;hrung der Viet Minh konstituierte sich am 25. August zur provisorischen Regierung. Am 2. September 1945 erkl&auml;rte Ho Chi Minh Vietnam f&uuml;r unabh&auml;ngig. Die Grunds&auml;tze der Proklamation k&ouml;nnten der amerikanischen Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung von 1776 entstammen: &sbquo;Alle Menschen sind gleich erschaffen. Von ihrem Sch&ouml;pfer wurden sie mit bestimmten unver&auml;u&szlig;erlichen Rechten ausgestattet, darunter dem Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Gl&uuml;ck.&lsquo; Die Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung endete mit den Worten: &sbquo;Das vietnamesische Volk ist entschlossen, all seine geistigen und materiellen Kr&auml;fte aufzubieten, Leben und Besitz zu opfern, um sein Recht auf Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit zu behaupten.&lsquo; (&hellip;)<\/p>\n<p>Am 6. Januar 1946 wird in Vietnam zum ersten Mal eine Nationalversammlung gew&auml;hlt. Zugelassen sind auch Parteien und Organisationen, die der Viet Minh nicht angeh&ouml;ren. Die Viet Minh belegt 230 der 300 Sitze. Am 2. M&auml;rz wird Ho Chi Minh zum Pr&auml;sidenten der DRV gew&auml;hlt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.agentorange-vietnam.org\/geschichte-des-vietnamkrieges\/\">Geschichte des Vietnamkrieges &ndash; Agent Orange Website<\/a><\/p><p><strong>Japan &ndash; Hegemonialmacht in Ost- und S&uuml;dostasien<\/strong><\/p><p>Japan entwickelte sich um die vorletzte Jahrhundertwende zur hegemonialen Macht in dieser Weltregion. &bdquo;Der Kaiser ist heilig und unverletzlich&ldquo;, hie&szlig; es in der japanischen Verfassung von 1890, und er sei legitimiert, als direkter Nachfahre der Sonneng&ouml;ttin Amaterasu mit unbeschr&auml;nkter Machtf&uuml;lle zu regieren. Als Souver&auml;n des Landes f&uuml;hrte der Kaiser (Tenno) Exekutive und Legislative, aber auch Heer und Marine. Nach zwei siegreichen Kriegen gegen China und Russland in den Jahren 1894\/95 beziehungsweise 1904\/05 war Japan zur unangefochtenen Regionalmacht aufgestiegen.<\/p><p>Im September 1931 besetzte die in der Mandschurei stationierte japanische Kwantung-Armee mehrere Gro&szlig;st&auml;dte in der Region, die als Puffer gegen&uuml;ber der Sowjetunion strategische Bedeutung hatten. Im Juli 1937 lie&szlig; schlie&szlig;lich ein inszenierter Angriff auf eine japanische Milit&auml;reinheit bei Peking den Krieg gegen China an allen Fronten eskalieren.<\/p><p>Unter diesen Bedingungen erlebte Japan zwischen 1930 und 1940 ein ph&auml;nomenales Wachstum seiner Wirtschaft. Die Industrieproduktion stieg um das F&uuml;nffache, die Stahlproduktion von 1,8 auf 6,8 Millionen Tonnen pro Jahr, allein 1939 verlie&szlig;en 5000 neue Kampfflugzeuge die Montagehallen. Bei Handelsschiffen lag die Tonnage 1937 bei 405.195 Tonnen und hatte sich damit im Vergleich zu 1931 mehr als vervierfacht. Die Milit&auml;rausgaben wuchsen gleichfalls &uuml;berproportional. Gemessen am Gesamthaushalt Japans erreichten sie 1938 &ndash; ein Jahr nach der Invasion gegen China &ndash; einen Anteil von 75,4 Prozent. Schlie&szlig;lich verdoppelte sich von 1936 bis 1941 die Zahl der Wehrpflichtigen, so dass am 1. Januar 1942 sechs Millionen Soldaten unter Waffen standen.<\/p><p>Japans Kriegs&ouml;konomie erforderte die Sicherung strategisch wichtiger Rohstoffe, die zun&auml;chst aus China und seiner Kolonie Korea bezogen wurden. F&uuml;r einen geregelten &Ouml;lnachschub war man auf die Felder in Niederl&auml;ndisch-Indien (heute Indonesien) und auf Sumatra und Borneo angewiesen, da die USA und Gro&szlig;britannien 1941 einen &Ouml;lboykott gegen Tokio verh&auml;ngt hatten. Gleichzeitig hatte Frankreichs Kolonialadministration Indochina widerstandslos den Japanern &uuml;berlassen. Zwar blieben franz&ouml;sische Kolonialbeamte in Vietnam, Laos und Kambodscha, doch tonangebend war fortan das japanische Milit&auml;r.<\/p><p>Damit kontrollierte das auf Expansion bedachte Kaiserreich nicht nur eine wichtige Rohstoffregion (Kautschuk, Kohle, Mangan, Bauxit, Nickel) &ndash; Indochina und Thailand wurden quasi Verb&uuml;ndete, um den weiteren milit&auml;rischen Vormarsch der kaiserlichen Truppen in S&uuml;dostasien zu flankieren. Begr&uuml;ndet wurden diese Feldz&uuml;ge mit der &bdquo;gr&ouml;&szlig;eren ostasiatischen gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re&ldquo;, die der Tenno als &bdquo;Licht, Besch&uuml;tzer und F&uuml;hrer Asiens&ldquo; im &bdquo;Kampf gegen den wei&szlig;en Kolonialismus und Imperialismus&ldquo; entfesselt hatte.<\/p><p><strong>Indochina &ndash; Frankreichs Au&szlig;enposten in S&uuml;dostasien<\/strong><\/p><p>Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg in Europa begann, verf&uuml;gte die franz&ouml;sische Regierung im Herzen Kontinentals&uuml;dostasiens &uuml;ber eine seit dem Jahre 1887 bestehende Kolonie, die mit knapp 741.000 Quadratkilometern und einer Bev&ouml;lkerung von ann&auml;hernd 24 Millionen Einwohnern zirka 100.000 Quadratkilometer gr&ouml;&szlig;er war als das &bdquo;Mutterland&ldquo;. In der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts hatten franz&ouml;sische Truppen gegen den bewaffneten Widerstand einheimischer Befreiungsk&auml;mpfer Laos und Kambodscha erobert sowie Tonkin (Nordvietnam), Annam (Zentralvietnam) und Cochinchina (S&uuml;dvietnam) unter ihre Kontrolle gebracht. Die Franzosen fassten das Gebiet unter dem Namen Indochina zusammen, stellten Cochinchina unter Kolonialverwaltung (mit Sitz in Saigon) und erkl&auml;rten den Rest zum Protektorat, das sie mit Hilfe einheimischer Statthalter im nordvietnamesischen Hanoi sowie traditioneller Feudalherren und Mandarinen in Laos, Kambodscha und in Zentralvietnam kontrollierten.<\/p><p>&bdquo;In Indochina mag es Monarchen geben, die regieren,&ldquo; erkl&auml;rte Bao Dai, der Kaiser Annams, &bdquo;aber franz&ouml;sische Admir&auml;le haben das Sagen.&ldquo; (Jennings 2001: 7) Die 25.000 bis 30.000 franz&ouml;sischen Siedler, Kolonialbeamten und Milit&auml;rs stellten in Indochina nicht einmal 0,2 Prozent der zirka 24 Millionen z&auml;hlenden Einwohner. In den franz&ouml;sischen Wohnvierteln von Saigon und Hanoi sowie in ihren Herrenh&auml;usern auf ihren Reis-, Baumwoll- und Kautschukplantagen f&uuml;hrten sie ein luxuri&ouml;ses Leben und waren beseelt von dem Gedanken, sich als wahre H&uuml;ter der &bdquo;<em>Mission Civilisatrice<\/em>&ldquo; aufzuf&uuml;hren.<\/p><p>In schroffem Gegensatz dazu lebte die einheimische Bev&ouml;lkerung gr&ouml;&szlig;tenteils unter miserablen Bedingungen in Armut und Abh&auml;ngigkeit. Durch die Einf&uuml;hrung privater Besitzverh&auml;ltnisse und die Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion auf den Export hatten die Franzosen die weitgehend kommunale Selbstversorgung auf dem Land unterminiert und Bauern, die zuvor gemeinschaftlich gearbeitet hatten, dazu gezwungen, sich als Tagel&ouml;hner auf den nunmehr gewaltsam angeeigneten G&uuml;tern franz&ouml;sischer Grundbesitzer zu verdingen. Neben Pacht trieben die Franzosen eine Kopfsteuer in Silberm&uuml;nzen ein, was zur Verschuldung und Verelendung der Bev&ouml;lkerung beitrug. (Marr: 127)<\/p><p>Streiks, Aufst&auml;nde und Hungerrevolten der Bev&ouml;lkerung schlugen die franz&ouml;sischen Truppen mit Hilfe einheimischer Kolonialsoldaten (und sp&auml;ter mit Fremdenlegion&auml;ren) brutal nieder. Tausende Oppositionelle lie&szlig;en dabei ihr Leben, landeten in Gef&auml;ngnissen und Straflagern der Franzosen oder wurden Opfer eines ebenso engmaschigen wie ausgekl&uuml;gelten &Uuml;berwachungs- und Repressionssystems. Trotzdem fanden antikoloniale Organisationen in den 1930er Jahren immer mehr Anh&auml;nger, insbesondere die Kommunistische Partei Indochinas (KPI). 1931 musste der Chef der franz&ouml;sischen Kolonialpolizei eingestehen (Jennings: 135):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben niemanden mehr auf unserer Seite. Die Mandarine, denen wir nie ausreichende moralische und materielle Zugest&auml;ndnisse gemacht haben, dienen uns lediglich unter Vorbehalt und k&ouml;nnen nicht viel bewirken. Die Bourgeoisie h&auml;lt zwar nichts vom Kommunismus, sieht darin jedoch, wie in China, ein vorz&uuml;gliches Instrument zur Verteidigung nach au&szlig;en. Die Jugend opponiert in ihrer Gesamtheit gegen uns ebenso wie die immense Masse der verelendeten Bauern und Arbeiter. Fakt ist, dass hier wesentlich mehr vonn&ouml;ten ist als nur Repression.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Franzosen versuchten, dem wachsenden Unmut gegen ihre Herrschaft zu begegnen, indem sie konservative und religi&ouml;se Honoratioren in ihre Kolonialverwaltung einbanden. Die von 1936 bis 1938 in Frankreich regierende Volksfrontregierung unter L&eacute;on Blum lie&szlig; zudem 1.500 politische Gefangene amnestieren und hob das Versammlungsverbot auf, so dass 1938 in Hanoi 25.000 Menschen am 1. Mai auf die Stra&szlig;e gingen und demonstrierten. (Marr: 129)<\/p><p>Mit dem Kriegsbeginn in Europa versch&auml;rften die Franzosen ihre Repression in Indochina drastisch. Trotzdem stellten sich die meisten einheimischen Oppositionsgruppen nach dem deutschen &Uuml;berfall auf Polen im September 1939 sofort auf die Seite der Alliierten. Die Kommunisten riefen zum Kampf gegen die deutschen und japanischen Faschisten auf. Die chinesische Minderheit im Land sammelte Geld f&uuml;r die Opfer des japanischen Vernichtungskrieges in den benachbarten chinesischen Provinzen Yunnan und Guangxi und viele Vietnamesen halfen freiwillig beim Bau von Luftschutzbunkern und anderen Verteidigungsanlagen.<\/p><p><strong>Sonderfall Indochina: &bdquo;Aufrechterhaltung der Ruhe&ldquo; &amp; Parallel-Herrschaft(en)<\/strong><\/p><p>Das Schl&uuml;sselwort f&uuml;r die japanische Politik vis-&agrave;-vis Franz&ouml;sisch-Indochina w&auml;hrend des Pazifikkriegs hie&szlig; &bdquo;Aufrechterhaltung der Ruhe&rdquo;. Gemeint war damit konkret, dass Japan es den franz&ouml;sischen gesetzgebenden Organisationen gestattete, weiterhin zu existieren und auch die Polizei, Wirtschaft, Gesellschaft sowie das Bildungswesen unter franz&ouml;sischer Kontrolle verblieben. Auf diese Weise sollten die Verh&auml;ltnisse vor dem Vordringen der Truppen der Kaiserlich-Japanischen Armee in die Region bestehen bleiben mit dem Ziel, zwar Japans milit&auml;rische Oberhoheit zu verankern, gleichzeitig aber dem franz&ouml;sischen Generalgouverneur die Regelung der inneren Angelegenheiten in Franz&ouml;sisch-Indochina zu &uuml;berlassen. Die Besonderheit der Herrschaftsverh&auml;ltnisse mit Blick auf Vietnam bestand darin, dass bis zum Fr&uuml;hjahr 1945 zwei parallel existierende koloniale M&auml;chte in konzertierter Aktion das Land ausbeuteten und die Bev&ouml;lkerung mit allen ihnen zur Verf&uuml;gung stehenden Mitteln in Botm&auml;&szlig;igkeit hielten.<\/p><p>Pikanterweise war ja nach der Kapitulation Frankreichs im Sommer 1940 und der Installierung des nazifreundlichen Regimes in Vichy unter der &Auml;gide von Marschall Philippe P&eacute;tain die Indochina kontrollierende Kolonialmacht pl&ouml;tzlich zu einem Verb&uuml;ndeten der Achsenm&auml;chte Deutschland und Japan avanciert. Eine in der ost- und s&uuml;dostasiatischen Region einzigartige Konstellation, da in s&auml;mtlichen anderen L&auml;ndern japanische Truppen die anderen &bdquo;wei&szlig;en&ldquo; Kolonialherren vertrieben beziehungsweise besiegt hatten &ndash; in Indonesien die Niederl&auml;nder, in den Philippinen die US-Amerikaner sowie in Hongkong, Singapur, Malaya und Birma die Briten.<\/p><p>Zur &bdquo;Aufrechterhaltung der Ruhe&ldquo; geh&ouml;rte auch die Entscheidung, dass Japan nicht gleichzeitig die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung in Indochina unterst&uuml;tzt und daf&uuml;r Sorge tr&auml;gt, dass die Region nicht unmittelbar ins Kriegsgeschehen in China einbezogen wird. Grundlage eines solchen Deals bildete das am 30. August 1940 in Tokio zwischen dem neuen japanischen Au&szlig;enminister Matsuoka Y&ocirc;suke und dem in der japanischen Hauptstadt akkreditierten Botschafter Frankreichs, Ars&egrave;ne Henry, unterschriebene <em>Matsuoka-Henry-Abkommen<\/em>. Dennoch gab es in der Folgezeit im Zuge dessen, was die japanische Seite als &bdquo;friedlichen Vormarsch&ldquo; in den n&ouml;rdlichen Teil Franz&ouml;sisch-Indochinas bezeichnete, erhebliche Friktionen zwischen beiden Seiten, die erst nach ultimativen Drohungen der japanischen Generalit&auml;t vor Ort und Stelle entsch&auml;rft werden konnten.<\/p><p>Zu der Zeit n&auml;mlich hatte die japanische Regierung mit einem gr&ouml;&szlig;eren Einmarsch ihrer Truppen in Indochina gedroht, sollten die Franzosen nicht unverz&uuml;glich die Nachschublieferungen f&uuml;r die nationalchinesischen Streitkr&auml;fte der Kuomintang (KMT) unter dem Oberbefehl Tschiang Kai-scheks unterbinden, die vom nordvietnamesischen Hafen Haiphong in die chinesische Provinz Yunnan geliefert wurden. Tokios Unterh&auml;ndler in dieser Angelegenheit, Generalmajor Nishihara Issaku, ging es en detail darum, gegen&uuml;ber dem Oberbefehlshaber der franz&ouml;sischen Truppen in Indochina, General Maurice Martin, auf ein Kappen der f&uuml;r die KMT vitalen Hilfslieferungen (inklusive milit&auml;rischer Ausr&uuml;stung) seitens Gro&szlig;britanniens, Frankreichs, der USA, der Sowjetunion und anderer L&auml;nder zu dr&auml;ngen. Der Transport dieser G&uuml;ter erfolgte vornehmlich &uuml;ber drei Routen: die Burma Road, die sogenannte &bdquo;rote Stra&szlig;e&rdquo; von Ulan Ude in der N&auml;he des Baikalsees in der Sowjetunion nach Ulan Bator in der Mongolei sowie &uuml;ber die bedeutsamste Eisenbahnverbindung von Haiphong nach Kunming, der Hauptstadt Yunnans.<\/p><p>Wenig sp&auml;ter verlangte die Regierung in Tokio von Admiral Jean Decoux, dem franz&ouml;sischen Generalgouverneur f&uuml;r Indochina, japanische Truppen in Haiphong ausschiffen, in Indochina stationieren und in Vorbereitung auf weitere Eroberungsfeldz&uuml;ge in S&uuml;dostasien innerhalb der Kolonie nach eigenem Ermessen verlegen zu k&ouml;nnen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, nahmen die Japaner am 22. September 1940 die franz&ouml;sische Grenzgarnison Lang Son ein (wobei 150 Franzosen und Vietnamesen umkamen) und 6.000 japanische Soldaten marschierten in Tonkin ein.<\/p><p>Am selben Tag setzte Decoux in Haiphong seine Unterschrift unter das Milit&auml;rabkommen, dem weitere Vereinbarungen folgten. Danach konnten die japanischen Milit&auml;rs Flotten- und Truppenst&uuml;tzpunkte sowie ein halbes Dutzend Flugh&auml;fen in Tonkin und Laos errichten beziehungsweise nutzen. Au&szlig;erdem waren japanische Unternehmen franz&ouml;sischen Firmen gleichgestellt und exportierten Rohstoffe (wie Kautschuk und Kohle) f&uuml;r die japanische R&uuml;stungsproduktion sowie Reis und Mais f&uuml;r die japanischen Truppen zu Preisen, die deutlich unterhalb des Weltmarktniveaus lagen.<\/p><p><strong>Indochina unter dem Vichy-Regime: Franz&ouml;sische Kollaboration &hellip;<\/strong><\/p><p>Der franz&ouml;sische Generalstab verf&uuml;gte in Indochina kaum &uuml;ber Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe, aber &uuml;ber 90.000 Mann unter Waffen. (Gerke 1995: 13) Die meisten von ihnen waren Kolonialsoldaten und nach der franz&ouml;sischen Kriegserkl&auml;rung gegen Nazideutschland verschifften die Kolonialbeh&ouml;rden mindestens 40.000 vietnamesische Soldaten nach Europa. (Marr: 141) Doch auch sie vermochten die verheerende Niederlage Frankreichs gegen die deutsche Wehrmacht im Fr&uuml;hsommer 1940 nicht aufzuhalten und nach ihrem Waffenstillstand mit Nazideutschland &uuml;bernahm die Kollaborationsregierung von Vichy im Juni 1940 auch das Kommando in Indochina. Sie fand dort die nahezu ungeteilte Unterst&uuml;tzung der franz&ouml;sischen Siedler, die zig Tausende Portraits von Marschall Philippe P&eacute;tain verbreiten lie&szlig;en und dessen faschistisches Programm &bdquo;Arbeit, Familie und Vaterland&ldquo; mit Lehren von Konfuzius in Verbindung gebracht werden sollten.<\/p><p>Im Dezember 1941 publizierten die Vichy-Beh&ouml;rden ein Bilderbuch &uuml;ber Indochina, in dem einheimische Feudalherren wie Bao Dai von Annam, K&ouml;nig Norodom Sihanouk von Kambodscha und K&ouml;nig Sisavang Vong von Luang Prabang (Laos) neben Marschall P&eacute;tain erschienen, der ihnen im Vorwort bescheinigte (Jennings: 154):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich wei&szlig;, wie ergeben Ihr Frankreich gegen&uuml;ber seid. Bleibt ihm in Liebe verbunden, aber liebt Eure eigenen kleinen L&auml;nder ebenso, denn dies wird Euch helfen, Frankreich noch besser zu verstehen und noch mehr zu lieben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In Kambodscha initiierte der junge K&ouml;nig Norodom Sihanouk 1941 unter Anleitung franz&ouml;sischer Kolonialbeamter die Jugendbewegung <em>Yuvan Kampucherath<\/em>, deren K&ouml;rperkult und Organisationsform offen faschistische Vorbilder aus Europa imitierte. (Raffin: 124) Die jugendlichen Marschkolonnen salutierten mit dem faschistischen Gru&szlig; und dem Spruch &bdquo;Mar&eacute;chal, nous voil&agrave;&ldquo; (&bdquo;Marschall, wir folgen Dir&ldquo;). Auch in Laos und Vietnam gr&uuml;ndeten die franz&ouml;sischen Beh&ouml;rden &auml;hnliche Jugendorganisationen, um mit paramilit&auml;rischem Drill und Fahnenappellen &bdquo;zuk&uuml;nftige F&uuml;hrer&ldquo; heranzuziehen.<\/p><p>Nach dem Nationalfeiertag f&uuml;r Jeanne d&rsquo;Arc am 11. Mai 1941 meldete der von Juli 1940 bis zum 9. M&auml;rz 1945 amtierende franz&ouml;sische Generalgouverneur f&uuml;r Indochina, Admiral Jean Decoux, der dem Vichy-kritischen Vorg&auml;nger, General Georges Catroux, im Amt gefolgt war, stolz aus Hanoi (Jennings: 218):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;16.000 Jungen und M&auml;dchen haben am gr&ouml;&szlig;ten Aufmarsch teilgenommen, der je in dieser Form in Indochina stattgefunden hat, und dabei ihr uneingeschr&auml;nktes Vertrauen in das franz&ouml;sische Empire zum Ausdruck gebracht. In Phnom Penh, Vientiane und Saigon zogen an diesem Tage &sbquo;historische Umz&uuml;ge&lsquo; mit Verweisen auf die franz&ouml;sische Geschichte durch die Stra&szlig;en. Und im vietnamesischen Hu&eacute; nahm Kaiser Bao Dai eine Parade von Tausenden Kindern ab.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Im fernen Indochina setzten derweil auch Vichy-Beamte die in der Metropole erlassenen antisemitischen Gesetze um und entfesselten eine Hatz auf franz&ouml;sische und asiatische Anh&auml;nger General de Gaulles und wiesen sie in Arbeitslager ein. Befehlshaber der franz&ouml;sischen Kriegsmarine in Saigon entwarfen im Februar 1941 Pl&auml;ne, mit einem Expeditionskorps die Pazifikkolonie Neukaledonien zur&uuml;ckzuerobern, nachdem sich diese dem freien Frankreich unter de Gaulle angeschlossen hatte.<\/p><p>Nach der Macht&uuml;bernahme der Vichy-Regierung in der Kolonie bezog das NS-Regime ab 1940 vor allem Kautschuk aus Indochina, der dringend und in gro&szlig;em Ma&szlig;e f&uuml;r die R&uuml;stungsindustrie des Nazismus ben&ouml;tigt wurde. Die Lieferungen erfolgten &uuml;ber Wladiwostok und wurden sodann von dort aus mit der transsibirischen Eisenbahn nach Deutschland verfrachtet, bis dieser Transportweg nach dem deutschen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 nicht mehr genutzt werden konnte. Danach verlangten die Japaner entsprechende Lieferungen f&uuml;r ihre eigene Kriegsproduktion.<\/p><p>Um ihre Machtposition in Indochina zu wahren, musste die franz&ouml;sische Kollaborationsregierung ab 1940 zahlreiche Zugest&auml;ndnisse an Japan machen. Der Au&szlig;enminister des Vichy-Regimes, Paul Baudouin, von dem vermutlich die erste amtliche Verwendung des Begriffs &bdquo;Collaboration&ldquo; f&uuml;r die &bdquo;fortw&auml;hrende Zusammenarbeit&ldquo; zwischen Vichy-Frankreich und dem Deutschen Reich stammte, war ein enthusiastischer Unterst&uuml;tzer der Jugendbewegung des Vichy-Regimes (Chantiers de la jeunesse fran&ccedil;aise) und hatte vergeblich versucht, die Nazi-Regierung und die USA davon zu &uuml;berzeugen, dass es &bdquo;nicht im Interesse der wei&szlig;en Rasse&ldquo; l&auml;ge, &bdquo;Indochina japanischen, chinesischen oder siamesischen Truppen zu &uuml;berlassen&ldquo;. (Jennings: 139) Sp&auml;ter kehrte Baudouin wieder in die Etagen der Banque de l&rsquo;Indochine zur&uuml;ck, zu deren Direktor er bereits 1930 avanciert war. Nach dem Krieg, im M&auml;rz 1947, wurde er als Vertreter der Kollaborationsregierung zu einer f&uuml;nfj&auml;hrigen Gef&auml;ngnisstrafe verurteilt, jedoch bereits 1948 wieder auf freien Fu&szlig; gesetzt.<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>Als Ende 1940 Truppen des mit Japan verb&uuml;ndeten K&ouml;nigreichs Thailand in Indochina einmarschierten und trotz Gegenwehr kambodschanischer Kolonialtruppen unter franz&ouml;sischem Kommando am Westufer des Mekongs Gel&auml;ndegewinne machten, griffen die in der N&auml;he stationierten japanischen Truppen nicht ein. W&auml;hrend die Kommunistische Partei Indochinas die von den Franzosen an die Front geschickten Kolonialsoldaten zur Desertation aufrief, zwang Japan die Vichy-Regierung im Januar 1941 dazu, in einem &bdquo;Friedensvertrag&ldquo; die Gebietsanspr&uuml;che Thailands weitgehend anzuerkennen.<\/p><p>Die franz&ouml;sische Herrschaft in Indochina hing auf Gedeih und Verderb vom Wohlwollen der Japaner ab. Die japanische Milit&auml;rpolizei Kempeitai agierte in der franz&ouml;sischen Kolonie &auml;hnlich unbehelligt wie in den von Japan besetzten L&auml;ndern und machte dort Jagd auf Oppositionelle und warb mit dem Propagandaspruch &bdquo;Asien den Asiaten&ldquo; einheimische Spitzel und Hilfstruppen an.<\/p><p><strong>&hellip; und vietnamesischer Widerstand<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend vor allem im S&uuml;den Vietnams religi&ouml;se Sekten wie Hoa Hao und Cao Dai sowie diverse politische Gruppierungen, die der Vision eines &bdquo;Gro&szlig;vietnam&ldquo; anhingen, mit den Japanern paktierten, unterst&uuml;tzte die KPI die vor allem im n&ouml;rdlichen Landesteil ausgepr&auml;gte Kampfbereitschaft der Bauern und deren massiven Widerstand gegen die Franzosen. F&uuml;r beide Seiten gleicherma&szlig;en kam eine Kollaboration mit den Japanern nicht infrage, zumal Ho Chi Minh und andere KPI-F&uuml;hrer deren Befreiungsrhetorik bereits sehr fr&uuml;h als &bdquo;schlechten Witz&ldquo; durchschaut und abgetan hatten.<\/p><p>Die Kommunisten forderten die Aufst&auml;ndischen auf, nicht nur gegen die franz&ouml;sischen Kollaborateure der Faschisten zu k&auml;mpfen, sondern auch gegen die Japaner, deren Krieg im benachbarten China bereits Millionen Menschen das Leben gekostet und deren dort begangene Gr&auml;ueltaten sich l&auml;ngst herumgesprochen hatte.<\/p><p>Schon im November 1940 hatten die Kommunisten auch in S&uuml;dvietnam einen bewaffneten Aufstand gegen die Vichy-Kollaborateure initiiert, an dem sich Zehntausende Bauern, Landarbeiter und desertierte Kolonialsoldaten beteiligten. Sie hatten Polizeiposten und andere Einrichtungen der Kolonialverwaltung &uuml;berfallen, Stra&szlig;enverbindungen unterbrochen und revolution&auml;re Komitees gegr&uuml;ndet, um in &bdquo;befreiten Gebieten&ldquo; eine eigene Verwaltungsstruktur aufzubauen. Der franz&ouml;sischen Armee war es erst mit massiven Bombardements und dem Einsatz schwerer Artillerie gelungen, die Revolte niederzuschlagen und allseits verbrannte Erde zu hinterlassen.<\/p><p>Mit dem Resultat, dass die KPI im S&uuml;den des Landes ungleich schw&auml;cher war und auf Dauer blieb als im Norden, gleichzeitig aber auch mit der Erkenntnis, dass die Kolonialherrschaft nur durch einen sorgf&auml;ltig vorbereiteten bewaffneten Kampf zu &uuml;berwinden sei. Den organisatorischen Rahmen daf&uuml;r sollte eine breite politische Allianz in Form der <em>Viet Nam Coc Lap Dong Minh<\/em> stellen, die &bdquo;Vietnamesische Liga f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit&ldquo;, kurz <em>Viet Minh<\/em> genannt. Die Kommunisten stellten ihre Forderungen nach Klassenkampf und Bodenreform zur&uuml;ck und erkl&auml;rten die &Uuml;berwindung der franz&ouml;sischen Kolonialherrschaft und die Vertreibung der japanischen Truppen zum vorrangigen Ziel, das auch konservative Oppositionelle mittragen konnten.<\/p><p>Ho Chi Minh, eine der wichtigsten F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten der vietnamesischen Kommunisten, hatte in Paris studiert und war nach drei Jahrzehnten Aufenthalt im Exil 1941 erstmals wieder nach Vietnam zur&uuml;ckgekehrt. Versuche, in S&uuml;dchina seitens der dort operierenden Truppen unter dem Oberbefehl Tschiang Kai-scheks Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den vietnamesischen Widerstand gegen die Japaner und Franzosen zu erbitten, schlugen fehl. Tschiang Kai-schek war zwar eine taktische Kriegsallianz mit Mao Zedong eingegangen, f&uuml;hrte jedoch weiterhin einen erbitterten ideologischen und milit&auml;rischen Kampf gegen die Kommunisten. Als sich allerdings um die Jahreswende 1944\/45 die Niederlage Deutschlands und Japans abzeichnete, bereiteten Ho Chi Minh und seine engsten Parteigenossen eine landesweite Erhebung just zu dem Zeitpunkt vor, &bdquo;wenn die Alliierten in Indochina stehen oder die japanische Armee kapitulieren muss&ldquo;. (Marr: 145)<\/p><p>Nach dem Fall des Vichy-Regimes in Frankreich Mitte 1944 blieben in Indochina zwar die Beamten und Milit&auml;rs der Kollaborationsregierung weitgehend im Amt, doch sie mussten den Gaullisten fortan verst&auml;rkt Konzessionen machen, die ihrerseits aber eine Unterst&uuml;tzung der <em>Viet Minh<\/em> strikt ablehnten. Ebenso schlugen letztlich Avancen fehl, seitens von in S&uuml;dchina anwesenden US-Truppen dauerhaft milit&auml;rische Hilfe zu akquirieren.<\/p><p><strong>Der Fall des Vichy-Regimes &amp; japanische Direktherrschaft<\/strong><\/p><p>Am 9. M&auml;rz 1945 jagten die Japaner die marode franz&ouml;sische Kolonialverwaltung aus dem Amt und &uuml;bernahmen damit auch in der letzten verbliebenen europ&auml;ischen Kolonie in S&uuml;dostasien direkt die Macht. Binnen weniger Stunden entwaffneten die Japaner die franz&ouml;sischen Truppen einschlie&szlig;lich der von ihnen befehligten Kolonialsoldaten und internierten nahezu alle franz&ouml;sischen Milit&auml;rs und Zivilisten in Lagern. Auf Widerstand von Seiten der Franzosen trafen die Japaner kaum. Um sich gleichzeitig Sympathien unter den Vietnamesen, die den weitaus gr&ouml;&szlig;ten Teil der indochinesischen Bev&ouml;lkerung stellten, zu sichern, gew&auml;hrte Tokio wie bereits zuvor im Falle der Philippinen und Birma nunmehr auch Vietnam formal die Unabh&auml;ngigkeit mit einer Marionettenregierung und Kaiser Bao Dai, der tunlichst und publicitytr&auml;chtig die vormals von Frankreich oktroyierten Protektoratsvertr&auml;ge aufzuk&uuml;ndigen hatte.<\/p><p>Doch die pro-japanischen Kr&auml;fte in Indochina blieben in der Minderheit. Die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung litt Hunger, weil die landwirtschaftliche Produktion im Verlaufe des Krieges vorrangig auf die Bed&uuml;rfnisse der japanischen Truppen umgestellt worden war und die Bauern statt Getreide vermehrt Jute und &Ouml;lpflanzen zur Erzeugung von Treibstoff anbauen mussten. Die Viet Minh hatte die Bauern in einem Flugblatt zwar aufgefordert: &bdquo;Liefert ihnen kein einziges Kilo Reis, gebt ihnen keine einzige Erdnuss und pflanzt keine Jute f&uuml;r die faschistischen Banditen.&ldquo; (Marr: 134) Aber die japanische Milit&auml;rpolizei Kempeitai war &uuml;ber die D&ouml;rfer gezogen und hatte die Bauern gewaltsam zum Umpflanzen ihrer Felder gezwungen. Not und Elend grassierten, Lebensmittel wurden zusehends knapper, w&auml;hrend die Inflationsraten betr&auml;chtlich stiegen.<\/p><p><strong>Eine Hungerkatastrophe von bislang unbekanntem Ausma&szlig; war die<\/strong><\/p><p>Folge. Anfang 1945 zogen Hunderttausende Menschen auf der verzweifelten Suche nach etwas Essbarem durch Nordvietnam und dr&auml;ngten in die St&auml;dte. Die Viet Minh forderte sie dazu auf, die Vorratskammern der Grundbesitzer und der Regierung zu st&uuml;rmen und lieferte dazu bewaffneten Geleitschutz.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine der schlimmsten Folgen der teils von der japanischen Regierung erzwungenen, teils von den franz&ouml;sischen Kollaborateuren um des Machterhalts bewusst betriebenen Wirtschaftspolitik gerade auf dem Agrarsektor, war die gro&szlig;e Hungersnot zu Beginn des Jahres 1945, die insgesamt zwei Millionen Menschen das Leben gekostet haben soll. Von dieser waren insbesondere die gerade von Bauern stark bev&ouml;lkerten Provinzen Thai Binh, Nam Dinh, Hung Yen, Bac Ninh, Son Tay und Ha Dong betroffen. Schon Ende 1944 begann die Hungersnot und erreichte ihren H&ouml;hepunkt ungef&auml;hr zur Zeit des Sturzes der franz&ouml;sischen Kolonialregierung im M&auml;rz 1945 bzw. kurz danach.&ldquo; (Gerke: 14)\n<\/p><\/blockquote><p>Versch&auml;rft wurden diese ohnehin harschen Bedingungen durch intensiver durchgef&uuml;hrte US-amerikanische Bombardements und Torpedoangriffe ab Anfang 1945, was dazu f&uuml;hrte, dass weite Strecken des inl&auml;ndischen Eisenbahnnetzes zerst&ouml;rt und andere bedeutsame Transport- und Kommunikationsverbindungen gekappt wurden. Als im August 1945 nationalchinesische Truppen im Norden und Verb&auml;nde der Alliierten im S&uuml;den als Befreier nach Indochina einmarschierten, hatten einheimische Partisanen l&auml;ngst weite Teile des Landes befreit. Damit war jener Moment gekommen, auf den Ho Chi Minh und seine Genoss\/innen gewartet hatten. Unterst&uuml;tzt von Zehntausenden Anh&auml;ngern nahm die Viet Minh am 19. August die wichtigsten Regierungsstellungen in Hanoi ein und Ho Chi Minh schickte die Funkmeldung in englischer Sprache an das Oberkommando der US-Truppen (Marr: 147):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Komitee f&uuml;r die nationale Befreiung des Viet Minh bittet die US-Beh&ouml;rden, die Vereinten Nationen dar&uuml;ber zu informieren, dass wir gegen die Japs gek&auml;mpft und sie sich ergeben haben. Wir bitten die Vereinten Nationen, ihr feierliches Versprechen einzuhalten, allen Nationen Demokratie und Unabh&auml;ngigkeit zu gew&auml;hren. Sollten die Vereinten Nationen ihr feierliches Versprechen brechen und Indochina die vollst&auml;ndige Unabh&auml;ngigkeit verwehren, werden wir so lange weiterk&auml;mpfen, bis wir sie durchgesetzt haben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Am 2. September 1945 schlie&szlig;lich proklamierte Ho Chi Minh in Hanoi die Demokratische Republik Vietnam und verlas vor einer begeisterten Menschenmenge die Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung, in der es auch hie&szlig;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Achtzig Jahre lang haben die franz&ouml;sischen Kolonialherren unter dem Deckmantel des Wahlspruches von &sbquo;Freiheit, Gleichheit und Br&uuml;derlichkeit&rsquo; unser Land ausgeraubt und unsere Landsleute geknechtet. Ihre Taten standen in einem schreienden Widerspruch zu allen Prinzipien der Menschlichkeit und Gerechtigkeit. In politischer Hinsicht haben sie uns aller demokratischen Freiheiten beraubt und uns barbarische Gesetze aufgezwungen. Sie haben drei verschiedene politische Ordnungen in Zentral-, S&uuml;d- und Nordvietnam errichtet, um die Einheit unseres Vaterlandes, die Einheit unseres Volkes zu zerst&ouml;ren. Sie haben mehr Gef&auml;ngnisse als Schulen erbaut.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Bedeutsamer Etappensieg der Viet Minh<\/strong><\/p><p>In Vietnam &uuml;bte seit M&auml;rz 1945 die Kaiserliche Japanische Armee die eigentliche politische Macht aus. Sie erkl&auml;rte kurzerhand die &bdquo;Unabh&auml;ngigkeit&ldquo; des Landes und setzte Kaiser Bao Dai als Oberhaupt dieses Vasallenstaates ein. Bis dato hatte die im Mai 1941 formierte Viet Minh (Liga f&uuml;r den Kampf um die Unabh&auml;ngigkeit Vietnams) lediglich die schwer zug&auml;ngliche Dschungelregion entlang der chinesischen Grenze kontrolliert. Das &auml;nderte sich jedoch mit der franz&ouml;sischen Entmachtung; in rascher Abfolge konnte sie ein halbes Dutzend weiterer Provinzen unter ihre Kontrolle bringen. Erfolgreiche Guerillaaktivit&auml;ten und die Erst&uuml;rmung von Reislagern demoralisierten zunehmend eine Besatzungsmacht, die unter dem &uuml;berwiegenden Teil der vietnamesischen Bev&ouml;lkerung zutiefst verhasst war.<\/p><p>Es war zu der Zeit ein kongeniales politisches Quartett in Gestalt von Ho Chi Minh, Pham Van Dong, Truong Chinh und Vo Nguyen Giap, das als F&uuml;hrungsspitze der Kommunistischen Partei Vietnams &uuml;ber herausragende organisatorische und milit&auml;rische F&auml;higkeiten verf&uuml;gte und stets darauf bedacht war, eine breitestm&ouml;gliche Einheitsfront im Kampf gegen ihre politischen Gegner herzustellen. &Uuml;ber die vier schrieb Gabriel Kolko in seinem fulminanten Opus &bdquo;Anatomy of a War&ldquo; von 1985:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;(&hellip;) von dieser Zeit an stiegen sie zu einer kollegialen, kooperativen und kreativen F&uuml;hrung auf, die, frei von Problemen des Egoismus, in den folgenden vier Jahrzehnten f&uuml;r eine bemerkenswerte Kontinuit&auml;t sorgte. Deren Harmonie bildete eine Urquelle f&uuml;r die St&auml;rke einer Partei und war ein wesentlicher Grund daf&uuml;r, dass diese nicht &ndash; wie im Falle anderer marxistisch-leninistischer Parteien &ndash; von R&auml;nkespielen und F&uuml;hrungsk&auml;mpfen heimgesucht wurde.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Trotz des Etappensiegs der Genoss\/innen um Ho Chi Minh sollten noch drei bittere Dekaden vergehen, bis sie schlie&szlig;lich Ende April 1975 siegreich in Hanoi einmarschieren und im Sommer des darauffolgenden Jahres beide Landesteile unter dem Namen Sozialistische Republik Vietnam wiedervereinen konnten. Ein Schicksal, das sie im &Uuml;brigen teilweise mit ihren Genoss\/innen in Indonesien und Malaya teilten. Denn auch dort dauerte es bis 1949 beziehungsweise bis zur Mitte der 1950er Jahre, dass sich die Niederl&auml;nder beziehungsweise Briten aufgrund dauerhaft massiven Widerstands gen&ouml;tigt sahen, offiziell ihre langj&auml;hrige Kolonialherrschaft zu beenden.<\/p><p>Auch im Falle Vietnams k&auml;mpfte die Kolonialmacht Frankreich hartn&auml;ckig um die Wiederherstellung ihrer politischen und &ouml;konomischen Herrschaft. Auf ihre Initiative hin ward gar im S&uuml;den eigens der &bdquo;Staat Vietnam&ldquo; (sp&auml;ter die Republik Vietnam) mit der Hauptstadt Saigon als Gegengewicht zur DRV kreiert. Doch die schmachvolle Niederlage der franz&ouml;sischen Truppen samt der sie unterst&uuml;tzenden Fremdenlegion&auml;re im Talkessel von Dien Bien Phu im Fr&uuml;hjahr 1954 und weltweite Proteste gegen den Krieg f&uuml;hrten am 20.\/21. Juli zur Unterzeichnung der Genfer Indochina-Abkommen. Zwar beendeten diese vorerst die Kampfhandlungen, brachten aber nicht die ersehnte Unabh&auml;ngigkeit und Einheit Vietnams. Die sollten allgemeine, freie Wahlen im Jahre 1956 besiegeln. Bis dahin wurde entlang des 17. Breitengrads eine milit&auml;rische Demarkationslinie &ndash; in etwa vergleichbar der Jahre zuvor in Korea errichteten Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrads &ndash; gezogen, die das Land faktisch teilte.<\/p><p>W&auml;hrend Hanoi auf die Durchf&uuml;hrung dieser in den Genfer Abkommen festgelegten allgemeinen Wahlen dr&auml;ngte, lehnte das Saigoner Vasallenregime diese rundweg ab &ndash; aus Furcht vor einem &uuml;berw&auml;ltigenden Wahlsieg Ho Chi Minhs. Zu Beginn der 1960er Jahre war die Chance einer friedlichen Vereinigung vertan und der (inner-)vietnamesische Konflikt durch die zunehmende West-Ost-Blockkonfrontation internationalisiert worden.<\/p><p><strong>Teilung und erneut Krieg<\/strong><\/p><p>In der auf Betreiben Frankreichs und der USA Ende Oktober 1955 als Gegenregierung zur DRV geschaffenen Republik Vietnam (S&uuml;dvietnam) traten die USA immer tiefer in die Fu&szlig;stapfen der japanischen und franz&ouml;sischen Kolonialisten. In Washington grassierte ein paranoider Antikommunismus, der die politische F&uuml;hrung und Milit&auml;rstrategen gleicherma&szlig;en auf die kategorische &bdquo;Domino-Theorie&ldquo; fixierte. Demnach galt es, auch und gerade in Vietnam, unbedingt St&auml;rke und &bdquo;Verantwortung&ldquo; f&uuml;r seine dortigen Verb&uuml;ndeten zu demonstrieren, andernfalls &uuml;berlie&szlig;e man das Land &bdquo;den Kommunisten&ldquo;. Und fiele erst einmal Vietnam, w&uuml;rde das eine Kettenreaktion ausl&ouml;sen und die Nachbarl&auml;nder &ndash; Dominosteinen vergleichbar &ndash; in rascher Abfolge &bdquo;kommunistisch&ldquo; werden lassen. Damit, so die Horrorvorstellung der US-amerikanischen Regierungen in den 1960er Jahren, w&auml;re die Region S&uuml;dostasien ein f&uuml;r alle Mal &bdquo;verloren&ldquo; gewesen und ein erweiterter Einflussbereich der am 1. Oktober 1949 von Mao Zedong proklamierten Volksrepublik China entstanden.<\/p><p>Die eigentlich naheliegende Vorstellung, dass mit der Gr&uuml;ndung der DRV das Fanal eines Kampfes f&uuml;r Unabh&auml;ngigkeit und Freiheit gesetzt und der vietnamesischen Bev&ouml;lkerung endlich ein Weg aus kolonialer Bevormundung gewiesen worden war, passte nicht in das Weltbild imperialer Kommissk&ouml;pfe. Die fatale Gleichsetzung von Nationalisten mit Kommunisten, gekoppelt mit Ignoranz und arroganter Missachtung vietnamesischer Geschichte und Kultur, lie&szlig; Washington einen Krieg &ndash; in Vietnam selbst der &bdquo;Amerikanische Krieg&ldquo; genannt &ndash; verursachen, auf dessen H&ouml;hepunkt (31. Januar 1969) 1,1 Millionen vietnamesische Soldaten und Milizion&auml;re sowie 542.400 GIs gegen die nordvietnamesische Volksarmee und s&uuml;dvietnamesische Partisanenverb&auml;nde k&auml;mpften.<\/p><p>***********************<\/p><p><strong>Vietnam &ndash; Zeittafel (Zusammenstellung Rainer Werning)<\/strong><\/p><p>Seit 1858 beginnen franz&ouml;sische Truppen mit der schrittweisen Eroberung der s&uuml;dlichen und sp&auml;ter der n&ouml;rdlichen Landesteile Vietnams.<\/p><p>1887 &ndash; Entstehung der Indochinesischen Union durch den Zusammenschluss der (s&uuml;dlichen) Kolonie Cochinchina und der Protektorate Tonkin (Nordvietnam) und Annam (Zentralvietnam) sowie dem Protektorat Kambodscha mit Saigon als Hauptstadt. 1893 kommt Laos dazu<\/p><p>1925 &ndash; Gr&uuml;ndung der Thanh Nien (Liga der revolution&auml;ren Jugend Vietnams) auf Initiative des 1890 geborenen Ho Chi Minh in Kanton (China)<\/p><p>3. Februar 1930 &ndash; Gr&uuml;ndung der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) in Hongkong<\/p><p>1937 &ndash; Bildung der Demokratischen Front Indochinas unter Einfluss der KPV<\/p><p>Juni 1940 &ndash; Frankreich kapituliert und das Vichy-Regime erkl&auml;rt sich an der Seite Deutschlands zur Kooperation mit Japan bereit. Japan besetzt Vietnam, w&auml;hrend seine Truppen die dortige franz&ouml;sische Kolonialverwaltung (noch) im Amt belassen.<\/p><p>10. Mai 1941 &ndash; Gr&uuml;ndung der Viet Minh (Liga f&uuml;r den Kampf um die Unabh&auml;ngigkeit Vietnams)<\/p><p>Ende 1944 bis Anfang 1945 &ndash; Verheerende Hungersnot, in deren Verlauf &uuml;ber zwei Millionen Menschen sterben<\/p><p>9. M&auml;rz 1945 &ndash; Die japanischen Truppen l&ouml;sen die franz&ouml;sische Kolonialverwaltung auf und proklamieren ein &bdquo;unabh&auml;ngiges&ldquo; Vietnam mit Kaiser Bao Dai an der Spitze.<\/p><p>15. August 1945 &ndash; Japan kapituliert<\/p><p>2. September 1945 &ndash; Ho Chi Minh ruft in Hanoi unter gro&szlig;er Anteilnahme der Bev&ouml;lkerung die Demokratische Republik Vietnam (DRV) aus.<\/p><p>19. Dezember 1946 &ndash; &Uuml;berfall franz&ouml;sischer Kolonialtruppen auf Hanoi<\/p><p>5. Juni 1948 &ndash; Frankreich erkl&auml;rt die Gr&uuml;ndung des &bdquo;Staates Vietnam&ldquo; mit Kaiser Bao Dai an der Spitze.<\/p><p>7. Februar 1950 &ndash; Die USA erkennen den von Bao Dai repr&auml;sentierten Staat an und beginnen ab Mai mit der direkten wirtschaftlichen und milit&auml;rischen Unterst&uuml;tzung der Franzosen.<\/p><p>12. April 1953 &ndash; Dekret der DRV &uuml;ber die Bodenreform<\/p><p>13. M&auml;rz bis 7. Mai 1954 &ndash; Schlacht von Dien Bien Phu, die mit einer vernichtenden Niederlage der franz&ouml;sischen Kolonialtruppen endet und den Ruhm des kommandierenden nordvietnamesischen Generals Vo Nguyen Giap begr&uuml;ndet.<\/p><p>8. Mai bis 21. Juli 1954 &ndash; Genfer Indochina-Konferenz, an der die Volksrepublik China, die USA, die Sowjetunion, Frankreich und &ndash; als ehemalige franz&ouml;sische Kolonien &ndash; Vietnam, Laos und Kambodscha teilnehmen. Gem&auml;&szlig; dem in Genf unterzeichneten Abkommen wird Vietnam entlang des 17. Breitengrades geteilt. Die Viet Minh sollen sich in den Norden und die Franzosen in den S&uuml;den zur&uuml;ckziehen. 1956 sollen demokratische Wahlen in ganz Vietnam abgehalten und die Demarkationslinie aufgehoben werden. W&auml;hrend Frankreich Vietnam, Kambodscha und Laos die Unabh&auml;ngigkeit sowie den Abzug seiner Truppen vertraglich zusichert, unterschreiben die US-Unterh&auml;ndler das Abkommen nicht und beteuern lediglich, es zu respektieren.<\/p><p>7. Juli 1954 &ndash; Bao Dai ernennt Ngo Dinh Diem zum Premierminister.<\/p><p>23. bis 26. Oktober 1955 &ndash; Diem setzt Bao Dai ab, verk&uuml;ndet die Republik Vietnam als Gegengewicht zur DRV und erkl&auml;rt sich zum Pr&auml;sidenten.<\/p><p>1956 &ndash; Die f&uuml;r Gesamtvietnam festgelegten Wahlen werden in S&uuml;dvietnam nicht durchgef&uuml;hrt.<\/p><p>Titelbild: Efired\/shutterstock.com<\/p><p>* * * * * *<\/p><p><strong>Literaturempfehlungen<\/strong><\/p><ul>\n<li>*<em><strong>Agent Orange &ndash; Die Opfer klagen an (USA\/2020)<\/strong><\/em>, diese 55-min&uuml;tige Dokumentation, ausgestrahlt auf ARTE, ist noch bis zum 27. November 2020 verf&uuml;gbar. &ndash; Auch 50 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs wirkt das Entlaubungsmittel Agent Orange noch &ndash; bei Mensch und Natur. Einer der beiden Wirkstoffe &ndash; das Dioxin TCDD &ndash; verseucht weiterhin die Umwelt und macht Menschen krank. Nach Jahrzehnten des Kampfes vieler Opfer klagen aktuell zwei Frauen in Frankreich und Amerika gegen die Hersteller. Der Film enth&uuml;llt einen wahren &bdquo;&Ouml;kozid&ldquo; &ndash; <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/082802-000-A\/agent-orange\/\">arte.tv\/de\/videos\/082802-000-A\/agent-orange\/<\/a><\/li>\n<li>**Die neunteilige, von ARTE im September 2017 ausgestrahlte US-Fernsehserie <em><strong>Vietnam<\/strong><\/em> von Ken Burns und Lynn Novick ist die ebenso umfassendste wie herausragendste Dokumentation der (Vor-)Geschichte des Vietnamkriegs. Der amerikanische Originaltitel lautet <em><strong>The Vietnam War<\/strong><\/em>. Im amerikanischen Original handelt es sich um eine zehnteilige Filmserie mit einer Gesamtl&auml;nge von 18 Stunden, deren Premiere der Public Broadcasting Service (PBS) sendete.<\/li>\n<li>Wilfred G. Burchett (1965): Vietnam: Inside Story of the Guerilla War. New York<\/li>\n<li>Georges Catroux (1959): Deux Actes du Drame Indochinois. Paris<\/li>\n<li>Philippe Devillers (1952): Histoire du Viet-Nam de 1940 a 1952. Paris<\/li>\n<li>John E. Dreifort (1982) Japan&rsquo;s Advance into Indochina, 1940: The French Response, in: Journal of Southeast Asian Studies 13 (September)<\/li>\n<li>David K Fieldhouse (1984): Economics and Empire, 1830&ndash;1914. London<\/li>\n<li>Marc Frey (2016): Geschichte des Vietnamkriegs: Die Trag&ouml;die in Asien und das Ende des amerikanischen Traums (10. Aufl.). M&uuml;nchen<\/li>\n<li>Charles Fourniau (2002): Vietnam. Domination coloniale et r&eacute;sistance nationale (1858&ndash;1914). Paris<\/li>\n<li>Frank Gerke (1995): Vietnam und der Zweite Weltkrieg. Japanische Besetzung und der Beginn der Entkolonialisierung, in: s&uuml;dostasien informationen nr. 2, S. 13-16. Essen<\/li>\n<li>G&uuml;nter Giesenfeld (2018): Land der Reisfelder. Vietnam, Laos und Kambodscha: Geschichte und Gegenwart. Hamburg<\/li>\n<li>Martin Gro&szlig;heim (2011): Ho Chi Minh. Der geheimnisvolle Revolution&auml;r. M&uuml;nchen<\/li>\n<li>Hata Ikuhiko (1980): The Army&rsquo;s Move into Northern Indochina &ndash; &uuml;bersetzt von Robert A. Scalapino, in: The Fateful Choice: Japan&rsquo;s Advance into Southeast Asia, 1939-1941, S. 155-208 &ndash; hg. von James William Morley. New York<\/li>\n<li>Eric J. Hobsbawm (1987): The Age of Empire, 1875&ndash;1914. New York<\/li>\n<li>Eric T. Jennings (2001): Vichy in the Tropics: Petain&rsquo;s National Revolution in Madagascar, Guadeloupe, and Indochina, 1940-1944. Stanford<\/li>\n<li>Stanley Karnow (1997): Vietnam: A History (2. ver&auml;nderte &amp; akt. Aufl.). New York<\/li>\n<li>Huynh Kim Khanh (1982): Vietnamese Communism,1925-1945. Ithaca\/London<\/li>\n<li>Gabriel Kolko (1985): Anatomy of a War: Vietnam, the United States and the Modern Historical Experience. New York<\/li>\n<li>John T. McAlister, Jr. (1969): Viet Nam: The Origins of Revolution. New York<\/li>\n<li>David G. Marr (1980): World War II and the Vietnamese Revolution, in: Alfred W. McCoy (Ed.): Southeast Asia under Japanese Occupation. New Haven<\/li>\n<li>Sachiko Murakami (1981): Japan&rsquo;s Thrust into French Indochina: 1940 &ndash; 1945. New York<\/li>\n<li>Kiyoko Kurusu Nitz (1983): Japanese Military Policy towards French Indochina during the Second World War: The Road to the Meigo Sakusen (9 March 1945), in: Journal of Southeast Asian Studies 14 (September)<\/li>\n<li>Anne Raffin (2005): Youth Mobilization in Vichy Indochina and Its Legacies, 1940 to 1970. Lanham, MD<\/li>\n<li>Chieu Ngu Vu (1984): Political and Social Change in Vietnam between 1940 and 1946. Madison, WI<\/li>\n<li>Edward T. Wise (1991): Vietnam in Turmoil: The Japanese Coup, the OSS, and the August Revolution in 1945. Richmond, VA<\/li>\n<\/ul><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/7c59e45a3fe4401ea46d0e4463f0e160\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vietnam: Antikolonialer Widerstand mit Tradition (Teil VI von VII). Im sechsten Teil der siebenteiligen Serie zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Verm&auml;chtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien besch&auml;ftigt sich unser Autor Rainer Werning mit der Herrschaft Japans &uuml;ber Vietnam, das seit 1887 Teil von Franz&ouml;sisch-Indochina war. 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