{"id":66369,"date":"2020-11-01T11:45:59","date_gmt":"2020-11-01T10:45:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66369"},"modified":"2022-02-24T12:09:41","modified_gmt":"2022-02-24T11:09:41","slug":"gegen-fanatismus-hilft-nur-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66369","title":{"rendered":"\u201eGegen Fanatismus hilft nur die Aufkl\u00e4rung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Voltaires &bdquo;Dictionnaire philosophique portatif&ldquo;, 1764 erschienen, ist eine Abrechnung mit Dummheit, Fanatismus, Borniertheit und Intoleranz. In 73 Stichw&ouml;rtern lehrt das &bdquo;Philosophische Taschenw&ouml;rterbuch&ldquo;, was eine kritische, undogmatische Geisteshaltung ausmacht. Zu seiner Zeit wurde es verboten und verbrannt. Jetzt erscheint der Grundtext der Aufkl&auml;rung zum ersten Mal komplett auf Deutsch. Herausgeber <strong>Rainer Bauer<\/strong>, Begr&uuml;nder der Voltaire-Stiftung und des Blogs &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.correspondance-voltaire.de\/\">Correspondance-Voltaire<\/a>&ldquo;, erkl&auml;rt im Gespr&auml;ch mit den NachDenkSeiten, was dieses Buch heute mit Blick auf die Islamismus-Debatte, Madeleine Albright und Allerheiligen so brandaktuell macht. Von <strong>R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Nach mehrj&auml;hriger Arbeit haben Sie das &bdquo;Philosophische Taschenw&ouml;rterbuch&ldquo; des gro&szlig;en Philosophen und Schriftstellers Voltaire erstmals komplett aus dem Franz&ouml;sischen ins Deutsche &uuml;bersetzt auf den deutschen B&uuml;chermarkt gebracht. Was macht dieses 1764 erstmals erschienene Buch gut 250 Jahre nach seinem ersten Erscheinen so bedeutsam, dass es jetzt dank Ihres Engagements bei Reclam in einer bibliophilen Ausgabe ver&ouml;ffentlicht worden ist?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nStimmt, an der Publikation habe ich fast 12 Jahre, haupts&auml;chlich mit der &Uuml;bersetzerin Angelika Oppenheimer gearbeitet. Sie hatte bereits das Testament des Abb&eacute; Meslier aus dem Franz&ouml;sischen &uuml;bersetzt und das Buch von Condillac, &bdquo;Versuch &uuml;ber den Ursprung der menschlichen Erkenntnis&ldquo;. Sie ist eine Spezialistin f&uuml;r die franz&ouml;sische Sprache des 18. Jahrhunderts und ich glaube, dass die &Uuml;bersetzung dem Werk von Voltaire sehr nahe kommt.<br>\n&nbsp;<br>\nDas Philosophische Taschenw&ouml;rterbuch ist so etwas wie die Mao-Bibel der Aufkl&auml;rung, die erste gro&szlig;e Abrechnung mit dem Christentum und seiner Kirche &ndash; der Infamen, wie Voltaire sie nennt. Die Kirche und ihre Ideologie werden auf allen Ebenen scharf kritisiert. Voltaire entwickelte dazu eine Art dialogische Methode. Liest man die Artikel, ist es wie ein Gespr&auml;ch mit einem Geistesverwandten, der uns auch heute noch lehrt, wie man gegen die Autorit&auml;ten und ihre Doktrinen den eigenen Verstand einsetzen sollte. Das Buch ist in der Form seiner Erstausgabe bisher nie vollst&auml;ndig ins Deutsche &uuml;bersetzt worden, einige Artikel daraus erschienen hier und da, meist vermengt mit anderen Texten Voltaires. Daher ist es schon ein Ereignis, und ich bin sehr froh dar&uuml;ber, dass wir das geschafft haben und das Buch jetzt tats&auml;chlich bei Reclam ver&ouml;ffentlicht wurde.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Voltaire, bekannt f&uuml;r seine fulminante Religionskritik und Blasphemie, war als Vordenker der Aufkl&auml;rung auch ein Wegbereiter der Franz&ouml;sischen Revolution. Warum ist die Antihaltung Voltaires zu den gro&szlig;en monotheistischen Religionen so wichtig?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nZu Voltaires Lebzeiten wurden noch Menschen wegen &bdquo;Gottesl&auml;sterung&ldquo; verbrannt, so der Chevalier de la Barre in Abb&eacute;ville, oder wie Jean Calas in Toulouse wegen abweichender Religion ger&auml;dert. Voltaire hat seine ganze Kraft, seine Beziehungen und auch viel Geld eingesetzt, um der Kirche und ihrer Inquisition Einhalt zu gebieten. Und es ist ihm gelungen!<br>\n&nbsp;<br>\nSeine Hauptkritik betrifft die Offenbarungsbehauptung selbst, dass also Leute &ndash; Moses, Christus, Mohammed &ndash; behaupten, mit Gott gesprochen zu haben, und daraus ihre Berechtigung ableiten, den allein richtigen Glauben zu verk&uuml;nden. Wenn das nicht auf Lug und Trug, Machtinstinkt und anderen sehr weltlichen Dingen gegr&uuml;ndet ist, dann ist es zumindest ein Wahn, der leider oft genug zu blutigem Fanatismus f&uuml;hrt.<br>\n&nbsp;<br>\nVoltaire ist der Verfechter der religi&ouml;sen Toleranz, das hei&szlig;t, dass jeder seine Religion haben k&ouml;nnen soll. Oder auch gar keine. Und dass keine Religion und ihre Priester so viel Macht erlangen sollte, dass sie Andersdenkende verfolgen kann.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>In Frankreich ist gerade der P&auml;dagoge Samuel Paty von einem Islamisten brutal ermordet worden, weil er seine Sch&uuml;ler die Freiheit der Meinungs&auml;u&szlig;erung, die Freiheit zu glauben und nicht zu glauben, gelehrt hatte und daf&uuml;r im Unterricht unter anderem Karikaturen vom Propheten Mohammed gezeigt hatte, die in der Satirezeitschrift &bdquo;Charlie Hebdo&ldquo; ver&ouml;ffentlicht worden waren. M&uuml;sste Voltaire heute unter Polizeischutz leben wie das Redaktionsteam von &bdquo;Charlie Hebdo&ldquo; oder der Karikaturist Kurt Westergaards in D&auml;nemark?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nVoltaire hat sich dazu sehr konkret in dem Artikel &bdquo;Fanatismus&ldquo; im Philosophischen Taschenw&ouml;rterbuch ge&auml;u&szlig;ert. Er meinte, gegen Fanatiker w&uuml;rden keine Gesetze helfen, weil sie ihren Glauben h&ouml;her stellen als das b&uuml;rgerliche, weltliche Recht. Sie erw&uuml;rgen einen und glauben, dadurch in den Himmel zu kommen! Wenn der Fanatismus erst einmal zu einer Epidemie geworden sei, meint Voltaire, helfe nur die Aufkl&auml;rung, die von Mund zu Mund weitergegeben, die Sitten mildere. Wenn aber das &Uuml;bel des Fanatismus trotzdem zunehme, m&uuml;sse man fliehen und abwarten, bis die Luft wieder rein ist. Genau das hat er ja auch getan. Er hat sich in Ferney niedergelassen, von wo aus er jederzeit in die Schweiz h&auml;tte fliehen k&ouml;nnen.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Gleichzeitig hat Voltaire immer wieder f&uuml;r Toleranz geworben. Im gleichnamigen Kapitel schreibt er: &bdquo;Toleranz ist ein Pfand der Humanit&auml;t. Wir alle sind voller Schw&auml;chen und Irrt&uuml;mer; vergeben wir uns gegenseitig unsere Torheiten, dies ist das erste Gesetz der Natur.&ldquo; Aber auch: &bdquo;Habt ihr bei euch zwei Religionen, werden sie sich die Kehle durchschneiden, habt ihr drei&szlig;ig, leben sie miteinander in Frieden. Seht den Gro&szlig;t&uuml;rken: Er herrscht &uuml;ber Parsen, Banianen, griechisch-katholische Christen, Nestarianer und r&ouml;misch-katholische Christen. Der Erste, der es unternimmt, Unruhe zu stiften, wird gepf&auml;hlt, und ein jeder hat seinen Frieden.&ldquo; Was hei&szlig;t das &uuml;bertragen auf heute im Umgang mit dem politischen Islam und islamistischen Terrorismus vor dem Hintergrund, dass der t&uuml;rkische Pr&auml;sident Recep Tayyip Erdogan seinen franz&ouml;sischen Amtskollegen Emmanuel Macron frontal attackiert, weil der sich f&uuml;r Meinungsfreiheit und die Ver&ouml;ffentlichung von Karikaturen einsetzt, auch wenn sie Mohammed zum Thema haben?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nAlso ob Macron wirklich f&uuml;r das Recht eintritt, die Religion kritisieren zu d&uuml;rfen, ist f&uuml;r mich fraglich &ndash; Voltaires Position w&uuml;rde heute dazu f&uuml;hren, die Staatskirchen abzuschaffen, die Kirchensteuer, die versteckten Finanzierungen ihrer Einrichtung mit Steuergeldern zu beenden, konfessionelle Schulen und Universit&auml;ten aufzul&ouml;sen. Gerade das macht Macron nicht, im Gegenteil, seine Parteimitglieder sind oft mit dabei, wenn aus Saudi-Arabien finanzierte Moscheen, staatlicherseits zus&auml;tzlich subventioniert, geplant, gebaut und gef&ouml;rdert werden. In den Gymnasien hat seine Regierung den arabischen Sprachunterricht durch Lehrer aus den arabischen Staaten durchf&uuml;hren lassen. Sie lehren die Sprache auf der Basis des Koran.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Was ist nun aber von Schriftstellern wie Pascal Bruckner zu halten, die nach den Boykottaufrufen Erdogans gegen Frankreich ein selbstbewussteres Auftreten der europ&auml;ischen Demokratien gegen&uuml;ber der T&uuml;rkei fordern? In der FAZ bezeichnet der franz&ouml;sische Essayist die T&uuml;rkei als &bdquo;expansives Imperium&ldquo;, das Europa f&uuml;r vergangene Verbrechen schuldig spreche und sich gleichzeitig weigere, die eigenen anzuerkennen. Der t&uuml;rkische Pr&auml;sident bewaffne &uuml;berall Dschihadisten und treibe sie an. Zusammen mit Qatar f&ouml;rdere die T&uuml;rkei zudem ein starkes Netzwerk der islamistischen Muslimbr&uuml;der in Europa. Und an die Adresse der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel erkl&auml;rte Bruckner: &bdquo;Ich bedaure, dass Deutschland der T&uuml;rkei so furchtsam gegen&uuml;bertritt.&ldquo; &ndash; Soweit, so richtig. Gleichwohl, Bruckner geh&ouml;rt in Frankreich mit Bernard-Henri L&eacute;vy, Alain Finkielkraut und Andr&eacute; Glucksmann zu den Vertretern der &bdquo;Nouvelle Philosophie&ldquo;. Diese &bdquo;neuen Philosophen&ldquo; geh&ouml;ren seit dem v&ouml;lkerrechtswidrigen NATO-Krieg gegen Jugoslawien zu den schlimmsten Stichwortgebern imperialistischer Interventionspolitik. Wie positioniert sich da eine an Voltaire orientierte Linke?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nDie Position dieser Leute ist nicht schwer zu verstehen, sie ist ganz einfach &bdquo;Pro NATO&ldquo;. Alles, was aus den USA kommt, begr&uuml;&szlig;en sie. Und weil Erdogan, obwohl die T&uuml;rkei NATO-Mitglied ist, das Imperium tats&auml;chlich ein wenig gegen den Stiefel tritt, bek&auml;mpfen sie ihn.<br>\n&nbsp;<br>\nIn Deutschland haben wir eine ganz andere Situation, hier leben einige Millionen t&uuml;rkischst&auml;mmige Menschen. Und viele von ihnen sehen in Erdogan einen &bdquo;R&auml;cher der Entrechteten&ldquo;, sie freuen sich &uuml;ber seine Schimpftiraden. Ich sehe es als riesiges Vers&auml;umnis an, dass die Restlinke hier in Deutschland zu den vern&uuml;nftigen unter ihnen so wenig Beziehungen aufgebaut hat und dass es so wenig Solidarit&auml;t mit den Verfolgten in der T&uuml;rkei gibt. Mit Voltaire gehen, w&uuml;rde bedeuten, unter ihnen B&uuml;ndnispartner zu suchen, auch in den Elendsquartieren der Asylbewerber.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Nehmen wir Kevin K&uuml;hnert vom SPD-Vorstand. Der konstatierte am 21. Oktober in einem Gastbeitrag im Spiegel: &bdquo;In Frankreich wird ein Lehrer enthauptet &ndash; und wir finden keine Worte. Wenn die politische Linke den Kampf gegen Islamismus nicht l&auml;nger Rassisten &uuml;berlassen will, muss sie sich endlich mit diesem blinden Fleck besch&auml;ftigen.&ldquo; Die &bdquo;politische Linke&ldquo; m&uuml;sse &bdquo;klarstellen, dass in ihrer Idee von der gerechten Gesellschaft der Glaube eine Sache zwischen dem Einzelnen und seinem Gott ist. Niemals jedoch kann sie Glaube als eine die Freiheit einschr&auml;nkende Sache zwischen einzelnen Individuen akzeptieren. Zumal wenn diese im behaupteten Auftrag eines Gottes oder einer wie auch immer gearteten Ideologie meinen, Recht sprechen und exekutieren zu k&ouml;nnen. Die Durchsetzung dieses Prinzips ist noch keine hinreichende, wohl aber eine notwendige Voraussetzung f&uuml;r linke Politik.&ldquo; Kein Wort verliert der scheidende Juso-Vorsitzende dar&uuml;ber, dass die im Bund mitregierende SPD Erdogan in der T&uuml;rkei in den vergangenen zwei Jahren zum Spitzenempf&auml;nger deutscher Kriegswaffenexporte gemacht hat und auch das gerne &bdquo;K&ouml;nigreich&ldquo; genannte Kopf-Abschneider-Regime in Saudi-Arabien &uuml;ber Jahre zum &bdquo;Stabilit&auml;tsanker&ldquo; aufger&uuml;stet wurde, Despoten, die ihrerseits islamistische Terrorbanden unterst&uuml;tzen. Was lehrt uns Voltaire im Umgang mit jenen, die den Islamismus gei&szlig;eln, w&auml;hrend sie staatliche Islamisten bewaffnen?<\/strong><\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>Voltaire lehrt uns, diejenigen zu verachten, die links blinken und rechts fahren. Er w&uuml;rde uns raten, unsere Freunde gut auszuw&auml;hlen, solche, die aufrecht und ehrlich sind, der Wahrheit verbunden. Unter Leuten, die von Jugend an ihre Karriere in politischen Parteien geplant haben, wird man solche nur selten finden, glaube ich.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Die Verwirrung reicht weiter. Das J&uuml;dische Museum Berlin ehrt an diesem Wochenende neben dem Pianisten Igor Levit die fr&uuml;here US-Au&szlig;enministerin Madeleine Albright mit dem &bdquo;Preis f&uuml;r Verst&auml;ndigung und Toleranz&ldquo;. Letzteres ist an Zynismus nur schwer zu &uuml;berbieten. Zur Erinnerung: Die Toleranz von Madeleine Albright beim Massenmord an irakischen Kindern war grenzenlos. In der CBS-Fernsehshow &bdquo;60 Minutes&ldquo; am 12. Mai 1996 fragte Lesley Stahl die prominente Politikerin mit Blick auf die US-Sanktionen gegen den Irak: &bdquo;Wir haben geh&ouml;rt, dass eine halbe Million Kinder gestorben sind. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima umkamen. Und &ndash; sagen Sie, ist es den Preis wert?&rdquo; Die von US-Pr&auml;sident Bill Clinton berufene Au&szlig;enministerin Madeleine Albright antwortete: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uJtSpev8zWk\">Ich glaube, das ist eine sehr schwere Entscheidung, aber der Preis &ndash; wir glauben, es ist den Preis wert.<\/a>&ldquo; In ihrer Autobiographie sprach sie sp&auml;ter von einem &bdquo;politischen Fehler&ldquo;, bez&uuml;glich ihrer Antwort, nicht der massenm&ouml;rderischen Sanktionen. Soviel Verst&auml;ndigung muss sein &hellip;<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nStimmt, die Preisverleihung an Madeleine Albright hat auch mich sehr irritiert. Vielleicht war auch Gevatter Josef, der Fischer, mit dabei? Aber: Wer hat nicht alles den Friedens-Nobelpreis erhalten?<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Voltaire wird immer wieder auch Antisemitismus vorgeworfen. Gleich im ersten Kapitel &bdquo;Abraham&ldquo; nennt er Juden &bdquo;unsere Meister und unsere Feinde, (&hellip;) denen wir glauben und die wir verachten&ldquo; &hellip;<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nJa, das stimmt. Ich habe auf den Voltaire-Seiten zahlreiche Stellen aus seinen Schriften analysiert. Die genannte aus dem Artikel &bdquo;Abraham&ldquo; ist auch darunter. Hier f&auml;llt es einem sozusagen geradezu ins Gesicht, dass er damit die katholische Kirche ironisiert, die im j&uuml;dischen Volk ihre Vorfahren sieht, die blo&szlig; den einen Fehler haben, um das Jahr Null herum nicht verstanden zu haben, dass jetzt ein neuer Prophet, Jesus Christus eben, den richtigen Glauben verk&uuml;ndet. An den allermeisten Stellen kritisiert Voltaire die Juden in ihrer alttestamentarischen Existenzweise, er kritisiert die Bibel, die f&uuml;nf B&uuml;cher Mose. Es gibt jedoch keine einzige Stelle, an der er einen Juden pers&ouml;nlich angreift, ganz im Gegenteil. In seiner &bdquo;Predigt des Rabbi Akib&ldquo; verteidigt er die Juden vehement gegen die Verfolger der spanischen Inquisition.<br>\n&nbsp;<br>\nAber das Judentum ist eine Offenbarungsreligion, die Juden behaupten, Gottes einzigartiges, auserw&auml;hltes Volk zu sein, und das h&auml;lt Voltaire, um es gelinde zu sagen, f&uuml;r eine antihumane Anma&szlig;ung, &auml;hnlich bei den Christen und den Mohammedanern &ndash; deshalb hat man ihn auch als Islamophoben beschimpft. Wie immer es auch passt.<br>\n&nbsp;<br>\nIch habe zuletzt eine Zuschrift erhalten mit einem Essay, in dem Voltaire als Freund der Juden bezeichnet wird. Das war er nach meiner Auffassung nicht, f&uuml;r ihn waren sie ganz einfach die Vorl&auml;ufer der intoleranten Christen, die er, indem er die intoleranten Juden des alten Testaments kritisierte, in eine gemeinsame, vernunft- und menschenfeindliche Geschichte einordnet.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Voltaire steht auch von links unter Beschuss. Er habe am Kolonialhandel mitverdient, wird ihm vorgeworfen. In Paris wurde zuletzt im Juni die Statue des Mannes, der die heutigen Grundlagen der freien Meinungs&auml;u&szlig;erung legte, besch&auml;digt und mit roter Farbe &uuml;bergossen. Danach wurde das Denkmal von der Stadtverwaltung demontiert. Was ist dran an den Vorw&uuml;rfen? Ist Voltaire der Abraham Lincoln der Philosophie, der sich f&uuml;r Freiheit und Toleranz einsetzt, gleichzeitig aber pers&ouml;nlich von Kolonialismus und Sklaverei profitiert?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nAch ja, was hei&szlig;t da schon links: &Auml;hnlich, wie man die DDR madig macht, weil es auf diesem oder jenem Posten ein fr&uuml;heres NSDAP-Mitglied gab, gleichzeitig die BRD, in der 80 Prozent der Richter eine NSDAP-Vergangenheit hatten, von jeder Kritik ausnimmt, so ist es auch hier. F&uuml;r Voltaire war die Kirche, die katholische, der Hauptfeind. Auf die Auseinandersetzung mit ihr richtete er sein Augenmerk. Den Sklavenhandel hat er niemals begr&uuml;&szlig;t, wie man in seinem Artikel &bdquo;Esclaves&ldquo; in den &bdquo;Questions sur l&rsquo;Encyclop&eacute;die&ldquo; nachlesen kann.<br>\n&nbsp;<br>\nBei den Attacken gegen die Voltaire-Statue wegen &bdquo;Kolonialismus&ldquo; geben die Akteure vor, Freunde der ehemaligen Kolonialstaaten zu sein. Wie viele von ihnen sind unter ihnen, die getaufte Mitglieder des gr&ouml;&szlig;ten Kolonialismus-Bef&uuml;rwortervereins der Geschichte sind? Wie viele sind auch Muslime, deren Vorfahren den Sklavenhandel in ganz Afrika organisiert haben? Ich glaube ganz fest, dass diese Leute der Hass und die Wut auf die Freiheit des Geistes, der Sexualit&auml;t und die antiautorit&auml;re Grundhaltung, die f&uuml;r Voltaire und seine Verb&uuml;ndeten typisch war und ist, antreibt.<br>\n&nbsp;<br>\nDie Behauptung, er habe &bdquo;am Kolonialhandel&ldquo; verdient, reiht sich ein in viele &auml;hnliche Vorw&uuml;rfe, wie etwa den, dass er reich war. Damit wird ausgerechnet der Punkt angegriffen, der es ihm erm&ouml;glichte, anders als Leibniz, Kant und andere in Deutschland, unabh&auml;ngig vom Adel zu sein. Im Gegenteil hat Voltaire einigen F&uuml;rsten sogar Geld ausgeliehen und dann gute Zinsen eingenommen. War er also Profiteur der Missetaten dieser F&uuml;rsten? Ist heute jemand, der einen BMW f&auml;hrt, Unterst&uuml;tzer der Quandts und Klattens? Das ist nicht einfach nur l&auml;cherlich. Es ist eine Strategie, die darauf abzielt, den wichtigsten Vertreter der Aufkl&auml;rung, und diese mit ihm, aus unserem Denken zu verbannen. Gegen diese Tendenz habe ich die Voltaire-Internetseiten aufgebaut und das Philosophische W&ouml;rterbuch herausgegeben. Ich will Menschen, die wissen wollen, wie Voltaire wirklich schrieb, wie er nachdachte, Gelegenheit geben, das selbst zu &uuml;berpr&uuml;fen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Voltaire: Philosophisches Taschenw&ouml;rterbuch. Nach der Erstausgabe von 1764 erstmals vollst&auml;ndig ins Deutsche &uuml;bersetzt von Angelika Oppenheimer. Herausgeber: Rainer Bauer. Reclam 2020. Halbleinen, Fadenheftung, Leseb&auml;ndchen, 444 Seiten, 36,00 Euro<\/p><p>F&uuml;r bibliophile Voltaire-Freunde gibt es eine limitierte hochwertige Sonderausstattung auf spezialgegl&auml;ttetem Naturpapier Schleipen Fly gedruckt, ledergebunden in Wintan Safia, Rot, von Winter &amp; Company mit Goldpr&auml;gung, Fadenheftung, Leseb&auml;ndchen. 98,00 Euro<\/p><p><strong>Weitere Informationen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.voltaire-stiftung.de\">voltaire-stiftung.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.correspondance-voltaire.de\">correspondance-voltaire.de<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: German Vizulis \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Voltaires &bdquo;Dictionnaire philosophique portatif&ldquo;, 1764 erschienen, ist eine Abrechnung mit Dummheit, Fanatismus, Borniertheit und Intoleranz. In 73 Stichw&ouml;rtern lehrt das &bdquo;Philosophische Taschenw&ouml;rterbuch&ldquo;, was eine kritische, undogmatische Geisteshaltung ausmacht. Zu seiner Zeit wurde es verboten und verbrannt. Jetzt erscheint der Grundtext der Aufkl&auml;rung zum ersten Mal komplett auf Deutsch. Herausgeber <strong>Rainer Bauer<\/strong>, Begr&uuml;nder der Voltaire-Stiftung und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66369\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":66370,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,209,199,161],"tags":[1457,1949,999,2253,2066,1865,1163,2981],"class_list":["post-66369","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ideologiekritik","category-interviews","category-kirchen-religionen","category-wertedebatte","tag-albright-madeleine","tag-aufklaerung","tag-erdogan-recep-tayyip","tag-kuehnert-kevin","tag-macron-emmanuel","tag-meinungsfreiheit","tag-meinungspluralismus","tag-voltaire"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/shutterstock_1483578893.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=66369"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81183,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66369\/revisions\/81183"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/66370"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=66369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=66369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=66369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}