{"id":6638,"date":"2010-09-02T17:07:39","date_gmt":"2010-09-02T15:07:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6638"},"modified":"2014-02-24T12:35:24","modified_gmt":"2014-02-24T11:35:24","slug":"selbstgleichschaltung-der-hauptmedien-auf-der-stufe-der-ignoranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6638","title":{"rendered":"Selbstgleichschaltung der Hauptmedien auf der Stufe der Ignoranz"},"content":{"rendered":"<p>Die Tiraden des Herrn Sarrazin haben f&uuml;r die herrschenden Kreise aus der Oberschicht und oberen Mittelschicht einen angenehmen Nebeneffekt: Indem S. die Unterschichten im allgemeinen und die Zuwanderer im besonderen f&uuml;r tendenziell d&uuml;mmer erkl&auml;rt, erscheinen die Oberen spiegelbildlich als kl&uuml;ger. Das steht im Widerspruch zu seit l&auml;ngerem angestellten Beobachtungen. Im gehobenen Management wie auch im oberen Feld des Journalismus grassiert Ignoranz und der Mangel an Umsicht und Differenziertheit. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nIn den Hinweisen von heute ist schon auf <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=me&amp;dig=2010%2F09%2F01%2Fa0090&amp;cHash=27012f3dbe\">Robert Misiks St&uuml;ck in der TAZ<\/a>. Misik spricht von einem &bdquo;dummen Demagogen&ldquo; und nennt seine Thesen &bdquo;haarstr&auml;ubend d&auml;mlich&ldquo; und sein Werk &bdquo;Schrott&ldquo;. Das ist wohl die richtige Kennzeichnung und es ist wichtig, dies auszusprechen, weil im Kontext der Schrott-Produzenten, die die Talkshows bev&ouml;lkern, also den Henkels, Barings, Metzgers, Friedmans, Dohnanyies, etc. Sarrazin als Leuchtturm erscheinen k&ouml;nnte.<\/p><p>Bei &Auml;u&szlig;erungen von Spitzenvertretern der Wirtschaft f&auml;llt oft auf, wie eng deren Perspektive ist. Meist betriebswirtschaftlich. Viele sehen z.B. nicht mehr, wie wichtig Arbeitsvertragssicherheit und soziale Sicherheit f&uuml;r die Kreativit&auml;t ihrer Mitarbeiter ist. Bei der Bewertung und dem Einsatz finanzieller Anreize endet oft ihr Horizont. &ndash; Sie reden bei volkswirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Problemen mit, sind aber auch da zumeist undifferenziert, weil Opfer der Klischees, die ihre Verb&auml;nde und ihre Freunde in den Medien verbreiten. Ihre Urteile z.B. &uuml;ber Konjunkturprogramme, &uuml;ber den angeblichen Sparzwang und die Schuldengrenze, &uuml;ber die gesetzliche Rente und &uuml;ber die Privatisierung &ouml;ffentlicher Einrichtungen, &uuml;ber die Globalisierung und &uuml;ber den demographischen Wandel sind meist geliehene Urteile. Ignoranz grassiert in diesen Oberschichten. Man k&ouml;nnte es auch Dummheit nennen. Sie sympathisieren mit Sarrazin auch deshalb, weil er sie durch seine Zuweisung von Dummheit an die Unterschicht quasi automatisch &bdquo;hochhebt&ldquo;.<\/p><p><strong>Sicherheit durch Selbstgleichschaltung bei den Hauptmedien<\/strong><\/p><p>Mittelma&szlig; und Ignoranz beherrscht leider auch die oberen Schichten der Publizistik. Am Umgang mit dem Thema Demographie kann man dies besonders gut beobachten. Die meisten Medienschaffenden kommen &uuml;ber die Standardbetrachtung nicht hinaus. Diese lautet: Da immer mehr Alte auf weniger Arbeitsf&auml;hige kommen, muss das Renteneintrittsalter angehoben werden und\/oder die Renten k&ouml;nnen nicht mehr steigen. Die vielen anderen Stellschrauben zur L&ouml;sung des Problem werden in der Regel ignoriert. Die Erh&ouml;hung der Arbeitsproduktivit&auml;t, die Erh&ouml;hung der Erwerbsquote insbesondere von Frauen und die Verringerung der Arbeitslosigkeit wie auch die M&ouml;glichkeit, den 8,6 Millionen Menschen, die nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes gerne mehr arbeiten w&uuml;rden, Arbeit zu verschaffen werden nicht als Mittel zur L&ouml;sung des Problems gesehen. Auch die m&ouml;glichen Ver&auml;nderungen der Finanzierungsbasis durch Einbeziehung von bisher nicht herangezogenen Beitragszahlern oder gar die Erw&auml;gung einer Wertsch&ouml;pfungsabgabe werden in der Regel nicht in betracht gezogen. Gerade die Missachtung der Chancen der Erh&ouml;hung der Arbeitsproduktivit&auml;t ist nicht zu begreifen, weil diese Chancen allein vermutlich schon reichen, um das Problem ohne Verlust an Wohlstand f&uuml;r Arbeitende und Rentner zu l&ouml;sen.<\/p><p>Einen eindrucksvollen Beleg f&uuml;r die grassierende Einfalt schuf J&ouml;rg Sch&ouml;nenborn im Presseclub vom 15.8.2010. (Siehe unten Anlage) Der Diskussionsleiter und Chefredakteur des WDR-Fernsehens bezeugte beim Thema Rente mit 65, 67 oder 70  auf bemerkenswerte Weise die Selbstgleichschaltung der Medien. Er hatte ein Gremium von vier Journalistinnen und Journalisten geladen, die alle einschlie&szlig;lich seiner Person gleicher Meinung waren &ndash; f&uuml;r die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters. Um diese Selektion der G&auml;ste als glaubw&uuml;rdig erscheinen zu lassen, erkl&auml;rte er in der Minute 9&rsquo;29&rsquo;&rsquo; der Sendung, &bdquo;wir&ldquo; h&auml;tten bei der Einladung gesucht, aber es sei kaum m&ouml;glich, unter den Journalistinnen und Journalisten der g&auml;ngigen Zeitungen jemanden zu finden, der eine deutlich andere Meinung vertrete als die geladenen G&auml;ste, n&auml;mlich eindeutig f&uuml;r die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters. Dann verwies er noch auf die abweichende Mehrheitsmeinung im Volk und insbesondere im G&auml;stebuch des Presseclub. Dort k&ouml;nne man kaum jemanden finden, der die Position vertrete, die &bdquo;hier am Tisch&ldquo; ge&auml;u&szlig;ert werde.<br>\nDie am Tisch ge&auml;u&szlig;erten Meinungen waren so einf&auml;ltig und undifferenziert wie oben skizziert.<br>\nDas ist kein Einzelfall. Offensichtlich steigt man in die gehobenen Kreise der Publizistik (wie auch anderer Milieus) nur auf, wenn man die Differenzierung aufgibt und sich auf einfache und grobe Erkenntnisse und L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten beschr&auml;nkt. Vermutlich ist diese Beschr&auml;nkung eine Voraussetzung f&uuml;r die notwendige Gleichrichtung. Das nenne ich Selbstgleichschaltung. Sie ist deshalb notwendig, damit das Mittelma&szlig; insgesamt nicht auff&auml;llt. So gewinnt man Sicherheit.<\/p><p><strong>Anlage 1:<br>\nPresseclub 15.8.2010<\/strong><\/p><p>Quelle 1: <a href=\"http:\/\/www.ardmediathek.de\/ard\/servlet\/content\/3517136?documentId=5190162\">Link zur gesamten Sendung im H&ouml;rfunk<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MY3TOC6e0ZA\">YouTube<\/a><\/p><p>Mit J&ouml;rg Sch&ouml;nenborn zum Thema<br>\n<strong>65, 67, 70 &ndash; das Geschacher um die Rente<\/strong><br>\nund folgenden G&auml;sten:<\/p><ul>\n<li>Richard Kiessler<br>\nChefredakteur und Sonderkorrespondent Au&szlig;enpolitik<br>\nWAZ-Gruppe<\/li>\n<li>Michael Sauga<br>\nStellvertretender Leiter des Hauptstadtb&uuml;ros<br>\nDer Spiegel<\/li>\n<li>Kerstin Schwenn<br>\nKorrespondentin in der Berliner Parlaments-Redaktion<br>\nFrankfurter Allgemeine Zeitung<\/li>\n<li>Dorothea Siems<br>\nMitglied der Parlamentsredaktion<br>\nWelt<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tiraden des Herrn Sarrazin haben f&uuml;r die herrschenden Kreise aus der Oberschicht und oberen Mittelschicht einen angenehmen Nebeneffekt: Indem S. die Unterschichten im allgemeinen und die Zuwanderer im besonderen f&uuml;r tendenziell d&uuml;mmer erkl&auml;rt, erscheinen die Oberen spiegelbildlich als kl&uuml;ger. 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