{"id":66601,"date":"2020-11-08T11:45:45","date_gmt":"2020-11-08T10:45:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66601"},"modified":"2020-11-08T13:06:21","modified_gmt":"2020-11-08T12:06:21","slug":"werden-wir-immer-kindischer-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66601","title":{"rendered":"Werden wir immer kindischer? \u2013 Eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Kann man in unserer Gesellschaft von erwachsenen Menschen nicht mehr erwachsenes Verhalten erwarten? Werden wir in unserem Verhalten immer kindlicher? Der Journalist und Autor Alexander Kissler diagnostiziert in seinem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ebook\/Alle-Buecher\/Die-infantile-Gesellschaft-Wege-aus-der-selbstverschuldeten-Unreife.html\">Die infantile Gesellschaft<\/a>&ldquo; genau dies. Wir seien eine Gesellschaft der Kindsk&ouml;pfe geworden, in der sich immer mehr  Erwachsene genauso verhielten: wie Kindsk&ouml;pfe. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong>, der das Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen hat, stimmt Kisslers These zu. Meint aber, dass Kisslers Argumentation zu w&uuml;nschen &uuml;brig l&auml;sst und an einer Stelle ebenfalls ein infantiles Denken offenbart.<br>\n<!--more--><br>\nAlexander Kissler bezieht sich in seinem Buch mehrfach auf das Buch &bdquo;Erwachsenensprache. &Uuml;ber ihr Verschwinden aus Politik und Kultur&ldquo; des &ouml;sterreichischen Philosophen Robert Pfaller. Dessen brillante Analyse war offenbar eine wichtige Inspirationsquelle f&uuml;r ihn und sein Thema. Er &uuml;bernimmt auch Pfallers Definition von Erwachsenheit, n&auml;mlich dass diese kein biologisches Faktum sei, sondern eine Haltung. Dazu geh&ouml;re u. a., zwischen &bdquo;&ouml;ffentlich&ldquo; und &bdquo;privat&ldquo; zu unterscheiden und im &ouml;ffentlichen Raum von sich selbst und den eigenen Bed&uuml;rfnissen absehen zu k&ouml;nnen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Kunst des Erwachsenenseins besteht darin, Distanz zu ertragen, abstrahieren zu k&ouml;nnen, von sich selbst absehen zu k&ouml;nnen, den Unterschied zwischen drinnen und drau&szlig;en, Privatheit und &Ouml;ffentlichkeit, Ich und Nicht-Ich ermessen zu k&ouml;nnen. (&hellip;) Er (der Erwachsene; UB) h&auml;lt weder die Welt f&uuml;r eine Ausformung des Ichs noch das Ich f&uuml;r einen blo&szlig;en Wurmfortsatz der Welt. (&hellip;) Unter Erwachsenen spricht man auf erwachsene Art und Weise miteinander. Man versteckt sich nicht hinter Wolken der Empfindsamkeit oder in der Maske der Rechthaberei&ldquo; (S. 216-217).\n<\/p><\/blockquote><p>Die gesellschaftliche Realit&auml;t sei aber ins Gegenteil abgedriftet, denn wir w&uuml;rden (hier zitiert Kissler den Journalisten Tobias Haberl):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;(&hellip;) vom Zeitgeist dazu ermuntert, immer noch empfindlicher gegen&uuml;ber anderen Meinungen zu werden, was man wunderbar auf Twitter beobachten kann, wo inzwischen jedes Wort, das nicht hundertprozentig besenrein ist, reflexhaft sanktioniert wird&ldquo; (S. 129).\n<\/p><\/blockquote><p>Dies sei insbesondere ein Problem in Bildungsbereichen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Staatliche Schulen und Hochschulen legen einen Korridor des Erw&uuml;nschten, jenseits fachlicher Inhalte. Das Korrekte &uuml;bertrumpft im Zweifel das Wahre. Aus der einen Universitas Litterarum werden die vielen &bdquo;Safe Spaces&ldquo; der Sensiblen. Studenten werden besch&uuml;tzt vor den Zumutungen unzeitgem&auml;&szlig;er Wissensformen, Dozenten &ndash; ich korrigiere: Lehrende &ndash; vor falscher Neugier. Ausgangspunkt in beide Richtungen: der Mensch als ewiges Kind&ldquo; (S. 129).\n<\/p><\/blockquote><p>Kisslers Schlussfolgerung, die ich ausdr&uuml;cklich teilen kann: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine Gesellschaft kann nur dann in zahllose Schutz- und Schonr&auml;ume zerfallen, wenn sie im Menschen ein hochempfindliches, leicht erregbares und allzeit beleidigtes Kind sieht&ldquo; (S 130).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die infantile Gesellschaft hat eine l&auml;cherliche und eine sehr gef&auml;hrliche Seite<\/strong><\/p><p>Dies hat zum einen eine unglaublich l&auml;cherliche Seite. Ein Beispiel daf&uuml;r sind die Protestaktionen an der Alice Salomon Hochschule in Berlin, an die sich viele noch erinnern werden. Auf der Wand des Hochschulgeb&auml;udes war in gro&szlig;en Lettern ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer zu lesen. Es hatte den Titel: &bdquo;Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.&ldquo; Studentinnen f&uuml;hlten sich angeblich von diesem Gedicht sexistisch bel&auml;stigt. Soweit mir bekannt ist, beklagten sich auch m&auml;nnliche Studenten &uuml;ber das Gedicht. Und die Hochschulleitung hat es dann tats&auml;chlich entfernen lassen. Man fragt sich angesichts dessen: Wie k&ouml;nnen sich erwachsene Menschen allen Ernstes von diesem Gedicht sexistisch bel&auml;stigt f&uuml;hlen? Dies kann entweder nur die Inszenierung einer gro&szlig;en L&uuml;ge f&uuml;r ideologische Zwecke sein. Oder wir haben es, sollte es tats&auml;chlich stimmen, mit hochinfantilen Erwachsenen zu tun, die dringend einer psychotherapeutischen Behandlung bed&uuml;rfen, um erwachsen zu werden. Auch die Hochschulleitung, die doch tats&auml;chlich brav das Gedicht hat entfernen lassen, sollte sich ebenfalls zur Nachreifung in Psychotherapie begeben und bitte sofort ihr F&uuml;hrungsamt aufgeben. Denn damit waren diese Damen und Herren (man verzeihe mir, dass ich die genaue Zusammensetzung der Hochschulleitung nicht mehr recherchiert habe) offensichtlich komplett &uuml;berfordert. So ein Amt ist nichts f&uuml;r kindliche Erwachsene, die Angst bekommen, wenn sie mal ein bisschen Gegenwind ins Gesicht geweht bekommen.<\/p><p>Aber es gibt neben der l&auml;cherlichen Seite auch eine extrem gef&auml;hrliche Seite des infantilen gesellschaftlichen Trends zur Politischen Korrektheit. Die konnten wir erst j&uuml;ngst in Frankreich erleben: Ein radikaler Islamist ermordete auf grausamste Weise einen Lehrer, der es gewagt hatte, im Unterricht Karikaturen &uuml;ber Mohammed aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo f&uuml;r das Thema &bdquo;Meinungsfreiheit&ldquo; zu verwenden. Das reichte f&uuml;r einige Islamisten aus, um diesen Mann mit einer Fatwa (das ist so etwas wie ein religi&ouml;ses Rechtsgutachten) quasi zum Tode zu verurteilen und dessen T&ouml;tung als legitimen Akt hinzustellen. Das ist ein Verhalten &ndash; und Achtung, jetzt kommt eine These, die manche aufheulen lassen wird &ndash; das sich nur graduell von den semantischen Vernichtungsfeldz&uuml;gen der Politisch Korrekten unterscheidet. Denn die Denkstruktur dahinter ist dieselbe: &bdquo;Man darf nichts sagen oder tun, was meine Gef&uuml;hle verletzt.&ldquo; Und damit wird der &ouml;ffentliche Raum als Ort argumentativer Auseinandersetzung, in dem dar&uuml;ber gestritten wird, was politisch, gesellschaftlich, &ouml;konomisch usw. richtig oder falsch ist, zerst&ouml;rt. Genau diesen Aspekt hat Kissler sehr sch&ouml;n auf den Punkt gebracht: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die besenreine Gesellschaft, das kantenfreie Utopia: Da hat eine Generation ihr Leben unter emotionalem Vorbehalt gestellt. Eine subjektive Wende fand statt, das Ich ersetzt das Argument und bringt jedes Gespr&auml;ch zum Verstummen. Wie will man Empfindungen widerlegen? Wie Erfahrungen bestreiten? Das Ich in der Arena duldet keine fremden G&ouml;tter neben sich. Von der falschen Ebene auf die schiefe Bahn ger&auml;t eine Gesellschaft, wenn sie Gef&uuml;hle unter sozialen Bestandsschutz stellt. Es ist nicht nur eine Peter-Pan-, es ist, schlimmer noch, eine Rumpelstilzchen- und Suppenkasper-Gesellschaft geworden. (&hellip;) Eine Gesellschaft voller Ressentiments, weil Zorn und Wut nicht zu Argumenten sublimiert werden (sublimieren = verfeinern; UB). Jeder steht auf dem Quadratmeter seiner Erregung, bewacht ihn eifers&uuml;chtig, stapft trotzig auf und beharrt auf seinem Gef&uuml;hl. L&auml;chelt, wenn er sich ungest&ouml;rt austoben darf. Wenn man ihm applaudiert, egal was er tut. Von solcher Zersplitterung einer Gesellschaft in lauter kleine Ich-K&ouml;nige profitiert eine Politik, die im B&uuml;rger den Konsumenten von Wohltaten sieht, die man ihm zuteilt, um ihn kleinzuhalten und damit er nicht auf unerw&uuml;nschte Gedanken kommt, (&hellip;)&ldquo; (S. 133-134).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Was Kisslers Buch von Robert Pfallers &bdquo;Erwachsenensprache&ldquo; unterscheidet<\/strong><\/p><p>Wie ich oben schon erw&auml;hnte, &uuml;bernimmt Kissler Robert Pfallers Definition von Erwachsenheit als eine Haltung. Allerdings distanziert er sich auch ausdr&uuml;cklich von Pfallers Erkl&auml;rungsansatz f&uuml;r die infantilisierte Gesellschaft. Pfaller sieht einen Zusammenhang zwischen der neoliberalen Ideologie, die mit ihrer Konkurrenzideologie das Ich und seine Bed&uuml;rfnisse in den Mittelpunkt stellt (perfekt von der Deutsche-Bank-Tocher &bdquo;Postbank&ldquo; mit ihrem alten Werbeslogan auf den Punkt gebracht: &bdquo;Unterm Strich z&auml;hl ich&ldquo;) und alles &Ouml;ffentliche und Staatliche denunziert und bek&auml;mpft. Die neoliberale Ideologie habe damit einen egomanischen und kindlichen Narzissmus bef&ouml;rdert. Kissler schreibt dazu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Robert Pfaller zufolge befeuert die politische Elite solche Prozesse der Infantilisierung, weil damit Entsolidarisierungen einhergehen: &sbquo;Man hat ja offensichtlich begonnen, mit Erwachsenen so kindlich zu sprechen, damit sie erst gar nicht auf den Gedanken kommen, sich gegen die neoliberalen Entwicklungen zur Wehr zu setzen.&rsquo; Der verkindlichte Mensch ist in dieser Lesart derart intensiv mit seinen eigenen Anspr&uuml;chen und Kr&auml;nkungen besch&auml;ftigt, dass er sich f&uuml;r die allgemeine soziale Lage ebenso wenig interessieren kann wie f&uuml;r den konkreten anderen. Gerade so setze der Neoliberalismus seine Agenda durch. Die egalit&auml;re Gesellschaft schwinde St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck, denn &sbquo;Gleichheit setzt Erwachsenheit voraus: die F&auml;higkeit, vom Privaten und Pers&ouml;nlichen abzusehen und nur das &ouml;ffentlich Relevante zu behandeln&rsquo;. <\/p>\n<p>Die Beobachtungen Pfallers teile ich, seine Schuldzuweisung &uuml;berzeugt mich nicht. In die N&auml;he von Verschw&ouml;rungstheoretikern ger&auml;t, wer hinter den in der Tat mit H&auml;nden zu greifenden Infantilisierungstendenzen unserer Gesellschaft den einen gro&szlig;en Drahtzieher vermutet, den b&ouml;sen Neoliberalismus. Wir br&auml;uchten, denke ich, mehr klassischen Neoliberalismus in der Nachfolge eines Alfred M&uuml;ller-Armack oder Wilhelm R&ouml;pke. (&hellip;) Auch mag ich nicht so recht an eine konzertierte Aktion von Falken und Tauben glauben, die Pfaller offenbar in den Vereinigten Staaten am Werk sieht, wenn er schreibt &sbquo;(&hellip;) im selben Moment, in dem die USA und ihre Verb&uuml;ndeten die Welt mit Krieg (&hellip;) &uuml;berziehen, &uuml;berziehen sie die Welt auch mit einer Ideologie des ges&auml;uberten, verharmlosenden Sprechens&rsquo;&ldquo; (S. 215).\n<\/p><\/blockquote><p>Kissler entlarvt an dieser Stelle unfreiwillig die aktuelle Rhetorik der konservativen und liberalen Eliten: Wer gegen die neoliberale Politik argumentiert, wird als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; gebrandmarkt. Auch der konservative Kissler kann es sich nicht verkneifen, einen so brillanten Autor wie Pfaller, den er ja sogar selbst sch&auml;tzt, als Verschw&ouml;rungstheoretiker zu denunzieren (auch wenn er dies nicht direkt behauptet, sondern Pfaller &bdquo;nur&ldquo; in eine geistige N&auml;he zu Verschw&ouml;rungstheoretikern setzt). Damit aber verbaut er sich tiefergehende Einsichten, die man in Pfallers Buch &bdquo;Erwachsenensprache&ldquo; zuhauf findet. <\/p><p><strong>Bildungsb&uuml;rgerlich-konservative Beckmesserei<\/strong><\/p><p>Und das ist auch der Grund, warum Kisslers Buch &uuml;ber weite Strecken in eine bildungsb&uuml;rgerlich-konservative Beckmesserei ausartet: Es fehlt ihm eine theoretisch fundierte These, die erkl&auml;rt, warum westliche Gesellschaften immer kindlicher werden. Er sieht zum Beispiel auch bei einem Verkehrsprojekt des Berliner Senats und des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg in der Bergmannstra&szlig;e Infantilit&auml;t am Werke: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Da gibt es, wo eben noch Autos parken oder fuhren, Tiere aus Beton, echten Kindern zur Benutzung freigegeben. Da warten B&auml;nke aus Stahl oder Holz auf erwachsene Anwohner, Touristen, Kleinkriminelle. Da signalisieren gr&uuml;ne Punkte auf Berliner Stra&szlig;enbelag erh&ouml;hten Kindlichkeitsbedarf. (&hellip;) &rsquo;Wir wollen die Stra&szlig;e als attraktiven Lebensort&rsquo; sagt die Fraktionsvorsitzende der Gr&uuml;nen im Berliner Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, &sbquo;deshalb experimentieren wir.&rsquo; Fr&uuml;her wollte man Kinder von der Stra&szlig;e holen. Heute sollen Erwachsene auf der Stra&szlig;e leben, als w&auml;ren sie noch Kinder. Berlin, du schaffst mich&ldquo; (S. 168).\n<\/p><\/blockquote><p>Ich kenne die Bergmannstra&szlig;e nicht und kann letztlich nicht beurteilen, ob das alles wirklich so idiotisch ist, wie Kissler es darstellt. Nur: Schwachsinnige Verkehrsplanungen gibt es in ganz Deutschland. Sie haben etwas zu tun mit einer bornierten und\/oder unf&auml;higen B&uuml;rokratie. Deshalb erschlie&szlig;t es sich mir nicht, warum es ein Ausdruck von Infantilit&auml;t sein soll, wenn eine Stra&szlig;e auch f&uuml;r Kinder als Ort zum Spielen genutzt werden k&ouml;nnen soll. Das gab es in dem Dorf in Niedersachsen, in dem ich aufgewachsen bin, schon vor Jahrzehnten. Hier schimmert bei Kissler viel altb&uuml;rgerlich-konservatives Ressentiment durch. <\/p><p><strong>Ein entfremdetes Verh&auml;ltnis zur Natur<\/strong><\/p><p>Das gilt auch bei einem anderem Thema. Ein ganzes Kapitel widmet Kissler den Wolfssch&uuml;tzern. Seine These:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Kein Tier hat in den vergangenen Jahren einen derart rasanten, derart radikalen Imagewandel hingelegt wie der Wolf. Jeder PR-Berater w&auml;re stolz auf eine solche mediale Neuerfindung. Aus dem b&ouml;sen wurde der liebe Wolf, aus dem Eindringling der R&uuml;ckkehrer, aus dem Feind der neue Nachbar, aus einem Raubtier der bessere Mensch &ndash; zumindest dort, wo man von den auch blutigen Nebenfolgen dieser Neuansiedlung verschont bleibt und sein Geld nicht gerade mit Schafen verdient. (&hellip;) Der Wolf wird dann zum Symbol f&uuml;r eine bessere Welt, nimmt eine Harmonie von Tier und Mensch vorweg, lehrt seine Wolfsweisheit, heilt uns&ldquo; (S.69).\n<\/p><\/blockquote><p>Gerade dieses Kapitel &uuml;ber den Wolf ist sehr lehrreich &ndash; nur ganz anders, als Kissler es beabsichtigt hat. Zun&auml;chst einmal ist festzustellen, dass vieles, was Kissler in diesem Kapitel an Beispielen und Zitaten bringt, durchaus kritisch gesehen und als romantisierend und verkl&auml;rend bewertet werden kann. Die Betonung liegt auf dem Wort &bdquo;kann&ldquo;. Man muss es nicht so sehen. Man kann es auch ganz anders sehen. In jedem Fall erschlie&szlig;t sich mir nicht, warum eine bisweilen vielleicht romantisierende Sichtweise des Wolfes etwas mit Infantilit&auml;t zu tun haben soll. <\/p><p>Zum anderen f&auml;llt ins Auge, dass Konservative wie Kissler offenbar ein Problem mit der Natur haben. Oder besser gesagt: Es fehlt ihnen offenbar ein Gef&uuml;hl daf&uuml;r, was f&uuml;r ein wohltuendes Lebenselexier Naturerlebnisse sind. Und dass Natur ein heilsamer Seelenbalsam ist, was sich auch auf k&ouml;rperlicher und materieller Ebene nachweisen l&auml;sst. Also zum Beispiel, dass B&auml;ume Stoffe in die Luft emittieren, die sich nachweislich positiv auf das k&ouml;rperliche und seelische Wohlbefinden auswirken. Diese Stoffe k&ouml;nnen zum Beispiel den Blutdruck senken. <\/p><p>Auf mich wirkt Kissler an dieser Stelle des Buches wie ein Mensch, der zur Natur ein v&ouml;llig entfremdetes Verh&auml;ltnis hat. Mir fiel dazu eine Fernsehsendung ein, in der ein Biologe von seiner Erfahrung mit Stadtmenschen berichtete. K&auml;men diese in wirklich abgelegene, naturbelassene Gebiete, in denen es weit und breit keine Stra&szlig;en, keine H&auml;user, keine Autos oder sonstige Ausdr&uuml;cke menschlicher Zivilisation g&auml;be, dann bek&auml;men manche dieser Menschen regelrechte Angstzust&auml;nde. <\/p><p>In diesem Kapitel von Kisslers Buch dr&uuml;ckt sich auch ein fatales konservatives Weltbild aus, das uns heute massive Probleme beschert: Die Idee vom unbedingten Vorrang des Menschen nach dem uns&auml;glichen biblischen Motto &bdquo;Macht euch die Erde untertan&ldquo; (1. Moose, 1,28). Christliche Theologen begr&uuml;nden zwar gern lang und breit, dies werde falsch verstanden, wenn man es als Vorrang des Menschen vor der Natur interpretiere. Nichtsdestotrotz ist genau das die Haltung unserer Kultur, die sich einbildet, die Natur beherrschen zu k&ouml;nnen, und der es vollkommen an Demut und Ehrfurcht vor der Natur fehlt. Und dazu hat die christliche Religion, scheint mir, einen erheblichen Beitrag geleistet. <\/p><p>Wie es sich f&uuml;r einen echten Konservativen geh&ouml;rt, durfte nat&uuml;rlich in Kisslers Buch auch keine Greta-Thunberg- und Fridays-for-Future-Schelte fehlen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;2019 war das Jahr der zornigen Kinder&ldquo; (S.87). <\/p>\n<p>&bdquo;Eine 15-j&auml;hrige Aktivistin erkl&auml;rte bei der Pressekonferenz zur Greenpeace-Klage gegen die Bundesregierung, sie tr&auml;ume davon, &sbquo;auch in 60 Jahren noch auf dieser sch&ouml;nen Erde leben zu k&ouml;nnen.&rsquo; (&hellip;) In irrationalen &Auml;ngsten werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene von Medien unterst&uuml;tzt, die sich die Umweltpanik zu eigen machen&ldquo; (S.115).\n<\/p><\/blockquote><p>Ich frage mich, was an der Besorgnis dieser 15-J&auml;hrigen so irrational sein soll. Sind angesichts der vielen wissenschaftlichen Belege und der jetzt schon beobachtbaren Folgen der Klimaerhitzung nicht solche Sp&ouml;ttereien, die nur darauf abzielen, den Klimawandel zu leugnen, die eigentlichen infantilen Reaktionen? Diese Frage w&uuml;rde ich gerne auch mal einem Herrn namens Dieter Nuhr stellen. Die Angst der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist doch nur allzu berechtigt. <\/p><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>F&uuml;r wen ist das Buch etwas? Wer den &bdquo;Kabarettisten&ldquo; Dieter Nuhr mag, der wird auch dieses Buch von Alexander Kissler mit Gewinn lesen. Wer Dieter Nuhr nicht mag, dem sei das theoretisch wesentlich fundiertere und &uuml;berzeugendere Buch &bdquo;Erwachsenensprache&ldquo; von Robert Pfaller empfohlen. Dies ist allerdings in einigen Abschnitten auch deutlich schwieriger zu lesen. Aber das muss ja kein Fehler sein, wenn man mal gewaltig mitdenken muss. <\/p><p><strong>Alexander Kissler: Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife, Harper Collins, Oktober 2020, 255 Seiten, geb., 20 Euro.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man in unserer Gesellschaft von erwachsenen Menschen nicht mehr erwachsenes Verhalten erwarten? Werden wir in unserem Verhalten immer kindlicher? Der Journalist und Autor Alexander Kissler diagnostiziert in seinem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ebook\/Alle-Buecher\/Die-infantile-Gesellschaft-Wege-aus-der-selbstverschuldeten-Unreife.html\">Die infantile Gesellschaft<\/a>&ldquo; genau dies. Wir seien eine Gesellschaft der Kindsk&ouml;pfe geworden, in der sich immer mehr Erwachsene genauso verhielten: wie Kindsk&ouml;pfe. Unser Autor<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66601\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":66602,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,123,208,176],"tags":[1504,1759,2247,2507,2327],"class_list":["post-66601","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rezensionen","category-umweltpolitik","tag-egoismus","tag-entsolidarisierung","tag-political-correctness","tag-streitkultur","tag-tierschutz"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/201108_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66601","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=66601"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66601\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":66637,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66601\/revisions\/66637"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/66602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=66601"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=66601"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=66601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}