{"id":66673,"date":"2020-11-09T12:21:25","date_gmt":"2020-11-09T11:21:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66673"},"modified":"2020-11-09T16:49:11","modified_gmt":"2020-11-09T15:49:11","slug":"wer-die-symptome-und-die-ursachen-der-spaltung-der-us-gesellschaft-verwechselt-wird-auch-als-versoehner-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66673","title":{"rendered":"Wer die Symptome und die Ursachen der Spaltung der US-Gesellschaft verwechselt, wird auch als Vers\u00f6hner scheitern"},"content":{"rendered":"<p>Dies- und jenseits des Atlantiks &uuml;bertreffen sich die Leitartikler gegenseitig in Sachen Optimismus. Nachdem Donald Trump die Spaltung der US-Gesellschaft vorangetrieben habe, tritt nun sein Nachfolger Joe Biden an, um die Gesellschaft wieder zu vers&ouml;hnen. Doch wer CNN, die New York Times oder ihre deutschen Pendants verfolgt, ahnt bereits, dass dieser Optimismus fehl am Platze ist. Rassenkonflikte, das Auseinanderdriften der liberalen urbanen Eliten und der abgeh&auml;ngten Landbev&ouml;lkerung und sogar Pr&auml;sident Trump selbst sind nur Symptome. Die Ursache ist eine Politik, die sich auf identit&auml;tspolitische Fragen konzentriert und dabei den sozio&ouml;konomischen Unterbau ignoriert. Der Neoliberalismus wird nicht hinterfragt. Stattdessen wird lediglich die rechts-identit&auml;re Politik Trumps gegen eine links-identit&auml;re Politik Bidens ausgetauscht. Das ist keine Vers&ouml;hnung, sondern wird die Polarisierung weiter vertiefen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4314\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-66673-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201109_Wer_die_Symptome_und_die_Ursachen_der_Spaltung_der_US_Gesellschaft_verwechselt_wird_auch_als_Versoehner_scheitern_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201109_Wer_die_Symptome_und_die_Ursachen_der_Spaltung_der_US_Gesellschaft_verwechselt_wird_auch_als_Versoehner_scheitern_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201109_Wer_die_Symptome_und_die_Ursachen_der_Spaltung_der_US_Gesellschaft_verwechselt_wird_auch_als_Versoehner_scheitern_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201109_Wer_die_Symptome_und_die_Ursachen_der_Spaltung_der_US_Gesellschaft_verwechselt_wird_auch_als_Versoehner_scheitern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=66673-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201109_Wer_die_Symptome_und_die_Ursachen_der_Spaltung_der_US_Gesellschaft_verwechselt_wird_auch_als_Versoehner_scheitern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201109_Wer_die_Symptome_und_die_Ursachen_der_Spaltung_der_US_Gesellschaft_verwechselt_wird_auch_als_Versoehner_scheitern_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass Donald Trump zu dieser Polarisierung beigetragen hat, steht au&szlig;er Zweifel. Schon lange hat es keinen US-Pr&auml;sidenten mehr gegeben, der seinen Rassismus derart unverbl&uuml;mt freien Lauf lie&szlig; und sich noch nicht einmal die M&uuml;he gab, so zu tun, als vertrete er die Interessen des gesamten Landes. Trumps Innen- und Gesellschaftspolitik lie&szlig;e sich wohl ehesten mit dem Etikett &bdquo;rechts-identit&auml;r&ldquo; umschreiben. &bdquo;America first&ldquo; &ndash; und &bdquo;America&ldquo;, daran lie&szlig; Trump nie einen Zweifel, das ist f&uuml;r ihn das wei&szlig;e Amerika; Schwarze und Latinos geh&ouml;ren nicht dazu. Dennoch konnte Trump bei den Wahlen im Vergleich zum Jahre 2016 <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/11\/07\/opinion\/sunday\/is-there-a-trumpism-after-trump.html\">bei den Schwarzen und Latinos<\/a> sogar Stimmen gewinnen. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt.<\/p><p>Denn Trumps populistisches Meisterst&uuml;ck war es, sich als Interessenvertreter der &bdquo;Blue Collar Workers&ldquo;, also der einfachen Arbeiter und Arbeitnehmer ohne Hochschulabschluss zu verkaufen, die seit Jahrzehnten zu den Verlierern der Spreizung der Einkommens- und Verm&ouml;gensschere geh&ouml;ren und deren &bdquo;amerikanischer Traum&ldquo; ausgetr&auml;umt ist. Warum populistisches Meisterst&uuml;ck? Weil Trumps Liebe f&uuml;r den einfachen Mann eher symbolischer Natur ist. Anstatt die Einkommens- und Verm&ouml;gensschere zu schlie&szlig;en, polterte er gegen Obama-Care und senkte die Steuern f&uuml;r Spitzenverdiener und Unternehmen. Am zerbr&ouml;selnden sozio&ouml;konomischen Unterbau der US-Gesellschaft &auml;nderte auch Trump nichts.<\/p><p>Warum konnte er dann doch so viele Stimmen gewinnen, dass die Wahl zu einem derart knappen Rennen wurde? Die Antwort ist ern&uuml;chternd. Im sozio&ouml;konomischen Bereich steht Joe Biden, der als Kandidat von Wall Street und Silicon Valley gilt, f&uuml;r keine Alternative. Wo sein Konkurrent Bernie Sanders f&uuml;r eine progressive Wirtschafts- und Steuerpolitik steht, liefert Biden, wie schon Barack Obama oder Hillary Clinton, eine Fortf&uuml;hrung des neoliberalen Kurses. Sozio&ouml;konomisch hatte der W&auml;hler also die Wahl zwischen Pest und Cholera, wobei Trump jedoch zumindest in seinen &ndash; wenn auch nicht glaubw&uuml;rdigen &ndash; Wahlkampfreden das Thema Gerechtigkeit aufgriff und es wieder einmal schaffte, sich als Anti-Establishment-Kandidat zu verkaufen.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch die beiden Wahlanalysen aus dem Jahre 2016: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31738\">Trump ist die Antwort auf die politischen Fehler der Vergangenheit und Gegenwart<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35733\">Pr&auml;sident Trump &ndash; wir sind Zeugen einer Zeitenwende<\/a>&ldquo;. <\/em><\/p><p>Dies konnte ihm freilich nur gelingen, weil Joe Biden in so ziemlich allen politischen Feldern nahezu 1:1 die Parolen des Establishments und der liberalen Eliten vertritt. Bidens einziger Trumpf war es, dass er nicht Trump ist. Doch diesen Trumpf konnte er noch nicht einmal &uuml;berall ausspielen. Die W&auml;hler, f&uuml;r die das Themenfeld &bdquo;Wirtschaft&ldquo; am wichtigsten war, haben zu 82% f&uuml;r Donald Trump gestimmt &ndash; und das waren vor allem die einfachen Arbeiter. Umgekehrt konnte Biden mit 91% bei den W&auml;hlern punkten, f&uuml;r die das Themenfeld &bdquo;Rassenungleichheit&ldquo; der wichtigste Punkt war &ndash; darunter sowohl die Farbigen selbst als auch die liberalen Eliten, denen identit&auml;tspolitische Themen wichtiger sind als &ouml;konomische.<\/p><p>Heute ist das Land gespaltener denn je &ndash; nicht zwischen den &bdquo;roten&ldquo; und &bdquo;blauen&ldquo; Staaten, die Biden vers&ouml;hnen will, wie er selbst erkl&auml;rte. Sondern zwischen Arm und Reich, Amerikanern mit und Amerikanern ohne College-Ausbildung und vor allem zwischen den liberalen Gro&szlig;st&auml;dten samt &bdquo;Speckg&uuml;rtel&ldquo; und dem Land. Die NZZ hat eine <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/wahlen-usa-2020-analyse-der-ergebnisse-auf-county-ebene-ld.1585473\">sehr lesenswerte Analyse erstellt<\/a>, die zeigt, wo Trump und Biden gegen&uuml;ber der Wahl 2016 gewonnen und verloren haben. Trump gewann vor allem bei den Haushalten mit niedrigem Einkommen auf dem Land, w&auml;hrend Biden vor allem in den St&auml;dten und im &bdquo;Speckg&uuml;rtel&ldquo; bei den W&auml;hlern zulegen konnte, die &uuml;ber einen College-Abschluss und ein hohes Haushaltseinkommen verf&uuml;gen. Trump gewann also dort, wo er ohnehin schon stark war, und Biden dort, wo seine Vorg&auml;ngerin Hillary Clinton stark war. Die Spaltung hat also zu- und nicht abgenommen.<\/p><p>Und wie will Biden nun f&uuml;r eine Vers&ouml;hnung sorgen? Offenbar indem er genau die Inhalte vorantreibt, die seinen W&auml;hlern am Herzen liegen. Und das sind allen voran identit&auml;tspolitische Themen. Bei den Kernthemen der Trump-W&auml;hlerschaft vertritt er indes genau die gegenseitigen Positionen. So gesehen ist Biden auch nur ein &bdquo;blauer Trump&ldquo;, der spaltet, anstatt zu vereinen. <\/p><p>Auch Trump ist ja nicht die Ursache, sondern vielmehr ein Symptom der Spaltung der US-Gesellschaft. Er wurde nicht gew&auml;hlt, weil er so brillant ist, sondern weil seine Amtsvorg&auml;nger und das politische Establishment das Land sozio&ouml;konomisch tief gespalten haben und keinen glaubw&uuml;rdigen Ausweg aus dem neoliberalen Dilemma aufzeigen konnten und wollten, das die Menschen ihrer Perspektiven beraubt hat. <\/p><p>Wer das Land vers&ouml;hnen will, m&uuml;sste den Menschen eine Perspektive jenseits des Neoliberalismus amerikanischer Couleur bieten. Biden steht f&uuml;r das exakte Gegenteil. Wie kommen die Leitartikler dann auf die Idee, Biden k&ouml;nnte das Land vers&ouml;hnen? Ganz einfach: Ihre grunds&auml;tzliche Analyse ist eine andere. Unter Vers&ouml;hnung versteht man hier vor allem die St&auml;rkung der Rechte f&uuml;r Frauen, Schwarze und Latinos. Dabei ignoriert man, dass der eigentliche Riss &uuml;ber alle Geschlechter und Rassen hinweg quer durch die sozialen Schichten zwischen Arm und Reich verl&auml;uft. Diese Art der &bdquo;Vers&ouml;hnung&ldquo; ist ja genau der Grund, warum fast 50% der Amerikaner Trump trotz alledem gew&auml;hlt haben. <\/p><p>Wenn Biden also wirklich zur Vers&ouml;hnung beitragen wollte, m&uuml;sste er seinen sozio&ouml;konomischen Kurs radikal &auml;ndern. Dass dies geschehen wird, ist auszuschlie&szlig;en. Und so wird der kommende Pr&auml;sident Biden die US-Gesellschaft nicht vers&ouml;hnen, sondern die Polarisierung und Radikalisierung vorantreiben.<\/p><p>Dabei h&auml;tte alles so einfach sein k&ouml;nnen. F&uuml;r das, was Biden tun m&uuml;sste, um die gespaltene Gesellschaft zu vers&ouml;hnen, gibt es sogar ein Programm. Das <a href=\"https:\/\/berniesanders.com\/issues\/\">Wahlprogramm<\/a> seines unterlegenen Konkurrenten Bernie Sanders. Doch den wollten die liberalen Eliten ja nicht haben. Und so tragen diese liberalen Eliten mindestens genau so sehr zur Spaltung der Gesellschaft bei wie die rassistischen Rednecks, &uuml;ber die auch unsere Medien so gerne herablassend berichten. <\/p><p>Sie werden unschwer erkennen, dass dieses Problem kein isoliert amerikanisches Problem ist. Auch in Europa und allen voran in Deutschland haben identit&auml;re Themen vor allem bei der politischen Linken sozio&ouml;konomische Themen verdr&auml;ngt. Auch hier schafft es die politische Linke nicht, eine echte und glaubw&uuml;rdige Alternative zu bieten, und auch hier f&uuml;hrt dies &uuml;ber kurz oder lang zu einer immer tieferen Spaltung der Gesellschaft &ndash; auch wenn die Gr&auml;ben noch nicht ganz so tief sind wie in den USA. Noch, m&uuml;sste man wohl sagen. <\/p><p>Titelbild: Antonov Roman\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/0b49598cb0d94a8b9d52f96b85397ef8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies- und jenseits des Atlantiks &uuml;bertreffen sich die Leitartikler gegenseitig in Sachen Optimismus. Nachdem Donald Trump die Spaltung der US-Gesellschaft vorangetrieben habe, tritt nun sein Nachfolger Joe Biden an, um die Gesellschaft wieder zu vers&ouml;hnen. 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