{"id":66697,"date":"2020-11-10T09:05:09","date_gmt":"2020-11-10T08:05:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66697"},"modified":"2020-11-10T16:56:45","modified_gmt":"2020-11-10T15:56:45","slug":"feuer-in-syrien-gezielte-zerstoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66697","title":{"rendered":"Feuer in Syrien: Gezielte Zerst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Etwa 60 Prozent der syrischen Landwirtschaft seien bereits ganz oder teilweise zerst&ouml;rt, sagen Beobachter. Zu den Kriegssch&auml;den kommen noch verheerende Br&auml;nde. Sanktionen von EU und USA versch&auml;rfen zus&auml;tzlich eine  Nahrungskrise in Syrien: Dem Krieg gegen Syrien folgt der Wirtschaftskrieg. Eine Reportage von <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6796\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-66697-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201110_Feuer_in_Syrien_Gezielte_Zerstoerung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201110_Feuer_in_Syrien_Gezielte_Zerstoerung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201110_Feuer_in_Syrien_Gezielte_Zerstoerung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201110_Feuer_in_Syrien_Gezielte_Zerstoerung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=66697-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201110_Feuer_in_Syrien_Gezielte_Zerstoerung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201110_Feuer_in_Syrien_Gezielte_Zerstoerung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Mehr als 150 Feuer flammten Anfang Oktober in den syrischen K&uuml;stenprovinzen Latakia und Tartus auf. Innerhalb von vier Tagen waren 179 D&ouml;rfer und forstwirtschaftliche Betriebe ganz oder teilweise besch&auml;digt. 40.000 Familien waren betroffen, drei Menschen starben, 80 Menschen wurden mit teilweise schweren Verbrennungen &auml;rztlich behandelt. H&auml;user und Eigentum waren ganz oder teilweise zerst&ouml;rt. Tiere, Ernten, Felder, W&auml;lder und Naturreservate waren verbrannt.<\/p><p>Betroffen waren die W&auml;lder um Al Haffa und Slunfe, auch das Tal der Christen, Wadi Nasara und die Stadt Majd al Hilou wurden nicht verschont. 40.000 Zitronenb&auml;ume, 3,37 Millionen Olivenb&auml;ume und 259.000 weitere B&auml;ume seien ganz oder teilweise verbrannt, hei&szlig;t es <a href=\"https:\/\/reliefweb.int\/sites\/reliefweb.int\/files\/resources\/MDRSY005do.pdf\">in einem Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC)<\/a>. Zerst&ouml;rt wurden demnach auch zwei  Tonnen Tabak, 4000 Bienenk&ouml;rbe und 30.000 Meter Tropf-Bew&auml;sserungsanlagen. <\/p><p><strong>Brandstiftung oder Klimawandel?<\/strong><\/p><p>Die internationalen Beobachter des ICRC f&uuml;hren die j&auml;hrlichen Br&auml;nde im Mittelmeerraum auf den Klimawandel zur&uuml;ck. In einem Bericht werden f&uuml;r die mittlerweile j&auml;hrlich auftretenden Feuer die &bdquo;hohen Temperaturen, die warmen Ostwinde, trockene Kr&auml;uter und B&uuml;sche&ldquo; als Ursache genannt.  Lokale M&ouml;glichkeiten, die Feuer einzud&auml;mmen und zu l&ouml;schen, seien v&ouml;llig &uuml;berfordert, so der Bericht weiter. Das ICRC stellte zur Unterst&uuml;tzung der betroffenen Bev&ouml;lkerung in Latakia, Tartus und der ebenfalls betroffenen Provinz Homs Hilfe im Umfang von 510.000 Schweizer Franken (CHF), umgerechnet etwa 480.000 Euro, zur Verf&uuml;gung. Auch die syrische Regierung, die durch einseitige wirtschaftliche EU- und US-Sanktionen und die Folgen des zehnj&auml;hrigen Krieges am Limit ihrer M&ouml;glichkeiten ist, k&uuml;ndigte f&uuml;r die Betroffenen finanzielle Hilfen an.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-Leukefeld_Syrien-Foto-Karin-Leukefeld-September-2020-Al-Ghab-verbranntes-Land.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-Leukefeld_Syrien-Foto-Karin-Leukefeld-September-2020-Al-Ghab-verbranntes-Land.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Verbranntes Land im Al Ghab<\/small><\/p><p>Die Feuer in der K&uuml;stenregion waren nicht die ersten Feuer, die Syrien in diesem Jahr heimsuchten. Im September brannte es in Hama und im fruchtbaren Al Ghab Tal. Im Sommer hatten Feuer im Nordosten des Landes Weizenfelder vernichtet. Die Weizenfelder wurden von den Gegnern Syriens gezielt in Brand geschossen, auch in den W&auml;ldern der Provinz Hama gab es Brandstiftung. <\/p><p>Kilometerweit ziehen sich oberhalb der Ebene Al Ghab schwarze Flecken, die von den gro&szlig;en Feuern &uuml;briggeblieben sind. Hier und in den W&auml;ldern von Masyaf w&uuml;teten die Feuer sieben Tage lang, berichtete Abdul Mouanim Sabbagh der Autorin Mitte September in Hama. Sabbagh leitet die Niederlassung des Landwirtschaftsministeriums in Hama, das sowohl f&uuml;r Hama als auch f&uuml;r die sich &ouml;stlich anschlie&szlig;ende Provinz Rakka zust&auml;ndig ist. Sabbagh und Abdul Munaim Steif, der Leiter der Forstbeh&ouml;rde in Hama, seien mit ihren Mitarbeitern Tag und Nacht vor Ort gewesen, um die Feuer bei Masyaf zu bek&auml;mpfen, sagt Sabbagh: &bdquo;In so einer Situation m&uuml;ssen wir ganze vorne mit den anderen sein, um unsere W&auml;lder und unsere Landwirtschaft zu retten.&ldquo; Hilfe kam von der Lokalbev&ouml;lkerung, dem syrischen Zivilschutz und der Armee, berichtete Sabbagh, der ebenso wie der Forstbeamte Steif auf die Fragen der Autorin pr&auml;zise und &uuml;berlegt antwortete: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Armee hat mit Hubschraubern Wasser aus nahe gelegenen Seen und D&auml;mmen gesch&ouml;pft und &uuml;ber den Brandherden verteilt. Auch der Iran hat mit L&ouml;schflugzeugen geholfen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-Leukefeld_Syrien-Foto-Leukefeld-Hama-September-2020-Mitarbeiter-der-landwirtschaftlichen-Abteilung-Hama-Rechts-Abdul-Munaim-Steif-2-von-rechts-Abdul-Munaim-Sabbagh_.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-Leukefeld_Syrien-Foto-Leukefeld-Hama-September-2020-Mitarbeiter-der-landwirtschaftlichen-Abteilung-Hama-Rechts-Abdul-Munaim-Steif-2-von-rechts-Abdul-Munaim-Sabbagh_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Mitarbeiter der Landwirtschaftsbeh&ouml;rde Hama<\/small><\/p><p>Nach Hinweisen aus der Bev&ouml;lkerung seien einige Personen festgenommen worden,  Staatsanwaltschaft und Polizei untersuchten den Fall. &bdquo;Doch der Schaden ist geschehen&ldquo;, sagt Abdul Munaim Steif. Er sch&auml;tzt den Verlust auf 50 Prozent des Waldbestandes. &bdquo;W&auml;hrend des Krieges haben wir schon so viel Baumbestand verloren&ldquo;, sagte der promovierte Forstingenieur. Durch K&auml;mpfe und Bomben und au&szlig;erdem h&auml;tten &bdquo;alle Seiten&ldquo; die B&auml;ume gef&auml;llt. &bdquo;Die einen brauchten Holz zum Heizen, die anderen brauchten das Holz, um es weiterzuverkaufen.&ldquo; Beim Schutz der Forst- und Landwirtschaft kamen w&auml;hrend des Krieges zehn Mitarbeiter ums Leben. Zu ihrer Erinnerung hat man Fotos von ihnen, darunter auch eine Frau, im Flur der Beh&ouml;rde aufgeh&auml;ngt.<\/p><p>Auch die Br&auml;nde in der K&uuml;stenregion Anfang Oktober k&ouml;nnten gezielt ausgel&ouml;st worden sein, vermuteten syrische Gespr&auml;chspartner. Es  sei kein Zufall, wenn so viele Feuer gleichzeitig in verschiedenen Regionen ausbr&auml;chen. Ein Videoclip wurde verbreitet, der die gezielte Brandstiftung zu belegen scheint. Uniformierte M&auml;nner sind zu sehen, die an verschiedenen Stellen Feuer legen. Untermalt wird die kurze Aufnahme von einem hasserf&uuml;llten Kampflied, das den Kampf bis zum Sieg betont. In einem Text zu dem Clip hei&szlig;t es, man werde den Kampf gegen das Regime nun anders fortsetzen, als mit milit&auml;rischen Mitteln. Verifizieren l&auml;sst sich der Ursprung des Videoclips nicht. <\/p><p><strong>Dem Krieg gegen Syrien folgt der Wirtschaftskrieg<\/strong><\/p><p>Die K&uuml;stenregion Syriens, das K&uuml;stengebirge, Al Ghab, Hama sowie die Provinzen Aleppo und Hasakeh im Norden und Nordosten bilden ein gr&uuml;nes Band und gelten mit den Golanh&ouml;hen und dem Jarmuk-Tal im s&uuml;dlichen Deraa als die wasser- und pflanzenreichsten Gebiete Syriens. Historisch ist dieses Gebiet als &bdquo;Fruchtbarer Halbmond&ldquo; bekannt, der sich im Osten entlang von Euphrat und Tigris bis zum Persischen Golf erstreckt. Im Westen zog sich dieses fruchtbare Gebiet entlang des Jordans und des &ouml;stlichen Mittelmeers bis zum Nildelta und &ndash; in der Verl&auml;ngerung &ndash; auch entlang des Nils.<\/p><p>Syrien wird von West nach Ost in f&uuml;nf Niederschlagszonen unterteilt, erl&auml;utert Agraringenieur Haitham Haidar, Direktor der Abteilung f&uuml;r Planung und internationale Zusammenarbeit, bei einem Gespr&auml;ch mit der Autorin im Landwirtschaftsministerium in Damaskus (im September).  Das wasserreichste Gebiet liege im Westen, den geringsten Niederschlag gebe es im Osten. Die &ouml;stlichen W&uuml;stengebiete umfassen demnach rund 55 Prozent Syriens, Landwirtschaft ist hier nicht m&ouml;glich.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-Leukefeld_Syrien-Foto-Karin-Leukefeld-September-2020-Damaskus-Der-Agraringenieur-Haitham-Haidar-erlaeutert-die-landwirtschaftliche-Lage-in-Syrien-vor-und-nach-dem-Krieg_.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-Leukefeld_Syrien-Foto-Karin-Leukefeld-September-2020-Damaskus-Der-Agraringenieur-Haitham-Haidar-erlaeutert-die-landwirtschaftliche-Lage-in-Syrien-vor-und-nach-dem-Krieg_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Agraringenieur Haitham Haidar vor der Landkarte Syriens<\/small><\/p><p>Der Regen in den Jahren 2019\/20 sei gut gewesen, so Haidar, die Wasserreservoirs gut gef&uuml;llt. Doch durch den Krieg sei die Ackerfl&auml;che Syriens und damit auch die Anbau- und Erntem&ouml;glichkeiten deutlich zur&uuml;ckgegangen. Etwa 60 Prozent der syrischen Landwirtschaft, Anbaugebiete, Forschungs- und Versorgungseinrichtungen, Baumschulen, Saatgut- und D&uuml;ngemittelzentren seien ganz oder teilweise zerst&ouml;rt. Bew&auml;sserungsanlagen und Brunnen seien gezielt zerst&ouml;rt worden, die FAO (UN-Organisation f&uuml;r Landwirtschaft und Ern&auml;hrung) sch&auml;tze den Schaden, der zwischen 2011 und 2016 entstanden sei, auf 16 Millionen US-Dollar. <\/p><p>Bauern und gut ausgebildete Facharbeiter h&auml;tten das Land verlassen. Andererseits k&ouml;nnten viele Bauern ihre Felder nicht erreichen, um sie zu bearbeiten, weil sie von bewaffneten Kr&auml;ften besetzt seien. Den Bauern fehle es an Geld, um Zerst&ouml;rungen zu ersetzen und Neuanpflanzungen vorzunehmen. Alles werde durch die einseitigen Sanktionen zus&auml;tzlich versch&auml;rft, so der Agraringenieur Haidar. &bdquo;Wir k&ouml;nnen keine neuen Maschinen, kein Saatgut, D&uuml;ngemittel oder Pestizide importieren.&ldquo; Es mangele an Impfstoffen f&uuml;r das Vieh, Transportkosten seien gestiegen, weil Syrien keinen Zugriff auf die eigenen &Ouml;l- und Gasressourcen im Nordosten des Landes habe. Die einseitigen Sanktionen hinderten zudem Syrien daran, &Ouml;l beispielsweise aus den Nachbarl&auml;ndern Iran oder Irak zu importieren.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Vor dem Krieg exportierte Syrien seine landwirtschaftlichen Produkte weltweit. Hauptabnehmer waren Libanon, Irak, Jordanien, Russland, afrikanische L&auml;nder und auch die Golfstaaten. Sie importierten Obst und Gem&uuml;se.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auch die syrischen Awassi-Schafe seien fr&uuml;her in die Golfstaaten exportiert worden, so Haidar weiter: &bdquo;Es ist eine besondere syrische Zucht, deren Fleisch sehr beliebt ist. Im Krieg wurden die Schafe gestohlen und &uuml;ber die Grenzen au&szlig;er Landes geschafft. Vor dem Krieg hatten wir 16 Millionen dieser Schafe, in diesem Jahr haben wir 7 Millionen gez&auml;hlt.&ldquo;<\/p><p>Die beschriebenen Verluste und Zerst&ouml;rungen f&uuml;hrten mit den einseitigen wirtschaftlichen Sanktionen von EU und USA zu einer Nahrungskrise in Syrien, sagt Haidar. W&auml;hrend des Krieges h&auml;tten die Bauern alles getan, um die Bev&ouml;lkerung zu versorgen. Der Wirtschaftskrieg, der dem Krieg folgte, hindere sie daran. &bdquo;Die Zerst&ouml;rung unserer landwirtschaftlichen Produktion war nicht zuf&auml;llig, sie war geplant&ldquo;, ist der Agraringenieur &uuml;berzeugt. Die Hilfe, die von der UNO und einigen L&auml;ndern gebracht werde, reiche f&uuml;r Syrien nicht aus. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Syrien wird absichtlich gehindert, sich selber zu versorgen. Nicht das Regime, das Volk wird bestraft. Erst mit dem Krieg, jetzt mit den Sanktionen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Andrew Glushchenko \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa 60 Prozent der syrischen Landwirtschaft seien bereits ganz oder teilweise zerst&ouml;rt, sagen Beobachter. Zu den Kriegssch&auml;den kommen noch verheerende Br&auml;nde. Sanktionen von EU und USA versch&auml;rfen zus&auml;tzlich eine Nahrungskrise in Syrien: Dem Krieg gegen Syrien folgt der Wirtschaftskrieg. 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