{"id":66734,"date":"2020-11-11T10:03:10","date_gmt":"2020-11-11T09:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66734"},"modified":"2020-11-11T10:49:36","modified_gmt":"2020-11-11T09:49:36","slug":"nagorni-karabach-friedensschluss-in-letzter-minute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66734","title":{"rendered":"Nagorni-Karabach: Friedensschluss in letzter Minute"},"content":{"rendered":"<p>Eine russische Friedenstruppe soll nun im Kriegsgebiet Nagorni-Karabach eintreffen. Die armenischen Streitkr&auml;fte hatten in den letzten Wochen zahlreiche Niederlagen einstecken m&uuml;ssen. Am Montag wurde unter Vermittlung von Russland ein weitreichendes Waffenstillstandsabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan geschlossen. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nArmenien hatte lange um den Einsatz einer russischen Friedenstruppe im Gebiet der international nicht anerkannten Republik Nagorni-Karabach (RNK) gebeten. Aber Russland hatte sich zur&uuml;ckgehalten. Am Dienstagmorgen zeigte <a href=\"https:\/\/www.1tv.ru\/news\/2020-11-10\/396486-v_nagornyy_karabah_minoborony_rf_otpravlyaet_mirotvorcheskie_soedineniya_tsvo\">das russische Fernsehen nun &uuml;berraschend Bilder<\/a> von russischen Zeitsoldaten und Milit&auml;rfahrzeugen, die in der &ouml;stlich von Moskau gelegenen Stadt Uljanowsk in russische Transportflugzeuge verladen wurden. Das Ziel der Flugzeuge: Armenien. <\/p><p>Die russische Friedenstruppe soll entlang der Kontaktlinie zwischen aserbaidschanischen und armenischen Streitkr&auml;ften im Krisengebiet der international nicht anerkannten &bdquo;Republik Nagorni-Karabach&ldquo; (RNK) stationiert werden. Armenische Truppen sollen &uuml;ber den Latschi-Korridor aus Karabach in die Republik Armenien abziehen. Darauf einigten sich am Montag Wladimir Putin, Ilham Alijew und Nikol Paschinjan, die F&uuml;hrer von Russland, Aserbaidschan und Armenien, in einem weitreichenden Waffenstillstandsabkommen.<\/p><p>Das Abkommen trat am 10. November um null Uhr in Kraft. Es wurde am Dienstagmorgen in russischer und sp&auml;ter auch in englischer Sprache <a href=\"http:\/\/en.kremlin.ru\/events\/president\/news\/64384\">auf der Webseite des Kreml ver&ouml;ffentlicht<\/a>. <\/p><p>Wie der Sprecher des russischen Pr&auml;sidenten, Dmitri Peskow, erkl&auml;rte, wurde der rechtliche Status von Nagorni-Karabach in dem Abkommen nicht definiert. Grundlage f&uuml;r die Regelung des Status von Karabach seien Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates. <\/p><p><strong>Erdogan will mitreden<\/strong><\/p><p>In dem Abkommen ist nur die Rede von einer russischen Friedenstruppe. Am Dienstagvormittag <a href=\"https:\/\/t.me\/s\/AzeSputnik\">meldete die Nachrichtenagentur &bdquo;Aze Sputnik&ldquo;<\/a> jedoch, dass sich Ilham Alijew und Recep Erdogan telefonisch auf ein &bdquo;russisch-t&uuml;rkisches Zentrum zur &Uuml;berwachung des Waffenstillstands&ldquo; verst&auml;ndigt h&auml;tten. &Uuml;ber die Teilhabe der T&uuml;rkei an der &Uuml;berwachung des Waffenstillstands steht kein Wort in dem am Montag vereinbarten Abkommen. Doch die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete unter Berufung auf einen anonymen Diplomaten, die Verteidigungsministerien von Russland und der T&uuml;rkei w&uuml;rden &bdquo;noch heute&ldquo; eine Vereinbarung &uuml;ber die gemeinsame &Uuml;berwachung des Waffenstillstandsabkommens unterzeichnen. <\/p><p><strong>Drei Bezirke sollen an Aserbaidschan zur&uuml;ckgegeben werden<\/strong><\/p><p>Die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Republik Nagorni-Karabach hatte sich Anfang der 1990er Jahre von Aserbaidschan abgespalten. Im Laufe der Abspaltung besetzten Truppen von Nagorni-Karabach und Armenien auch umliegende Bezirke von Karabach. Drei dieser Bezirke soll die nichtanerkannte Republik nach dem am Montag vereinbarten Waffenstillstandsabkommen nun an Aserbaidschan zur&uuml;ckgeben. Aserbaidschaner, die nach den kriegerischen Auseinandersetzungen Anfang der 1990er Jahre aus diesen Bezirken geflohen sind, sollen nun zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Ein erstaunlich umfassendes Abkommen<\/strong><\/p><p>An dem Abkommen, welches sehr detailliert ist, wurde vermutlich schon l&auml;nger gearbeitet. Dass es nun &uuml;berraschend in Kraft trat, hat verschiedene Gr&uuml;nde. Milit&auml;risch erlitt Armenien in den letzten Wochen nur Niederlagen. Vor wenigen Tagen eroberten aserbaidschanische Streitkr&auml;fte die strategisch wichtige Stadt Suscha. Sie liegt nicht weit von Stepanakert, der Hauptstadt von Nagorni-Karabach. <\/p><p>Aserbaidschanische Kr&auml;fte hatten am Montag einen russischen Milit&auml;rhubschrauber, der &uuml;ber ein grenznahes Gebiet im S&uuml;den von Armenien flog, abgeschossen. Die aserbaidschanische F&uuml;hrung entschuldigte sich f&uuml;r den Abschuss und erkl&auml;rte, man werde eine Entsch&auml;digung leisten. <\/p><p>Nach dem Abschuss des Hubschraubers &ndash; bei dem zwei Piloten starben, einer konnte sich retten &ndash; musste Russland handeln. Alles andere h&auml;tte man als Schw&auml;che auslegen k&ouml;nnen. Russland unterh&auml;lt in Armenien eine Milit&auml;rbasis. Dem wachsenden t&uuml;rkischen Einfluss auf Aserbaidschan kann Russland zurzeit nichts entgegensetzen. Das Territorium von Armenien, das mit Russland Mitglied des Milit&auml;rb&uuml;ndnisses ODKB ist, wird Russland aber sch&uuml;tzen. Unklar ist, wer sich jetzt f&uuml;r die Menschenrechte der Armenier in den Gebieten einsetzt, die Armenien an Aserbaidschan zur&uuml;ckgibt. Wird das UN-Fl&uuml;chtlingskommissariat es allein schaffen, die Armenier zu sch&uuml;tzen? <\/p><p><strong>Stra&szlig;enproteste in Jerewan<\/strong><\/p><p>Der Ministerpr&auml;sident Armeniens, Nikol Paschinjan, erkl&auml;rte &ouml;ffentlich, er entschuldige sich bei seinen Mitb&uuml;rgern. Der Text des Abkommens vom Montag sei &bdquo;schmerzlich&ldquo; f&uuml;r ihn und sein Volk. Der Konflikt habe nicht mit einem Sieg geendet, aber es g&auml;be &bdquo;keine Niederlage, solange man sich nicht selbst als besiegt erkl&auml;rt&ldquo;. <\/p><p>Die Reaktionen auf den Waffenstillstand und die R&uuml;ckgabe von drei Bezirken von Nagorni-Karabach kontrollierten Bezirken an Aserbaidschan wurde in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, mit Freudenfesten, Auto-Korsos und Fahnenschwenken als Sieg gefeiert. <\/p><p>In Jerewan dagegen gab es Stra&szlig;enproteste. Demonstranten drangen mit Gewalt in das Parlament und das Regierungsgeb&auml;ude ein. Der Parlamentssaal wurde verw&uuml;stet. Der Sprecher des Parlaments, Ararat Mirsojan, wurde von Demonstranten aus seinem Auto gezogen und zusammengeschlagen. Vor dem Wohnhaus von Ministerpr&auml;sident Paschinjan kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten  (<a href=\"https:\/\/ria.ru\/20201110\/karabakh-1583881213.html\">Fotos aus Baku und Jerewan<\/a>). Der Sekret&auml;r des Sicherheitsrates von Nagorni-Karabach, Samwel Babajan, trat aus Protest gegen das Abkommen vom Montag von seinem Posten zur&uuml;ck. Das Abkommen entspr&auml;che &bdquo;nicht den Realit&auml;ten&ldquo;, erkl&auml;rte Babajan.<\/p><p><strong>Das Abkommen<\/strong><\/p><p>Das am Dienstag null Uhr in Kraft getretene Abkommen <\/p><ul>\n<li>sieht die Einstellung aller Kampfhandlungen vor. Weiter hei&szlig;t es w&ouml;rtlich, &bdquo;Aserbaidschan und Armenien bleiben auf den von ihnen kontrollierten Positionen.&ldquo; <\/li>\n<li>Weiterhin wurde vereinbart, dass Aserbaidschan bis zum 20. November die Kontrolle &uuml;ber den &ouml;stlich von Stepanakert, der Hauptstadt von Nagorni-Karabach, gelegenen 1.000 Quadratkilometer gro&szlig;en Agdamski-Bezirk &uuml;bernimmt. Der Bezirk war 1993 unter Kontrolle von Nagorni-Karabach geraten. <\/li>\n<li>Die russische Friedenstruppe wird entlang der Kontaktlinie um Nagorni-Karabach und entlang des Latschi-Korridors stationiert. Die Truppe hat 1.960 Soldaten, 90 gepanzerte Fahrzeuge, 380 weitere Fahrzeuge und Spezialtechnik. <\/li>\n<li>Die Friedenstruppe wird parallel zum Abzug der armenischen Streitkr&auml;fte f&uuml;r zun&auml;chst f&uuml;nf Jahre stationiert. <\/li>\n<li>Bis zum 15. November 2020 wird Armenien den Kelbardscharski-Bezirk und bis zum 1. Dezember 2020 den Latschinski-Bezirk an Aserbaidschan &uuml;bergeben. Beide Bezirke liegen zwischen Nagorni-Karabach und Armenien und gelangten 1993 zu Nagorni-Karabach. Ein f&uuml;nf Kilometer breiter &bdquo;Latschi-Korridor&ldquo;, der die Landverbindung zwischen Armenien und Nagorni-Karabach sichert, wird von der russischen Friedenstruppe gesichert. &bdquo;Aserbaidschan garantiert die Sicherheit des Verkehrs &uuml;ber den Korridor&ldquo;, hei&szlig;t es in dem Abkommen. <\/li>\n<li>Umsiedler und Fl&uuml;chtlinge kehren unter Aufsicht des UNO-Fl&uuml;chtlingskommissariats in die Gebiete von Nagorni-Karabach zur&uuml;ck.<\/li>\n<li>Armenien garantiert die Sicherheit der Verkehrsverbindungen zwischen Aserbaidschan  und der Autonomen Nachitschewan-Republik. Die Kontrolle &uuml;ber die Verkehrsverbindungen &uuml;bernimmt der russische Geheimdienst FSB. <\/li>\n<\/ul><p><strong>Was wird aus Nagorni-Karabach?<\/strong><\/p><p>Die Lage der &bdquo;Republik Nagorni-Karabach&ldquo; war seit dem Beginn der aserbaidschanischen Angriffe am 27. September 2020 kritisch. Die Streitkr&auml;fte von Karabach und Armenien <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66166\">waren den Streitkr&auml;ften Aserbaidschans unterlegen<\/a>, da diese mit modernen Drohnen israelischer und t&uuml;rkischer Herstellung beobachteten und mit den Drohnen auch gezielte Luftschl&auml;ge gegen armenische Stellungen und Milit&auml;rger&auml;t ausf&uuml;hrten. Auf Seiten der aserbaidschanischen Armee k&auml;mpften auch hunderte von syrischen Extremisten, welche mit Hilfe der T&uuml;rkei nach Aserbaidschan geschafft worden waren.<\/p><p>Ob die russische Friedenstruppe aserbaidschanische Racheaktionen gegen Armenier verhindern kann, ist unklar. Unklar ist auch, ob Nagorni-Karabach ohne die Unterst&uuml;tzung armenischer Truppen als quasi-unabh&auml;ngiges Territorium innerhalb der Republik Aserbaidschan &uuml;berleben kann. Alijew und Erdogan hatten in den letzten sechs Wochen ja unaufh&ouml;rlich erkl&auml;rt, Nagorni-Karabach werde komplett wieder in den aserbaidschanischen Staatsverband eingegliedert. In Moskau scheut man sich vor lautstarken Erkl&auml;rungen zum Schutz der Armenier in Nagorni-Karabach.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a8e8cf76e0dd4b20b3af7e85a02a48d0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine russische Friedenstruppe soll nun im Kriegsgebiet Nagorni-Karabach eintreffen. Die armenischen Streitkr&auml;fte hatten in den letzten Wochen zahlreiche Niederlagen einstecken m&uuml;ssen. Am Montag wurde unter Vermittlung von Russland ein weitreichendes Waffenstillstandsabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan geschlossen. 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