{"id":66799,"date":"2020-11-12T08:29:18","date_gmt":"2020-11-12T07:29:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66799"},"modified":"2020-11-13T15:17:20","modified_gmt":"2020-11-13T14:17:20","slug":"manisch-repressiver-antikommunismus-als-covid-19-bekaempfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66799","title":{"rendered":"Manisch-repressiver Antikommunismus als Covid-19-Bek\u00e4mpfung"},"content":{"rendered":"<p>Philippinen: Das Duterte-Regime hetzt gegen alles &bdquo;Linke&ldquo;, als gelte es, das Land vor dem drohenden Untergang zu &bdquo;retten&ldquo;. Ein Gespenst geht um in den Philippinen. Schlimmer als die Covid-19-Pandemie. Und es lauert &uuml;berall. Seine besondere Gef&auml;hrlichkeit &ndash; es ist &bdquo;terroristisch&ldquo; und tr&auml;gt die Farbe &bdquo;Rot&ldquo;. Es w&auml;chst exponentiell im Klima von Dissens, Protest, Kritik und Widerstand &ndash; allesamt &bdquo;Untugenden&ldquo;, die dem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40495\">Dutertismo<\/a> Dornen im Auge sind. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_459\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-66799-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201112-Manisch-repressiver-Antikommunismus-als-Covid-19-Beaekmpfung-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201112-Manisch-repressiver-Antikommunismus-als-Covid-19-Beaekmpfung-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201112-Manisch-repressiver-Antikommunismus-als-Covid-19-Beaekmpfung-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201112-Manisch-repressiver-Antikommunismus-als-Covid-19-Beaekmpfung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=66799-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201112-Manisch-repressiver-Antikommunismus-als-Covid-19-Beaekmpfung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201112-Manisch-repressiver-Antikommunismus-als-Covid-19-Beaekmpfung-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer in den vergangenen Tagen und Wochen Erkl&auml;rungen von philippinischen Regierungsbeamten &ndash; erst recht seitens hochrangiger philippinischer Milit&auml;rs &ndash; h&ouml;rte, musste den Eindruck gewinnen, der Inselstaat s&auml;he sich von &bdquo;Terroristen&rdquo; umzingelt und st&uuml;nde zusammen mit dem Einbrechen des diesj&auml;hrig weltweit st&auml;rksten Taifuns &bdquo;Rolly&ldquo; (internationaler Name: &bdquo;Goni&ldquo;), der mit einer Geschwindigkeit von ann&auml;hernd 300 Stundenkilometern Ende Oktober\/Anfang November Teile des Archipels peitschte, vor katastrophalen Sch&auml;den. Als sei all das nicht schon schlimm genug, sind landesweit mit Stand vom 8. November offiziell 396.395 Menschen mit Covid-19 infiziert worden, w&auml;hrend insgesamt 7.539 Tote im Rahmen der Pandemie zu beklagen sind. Damit bilden die Philippinen und das s&uuml;dliche Nachbarland Indonesien mit Abstand die Schlusslichter in der Region, was die effektive Bek&auml;mpfung der Pandemie beziehungsweise die medizinische Betreuung und &auml;rztliche Behandlung deren Opfer betrifft.<\/p><p><strong>Gro&szlig;er Bluff &amp; eine Menge Worth&uuml;lsen<\/strong><\/p><p>Als Rodrigo Roa Duterte, der fr&uuml;here B&uuml;rgermeister von Davao City, der gr&ouml;&szlig;ten Stadt im S&uuml;den der Philippinen, im Sommer 2016 seinen Amtseid als neuer Pr&auml;sident leistete und in den Pr&auml;sidentenpalast Malaca&ntilde;ang zu Manila einzog, versprach er u.a., als erstes &bdquo;sozialistisches&ldquo; Staatsoberhaupt des fern&ouml;stlichen Inselstaates in die Annalen eingehen zu wollen. Er werde deshalb als Zeichen seines Goodwill s&auml;mtliche politische Gefangene im Lande auf freien Fu&szlig; setzen und mit dem politischen Untergrundb&uuml;ndnis der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP) das Gespr&auml;ch suchen. Ja, mit ihr Friedensverhandlungen reaktivieren, um den seit Ende der 1960er Jahre w&auml;hrenden und nunmehr l&auml;ngsten bewaffneten Konflikt in der Region zu beenden. Der NDFP geh&ouml;ren neben der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) und ihrer Guerillaformation, der Neuen Volksarmee (NPA), 16 weitere, zumeist sektoral gegliederte Organisationen an &ndash; darunter u.a. Arbeiter-, Bauern-, Gewerkschafts-, Jugend-, Frauen- und K&uuml;nstlerverb&auml;nde.<\/p><p>Tats&auml;chlich kam es im Sp&auml;tsommer 2016 unter der diplomatischen Schirmherrschaft des norwegischen Au&szlig;enministeriums zur Wiederaufnahme eben dieser Friedensverhandlungen &ndash; zun&auml;chst in Oslo und sp&auml;ter dann in den Niederlanden, wo im trauten Utrecht ein Gro&szlig;teil der F&uuml;hrungskader der NDFP seit langem im Exil lebt. Darunter der NDFP-Verhandlungsf&uuml;hrer Fidel V. Agcaoili, der Ende Juli dieses Jahres pl&ouml;tzlich verstarb, sowie der mittlerweile 81-j&auml;hrige <a href=\"https:\/\/www.neuerweg.de\/bucher\/ein-leben-im-widerstand-gespraeche-ueber-imperialismus-sozialismus-und-befreiung\/ein-leben-im-widerstand-gespraeche-ueber-imperialismus-sozialismus-und-befreiung\">Jos&eacute; Maria Sison<\/a>, ehemals Gr&uuml;ndungsvorsitzender der CPP und seit Jahren politischer Chefberater der NDFP. Doch bereits ein Jahr sp&auml;ter war die anf&auml;ngliche Euphorie auf beiden Seiten gewichen und Duterte machte keinen Hehl daraus, dass er fortan &ndash; auf Dr&auml;ngen seiner meist an US-amerikanischen Milit&auml;rakademien ausgebildeten Generalit&auml;t &ndash; auf den &bdquo;milit&auml;rischen Endsieg&ldquo; gegen die NDFP\/CPP\/NPA pocht.<\/p><p>Aus dem sich &bdquo;sozialistisch&ldquo; geb&auml;rdenden Wahlk&auml;mpfer Duterte war sp&auml;testens binnen zweier Jahre ein knallharter, manisch-repressiver Pr&auml;sident geworden, der wie all seine Vorg&auml;nger &ndash; einschlie&szlig;lich des von ihm bis heute verehrten Diktators Ferdinand E. Marcos (1965-86) &ndash; ebenfalls auf die Zerschlagung einer Guerilla setzt, deren Existenz sich hartn&auml;ckig aus virulenten Feudalverh&auml;ltnissen im Hinterland, krassen Stadt-Land-Gegens&auml;tzen und aus einer extrem ungleichen Besitz- und Einkommensstruktur n&auml;hrt. Erst verk&uuml;ndete Duterte qua <a href=\"https:\/\/www.officialgazette.gov.ph\/downloads\/2017\/11nov\/20171123-PROC-360-RRD.pdf\">Pr&auml;sidialdekret Nr. 360<\/a> einen Stopp der Friedensverhandlungen mit der NDFP, um wenige Tage darauf, am 5. Dezember 2017, die CPP und NPA glattweg <a href=\"https:\/\/www.officialgazette.gov.ph\/downloads\/2017\/12dec\/20171205-PROC-374-RRD.pdf\">als &bdquo;terroristisch&ldquo;<\/a> zu brandmarken und der Nationalpolizei (PNP) sowie den Streitkr&auml;ften (AFP) die Order zu erteilen, gegen beide Organisationen unerbittlich vorzugehen.<\/p><p>Seinen &bdquo;Sicherheitskr&auml;ften&ldquo; empfahl der Pr&auml;sident und in Personalunion als deren Oberkommandierender, NPA-Kombattantinnen <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2018\/feb\/13\/philippines-rodrigo-duterte-orders-soldiers-to-shoot-female-rebels-in-the-vagina\">&bdquo;in die Vagina zu schie&szlig;en&ldquo;<\/a>, dann <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/asia_pacific\/duterte-tells-philippine-soldiers-to-shoot-female-rebels-in-their-vaginas\/2018\/02\/12\/fd42c6ae-0fb0-11e8-827c-5150c6f3dc79_story.html\">&bdquo;taugten sie auch als Frauen nichts mehr&ldquo;<\/a>. Ausgerechnet der PNP, hauptverantwortlich f&uuml;r die Ermordung von offiziell &uuml;ber 6.000 vermeintlichen oder tats&auml;chlichen Drogenkonsumenten oder -kleindealern (deren tats&auml;chliche Opferzahl laut internationalen Menschenrechtsorganisationen etwa das Vierfache betr&auml;gt), hatte Duterte mehrfach <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2018\/aug\/07\/rodrigo-duterte-threatens-to-kill-corrupt-police-officers\">&ouml;ffentlich bescheinigt<\/a>, <a href=\"https:\/\/news.abs-cbn.com\/focus\/01\/30\/17\/you-are-corrupt-to-the-core-duterte-tells-cops\">&bdquo;korrupt bis ins Mark&ldquo;<\/a> zu sein.<\/p><p><strong>&bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; &amp; &bdquo;shit happens&ldquo;<\/strong><\/p><p>&bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; in Gestalt von Personen, die als verd&auml;chtigte CPP- oder NPA-Sympathisanten angeschossen oder ermordet wurden, nahmen die staatlichen &bdquo;Sicherheitskr&auml;fte&ldquo; billigend in Kauf, erfolgten solche &bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo; doch im Rahmen der pr&auml;sidial abgesegneten Counterinsurgency- beziehungsweise Aufstandsbek&auml;mpfungsstrategie von <em>Oplan Kapayapaan (Operationsplan Frieden)<\/em> und <em>Oplan Kapanatagan (Operationsplan Stabilit&auml;t)<\/em>. Auf diese Weise sollten landesweit &bdquo;die Hirne und Herzen&ldquo; der Bev&ouml;lkerung gewonnen und endlich &bdquo;Ruhe und Ordnung&ldquo; hergestellt werden. Besonders skandal&ouml;s war in diesem Zusammenhang die Bemerkung des fr&uuml;heren PNP-Generaldirektors und heutigen Senators Ronald dela Rosa (Spitzname &bdquo;der Fels&ldquo;), der den Tod eines dreij&auml;hrigen M&auml;dchens im Zuge eines Schusswechsels mit vermeintlichen Drogendealern lapidar <a href=\"https:\/\/www.rappler.com\/nation\/dela-rosa-says-collateral-damage-drug-operations-cannot-be-avoided\">mit &bdquo;shit happens&ldquo; kommentierte<\/a>.<\/p><p>In zahlreichen Landesteilen g&auml;rte es. Protest und Widerstand gegen den Kurs des Pr&auml;sidenten mit seinem betont milit&auml;risch-zivilen Ansatz f&uuml;hrten vor allem in den zentralen und s&uuml;dlichen Landesteilen &ndash; auf der Insel Negros und in mehreren Provinzen Mindanaos &ndash; dazu, dass in immer k&uuml;rzeren Intervallen engagierte Menschenrechtler, Bauernf&uuml;hrer, Umweltsch&uuml;tzer, Indigene im Kampf gegen ausl&auml;ndische Minengesellschaften und andere Sozialaktivisten sowie Berater der NDFP-Friedensdelegation erschossen wurden. Seit 2018 wurden auf Negros mindestens 168 Menschen get&ouml;tet, die Mehrheit der Opfer waren arme Bauern.<\/p><p>Seit Duterte im Juli 2016 an die Macht kam, wurden laut der landesweiten Bauernorganisation KMP 288 Bauern im Zuge ihrer Verteidigung von Landrechten get&ouml;tet. Das UN-Menschenrechtsb&uuml;ro dokumentierte von 2015 bis 2019 die Ermordung von mindestens 248 Menschenrechtlern, Juristen, Journalisten und Gewerkschaftern. Straffreiheit war und bleibt die Regel &ndash; mit nur einer einzigen Verurteilung f&uuml;r die T&ouml;tung eines Drogenverd&auml;chtigen bei einem Polizeieinsatz Mitte 2016. Cristina Palabay, Generalsekret&auml;rin der Menschenrechtsallianz Karapatan, erkl&auml;rte, alle T&auml;ter h&auml;tten Verbindungen zum Milit&auml;r, zu paramilit&auml;rischen oder privaten bewaffneten Gruppen.<\/p><p>Die schlie&szlig;lich am 4. Dezember 2018 unterzeichnete <a href=\"https:\/\/www.officialgazette.gov.ph\/downloads\/2018\/12dec\/20181204-EO-70-RRD.pdf\">Exekutivorder 70<\/a>, ein f&uuml;nfseitiges Dokument, institutionalisierte den sogenannten &bdquo;gesamtnationalen Ansatz&ldquo;. Konkret: Seitdem obliegt der frischgek&uuml;rten <em>Nationalen Task Force zur Beendigung des lokalen kommunistischen bewaffneten Konflikts (NTF-ECLAC)<\/em> die Aufgabe, des Pr&auml;sidenten Counterinsurgengy-Strategie zu exekutieren &ndash; koste es, was es wolle. Der NTF-ECLAC wird dirigiert von hochrangigen Milit&auml;rs und ehemaligen Generalstabschefs.<\/p><p>Auff&auml;lliges Markenzeichen der Strategie dieser NTF-ECLAC ist die zunehmende Gleichsetzung von bewaffneten K&auml;mpfern im Untergrund und friedlich f&uuml;r soziale Belange eintretende Zivilisten. Vor allem f&uuml;r die Kommissk&ouml;pfe in der PNP spielte es fortan kaum eine Rolle, ob Protestm&auml;rsche mit Plakaten in st&auml;dtischen Regionen durchgef&uuml;hrt oder Untergrundk&auml;mpfer mit geschulterten Waffen in Erscheinung traten. Auf Anweisung der NTF-ECLAC erfolgte u.a. die Schlie&szlig;ung von 55 Schulen indigener Gemeinschaften (Lumad) auf der S&uuml;dinsel Mindanao, da sie laut Angaben des nationalen Sicherheitsberaters Hermogenes Esperon dazu &bdquo;missbraucht&ldquo; w&uuml;rden, als &bdquo;Trainingslager f&uuml;r kommunistische Rebellen&ldquo; zu dienen. Zuvor hatte Duterte angek&uuml;ndigt, diese Schulen notfalls &bdquo;zu bombardieren&ldquo;. Mit solchen und &auml;hnlichen &bdquo;Argumenten&ldquo; gingen milit&auml;rische Verb&auml;nde auch gegen Schul- und Sozialhilfeeinrichtungen in Teilen von Navotas, Malabon und Caloocan (allesamt im Gro&szlig;raum Manila) vor. Aktivisten der st&auml;dtischen Armen berichteten wiederholt &uuml;ber F&auml;lle von Bedrohung, Bel&auml;stigung und Einsch&uuml;chterung durch das Milit&auml;r. Dieses wandte auch die Taktik an, Eltern von Jugendlichen zu n&ouml;tigen, Gerichtsverfahren anzustrengen, um auf die angebliche &bdquo;Entf&uuml;hrung und Indoktrinierung&ldquo; ihrer Kinder durch die NDFP-CPP-NPA hinzuweisen.<\/p><p><strong>Anti-Terror-Gesetz &amp; systematisches &bdquo;red-tagging&rdquo;<\/strong><\/p><p>Nachdem Duterte nach mehrfachen &ouml;ffentlichen Drohungen im Fr&uuml;hjahr dieses Jahres schlie&szlig;lich die Schlie&szlig;ung des in seiner Sicht regierungsfeindlichen Senders ABS-CBN bewirkte, gelang ihm am 3. Juli der vorl&auml;ufig letzte Coup, um faktisch ein Kriegsrecht zu installieren, ohne ein solches formell zu proklamieren. An jenem Tag ward von einem dem Pr&auml;sidenten mit gro&szlig;er Mehrheit servil ergebenen Kongress das sogenannte Antiterror-Gesetz (ATB 2020) verabschiedet, ein Persilschein, der es ihm und seinem politischen Camp nunmehr erlaubt, nach eigenem Gusto gegen Kritiker und Gegner loszuschlagen und sie des &bdquo;Terrorismus&ldquo; zu zeihen.<\/p><p>Im In- wie Ausland hagelte es umgehend harsche Proteste. Damit habe Duterte, so urteilte Phil Robertson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), &bdquo;die philippinische Demokratie in einen Abgrund gest&uuml;rzt&ldquo;. So sind k&uuml;nftig Festnahmen ohne Haftbefehl und wochenlange Haft ohne Kontakt zur Au&szlig;enwelt legal. &bdquo;Durch das Gesetz droht &uuml;berdies ein verst&auml;rktes <em>&sbquo;red-tagging&rsquo;<\/em> von Aktivisten, Journalisten und Nutzern sozialer Medien &ndash; mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit&ldquo;, warnte Robertson weiter. <em>&bdquo;Red-tagging&ldquo;<\/em> meint eine gezielte &ouml;ffentliche Brandmarkung politischer Gegner als &bdquo;Kommunisten&ldquo;, um sie einzusch&uuml;chtern oder sogar &bdquo;physisch zu liquidieren&ldquo;.<\/p><p>Das ATB 2020 und die dazugeh&ouml;rigen Durchf&uuml;hrungsbestimmungen und Verordnungen verletzen grundlegende, in der Verfassung aus dem Jahre 1987 (ein Jahr nach dem Marcos-Sturz) verankerte Rechte und Freiheiten. Das Gesetz, so Rechtsanwalt Edre Olalia, Pr&auml;sident der National Union of Peoples&rsquo; Lawyers (NUPL), im Gespr&auml;ch mit dem Autor, beschneidet die Rede- und Vereinigungsfreiheit, das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren, die Unschuldsvermutung, das Recht auf Kaution und h&auml;lt bereits in Verdachtsf&auml;llen eine Isolationshaft, unangemessene Durchsuchungen und Beschlagnahmungen sowie das Einschn&uuml;ren der Privatsph&auml;re und der pers&ouml;nlichen Kommunikation f&uuml;r geboten. Nun kann auf Weisung eines eigens geschaffenen ATB-2020-Rates eine Verhaftung ohne Haftbefehl von mindestens 24 Tagen erfolgen, die zudem um weitere zehn Tage verl&auml;ngert werden kann.<\/p><p>Das ATB 2020 bestraft die Absicht, nicht die kriminellen Handlungen. Olalia verwies in diesem Zusammenhang auch auf massenhafte Verhaftungen von humanit&auml;ren Helfern, die w&auml;hrend des harten Lockdowns im Zuge der Covid-19-Pandemie in Gemeinden Nothilfe leisteten. W&auml;hrend die Zahl der Arbeitslosen wegen der Corona-Pandemie in die H&ouml;he schoss und noch mehr Armut und Elend in Manilas Slumvierteln grassierten, wurden Verletzungen der Quarant&auml;neprotokolle vielfach als &bdquo;terroristische Akte&ldquo; geahndet.<\/p><p>In einem solchen Klima von Verunsicherung, Angst, Furcht und Gewalt vollzog sich der unaufhaltsame Aufstieg einer Person, die geradezu von der Mission besessen ist, mit Stumpf und Stiel alles &bdquo;auszurotten&ldquo;, was auch nur irgendwie &bdquo;links, kommunistisch und terroristisch&ldquo; aussehen k&ouml;nnte. Der nunmehr seit Wochen im Blitzlicht der &Ouml;ffentlichkeit stehende Generalleutnant Antonio Parlade Jr., in Personalunion Chef des AFP-Kommandos in S&uuml;dluzon (s&uuml;d&ouml;stlich von Manila gelegen) und Sprecher der NTF-ECLAC, spielt den Kettenhund Dutertes. Seit Mitte Oktober hat der Mann &bdquo;neue Nester des terroristischen Untergrunds&ldquo; entdeckt, die ihn zu H&ouml;chsttaten aufstacheln.<\/p><p>So wurden die auf den Inseln so prominenten Personen wie die Miss Universe 2018, Catriona Gray, und die Schauspielerinnen Liza Soberano und Angel Locsin von dem General &uuml;ber Nacht als &bdquo;Sympathisantinnen der Terroristen&ldquo; stigmatisiert. Der Grund f&uuml;r diesen Bannfluch: Diese drei Frauen hatten sich u.a. f&uuml;r die Rechte von Kindern im Rahmen von Webinaren engagiert, die von der einflussreichen und gro&szlig;en Frauenorganisation und Partei Gabriela ausgerichtet wurden. Unverhohlen drohte Parlade ihnen damit, sie k&ouml;nnten das gleiche Schicksal erleiden wie Josephine Lapira, die 2017 bei einem angeblichen bewaffneten Zusammensto&szlig; zwischen den AFP und der NPA ums Leben kam, wenn sie sich nicht ein f&uuml;r alle Mal und offen &bdquo;von den Terroristen&ldquo; distanzierten.<\/p><p>In &auml;hnlicher Weise geriet auch der B&uuml;rgermeister von Manila, Francisco Moreno, unter Beschuss, weil dieser &bdquo;sich erdreistet&ldquo; hatte, von Parlade und seinen Paladinen &ouml;ffentlich aufgeh&auml;ngte Banner und Plakate mit den Portr&auml;ts von Personen entfernen zu lassen, die der General als &bdquo;Terroristensympathisanten&ldquo; gebrandmarkt sehen wollte. Scheinheilig stellte Parlade dem B&uuml;rgermeister die Frage, ob dieser mit seinem Verhalten &bdquo;Terroristen&ldquo; in der City willkommen hei&szlig;en wolle.<\/p><p><strong>&bdquo;Farcenhaftes Zeugnis&ldquo;<\/strong><\/p><p>Als Reaktion auf Parlades Kreuzzug starteten zahlreiche Frauen und Frauenorganisationen landesweit Kampagnen mit den Slogans beziehungsweise Hashtags <em>#NoToRedTagging<\/em> und <em>#YesToRedLipstick<\/em>. Der Protest weitete sich schnell aus, wobei Prominente und gew&ouml;hnliche B&uuml;rger &ndash; Frauen und M&auml;nner gleicherma&szlig;en &ndash; auch auf Facebook, Instagram und Twitter Fotos mit rotem Lippenstift ver&ouml;ffentlichten und das red-tagging anprangerten.<\/p><p>Einen ganz gro&szlig;en Auftritt erhoffte sich Generalleutnant Antonio Parlade Jr. im Rahmen einer eigens einberufenen Senatsanh&ouml;rung zum Thema &bdquo;red-tagging&ldquo; Anfang dieses Monats. Dort pr&auml;sentierte Parlade mit einer dubiosen Figur namens Jeffree &bdquo;Ka Eric&ldquo; Celiz einen Zeugen, der sich selbst als einen &bdquo;ehemaligen kommunistischen Rebellen mit fast drei Jahrzehnten revolution&auml;rer Erfahrung&ldquo; bezeichnete. Dieser Person sollte die Rolle zufallen, bestimmte Leute aus der Kunst-, Kultur- und Unterhaltungsbranche als &bdquo;Kommunisten&ldquo; oder &bdquo;Terroristen&ldquo; blo&szlig;zustellen.<\/p><p>Krampfhaft bem&uuml;hte sich Celiz dabei u.a., auch Filmregisseure als &bdquo;Kommunisten zu entlarven&ldquo;. Bis sich bei Nachfragen herausstellte, dass es die von Celiz genannten Filme nicht gab und sich hinter den von ihm verschwiegenen Namen der Regisseure um die auch im Ausland bekannten, mittlerweile verstorbenen Personen Lino Brocka und Ishmael Bernal handelte. Beiden wurde die Ehre zuteil, als Nationale K&uuml;nstler im Bereich Film ausgezeichnet worden zu sein, die &ndash; wie es im Amtsblatt der Regierung der Republik der Philippinen hei&szlig;t &ndash; &bdquo;h&ouml;chste nationale Anerkennung, die Filipinos zuteilwird, die besondere Beitr&auml;ge auf dem Gebiet der Kunst und der Literatur geleistet haben.&ldquo;<\/p><p>Der Leitartikel vom 7. November der in Manila erscheinenden Tageszeitung <em>Philippine Daily Inquirer<\/em> schloss seinen mit &bdquo;Farcenhaftes Zeugnis&ldquo; betitelten Beitrag mit den Worten: &bdquo;Mit dem Einsatz eines Scharlatans wie Celiz beweist Parlade, dass seine Kampagne nicht nur mit gef&auml;lschten Nachrichten und gef&auml;hrlicher Desinformation zu tun hat, sondern auch von einer Ignoranz getrieben ist, die so tief sitzt, dass sie schlichtweg l&auml;cherlich ist.&ldquo;<\/p><p>Titelbild: Carlo Falk\/shutterstock.com<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/cbe64324779a4b7daa50b09eabce0695\" alt=\"\" title=\"\" height=\"\" width=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philippinen: Das Duterte-Regime hetzt gegen alles &bdquo;Linke&ldquo;, als gelte es, das Land vor dem drohenden Untergang zu &bdquo;retten&ldquo;. Ein Gespenst geht um in den Philippinen. Schlimmer als die Covid-19-Pandemie. Und es lauert &uuml;berall. 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