{"id":66838,"date":"2020-11-13T09:18:12","date_gmt":"2020-11-13T08:18:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66838"},"modified":"2020-11-13T10:56:16","modified_gmt":"2020-11-13T09:56:16","slug":"letzte-chance-fuer-die-agrarwende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66838","title":{"rendered":"Letzte Chance f\u00fcr die Agrarwende"},"content":{"rendered":"<p>Die dringend n&ouml;tige Agrarreform in der Europ&auml;ischen Union, die die Landwirtschaft &ouml;kologisieren sollte, die ihr im Klimawandel helfen sollte oder sie sogar zu einem Helfer gegen den Klimawandel machen sollte &ndash; sie ist gescheitert. Durchgefallen im Europ&auml;ischen Rat und im Europaparlament. Das ist die schlechte Nachricht. Und jetzt die gute: Die EU-Kommission will das nicht akzeptieren. Von <strong>Florian Schwinn<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFrans Timmermans, der in der Kommission f&uuml;r den Green Deal zust&auml;ndig ist, will den Einsatz von Pestiziden halbieren und den von D&uuml;nger um 20 Prozent k&uuml;rzen, au&szlig;erdem zehn Prozent Fl&auml;chenstilllegungen. Am 10. November startete in Br&uuml;ssel der sogenannte Trilog zur Gemeinsamen Agrarpolitik GAP, die Verhandlung von Rat, Parlament und Kommission. Das ist die einstweilen letzte Chance f&uuml;r eine Agrarreform, die diesen Namen verdient.<\/p><p>Aber halt, hatte nicht die deutsche Landwirtschaftsministerin von einem &bdquo;Systemwechsel&ldquo; gesprochen, von einer gro&szlig;en Reform, die sie im Rat durchgesetzt habe? Ja, das hatte sie. Und wollte uns damit offensichtlich das Weiter-so, das sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Ministerrat ausgehandelt hatte, als Agrarreform verkaufen. Man darf spekulieren, ob das schlicht eine dreiste L&uuml;ge war oder Julia Kl&ouml;ckner einen amtsbedingten Knick in der Optik hat. Danach versenkte auch das Europaparlament mit einer ganz gro&szlig;en Koalition aus Konservativen, Sozialisten und Liberalen die zuvor zwei Jahre lang diskutierte Reform. Im Prinzip soll bei den europ&auml;ischen Agrarsubventionen alles so bleiben, wie es ist. Wenn es nach dem Rat geht, werden 80 Prozent der Subventionen weiterhin an die landwirtschaftliche Nutzfl&auml;che gebunden. Viel Land &ndash; viel Geld. Wenn es nach dem Parlament geht, sind es 70 Prozent. Immerhin will das EU-Parlament eine Deckelung bei 100.000 Euro pro Betrieb und Jahr. Der Rest, also 20 oder 30 Prozent der Agrarmillionen, soll f&uuml;r sogenannte Eco Schemes ausgegeben werden. Nur was diese &Ouml;ko-Regelungen sein sollen, au&szlig;er einem neuen gr&uuml;nen M&auml;ntelchen, ist noch unklar. Das sollen die Mitgliedsstaaten regeln. Auch das gef&auml;llt &uuml;brigens Kommissar Frans Timmermans nicht. Wenn es nach ihm geht, setzt die Kommission die Regeln und kontrolliert sie auch.<\/p><p><strong>Was scheren mich Agrarsubventionen?<\/strong><\/p><p>Ja, was haben wir anderen, wir Verbraucher, mit diesem ganzen Streit zu tun? Sehr viel, denn es geht dabei nicht nur um unser Geld, es geht sogar um unser Leben. Was die Landwirtschaft macht, entscheidet nicht nur &uuml;ber die Qualit&auml;t unserer Lebensmittel, nicht nur dar&uuml;ber, ob wir Pestizide mitessen und einatmen, ob wir unseren Kindern schon mit der Muttermilch einen Giftcocktail servieren, sondern auch &uuml;ber unsere Zukunft.<\/p><p>Das liegt schlicht daran, dass die Landwirtschaft mit der f&uuml;r unser &Uuml;berleben wichtigsten Ressource umgeht: mit dem Boden. Dieser Boden unter den R&auml;dern der Traktoren ist das artenreichste Biotop der Erde. Millionen von Regenw&uuml;rmern und Milliarden von viel kleineren Lebewesen sorgen daf&uuml;r, dass er fruchtbar ist. Alles was auf der festen Erde lebt, ist von diesem Bodenleben abh&auml;ngig, jede Pflanze, jedes Tier. Vor allem aber das S&auml;ugetier Mensch. Erst die Landwirtschaft hat es uns m&ouml;glich gemacht, die ganze Erde zu besiedeln, als Bauern haben wir die Erde zu unserem Garten gemacht. Aber wir sind l&auml;ngst keine guten G&auml;rtner mehr.<\/p><p><strong>Landwirtschaft zerst&ouml;rt ihre Grundlage<\/strong><\/p><p>Die in den letzten Jahrzehnten immer mehr industrialisierte Landwirtschaft hat lange schon damit begonnen, unsere wichtigste Ressource zu verbrauchen. Nicht nur durch Versiegelung, Siedlungs- und Stra&szlig;enbau verlieren wir Boden, auch durch Erosion. Das Bundesland Niedersachsen, das die Erosion in Deutschland am l&auml;ngsten beobachtet und dokumentiert, geht von einem durchschnittlichen Verlust von bis zu 3,2 Tonnen Ackerkrume pro Hektar und Jahr aus. Mit davonfliegt im Wind oder wird davongesp&uuml;lt vom Wasser der Humus, den das Bodenleben aufgebaut hat.<\/p><p>Humus ist aber nicht nur der Hort der Fruchtbarkeit des Bodens, Humus ist auch ein gewaltiger Kohlenstoffspeicher. Deshalb haben die Franzosen beim Klimagipfel in Paris die sogenannte Vier-Promille-Initiative gestartet, die &uuml;brigens auch Deutschland unterschrieben hat: Wenn wir pro Jahr nur vier Promille Humus mehr aufbauen w&uuml;rden auf allen landwirtschaftlichen B&ouml;den weltweit, w&auml;re der gesamte menschengemachte CO2-Aussto&szlig; des Jahres im Boden versenkt. Das k&ouml;nnten wir ein paar Jahre machen, bis der Humusgehalt der jeweiligen B&ouml;den ges&auml;ttigt w&auml;re. Und es gibt auch Landwirte, die das tun, und Projekte, die den Humusaufbau f&ouml;rdern. Aber das sind einzelne.<\/p><p>Die Europ&auml;ische Union hat jetzt die Chance, die Agrarsubventionen so umzubauen, dass die Landwirte das andere Wirtschaften, was zum Humusaufbau n&ouml;tig w&auml;re, auch bezahlt bekommen. Wir w&uuml;rden dann keine blo&szlig;liegenden &Auml;cker mehr sehen, wie jetzt im Herbst und Winter &uuml;berall. Und ganz nebenbei w&uuml;rde die Biodiversit&auml;t zunehmen, deren Rettung sich die EU ja auch auf die blaue Fahne geschrieben hat. Es kommt nur darauf an, dass die Kommission ihre Forderungen durchsetzt und den Green Deal nicht am Eingang der GAP-Verhandlungen zur&uuml;ckl&auml;sst.<\/p><p>Und wer jetzt glaubt, das sei aber nur eine sehr vage Hoffnung, dem sei zum Schluss noch eine gute Nachricht genannt: Die Trilogverhandlungen werden sich bis ins Fr&uuml;hjahr hinziehen, die deutsche Ratspr&auml;sidentschaft endet aber bereits am 31. Dezember.<\/p><p>Titelbild: Todor Stoyanov\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Florian Schwinn<\/strong> ist Journalist im Bereich Politik und Wissenschaft, vor allem zu Umweltthemen. 2017 erhielt er den Deutschen Umwelt-Medienpreis. Sein aktuelles Buch hei&szlig;t &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/ebook\/Alle-Buecher\/Rettet-den-Boden.html?listtype=search&amp;searchparam=Florian%20schwinn\">Rettet den Boden! Warum wir um das Leben unter unseren F&uuml;&szlig;en k&auml;mpfen m&uuml;ssen<\/a>&ldquo; und ist im Westend Verlag erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die dringend n&ouml;tige Agrarreform in der Europ&auml;ischen Union, die die Landwirtschaft &ouml;kologisieren sollte, die ihr im Klimawandel helfen sollte oder sie sogar zu einem Helfer gegen den Klimawandel machen sollte &ndash; sie ist gescheitert. Durchgefallen im Europ&auml;ischen Rat und im Europaparlament. Das ist die schlechte Nachricht. 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