{"id":66860,"date":"2020-11-15T11:45:05","date_gmt":"2020-11-15T10:45:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66860"},"modified":"2020-11-15T12:22:36","modified_gmt":"2020-11-15T11:22:36","slug":"hongkong-drei-jahre-und-acht-monate-wehte-die-japanische-flagge-ueber-der-britischen-kronkolonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66860","title":{"rendered":"Hongkong: Drei Jahre und acht Monate wehte die japanische Flagge \u00fcber der britischen Kronkolonie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rainer Werning<\/strong> ver&ouml;ffentlichte in diesem Jahr auf den NachDenkSeiten in unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden seine interessanten Betrachtungen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=der-zweite-weltkrieg-in-ost-und-suedostasien\">&bdquo;Zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Verm&auml;chtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien&rdquo;<\/a>. Nun hat er als Erg&auml;nzung zu dieser Reihe einen Artikel von <strong>Ko Tim Keung<\/strong>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] f&uuml;r unsere Leser redaktionell &uuml;berarbeitet und ins Deutsche &uuml;bersetzt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Kronkolonie vor dem Krieg<\/strong><\/p><blockquote><p>\n(&hellip;) sah heute bis aufs Skelett abgemagerte junge Leute in der N&auml;he der Docks. Sie schleppten sich langsam in Zweierreihen vorw&auml;rts, sieben oder acht Leute pro Reihe, mit Seilen aneinandergebunden und von einem Gendarmen gef&uuml;hrt. Keine Idee, wohin sie gef&uuml;hrt wurden (&hellip;) Es herrschte kurz Verwirrung, als einige dieser Skelette sich auf die Essensk&ouml;rbe einer Marktfrau am Stra&szlig;enrand st&uuml;rzten und sich hastig den Mund vollstopften. Gnadenlos die Abrechnung, sie wurden getreten und verpr&uuml;gelt (&hellip;) ich konnte nicht verstehen, warum diese armen Kerle auf die Welt gekommen waren, nur um Hungers zu sterben.\n<\/p><\/blockquote><p>Tagebucheintrag von Chan Kwan-Po, Bibliothekar an der University of Hong Kong, notiert am 27. Mai 1945<\/p><blockquote><p>\nSelbst bei kleinsten Vergehen wurden Leute hingerichtet, wenn sie das Pech hatten, in die F&auml;nge der gef&uuml;rchteten japanischen Milit&auml;rpolizei, der Kempeitai, zu geraten. Diese brauchte keinen Grund, um Leute auf offener Stra&szlig;e zu exekutieren. Sie war das Gesetz, wie die Gestapo in Deutschland. Der Gro&szlig;vater meines Schulfreundes war Bauer. Ihn schossen die Japaner bei der Feldarbeit nieder. Ohne jeden Grund. Sie benutzten ihn einfach als lebendige Zielscheibe. Ein Gro&szlig;onkel von mir starb auf dieselbe Weise.\n<\/p><\/blockquote><p>In den drei&szlig;iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, bevor Japan den Krieg gegen China entfesselte, war Hongkong nach einem Jahrhundert stetiger Entwicklung zu einem bedeutsamen Warenumschlagsplatz in Ostasien aufgestiegen. Der Handel mit dem chinesischen Festland boomte, w&auml;hrend die Briten ihre Kolonie gleichzeitig als strategisch wichtigen Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt in der Region betrachteten. Dennoch hatte das Vorkriegs-Hongkong nicht ann&auml;hernd die Anziehungskraft und Reputation wie das kosmopolitische, international angesehene und florierende Finanzzentrum Schanghai.<\/p><p>Laut der letzten Volksz&auml;hlung vor dem Krieg, die 1931 durchgef&uuml;hrt wurde, lebten in Hongkong 840.000 Menschen, von denen etwa ein Drittel angegeben hatte, dort auch geboren zu sein. Generell war unter den Chinesen das Gef&uuml;hl, zu Hongkong zu geh&ouml;ren, nur schwach ausgepr&auml;gt. Ihnen ging es vorrangig darum, dort Geld zu verdienen und in einer relativ sicheren Umgebung zu leben. Die meisten Chinesen erwarteten und verlangten deshalb auch wenig von der Kolonialregierung. Da es selbst wohlhabenden Chinesen nicht m&ouml;glich war, politisch aufzusteigen und Karriere zu machen, versuchten sie wenigstens, ihren sozialen Status zu verbessern, indem sie sich um die Aufnahme in renommierte Organisationen oder Klubs &ndash; wie dem <em>Sanitary Board<\/em>, dem <em>District Watch Committee<\/em> und dem <em>Tung Wah Hospital<\/em> &ndash; bem&uuml;hten.<\/p><p>Die Beziehungen zwischen Chinesen und den europ&auml;ischen Gemeinschaften in Hongkong waren nicht herzlich. Obgleich die Chinesen im Vorkriegs-Hongkong betr&auml;chtlichen wirtschaftlichen Einfluss aus&uuml;bten, waren Diskriminierungen von Chinesen an der Tagesordnung. Beispielsweise sah eine Verordnung, die <em>Peak District Preservation Ordinance<\/em>, ausdr&uuml;cklich vor, dass Chinesen auf diesem h&ouml;chsten Punkt der Kronkolonie ohne Sondergenehmigung des britischen Gouverneurs nicht wohnen durften, wenn die vorgeschriebene H&ouml;chstgrenze von 788 Fu&szlig; &uuml;ber dem Meeresspiegel &uuml;berschritten wurde. Au&szlig;erdem durften Chinesen in bestimmten Hotels weder n&auml;chtigen noch deren &ouml;ffentlichen R&auml;ume betreten. Dieser Diskriminierung nach au&szlig;en entsprach eine strikte Klassentrennung innerhalb der europ&auml;ischen Gemeinschaften.<\/p><p>Nachdem Japan im Juli 1937 seine milit&auml;rische Gro&szlig;offensive gegen China ausweitete, geriet eine Gro&szlig;stadt nach der anderen unter die Kontrolle der kaiserlichen Truppen &ndash; erst Schanghai, dann Nanking (Nanjing), Wuhan und Guangzhou. Die Auswirkungen des Krieges, vor allem der Fall von Guangzhou im Oktober 1938, betrafen Hongkong in besonderem Ma&szlig;e. Hunderttausende von Fl&uuml;chtlingen str&ouml;mten innerhalb von zwei bis drei Jahren nach Hongkong, deren Bev&ouml;lkerung pl&ouml;tzlich &uuml;ber 1,6 Millionen Einwohner betrug. Zum Vergleich: 1937 hatte dort eine Million Menschen gelebt. Kein Wunder, dass dies enorme soziale Probleme mit sich brachte. Alle lebensnotwendigen Dinge, von Wohnraum &uuml;ber Nahrungsmittel bis hin zu Medikamenten, waren auf einmal Mangelware. Die Sicherheitslage war prek&auml;r, die &ouml;ffentliche Ordnung geriet aus den Fugen. Trotz aller gemeinsamen Anstrengungen seitens der Regierung und lokaler Hilfsorganisationen war es nicht m&ouml;glich, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Hunger, Unterern&auml;hrung und Epidemien grassierten vor allem in den Fl&uuml;chtlingsvierteln. Die Menschen mussten sich an den Anblick von Leichen gew&ouml;hnen, die &uuml;berall auf den Stra&szlig;en herumlagen.<\/p><p>Bevor Hongkong unmittelbar in das Kriegsgeschehen hineingezogen wurde, evakuierte man die Angeh&ouml;rigen britischer Residenten zwischen 1940 und 1941 nach Australien. Nicht selten zum Verdruss der Ehefrauen, die es vorgezogen h&auml;tten, lieber bei ihren M&auml;nnern zu bleiben. Auch in diesem Fall waren Diskriminierungen zwischen Personen, die &uuml;ber einen britischen Pass verf&uuml;gten, und solchen, die sich als &bdquo;reinrassige Briten&ldquo; verstanden, an der Tagesordnung. Gem&auml;&szlig; den damals geltenden Notstandsbestimmungen (<em>Emergency Regulations<\/em>) war die Evakuierung bestimmter britischer Staatsb&uuml;rger (in erster Linie Hongkong-Chinesen) sowie portugiesischer und eurasischer Familien, die seit Generationen in Hongkong residierten, nicht vorgesehen. Nur die sich &uuml;berschlagenden Kriegsereignisse trugen dazu bei, dass nicht noch mehr b&ouml;ses Blut hochkochte.<\/p><p>Zudem waren die britischen Milit&auml;rkommandeure fest davon &uuml;berzeugt, dass auf die lokale Bev&ouml;lkerung im Falle ausbrechender Feindseligkeiten kein Verlass sei. Z&ouml;gerlich willigten sie ein, in der Kronkolonie lebende Portugiesen in Sonderkompanien zusammenzufassen und sie neben wenigen handverlesenen Chinesen, die an britischen Eliteschulen ausgebildet worden waren, in das <em>Hongkong Freiwilligen-Verteidigungskorps<\/em> einzugliedern. Die Aufstellung chinesischer Sonderkompanien fand jedoch nicht statt. Chinesische M&auml;nner wurden allenfalls als Lastwagenfahrer oder zu anderen nichtmilit&auml;rischen Aufgaben dienstverpflichtet. Nur in Ausnahmef&auml;llen h&auml;ndigte man ihnen Waffen aus, mit denen sie sich selbst und ihre Familien verteidigten. Auch in den Polizeieinheiten diente quasi nur eine Handvoll von Chinesen, die aber keine Chance hatten, jemals als Offiziere oder Inspektoren aufzusteigen. Somit wurde eine hervorragende Chance vertan, sich der Loyalit&auml;t des Gro&szlig;teils der Bev&ouml;lkerung in Hongkong zu vergewissern.<\/p><p><strong>Die Einnahme Hongkongs<\/strong><\/p><p>Die Schlacht um Hongkong dauerte im Vergleich zu den Offensiven gegen die Philippinen, Birma und Malaya nur kurze Zeit und war rasch entschieden. Generalmajor Christopher M. Maltby, Befehlshaber der Streitkr&auml;fte Hongkongs, die sich aus britischen, kanadischen und indischen Truppen sowie ausgew&auml;hlten lokalen Freiwilligen zusammensetzten, erkl&auml;rte sp&auml;ter, dass die ihm untergebenen Verb&auml;nde &bdquo;Gefangene des Schicksals&ldquo; waren. Widerstand beschr&auml;nkte sich allenfalls auf Gesten, um Winston Churchills Appell, man werde das <em>British Empire<\/em> nicht einfach kampflos preisgeben, nicht g&auml;nzlich unglaubw&uuml;rdig erscheinen zu lassen. Als die Japaner einmarschierten, standen ihnen nur 12.000 Mann gegen&uuml;ber, darunter 3.000 Inder, die mit 600 Toten die meisten Opfer zu verzeichnen hatten.<\/p><p>Die Schlacht um Hongkong wurde in zwei Phasen gef&uuml;hrt. In der ersten Phase, die vom 8. bis zum 13. Dezember 1941 w&auml;hrte, ging es um die New Territories und die Halbinsel Kowloon. Zwischen dem 18. und 25. Dezember war schlie&szlig;lich die Insel selbst betroffen. Am Weihnachtstag 1941, um 15:25 Uhr Ortszeit, verk&uuml;ndete Gouverneur Sir Mark Young offiziell die Kapitulation. Ein historischer Akt; niemals zuvor hatte eine britische Kolonie die wei&szlig;e Flagge gehisst und sich gegnerischen Truppen ergeben. Verbissen k&auml;mpften die Verteidiger lediglich in den letzten Momenten vor der Kapitulation. Danach, als sich deren Truppen samt medizinischem Personal bereits ergeben hatten, ver&uuml;bten die vorr&uuml;ckenden japanischen Einheiten mehrere Massaker. In dieser Schlussphase des Gefechts waren gro&szlig;e Verluste auf beiden Seiten zu verzeichnen: &Uuml;ber 2.000 toten Verteidigern standen, so jedenfalls die offizielle Version des japanischen Generalstabs, nahezu 700 gefallene japanische Soldaten gegen&uuml;ber. Diese Zahl d&uuml;rfte allerdings h&ouml;her gewesen sein.<\/p><p>Am meisten litt die Zivilbev&ouml;lkerung, die auch die schmerzlichsten Verluste hinnehmen musste. Bis heute ist allerdings nicht bekannt, wie viele Menschen damals ihr Leben verloren. Genaue Zahlen sind deshalb so schwierig zu ermitteln, weil sich w&auml;hrend der Kampfhandlungen zahlreiche Fl&uuml;chtlinge in Hongkong aufhielten, deren Tote nirgends registriert wurden. Und nach den Kampfhandlungen wurde eine Gro&szlig;zahl von Fl&uuml;chtlingen aus der Stadt verjagt, sie starben an unbekannten Orten. Ebenfalls nicht erfasst wurden die Opfer der lokalen Residenten. Der Blutzoll war besonders hoch in den dicht besiedelten K&uuml;stengebieten im Norden Hongkongs, die das Ziel heftiger japanischer Luft- und Artillerieangriffe bildeten. Da w&auml;hrend der japanischen Besatzungszeit au&szlig;erdem etwa die H&auml;lfte der lokalen Residenten Hongkong &ndash; freiwillig oder unter Androhung von Zwang &ndash; verlie&szlig; und die meisten nach Kriegsende nicht wieder in die Stadt zur&uuml;ckkehrten, bleibt es unm&ouml;glich, die genaue Zahl der zivilen Opfer auszumachen.<\/p><p><strong>Die japanische Okkupation<\/strong><\/p><p>Die ersten Tage der japanischen Besatzung waren von Chaos und Anarchie gepr&auml;gt. Pl&uuml;nderungen, Zerst&ouml;rungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Dr. Li Shu-Fan, ein prominenter Chinese und Augenzeuge des Falls von Hongkong, sch&auml;tzt ihre Zahl auf &uuml;ber 10.000:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die genaue Zahl der vergewaltigten Frauen wird wahrscheinlich im Dunkeln bleiben. Doch es waren zahlreiche Opfer: 10.000 d&uuml;rfte wohl zu niedrig gegriffen sein, und die angewandten Methoden waren absto&szlig;end brutal. Allein in meinem Krankenhaus behandelten wir Opfer im Alter von jungen Teens bis &uuml;ber Sechzigj&auml;hrige.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In einer der ersten Stellungnahmen, die das Exekutivkomitee der Chinesischen Handelskammer am 13. Januar 1942 ver&ouml;ffentlichte, forderte sie denn auch &bdquo;den Schutz von Hausfrauen durch die Wiederer&ouml;ffnung von Bordellen.&ldquo; Vergewaltigungen, Pl&uuml;nderungen und Gesetzlosigkeit hatten aus japanischer Sicht einen besonderen Effekt; die Chinesen sollten systematisch verunsichert und zur Kollaboration gezwungen werden. Der Preis, den die Bev&ouml;lkerung Hongkongs zu zahlen hatte, war hoch: Um halbwegs in den Genuss von Stabilit&auml;t und Ordnung zu gelangen, mussten sie mit den Besatzern zusammenarbeiten. Nat&uuml;rlich wurde das in Hongkong ebenso wenig gern gesehen wie in jenen L&auml;ndern, die die Nazis &uuml;berfallen und besetzt hatten.<\/p><p>Die japanische Besatzungszeit kennzeichnete zwei Phasen. Zun&auml;chst galt eine vergleichsweise kurze Zeit der direkten milit&auml;rischen Okkupation, die am 22. Februar 1942 endete, als mit Generalleutnant Isogai Rensuke der erste japanische &bdquo;Gouverneur des Eingenommenen Territoriums von Hongkong&ldquo; sein Amt antrat. W&auml;hrend des ersten Jahres seiner Herrschaft waren die Verh&auml;ltnisse den Umst&auml;nden entsprechend ruhig. Das &auml;nderte sich ab Anfang 1943, als Japans Seehandel durch die Zerst&ouml;rung des L&ouml;wenanteils seiner Handelsflotte empfindlich beeintr&auml;chtigt wurde und die Importe nach und Ausfuhren aus Hongkong einem Vabanquespiel glichen. Ab 1944 verschlechterten sich die Lebensbedingungen dramatisch; die Nahrungsmittelvorr&auml;te gingen zur Neige, die Bev&ouml;lkerung hungerte und die Wirtschaft befand sich in einem katastrophalen Zustand.<\/p><p>W&auml;hrend ihrer gesamten Besatzungszeit war es den Japanern nicht gelungen, in Hongkong eine einheitliche Verwaltungsstruktur zu schaffen. Es gab unterschiedliche, jeweils auf autonome Entscheidungen bedachte Verwaltungsapparate &ndash; die Streitkr&auml;fte, die Zivilverwaltung und die Gendarmerie &ndash; die nicht selten isoliert voneinander oder gar gegeneinander operierten. Fehlentscheidungen, Ineffizienz und Willk&uuml;r waren die Folge. Isogai praktizierte eine (Kriegs-)Politik, die durch und durch rassistisch war: ein Kampf der farbigen Rassen gegen die Wei&szlig;en. Obgleich er es erm&ouml;glichte, dass dem Marionettenregime in Nanking einige ausl&auml;ndische Konzessionen zur&uuml;ckgegeben wurden, dachten die Japaner nicht im Traum daran, Hongkong einem wie auch immer gearteten chinesischen Regime zu &uuml;berlassen oder es an China zur&uuml;ckzugeben. F&uuml;r Japan war und blieb Hongkong ein &bdquo;Eingenommenes Territorium&ldquo;, das man auf keinen Fall wieder preisgeben wollte.<\/p><p><strong>&bdquo;Japanisierung&ldquo; des &ouml;ffentlichen Lebens<\/strong><\/p><p>Die Japaner lie&szlig;en keine Gelegenheit aus, die vergangenen &Uuml;bel des Kolonialismus anzuprangern und die Diskriminierungen &ouml;ffentlich zu kritisieren, denen die Asiaten unter der Herrschaft der Briten ausgesetzt waren. Doch sie selbst f&uuml;hrten sich als Kolonialisten auf, deren Herrschaft in vielerlei Hinsicht brutaler, b&uuml;rokratischer, korrupter und ineffizienter als die der Briten war. Die japanischen Beamten, gew&ouml;hnlich assistiert von Einheiten der Streitkr&auml;fte, agierten wie feudale Kriegsherren. Zwei Dinge trugen wesentlich dazu bei, dass die Entfremdung zwischen Hongkong-Chinesen und Japanern nie &uuml;berwunden wurde und sich eine Zusammenarbeit zwischen beiden nicht einstellte: Das betraf zum einen den korrupten, irrationalen und &auml;u&szlig;erst gewaltt&auml;tigen Regierungsstil. Andererseits wurde seitens der japanischen Besatzer alles getan, um jeden Ansatz von sozialer Gleichheit zu ersticken und Chinesen unbedingt zu Japanern zu machen.<\/p><p>Die Bev&ouml;lkerung wurde traktiert und schikaniert mit einer Vielzahl von Erlassen und Anordnungen, die selbst Details im allt&auml;glichen Leben regelten. So mussten sich die Leute, wenn immer sie einen japanischen Wachposten passierten, vor diesem verbeugen; <em>Mahjong<\/em>, ein unter Chinesen beliebtes Freizeitspiel, und Tanzen auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen wurden verboten; Choleraimpfungen wurden zwangsweise durchgef&uuml;hrt; den Einwohnern wurde eine j&auml;hrliche Hausreinigungskampagne verordnet; das Mitf&uuml;hren schwer erh&auml;ltlicher Ausweispapiere, womit jede Reise von und nach China sowie nach Macao streng kontrolliert werden sollte, war Pflicht, eine Regelung, die vor dem Krieg nicht existierte. Einen Versto&szlig; gegen diese Vorschriften konnten die Japaner sofort zum Anlass nehmen, jeden Chinesen zu dem&uuml;tigen oder ihn hart zu bestrafen. Augenzeugen berichteten mir, dass hingerichtete Opfer der Kempeitai mit Seilen oder Stacheldraht zusammengebunden und kurzerhand ins Hafenbecken geworfen wurden.<\/p><p>Die &bdquo;Japanisierung&rdquo; Hongkongs setzte unmittelbar nach der Kapitulation ein. Zun&auml;chst wurden s&auml;mtliche sichtbaren Zeichen britischer Herrschaft &ndash; wie englische Stra&szlig;enschilder, Reklamen und Gesch&auml;ftsnamen &ndash; entfernt, Stra&szlig;en, Distrikte und &ouml;ffentliche Geb&auml;ude umbenannt beziehungsweise mit japanischen Inschriften versehen. Dies geschah mit gezielter Indoktrinierung der Bev&ouml;lkerung, die sich an japanischen Wertvorstellungen und Idealen zu orientieren hatte. Die meisten japanischen Feste, Feiertage und Zeremonien wurden fortan auch in Hongkong begangen. Und es wurde erwartet, dass jeder daran teilnahm. In den Schulen wurden die Curricula ge&auml;ndert; Japanisch wurde Pflichtfach. Insgesamt konnten w&auml;hrend der gesamten Besatzungszeit allerdings nur wenige junge Leute die Schulbank dr&uuml;cken; Bildung und Ausbildung blieben ein Luxus. Im Jahresbericht 1946 der Hongkonger Regierung hie&szlig; es, dass, &bdquo;soweit dies bislang zu &uuml;berblicken ist, w&auml;hrend der gesamten Dauer der japanischen Besatzung weniger als ein Zehntel der 120.000 Sch&uuml;ler, die es im Jahre 1941 gegeben hatte, in den Genuss eines Schulunterrichts gekommen ist. Im August 1945 war dieser Anteil auf gerade mal 3.000 Sch&uuml;ler gesunken&ldquo;.<\/p><p>Die Japaner froren Bankguthaben ein und Leute, die noch &uuml;ber gr&ouml;&szlig;ere Bargeldreserven verf&uuml;gten, sa&szlig;en bald auf einem Haufen wertlosen Papiers. Den Hongkong-Dollar ersetzte der japanische Milit&auml;r-Yen, der ab Juni 1943 einzig g&uuml;ltiges Zahlungsmittel wurde. Einst wohlhabende Gesch&auml;ftsleute und H&auml;ndler waren &uuml;ber Nacht ruiniert. Eine betr&auml;chtliche Summe der so &bdquo;akquirierten&ldquo; Hongkong-Dollar, der au&szlig;erhalb Hongkongs nach wie vor konvertibel und als Devise gesch&auml;tzt war, gelangte in die nahegelegene portugiesische Kolonie Macao. In dieser damals neutralen Stadt konnten die Japaner das Geld zum Unterhalt ihrer Kriegsmaschinerie verwenden. Das Ausma&szlig; der wirtschaftlichen Ausbeutung und Pl&uuml;nderung Hongkongs durch Japan l&auml;sst sich bislang nicht genau ermessen. Lokale H&auml;ndler und Industrielle wurden angehalten, sich &bdquo;freiwillig&ldquo; in Vereinigungen zu organisieren, um Japans Krieg zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Zwischen 1942 und 1945 verringerte sich Hongkongs Bev&ouml;lkerung um etwa eine Million Menschen. Viele irrten infolge der Kriegswirren umher, bis schlie&szlig;lich etliche von ihnen in ihrer einstigen s&uuml;dchinesischen Heimat landeten, wo die Japaner bereits eine Politik der verbrannten Erde betrieben hatten. Der Jahreswechsel 1944\/45 war die Zeit der schlimmsten und gr&ouml;&szlig;ten Massendeportationen. Leute wurden wahllos auf den Stra&szlig;en aufgegriffen, hinter streng bewachte Absperrungen gepfercht, nach und nach in Transitcamps gesperrt oder auf Boote verfrachtet, von denen viele im st&uuml;rmischen Wellengang des S&uuml;dchinesischen Meeres kenterten und die Insassen in den Tod rissen.<\/p><p><strong>&bdquo;Verunsichert, traumatisiert und brutalisiert&ldquo;<\/strong><\/p><p>Im M&auml;rz 1945 tauchten verst&auml;rkt Poster auf, die junge und starke M&auml;nner dazu aufriefen, in den Bergwerken auf der Insel Hainan vor der K&uuml;ste Vietnams zu arbeiten. Man versprach ihnen sogar einen guten Lohn. Insgesamt 7.000 Chinesen folgten diesem Lockruf. Sie wurden nach Hainan verschifft und mussten dort Stra&szlig;en bauen und in Eisenerzminen schuften. 5.000 von ihnen &uuml;berlebten die Strapazen nicht; sie starben an Unterern&auml;hrung, Ersch&ouml;pfung oder Krankheiten. Mindestens die H&auml;lfte derer, die w&auml;hrend der japanischen Okkupation repatriiert beziehungsweise aus Hongkong vertrieben wurden, kehrte nicht mehr zur&uuml;ck. Ende August 1945 war die Bev&ouml;lkerungszahl Hongkongs auf weniger als 600.000 Einwohner gesunken. Die Fl&uuml;chtlinge liefen zu Fu&szlig; zur&uuml;ck in ihre D&ouml;rfer, ihre Wege waren &uuml;bers&auml;t mit Leichen. Manche vermochten nur zu &uuml;berleben, weil sie Toten die Kleider auszogen und sie unterwegs verkauften &ndash; Zeichen einer zutiefst verunsicherten, traumatisierten und brutalisierten Gesellschaft.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Ko Tim Keung<\/strong>, unter Freunden und Kollegen besser als Tim Ko bekannt, ein Name, den er vorzugsweise auch selbst benutzt, ist von Haus aus passionierter Historiker, der w&auml;hrend seiner fr&uuml;heren T&auml;tigkeit in der Tourismusbranche auch Japanisch gelernt hatte. Seine Vorfahren lebten seit Generationen in Hongkong, das seit dem Vertrag von Nanking im Jahre 1843 Kronkolonie des <em>British Empire<\/em> geworden war. Von fr&uuml;hen Kindesbeinen an begleitete er seinen Vater bei ausgedehnten Spazierg&auml;ngen und entwickelte so eine Neugier, dem alten Hongkong nachzusp&uuml;ren und das moderne Hongkong mit all seinen vielf&auml;ltigen, teils rasanten Ver&auml;nderungen und Entwicklungen genau zu beobachten. Es gibt wohl keinen Winkel in Hongkong und auf der vorgelagerten Halbinsel Kowloon, den er nicht betreten und wor&uuml;ber er nicht geschrieben hat.<\/p><p>Herr Ko ist u.a. Mitglied des <em>Antiquities Advisory Board<\/em> und <em>Board Member of the Royal Asiatic Society (Hong Kong Branch)<\/em>. Er war au&szlig;erdem aktiv an der geschichtlichen Aufbereitung und Ausstattung der als Kriegsgalerie gestalteten R&auml;umlichkeit des <em>Hong Kong Museum of History<\/em> beteiligt. Dieses &uuml;beraus sehenswerte und ebenso liebevoll sowie mit gro&szlig;er Sorgfalt eingerichtete Museum befindet sich &ndash; eingebettet zwischen Hochh&auml;usern und glitzernden Business Centern &ndash; in Tsim Sha Tsui, dem quirligen Gesch&auml;ftszentrum Kowloons. In acht unterschiedlich gestalteten Abteilungen ist hier die Geschichte der ehemaligen britischen Kronkolonie an der s&uuml;dchinesischen K&uuml;ste dokumentiert. Die Galerie mit der Nummer sieben ist in einem flachen, d&uuml;steren Raum untergebracht, der wie ein Luftschutzbunker ausgestattet ist. Hier l&auml;uft ein Videofilm mit dem Titel &bdquo;<em>Drei Jahre und acht Monate<\/em>&ldquo; &ndash; so lange dauerte die Besatzung Hongkongs durch die japanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg, die am Ersten Weihnachtstag 1941 begann.<\/p><p>Die Filmbilder zeigen, wie die Besatzer englische Stra&szlig;enschilder durch japanische ersetzten, wie sich die chinesischen Einwohner Hongkongs vor jedem japanischen Wachposten verbeugen mussten und wie Japanisch als Pflichtfach in den Schulen eingef&uuml;hrt wurde. Und auf vergilbten Fotos aus den 1930er Jahren, die an den kahlen, unverputzten W&auml;nden des Ausstellungsraums h&auml;ngen, sind endlose Tracks von zerlumpten und abgemagerten Chinesen zu sehen, die zu Fu&szlig; in die britische Kolonie Hongkong fliehen.<\/p><p>Dazu Tim Ko im Gespr&auml;ch mit Rainer Werning:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden einige japanische Milit&auml;rs f&uuml;r ihre Kriegsverbrechen verurteilt, sieben von ihnen zum Tode. Aber eine Aufarbeitung der Geschichte gab es danach in Japan nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich die Japaner irgendwann auch nur entschuldigt h&auml;tten. Sie haben allenfalls bei verschiedenen Gelegenheiten ein paar Worte des Bedauerns fallen lassen. Bis heute gedenken der Premierminister und sein Kabinett regelm&auml;&szlig;ig am Yasukuni-Schrein der gefallenen Japaner. F&uuml;r die Menschen in S&uuml;dostasien ist dies ein Affront. Ich glaube deshalb nicht, dass die Japaner wirklich bedauern, was sie getan haben. Wann immer man sie mit ihren Kriegsverbrechen konfrontiert, reagieren sie geschockt. Sie wissen nichts davon. So auch der Chefredakteur einer gro&szlig;en japanischen Zeitung hier in Hongkong. Als ich ihn einmal auf den Zweiten Weltkrieg im Pazifik ansprach, fragte er mich: &sbquo;Wann war das?&lsquo; Wenn schon ein Journalist, der hier in Hongkong als B&uuml;rochef fungiert, derma&szlig;en ignorant ist, was ist dann wohl vom Rest der Japaner zu erwarten?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><em><strong>Ko Tim Keung<\/strong> ist u.a. (Ko-)Autor folgender B&uuml;cher: Hong Kong: Past and Present (Chinesisch), Hong Kong, 1994; Hong Kong During the Japanese Occupation Period (Chinesisch, Ko-Autor), Hong Kong, 1995; Ruins of War (Englisch, Ko-Autor), Hong Kong, 1996; War Relics in the Green (Chinesisch &amp; Englisch), Hong Kong, Friends of the Country Parks\/Agricultural, Fisheries, and Conservation Department, 2001; Hong Kong District Studies (1): Kowloon City (Chinesisch, Ko-Autor), Hong Kong, 2001 &ndash; bis auf die genannte Ausnahme sind alle B&uuml;cher im Verlag Joint Publishing (HK) Co. Ltd. erschienen.<\/em><\/p><p>Titelbild: ESB Professional\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/7259ecb5c4464efead071480650f0070\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Rainer Werning<\/strong> ver&ouml;ffentlichte in diesem Jahr auf den NachDenkSeiten in unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden seine interessanten Betrachtungen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=der-zweite-weltkrieg-in-ost-und-suedostasien\">&bdquo;Zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Verm&auml;chtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien&rdquo;<\/a>. Nun hat er als Erg&auml;nzung zu dieser Reihe einen Artikel von <strong>Ko Tim Keung<\/strong>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] f&uuml;r unsere Leser redaktionell &uuml;berarbeitet und ins Deutsche<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66860\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":66862,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171],"tags":[379,469,2712,1497,304,309,966,2360],"class_list":["post-66860","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-militaereinsaetzekriege","tag-china","tag-grossbritannien","tag-hongkong","tag-japan","tag-kriegsverbrechen","tag-repressionen","tag-weltkrieg","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/shutterstock_144116347.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=66860"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":66913,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66860\/revisions\/66913"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/66862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=66860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=66860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=66860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}