{"id":66872,"date":"2020-11-15T13:15:19","date_gmt":"2020-11-15T12:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66872"},"modified":"2020-11-16T09:02:55","modified_gmt":"2020-11-16T08:02:55","slug":"in-der-corona-krise-wissen-die-russen-die-datschen-noch-mehr-zu-schaetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66872","title":{"rendered":"In der Corona-Krise wissen die Russen die Datschen noch mehr zu sch\u00e4tzen"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend der Corona-Krise entstanden vor den russischen Gro&szlig;st&auml;dten viele neue Datschen. Unser Autor ist selbst auf die Suche nach einer Datsche gegangen und erfuhr dabei so manches &uuml;ber den russischen Immobilienmarkt. Eine Reportage von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Was, schon so lange in Moskau und noch keine eigene Wohnung?&ldquo; Mitleidiges Staunen bei allen Russen, mit denen ich &uuml;ber mein Leben in Moskau spreche. Wer in den 2000er Jahren aus der russischen Provinz nach Moskau kam, um Geld zu verdienen und Karriere zu machen, handelte schnell. Nach ein paar Jahren war der Neuank&ouml;mmling Besitzer einer mit Hilfe von Krediten erworbenen Wohnung. <\/p><p>Ich erinnere mich auch an eine schlaue Journalisten-Kollegin aus den Niederlanden. Die kaufte sich in den 1990er Jahren eine Wohnung im Moskauer Stadtzentrum. Damals waren die Preise noch nicht so hoch wie heute. Ich beneidete sie. <\/p><p>Warum ich mir damals keine Wohnung kaufte? In den 1990er Jahren wusste ich noch nicht, wie lange ich bleibe. Und als ich wusste, dass ich l&auml;nger bleiben werde, reichte mein Geld nicht. <\/p><p>Eine 40 Quadratmeter gro&szlig;e Zwei-Zimmer-Wohnung in einem der drei&szlig;iggeschossigen Wohnh&auml;user, die am Stadtrand von Moskau entstehen, kostet 110.000 Euro. Soviel Geld habe ich nicht. Und will ich ein Leben &bdquo;als Ameise&ldquo; f&uuml;hren? Dann doch lieber au&szlig;erhalb von Moskau ein H&auml;uschen suchen, an einem Ort, der noch mit der Vorortbahn zu erreichen ist. <\/p><p>Zu zweit machen wir uns nun jedes zweite Wochenende auf den Weg ins Moskauer Umland. Dort gibt es eingeschossige Holzh&auml;user mit einem standardm&auml;&szlig;igen, 600 Quadratmeter gro&szlig;en Grundst&uuml;ck f&uuml;r 55.000 Euro. Doch wir sind nicht die Einzigen, die ein Haus suchen. Wie das Internetportal Lenta.ru berichtete, ist das Interesse am Grundst&uuml;ckskauf im Moskauer Umland im April dieses Jahres um 37 Prozent gestiegen. <\/p><p>Ausl&ouml;ser des Datschen-Booms war die Corona-Krise. Nicht wenige verloren ihren Arbeitsplatz. Und viele Angestellte bekamen die Weisung, von Zuhause aus zu arbeiten. Wieder andere &ndash; vor allem Familien mit Kindern &ndash; waren es leid, sich tagaus, tagein den strengen Hygiene-Regeln in der Gro&szlig;stadt zu unterwerfen. In den Datschensiedlungen tragen die Leute in der Regel keine Masken. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201115-Eine-Datschen-siedlung-oestlich-von-Moskau-Foto-Ulrich-Heyden.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201115-Eine-Datschen-siedlung-oestlich-von-Moskau-Foto-Ulrich-Heyden.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Foto: Ulrich Heyden<\/small><\/p><p><strong>Maskenfreie Zone<\/strong><\/p><p>An Informationen &uuml;ber Grundst&uuml;cke und H&auml;user au&szlig;erhalb der Stadt mangelt es nicht. &Uuml;berall in Moskau gibt es Ausstellungsfl&auml;chen mit Fertigh&auml;usern. Das billigste H&auml;uschen &ndash; das allerdings nur f&uuml;r den Sommer geeignet ist &ndash; kostet 20.000 Euro. <\/p><p>Es musste ja nicht unbedingt ein traditionelles Holzhaus mit kleinen Fenstern sein, so dachten wir uns. Auf der Website einer Moskauer Vermittlungsagentur entdeckten wir ein Fertigbau-Holzhaus mit verglasten Au&szlig;enw&auml;nden. Das ist es, dachten wir. Nichts wie hin. <\/p><p>Zehn Kilometer s&uuml;dlich vom Moskauer Autobahnring entfernt, besichtigten wir am Rande eines Feldweges so ein hypermodernes Holzhaus, dessen Front- und R&uuml;ckwand komplett mit Doppelkammer-Thermopen-Scheiben verglast war. <\/p><p>Das Haus stand erst im Rohbau. Zwei Arbeiter bauten das Holzger&uuml;st des Hauses zusammen.  Naja, dachte ich mir. Schon sch&ouml;n, so ein Haus, aber so abseits gelegen? Ist das denn sicher? Und sind die Balken &uuml;berhaupt alle grundiert? Ich hatte meine Zweifel.<\/p><p><strong>Zerfieselte Grundst&uuml;cke<\/strong><\/p><p>Die n&auml;chste Tour f&uuml;hrte uns in eine Datschensiedlung westlich von Moskau, nicht weit von dem Ort Odinzowo. Der Westen von Moskau gilt als teuerstes Wohngebiet. Hier hatten schon die sowjetischen Gener&auml;le ihre Datschen und heute leben im Westen von Moskau, an der Rublowskaja Chaussee, Minister und Oligarchen. <\/p><p>Die Siedlung war als Garten-Genossenschaft registriert. Derartige Genossenschaften entstanden Ende der 1980er Jahre. Von ihrem Unternehmen bekamen die Arbeiter und Angestellten damals Grundst&uuml;cke mit der Standardgr&ouml;&szlig;e von 600 Quadratmetern. <\/p><p>Doch als wir in der Datschen-Siedlung ankamen, sahen wir ein zweist&ouml;ckiges Fertigh&auml;uschen, welches an den langen Seiten nur einen eineinhalb Meter breiten Abstand zum Nachbarzaun hatte. Und dieser eineinhalb Meter hohe Zaun war auch noch aus Metallprofilen. Der Blick aus dem Fenster im Erdgeschoss war durch den Zaun versperrt. Man musste schon in den ersten Stock steigen. Von dort konnte man sogar Wald sehen. Aber der begann erst hinter dem Nachbargrundst&uuml;ck. <\/p><p>Hm, ein Haus im Gr&uuml;nen und dann so eingezw&auml;ngt? Der Grund der Misere war folgender: Der Vorbesitzer hatte das urspr&uuml;nglich 600 Quadratmeter gro&szlig;e Grundst&uuml;ck aufgeteilt, um zwei H&auml;user darauf zu bauen und die dann mit Gewinn zu verkaufen. Einer der K&auml;ufer war der Mann, der uns nun eins der beiden H&auml;user verkaufen wollte. Er erz&auml;hlte freim&uuml;tig, er habe das Haus nach dem Kauf erst winterfest machen m&uuml;ssen, indem er in alle Au&szlig;enw&auml;nde eine zus&auml;tzliche Lage D&auml;mmwatte eingebaut habe. Die Offenheit des Verk&auml;ufers in allen Ehren, aber das klang mir alles zu sehr nach Improvisation und war nicht wirklich einladend.<\/p><p><strong>Die 1990er Jahre sp&uuml;rt man noch<\/strong><\/p><p>Je l&auml;nger wir uns im Moskauer Umland umguckten, desto mehr fiel auf, dass es an Ordnung mangelt. Grundst&uuml;cke waren merkw&uuml;rdig geschnitten oder vollgestellt mit allem m&ouml;glichen Krims-Krams, der sich in der Datschen-Zeit so ansammelt und den man f&uuml;r den Fall der F&auml;lle zur&uuml;cklegt.<\/p><p>Pl&ouml;tzlich schien mir Moskau, die Stadt, aus der ich doch fl&uuml;chten wollte, sehr angenehm. B&uuml;rgermeister Sergej Sobjanin &ndash; seit 2010 im Amt &ndash; hat alle in den 1990er Jahren illegal errichteten Verkaufspavillons in der Innenstadt in einer Nacht- und Nebelaktion geschleift. Die Stadt gewann wundersch&ouml;ne Pl&auml;tze zur&uuml;ck. Der Blick auf alte H&auml;user wurde wieder frei.<\/p><p>In Russland hat es mit Grund und Boden so seine Besonderheiten. In den 1990er Jahren wurden Garten und Ackerland teilweise wild privatisiert. B&uuml;rger, die Kartoffeln und Kohl anbauen wollten, nutzten staatliches Land teilweise auf eigene Faust f&uuml;r den privaten Bedarf. Sp&auml;ter wurden dann auf diesem auf eigene Faust eroberten Gel&auml;nde Datschen gebaut. Und noch sp&auml;ter wurde der Gro&szlig;teil dieser Datschen legalisiert. Der Staat akzeptierte die Landnahme. <\/p><p><strong>Eine Gasleitung f&uuml;r 8.000 Euro<\/strong><\/p><p>Viele H&auml;user, die wir uns anschauten, waren nicht winterfest, das hei&szlig;t, man h&auml;tte die Au&szlig;enw&auml;nde, Decken und B&ouml;den noch mit Mineralwatte abd&auml;mmen m&uuml;ssen. Alle H&auml;user hatten einen eigenen Brunnen und eine eigene Abwasser-Sickergrube.<\/p><p>Und womit wird auf den Datschen geheizt? Nur wenige haben einen Ofen oder Kamin. So bleibt nur das elektrische Heizger&auml;t. Doch der Strom ist im Verh&auml;ltnis zu Gas teuer. Nur die Datschen von Angeh&ouml;rigen der sowjetischen Elite und ausgezeichneten Wissenschaftlern waren an das Gasnetz angeschlossen.<\/p><p>Wenn in der Wohnungsanzeige steht, &bdquo;die Gasleitung f&uuml;hrt bis zum Grundst&uuml;ck&ldquo;, ist das auch nur ein schwacher Trost. Denn das Legen der Gasleitung von der Magistrale, die an der Stra&szlig;e verl&auml;uft, bis zum Haus kostet 8.000 Euro. Der Preis ist so hoch, weil zwischen der staatlichen Gasgesellschaft und dem Hausbesitzer Vermittler t&auml;tig sind, die f&uuml;r ihre Arbeit auch Geld sehen wollen. <\/p><p><strong>Wie kamen die Russen zu ihren Datschen?<\/strong><\/p><p>Der Weg zur russischen Datschen-Kultur war lang: In den <strong>1930er Jahren<\/strong> bekamen erstmal nur Minister, Gener&auml;le und Schriftsteller die begehrten H&auml;user in der Natur. 1949 erlie&szlig; der Ministerrat der UdSSR dann eine Anordnung, die es Arbeitern und Staatsangestellten erlaubte, f&uuml;r den eigenen Bedarf auf einem Acker Kartoffeln und Gem&uuml;se anzubauen.<\/p><p>In den <strong>1950er Jahren<\/strong> &ndash; also unter Chruschtschow &ndash; bekamen die Sowjetb&uuml;rger dann die M&ouml;glichkeit, Datschen zu bauen, allerdings ohne Keller und erste Etage. <\/p><p>Am <strong>18. M&auml;rz 1966<\/strong> &ndash; unter Breschnjew &ndash; erlie&szlig; der UdSSR-Ministerrat eine Anordnung, nach der Arbeiter und Arbeiterinnen bei ihren Betrieben die Zuteilung von Datschen-Grundst&uuml;cken mit einer Standardfl&auml;che von 600 Quadratmetern beantragen konnten. Das an einen Werkt&auml;tigen abgegebene Datschengrundst&uuml;ck blieb aber Staatseigentum. Mit der Verteilung von Datschen-Grundst&uuml;cken wollte die sowjetische Regierung in den 1960er Jahren die Ern&auml;hrungslage verbessern.<\/p><p>Doch wer in den 1960er Jahren eine Datscha baute, musste sich auch damit abfinden, dass es nur ein Plumpsklo mit Sickergrube gab. Das ist &uuml;brigens bis heute so geblieben, wenn auch in den Sickergruben heute Bakterien eingesetzt werden, welche den Inhalt der Grube &ouml;kologisch verarbeiten.<\/p><p>Anfang der <strong>1990er Jahre<\/strong> konnten die Russen ihre Datschen-Grundst&uuml;cke und ihre Wohnungen in den St&auml;dten, die bis dahin dem Staat geh&ouml;rten, gegen eine unbedeutende Verwaltungsgeb&uuml;hr privatisieren. Das war faktisch der &bdquo;Ausgleich&ldquo; daf&uuml;r, dass windige Gesch&auml;ftsleute und rote Direktoren sich &ndash; oft auf nichtlegalem Wege &ndash; die Staatsbetriebe aneigneten. <\/p><p>1995 wurde ein Gesetz erlassen, nach dem Soldaten, die in Afghanistan oder Tschetschenien gek&auml;mpft haben, unter bestimmten Umst&auml;nden Anspruch auf ein Datschengrundst&uuml;ck hatten. Auch Arbeiter mit Auszeichnungen und Angeh&ouml;rige von Soldaten, die im Krieg get&ouml;tet wurden, k&ouml;nnen bei ihren Regionalverwaltungen einen Antrag auf ein kostenloses Grundst&uuml;ck stellen. <\/p><p><strong>Deutscher Baumarkt verdient sich goldene Nase<\/strong><\/p><p>In den 1960er Jahren gab es f&uuml;r den Bau einer Datscha strenge Bestimmungen. Eine erste Etage und einen Keller durfte das H&auml;uschen nicht haben. Baumaterial f&uuml;r die Datscha und das obligatorische Gew&auml;chshaus musste man sich &uuml;ber Beziehungen &bdquo;organisieren&ldquo;. <\/p><p>Seit den 2000er Jahren ist alles anders. Baumarkt-Ketten mit Ware aus Deutschland und China sind in jedem Moskauer Bezirk und selbst in den Kleinst&auml;dten im Umland zu finden. Mit dem Verkauf von Bohrern, Bad-Einrichtungen, Lampen, Tapeten, Heckenschneidern, Gartenst&uuml;hlen, Grill-Vorrichtungen und Topfblumen verdienen sich ausl&auml;ndische Firmen in Russland eine goldene Nase. <\/p><p>In Moskau russisches Ger&auml;t f&uuml;r den Garten zu kaufen, ist fast unm&ouml;glich. Als ich einmal einen Spaten kaufen wollte, um eine verwaiste Fl&auml;che vor unserem Mehrfamilienhaus umzugraben, um dann sp&auml;ter Gras zu s&auml;en, erlebte ich ein blaues Wunder. F&uuml;r russische Erde fand ich keinen russischen Spaten. In dem Haushaltswarengesch&auml;ft bei uns um die Ecke fand ich nur einen Spaten ohne Stil aus Polen. Den Stil aus Holz hatte das Haushaltswarengesch&auml;ft aus russischer Produktion allerdings vorr&auml;tig. Ich erwarb beide Teile und baute sie zusammen. Das Resultat: Ein slawischer Spaten.<\/p><p>Nach offiziellen Angaben haben heute 43 Prozent der St&auml;dter ein Grundst&uuml;ck in der Natur. Der Boden auf den Datschen-Territorien wird fast immer f&uuml;r den Anbau von Erdbeeren, Kartoffeln und Kohl genutzt. Fast jede Datscha hat auch ein kleines Gew&auml;chshaus, in dem Tomaten, Paprika und Gurken gezogen werden. Die Setzlinge ziehen Russen in den Wintermonaten auf dem Fensterbrett, um sie dann im Mai im Gew&auml;chshaus einzupflanzen. <\/p><p><strong>Tricksen wegen der Steuer<\/strong><\/p><p>Ein Immobilien-Kauf in Russland hat seine Besonderheiten. Bei den Immobilien-Anzeigen fiel mir auf, dass einige schrieben, &bdquo;das Haus ist seit drei Jahren im Besitz des Eigent&uuml;mers&ldquo;. Mit dieser Formulierung zeigt der Verk&auml;ufer an, dass die angegebene Verkaufssumme nicht fiktiv ist. Nach dem russischen Gesetz fallen f&uuml;r den Verkauf eines Hauses nur dann Steuern an, wenn der Besitzer es innerhalb von drei Jahren nach dem Erwerb verkauft. Wenn es in der Immobilien-Anzeige keine Angabe dar&uuml;ber gibt, wie lange der Verk&auml;ufer Besitzer des Grundst&uuml;cks ist, ist wahrscheinlich, dass der Verk&auml;ufer einen Teil des in der Anzeige angegebenen Verkaufspreises gerne im Briefumschlag erhalten m&ouml;chte, um Steuern zu sparen. <\/p><p><strong>Freie Hand beim Bauen<\/strong><\/p><p>Auf den Datschen wird so gebaut, wie es der Eigent&uuml;mer will. Es gibt fast keine staatliche Aufsicht. Bei einem Haus, das wir zum Kauf besichtigten, war nur die erste Etage als Wohnraum amtlich registriert, die zweite Etage nicht. Von diesem Detail stand allerdings nichts in der Immobilien-Anzeige. <\/p><p>Auf einer anderen Datscha in einer Garten-Genossenschaft eine Autostunde &ouml;stlich von Moskau hatte der Besitzer die K&uuml;che in den Flur verlegt, um aus der K&uuml;che ein gro&szlig;es Badezimmer mit einer gro&szlig;en runden Badewanne zu machen. Wegen der enormen Wassermasse in der Badewanne habe er das Fundament des Badezimmers extra verst&auml;rken lassen, erz&auml;hlte der Besitzer stolz. Die Erz&auml;hlung machte mich skeptisch. Solche Umbauten werden in Russland in der Regel ohne Genehmigung der Aufsichtsbeh&ouml;rden gemacht, denn der b&uuml;rokratische Aufwand ist riesig. <\/p><p>&Uuml;berraschend war auch das, was wir in einem unbewohnten, zweist&ouml;ckigen Haus eine Autostunde n&ouml;rdlich von Moskau sahen. Im ersten Stock stand auf dem Balkon ein 500-Liter-Wasserbeh&auml;lter. Wie uns die Besitzerin erkl&auml;rte, diente er als Wasserreservoir, wenn die Pumpe im Brunnen nicht genug Wasser hergab. Die Besitzerin, eine Russin, erz&auml;hlte, ihr Mann, ein Kaukasier, habe immer viele G&auml;ste und da g&auml;be es einen gro&szlig;en Wasserbedarf. <\/p><p>Die n&auml;chste &Uuml;berraschung gab es im Erdgeschoss. Dort gab es eine Garage. In der stand ein 1000-Liter-Plastikbeh&auml;lter mit Diesel&ouml;l. Mit dem wurde der Hei&szlig;wasser-Boiler des Hauses betrieben. Etwas Dieselkraftstoff war ausgelaufen und so roch es streng. <\/p><p>Und das war noch nicht alles. Als wir das Haus verlie&szlig;en, bemerkte ich im Vorgarten den Geruch von Abw&auml;ssern. Mit fragendem Blick deutete ich auf den Deckel der hauseigenen Sickergrube im Vorgarten. Die Besitzerin sch&uuml;ttelte den Kopf und erkl&auml;rte, nein, der Geruch komme nicht von dort, sondern von Leuten in der Siedlung, die ihre Sickergruben abpumpen und die F&auml;kalien irgendwo auf Freifl&auml;chen ins Geb&uuml;sch pumpen. So spart man das Geld f&uuml;r das Abpumpen der Sickergruben. Die Pumprohre habe sie selbst gesehen. <\/p><p>Oho! Das war ein offenes Bekenntnis. Immerhin wurden uns auch unangenehme Wahrheiten nicht vorenthalten.<\/p><p><strong>Das Gute liegt so nah<\/strong><\/p><p>Der Exkurs durch das sch&ouml;ne Moskauer Umland mit seinen sanften H&uuml;geln, verstreuten Waldflecken und den Mais- und Kornfeldern war ern&uuml;chternd. Es ist zwar still und die Luft ist besser als in der Gro&szlig;stadt. Aber nun beginne ich zu sch&auml;tzen, was Moskau bietet, die N&auml;he zur Post, Gesch&auml;ften, Apotheken, der U-Bahn, Theater und den Cafes, wo man sich mal auf die Schnelle mit jemandem verabreden kann, der gerade aus Sibirien, der Ukraine oder Deutschland auf der Durchreise ist. <\/p><p>Schon lange wohnen wir zur Miete in einem viergeschossigen Plattenbau, der Anfang der 1960er Jahre gebaut wurde und in vier Jahren im Rahmen des &bdquo;Renovazia&ldquo;-Programms abgerissen werden soll. Mit der Wohnung bin ich sehr zufrieden. Wir haben einen gro&szlig;en Hof mit einem Spielplatz. In dem Hof wachsen gro&szlig;e Linden und Ahorn-B&auml;ume. Wir leben also jetzt schon im Gr&uuml;nen. Warum also in die Ferne schweifen?<\/p><p>Titelbild: James Dalrymple \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/065ea84a09fa40999ad54f6c05fef894\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend der Corona-Krise entstanden vor den russischen Gro&szlig;st&auml;dten viele neue Datschen. Unser Autor ist selbst auf die Suche nach einer Datsche gegangen und erfuhr dabei so manches &uuml;ber den russischen Immobilienmarkt. 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