{"id":67,"date":"2004-03-01T11:03:12","date_gmt":"2004-03-01T09:03:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=67"},"modified":"2016-04-02T11:33:20","modified_gmt":"2016-04-02T09:33:20","slug":"auch-nach-dem-verlust-der-wahlen-in-hamburg-wird-auf-spd-seite-falsch-analysiert-und-falsch-therapiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67","title":{"rendered":"Auch nach dem Verlust der Wahlen in Hamburg wird auf SPD-Seite falsch analysiert und falsch therapiert"},"content":{"rendered":"<p>Das Ergebnis ist bitter f&uuml;r die Hamburger Sozialdemokratie. Bitter und bedr&uuml;ckend f&uuml;r unser Land ist aber auch die Erfahrung vom Wahlabend. Die SPD und auch die Gr&uuml;nen bleiben bei der Fortsetzung ihrer so genannten Reformpolitik. Das ist nicht mehr zu begreifen, denn die SPD und die Gr&uuml;nen setzen damit eine Linie fort, die ihnen in Analyse und Therapie von den konservativen Parteien und ihren Hinterleuten vorgesagt worden ist.<br>\nDie SPD kommt bei ihren Analysen und Hoffnungen immer wieder auf das gleiche Bild zur&uuml;ck: die SPD habe darunter zu leiden, dass sie die seit der Kanzlerschaft Kohls liegen gebliebenen Reformen aufarbeiten m&uuml;sse, diese Reformen seien noch nicht ausreichend vermittelt, das werde aber in der n&auml;chsten Zeit gelingen und dann werde alles wieder gut. Das ist eine total tr&uuml;gerische Hoffnung. Siehe dazu auch den Tagebucheintrag vom <a href=\"?p=62\">10.2.2004<\/a>. Den dortigen Anmerkungen zur Strategie ist fast nichts hinzuzuf&uuml;gen. Aktuell ist auch noch ein Beitrag mit dem Titel <a href=\"?p=30\">&ldquo;Sozialdemokraten haben sich als gestaltende Kraft verabschiedet&rdquo;<\/a>, der schon am 27. Mai 2002 in der Frankfurter Rundschau abgedruckt war.<br>\n<!--more--><br>\nDass die CDU so &uuml;berragend siegt, ist nicht einfach zu erkl&auml;ren. Bei ihr ist alles vergessen: die Spendenaff&auml;re, die Tatsache, dass sie in den Neunziger Jahren das Land wirtschaftlich heruntergefahren hat, die Tatsache, dass sie die sozialen Sicherungssysteme absolut unfair mit den Kosten der deutschen Einheit belastete, dass sie mit dem Abbau sozialer Leistungen schon in den letzten zwei Jahrzehnten begonnen hat &ndash; dies alles ist offenbar vergessen.<\/p><p>Den Hintergr&uuml;nden des erstaunlich guten Images der CDU und der CSU gehen die Sozialdemokraten bei ihren Analysen nicht nach. Sie m&uuml;ssten sich aber Gedanken dar&uuml;ber machen, welchen Einfluss der Schwenk der gro&szlig;en Mehrheit der Medien hin zum Mainstream der konservativen und wirtschaftsliberalen Denkrichtung f&uuml;r die Wahlchancen der Union als der origin&auml;ren Vertreterin dieser politischen Richtung auf der einen Seite und f&uuml;r die Wahlchancen der SPD als kopierender Kraft hat. Eine Partei, die die gesellschaftspolitische Philosophie ihres politischen Gegners &uuml;bernimmt, f&auml;llt als meinungsf&uuml;hrende Kraft aus und verliert auf Dauer auch die Chance, ein bestimmender Machtfaktor zu sein.<br>\nbr&gt;Weil die SPD-F&uuml;hrung dieser Wirklichkeit nicht in die Augen blickt, nimmt sie wohl auch nicht wahr, mit welcher massiven Medien-Barriere und -Feindseligkeit sie es zu tun hat und zu tun bekommt, wenn sie nicht hundertprozentig gef&uuml;gig hinter dem Mainstream der Reformpolitik hertrottet. (Ein Blick in die heutige Ausgabe von Spiegel Online zu den Hamburg-Wahlen gen&uuml;gt, um dies zu begreifen). <\/p><p>Die Vorstellung, die SPD arbeite den Reformenstau auf und sie werde die kommenden Wahlen besser bestehen, wenn die Reformen richtig vermittelt sind, gr&uuml;ndet auf einer Kette von Fehldiagnosen und falschen Therapie-Vorstellungen. Ich will es an einem einzigen Beispiel und in Stichworten klar machen: die SPD und die Gr&uuml;nen haben sich beide einreden lassen, wir h&auml;tten ein demografisches Problem und m&uuml;ssten deshalb das Umlageverfahren durch das Kapitaldeckungsverfahren erg&auml;nzen. Mit der so genannten Riester-Rente sollte diese Jahrhundertreform geschafft werden.<\/p><p>An dieser Diagnose und Therapie, die der SPD und den Gr&uuml;nen &uuml;brigens von den Konservativen und der Lobby eingeredet wurden, stimmt fast nichts: <\/p><ol>\n<li>Das demografische Problem ist nicht neu, es ist nicht dramatisch und w&auml;re mit dem bisherigen System mindestens genauso l&ouml;sbar wie mit dem Kapitaldeckungsverfahren. Das folgt schon daraus, dass die Umstellung nachweisbar nichts an der Relation von arbeitender Generation zu Rentnern und Kindern &auml;ndert. Wer das dennoch glaubt, geht den Lebensversicherern und den von ihnen bezahlten Professoren auf den Leim. Wichtige Daten zu der demografischen Entwicklung finden sich in den Beitr&auml;gen von <a href=\"?p=131\">Gerd Bosbach<\/a> und <a href=\"?p=127\">Richard Hauser<\/a>. In diesen Beitr&auml;ge und auch in fr&uuml;heren Beitr&auml;gen von mir wird belegt, dass die Belastungsquoten der arbeitenden Bev&ouml;lkerung h&ouml;chstwahrscheinlich bei weitem nicht so steigen wie von den Systemver&auml;nderern behauptet wird. Die amtierenden Politiker wie die Wissenschaftler arbeiten mit falschen Zahlen. Obwohl diese Tatsache bekannt ist, plappern sie diese falschen Zahlen immer wieder nach. Siehe auch am Wahlabend in der Sendung Sabine Christiansen die Gr&uuml;ne Ministerin B&auml;rbel H&ouml;hn aus Nordrhein-Westfalen und der ehemalige erste B&uuml;rgermeister von Hamburg, Henning Voscherau (SPD). Offenbar sind die meisten Verantwortlichen realit&auml;tsresistent. Und die Mediengesellschaft verlangt offenbar die Dramatisierung und &Uuml;bertreibung, um sich interessant zu machen.\n<p>Vielleicht folgt die Weigerung, die demografische Entwicklung realistisch wahrzunehmen, auch daraus, dass alle wichtigen Partner im Geschehen &ndash; nahezu alle Politiker, die meisten Wissenschaftler, viele Publizisten &ndash; das Gleiche sagen. Die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit f&uuml;hrt offenbar dazu, dass man Falsches wiederholt und wiederholt und wiederholt und wiederholt. Einen Unterschied von rechts und links, auch innerhalb der SPD, auch innerhalb der Gr&uuml;nen wie man am Beispiel B&auml;rbel H&ouml;hn sieht, gibt es dabei nicht. In der SPD z. B. sagen Wolfgang Clement und Michael M&uuml;ller, Gerhard Schr&ouml;der und Wolfgang Thierse in dieser Frage immer dasselbe. Ich habe das bei anderer Gelegenheit schon einmal einen &ldquo;kollektiven Wahn&rdquo; genannt. Aber selbst diese deutliche Sprache f&uuml;hrt nicht dazu, dass man sich die Fakten anschaut. Realit&auml;tsresistenz ist die Haupttriebfeder der Reformpolitik.<\/p>\n<p>Dass die F&uuml;hrungen von SPD und Gr&uuml;nen den falschen Parolen gefolgt sind, obwohl eine Reihe von ihnen nahe stehenden Experten davor gewarnt haben &ndash; Herbert Ehrenberg, Hans-J&uuml;rgen Krupp, Richard Hauser (und ich selbst) &ndash; bleibt ein R&auml;tsel. Die F&uuml;hrungen von Rot und Gr&uuml;n haben den Wichtigtuern aus den Reihen der Demografen, die es in diesem Bereich schon in den siebziger Jahren gegeben hat, und der massiven Agitation der Interessenvertreter mehr geglaubt. Erstaunlich und entt&auml;uschend zugleich.<\/p><\/li>\n<li>Die Riester-Rente sollte f&uuml;r drei&szlig;ig Jahre Ruhe an der Front bringen. Schon nach gut zwei Jahren muss nachgebessert werden und heute denkt man schon wieder v&ouml;llig neu nach. Das ist kein handwerklicher Fehler. Hier stimmt das Prinzip nicht. Die private Vorsorge bringt keinen Vorteil, im Gegenteil, sie belastet die Arbeitnehmer mehr und kostet im &uuml;brigen unsinnig viel Geld.\n<p>Wie will man das besser vermitteln? Mit einer Diagnose, die &uuml;bertreibt, die falsch ist und obendrein einen Generationenkonflikt herauf beschw&ouml;rt, der sachlich gar nicht n&ouml;tig ist, kann man keine Sympathie gewinnen &ndash; und sie also auch nicht &ldquo;vermitteln&rdquo;. Und wenn es ihn, den Generationenkonflikt, g&auml;be, dann w&uuml;rde die angebotene Therapie Riester Rente und auch eine irgendwie geartete Fortsetzung der privaten Vorsorge nicht helfen und obendrein den Fiskus sehr viel Geld an Subventionen kosten. Mit solchen Therapien ist das W&auml;hlerpotenzial der Sozialdemokraten jedenfalls nicht zu erreichen.<\/p>\n<p>Eine &auml;hnliche Analyse k&ouml;nnte man zum Komplex Hartz-Reformen und zu der unendlichen Kette von Steuersenkungen machen. Alle diese Reformen haben bisher nichts f&uuml;r eine Belebung unserer Wirtschaft getan. Sie k&ouml;nnen das auch nicht, weil es &ndash; anders als Bundesregierung und die rot-gr&uuml;ne Koalition meinen &ndash; die Wirkungszusammenh&auml;nge zwischen diesen Reformen und der wirtschaftlichen Belebung nicht gibt. Bei so viel Fehleinsch&auml;tzungen kann die Union feixend daneben stehen und sich daran erfreuen, wie ihr Haupt-Konkurrent &ndash; die SPD &ndash; an der Mahlzeit erstickt, die ihr von den Freunden der Union empfohlen und gereicht worden ist. Mahlzeit!<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ergebnis ist bitter f&uuml;r die Hamburger Sozialdemokratie. Bitter und bedr&uuml;ckend f&uuml;r unser Land ist aber auch die Erfahrung vom Wahlabend. Die SPD und auch die Gr&uuml;nen bleiben bei der Fortsetzung ihrer so genannten Reformpolitik. 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