{"id":67143,"date":"2020-11-20T15:19:08","date_gmt":"2020-11-20T14:19:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67143"},"modified":"2020-12-04T09:12:57","modified_gmt":"2020-12-04T08:12:57","slug":"sicherheit-durch-sich-vertragen-oder-sicherheit-durch-sich-bewaffnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67143","title":{"rendered":"Sicherheit durch Sich-Vertragen? Oder: Sicherheit durch Sich-Bewaffnen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundesverteidigungsministerin hat am 17. November an der Bundeswehr-Hochschule in Hamburg <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/aktuelles\/zweite-grundsatzrede-verteidigungsministerin-akk-4482110\">eine Grundsatzrede gehalten<\/a>, mit der sie den totalen Bruch mit der erfolgreichen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik der Regierungen Brandt, Schmidt und Kohl propagiert und dokumentiert: der Mitte der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts begonnene und 1990 endg&uuml;ltig erfolgreiche Versuch, Frieden und Sicherheit durch Verst&auml;ndigung, durch Vertr&auml;ge, durch Sich-Vertragen zu gewinnen, ist jetzt aufgegeben und wird ersetzt durch Aufr&uuml;stung, durch Milit&auml;r. Darum kreist das Denken unserer Verteidigungsministerin. Wir m&uuml;ssen davon ausgehen, dass die Bundeskanzlerin genauso denkt. Und der Bundespr&auml;sident und der Bundesau&szlig;enminister auch. Das ist ein wirklicher und gef&auml;hrlicher Bruch. Die Betroffenen, wir alle, wir Erwachsenen und unsere Kinder und Enkel, sind uns offensichtlich dieser gravierenden Ver&auml;nderung und der damit verbundenen Gefahr nicht bewusst. Deshalb dokumentieren und kommentieren die NachDenkSeiten diese Rede. Dar&uuml;ber hinaus haben wir die Rede Kramp-Karrenbauers in unsere Dokumentation <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=50805\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&ldquo;Interessante Dokumente des Zeitgeschehens&rdquo;<\/a> aufgenommen. Auf einige der besonders bemerkenswerten, ideologisch verh&auml;rteten und gef&auml;hrlichen Stellen mache ich aufmerksam. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9874\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67143-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201120-Sicherheit-durch-sich-Vertragen-oder-Sicherheit-durch-sich-Bewaffnen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201120-Sicherheit-durch-sich-Vertragen-oder-Sicherheit-durch-sich-Bewaffnen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201120-Sicherheit-durch-sich-Vertragen-oder-Sicherheit-durch-sich-Bewaffnen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201120-Sicherheit-durch-sich-Vertragen-oder-Sicherheit-durch-sich-Bewaffnen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67143-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201120-Sicherheit-durch-sich-Vertragen-oder-Sicherheit-durch-sich-Bewaffnen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201120-Sicherheit-durch-sich-Vertragen-oder-Sicherheit-durch-sich-Bewaffnen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Bitte lesen Sie die unten wiedergegebene Rede. Es ist ein zeitgeschichtlich relevantes Dokument. Es dokumentiert die R&uuml;ckkehr zum totalen Kalten Krieg.<\/p><p>Einige, nur wenige der besonders bemerkenswerten Stellen habe ich gefettet. Die Ziffern in Klammern beziehen sich auf die folgenden kommentierenden Anmerkungen, die mit der gleichen Ziffer gekennzeichnet sind:<\/p><p>Die 1969 von Bundeskanzler Willy Brandt formulierte Zielsetzung &bdquo;Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein&ldquo; gilt nicht mehr. Die Bundesverteidigungsministerin erweist sich in mehreren Bemerkungen als besonders feindselige Nachbarin. Auch die 1989 und 1990 vereinbarte enge Zusammenarbeit ist aufgegeben; die von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zusammen mit Michael Gorbatschow praktizierte Verst&auml;ndigung mit Russland und die damals entwickelte Konzeption der Gemeinsamen Sicherheit gilt auch nicht mehr. Dass man die Sicherheit zum Beispiel des russischen Volkes und die Sicherheit des deutschen Volkes gemeinsam und eben nicht durch gegeneinander gerichtete Bewaffnung bis unter die Z&auml;hne und mit Atombomben und Atomraketen sicherstellen kann und sollte, gilt auch nicht mehr. Das ist ein wirklicher Bruch.<\/p><p>Das Wort Frieden kommt in der Rede der Bundesverteidigungsministerin nur beil&auml;ufig vor. Entspannung und Entspannungspolitik &ndash; Fehlanzeige. Vertragspolitik, sich vertragen &ndash; Fehlanzeige. Vertrauensbildung, eine in der Praxis der Entspannungspolitik zwischen 1966 und 1990 wichtige Verhaltensregel &ndash; Fehlanzeige. Der Gedanke, sich in die Lage des Anderen zu versetzen &ndash; Fehlanzeige. Vers&ouml;hnen &ndash; selbstverst&auml;ndlich Fehlanzeige.<\/p><p>Im Verh&auml;ltnis zu der Russischen F&ouml;deration und zum russischen Volk wird nicht Vertrauen, da wird Misstrauen ges&auml;t. Da wird Russland zum Aggressor aufgebaut (1). Von Russlands &bdquo;Aufr&uuml;stung mit konventionell und nuklear best&uuml;ckten Raketensystemen&ldquo; ist die Rede, aber nicht davon, wer mit der Aufr&uuml;stung angefangen hat und wer die Verabredungen gek&uuml;ndigt hat. <\/p><p>Es ist keine Rede davon, dass die NATO entgegen dem Geist der Verabredung von 1990 bis an die Grenze Russlands ausgedehnt worden ist. In diesem Zusammenhang hat die Bundesverteidigungsministerin sogar die Chuzpe, Russland anzuklagen. Das Land habe, jetzt w&ouml;rtlich: &bdquo; &hellip; in direkter Nachbarschaft der Europ&auml;ischen Union, unmittelbar an der Ostgrenze der NATO&ldquo; mit nuklear best&uuml;ckten Raketensystemen aufger&uuml;stet. &ndash; Wer einen Vorgang so verdreht, so auf den Kopf stellt, s&auml;t Misstrauen. Meine Gespr&auml;chspartner in Russland halten dieses Verhalten f&uuml;r unanst&auml;ndig. Sie haben mit dieser Einsch&auml;tzung recht.<\/p><p>Bei Frau Kramp-Karrenbauer ist keine Rede davon, dass der Westen alles getan hat, um Russland aus Europa &bdquo;hinauszuwerfen&ldquo;, und deshalb versucht hat, ein Land nach dem anderen aus der engen Zusammenarbeit mit Russland herauszubrechen. Konkret zum Beispiel: Die USA haben mit 5 Milliarden $ f&uuml;r Public Relations und NGOs die Ukraine destabilisiert und aus der Verbundenheit mit Russland herauszul&ouml;sen versucht &ndash; mit Erfolg, wie man heute sieht.<\/p><p>Ihre milit&auml;risch orientierte und aggressive Denkweise und die davon gepr&auml;gte Politik nennt die Bundesverteidigungsministerin &bdquo;Verantwortung&ldquo; (2). Und sie beruft sich dabei auf den Bundespr&auml;sidenten. Der damit verbundene Bruch mit der Friedenspolitik und mit dem Prinzip, dass wir uns mit anderen V&ouml;lkern vertragen wollen und nicht gegen sie r&uuml;sten wollen, ist schon seit l&auml;ngerem so angelegt, schon mit der Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien und dann deutlich zum Beispiel bei der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz von 2014. Dort haben gleich drei der hierzulande m&auml;chtigen Personen das Schlagwort von &bdquo;mehr Verantwortung &uuml;bernehmen&ldquo; eingebracht. Seitdem ist das das K&uuml;rzel f&uuml;r die Bereitschaft, milit&auml;risch zu intervenieren.<\/p><p>Die Bundesverteidigungsministerin belebt eine olle Kamelle. Sie nennt den &bdquo;internationalen Systemwettbewerb&ldquo; eine der Herausforderungen, denen wir uns stellen m&uuml;ssten (3). Und dann kommt der gesamte ideologische Wust, den wir eigentlich glaubten, &uuml;berwunden zu haben. Dann ist vom westlichen Modell der offenen Gesellschaft die Rede, von Demokratie und Rechtsstaat, denen wir wohl angeblich verpflichtet sind. Dem w&uuml;rden einige Staaten ein anderes Modell entgegenstellen. Auch behauptete sie, diese autorit&auml;ren Systeme seien wirtschaftlich, gesellschaftlich und milit&auml;risch auf Expansionskurs und arbeiteten mit Nachdruck daran, V&ouml;lkerrecht umzuschreiben und zu entstellen. Wer hat denn damit begonnen, das V&ouml;lkerrecht umzuschreiben? Zum Beispiel mit der milit&auml;rischen NATO-Intervention in Restjugoslawien?<\/p><p>Dann kommt gleich der Satz: &bdquo;Handelsrouten und Lieferketten geraten unter Druck&ldquo;. (4)<\/p><p>Wo denn, muss man da fragen? Bedroht Russland die Handelswege und die Lieferketten? Tut China das? Wer denn sonst? Wer von jenen V&ouml;lkern, gegen die der Westen Krieg f&uuml;hrt, hat denn unsere Handelswege und Lieferketten bedroht? Syrien? Der Irak? Afghanistan? Libyen? Der Iran?<\/p><p>Russland m&ouml;chte gerade &ndash; so wie es vertraglich vereinbart ist &ndash; den Handelsweg f&uuml;r russisches Gas nach Deutschland ausbauen &ndash; mit Nordstream 2. Die Bundesverteidigungsministerin verdreht offensichtlich mit Lust die Tatsachen. <\/p><p>China vorzuwerfen, es setze Handelsrouten und Lieferketten unter Druck, ist besonders witzig. China will die Handelswege sogar mit neuen Eisenbahnverbindungen weiter ausbauen. Welches Interesse sollte dieses exportorientierte Land an der Bedrohung von Handelsrouten und Lieferketten haben? In diesem Zusammenhang muss ich auf eine Meldung in meiner Zeitung aufmerksam machen, die die Absurdit&auml;t der Politikerin Kramp-Karrenbauer, die ja aus dem Saarland kommt, besonders sichtbar macht. Diese Meldung vom 18. November lautet:<\/p><blockquote><p>\n<strong>Saarland: Bau einer Batteriefabrik f&uuml;r 2 Milliarden &euro;<\/strong><\/p>\n<p>Saarbr&uuml;cken. Der chinesische Automobilzulieferer Svolt Energy Technology will seine Europa-Produktion im Saarland ansiedeln und dort 2 Milliarden &euro; in den Bau einer Batterieproduktion f&uuml;r E-Autos investieren. Dabei sollen 2000 neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden.\n<\/p><\/blockquote><p>Sieht so die Bedrohung unserer Handelswege und Lieferketten aus? Das Saarland wird von einem CDU-Ministerpr&auml;sidenten regiert. Dessen Amt hatte vorher die jetzige Bundesverteidigungsministerin. Es w&auml;re alles zum Lachen, wenn es nicht so gef&auml;hrlich w&auml;re. <\/p><p>Gef&auml;hrlich ist die Neigung zur Kriegsspielerei, die bei der jetzigen Bundesverteidigungsministerin und der Bundesregierung sichtbar wird.<\/p><p>Damit bin ich bei einem besonderen St&uuml;ck: Statt sich &ndash; ganz im Sinne der gro&szlig;en Investition eines chinesischen Unternehmens im Saarland &ndash; f&uuml;r dauerhafte Zusammenarbeit und Sich-Vertragen einzusetzen, setzt unsere Bundesverteidigungsministerin ein vor kurzem begonnenes neues Spielchen fort: In einem Abschnitt ihrer Rede (5) kommt sie auf den sicherheitspolitischen &bdquo;Multilateralismus&ldquo; zu sprechen. Sie meint damit konkret die Partnerschaft zu Freunden in Australien, Japan, S&uuml;dkorea oder Singapur. Diese Partnerschaft m&uuml;sse man st&auml;rken. Daran anschlie&szlig;end geht es w&ouml;rtlich weiter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Deutschland wird pr&auml;senter, etwa durch mehr Verbindungsoffiziere und im kommenden Jahr, so Corona das zul&auml;sst, durch ein Schiff der deutschen Marine. Wir werden Flagge zeigen f&uuml;r unsere Werte, Interessen und Partner&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Da soll also ein Schiff der deutschen Marine ins s&uuml;dchinesische Meer geschickt werden, um &bdquo;Flagge zu zeigen f&uuml;r unsere Werte, Interessen und Partner&ldquo;. Das ist w&ouml;rtlich zitiert und rundum abenteuerlich. Und es ist gef&auml;hrlich. Denn damit wird die Bundesrepublik Deutschland auf leichtfertige Weise in Konflikte hineingezogen, &uuml;ber deren Ursachen wir keinerlei Entscheidungsmacht haben. Au&szlig;erdem ist die ganze Geschichte mit dem einen (!) Schiff rundum l&auml;cherlich. <\/p><p>Ich k&ouml;nnte diese kritischen Bemerkungen zu der Rede von Frau Kramp-Karrenbauer weiter fortsetzen. Aber es reicht. Es reicht, um festzustellen, dass unser Land in dieser wichtigen Funktion eine Person wirken l&auml;sst, die ideologisch noch &uuml;ber den elenden Zustand der Kalten Krieger der F&uuml;nfzigerjahre hinausragt. Dass die CDU immer wieder solche Politiker\/innen hervorbringt, ist schrecklich, und dass wir heute drei davon, noch dazu Frauen in entscheidenden Positionen haben &ndash; die Bundeskanzlerin, die EU-Kommissionspr&auml;sidentin und die Bundesverteidigungsministerin &ndash; ist besonders bedr&uuml;ckend.<\/p><p>Frau Kramp-Karrenbauer hat vor jungen Studenten und Soldaten geredet und sie hat dort einen Geist verbreitet, den wir gerade nicht in der Bundeswehr haben wollen. Und auch nicht gebrauchen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Anlage<\/strong><br>\n<em><strong><a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/aktuelles\/zweite-grundsatzrede-verteidigungsministerin-akk-4482110\">2. Grundsatzrede der Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer<\/a><\/strong><\/em><br>\n<em>vom 17.11.2020 in Hamburg, Bundeswehrhochschule<\/em><\/p><p><em><strong>Es gilt das gesprochene Wort!<\/strong><\/em><\/p><p>Sehr geehrter Herr Professor Dr. Beckmann,<br>\nliebe Mitglieder der Hochschulleitung,<br>\nwerte Generale,<br>\nsehr geehrte Damen und Herren,<br>\naber vor allem Sie, liebe Studierende,<\/p><p>wieder einmal m&uuml;ssen wir uns dem Virus beugen und auch diese Zusammenkunft ins Virtuelle verlegen.<\/p><p>Ich freue mich, trotzdem heute zum ersten Mal zu Ihnen sprechen und mit Ihnen diskutieren zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Ich bedanke mich herzlich bei all jenen, die das m&ouml;glich gemacht haben.<\/p><p>Meine Damen und Herren,<\/p><p>Wir erleben derzeit einen Augenblick von gro&szlig;er Tragweite. Vor unseren Augen ver&auml;ndert sich die strategische Gesamtlage, verdichtet sich und wird klar erkennbar.<\/p><p>In den Vereinigten Staaten von Amerika haben wir eine Pr&auml;sidentschaftswahl gesehen, deren Ausgang uns alte Herausforderungen pr&auml;sentiert und uns neue Optionen in der internationalen Politik, auch in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, er&ouml;ffnet.<\/p><p>Jetzt k&ouml;nnen wir Europ&auml;er zeigen, dass wir und wie wir diese Chance nutzen wollen.<\/p><p>In Berg-Karabach ist zwischen Aserbaidschan und Armenien gerade der erste echte Drohnenkrieg der Geschichte ausgetragen worden, mit schwerwiegenden Konsequenzen f&uuml;r die unterlegene Seite.<\/p><p>China hat soeben mit vierzehn anderen Staaten des Indo-Pazifiks das gr&ouml;&szlig;te Freihandelsabkommen der Welt abgeschlossen. Dieser Vertrag in der dynamischsten Wirtschaftsregion der Welt, illustriert die globale Machtverschiebung hin zum Pazifik.<\/p><p><strong>Hallo <\/strong><\/p><p>Das strategische Gleichgewicht und potenziell auch die nukleare Balance in Europa werden dadurch empfindlich gest&ouml;rt.<\/p><p>Dies alles geschieht, w&auml;hrend sich global die Covid-19-Pandemie noch immer ausbreitet. Wir k&ouml;nnen noch nicht vollst&auml;ndig absehen, welche wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und strategischen Folgen das winzige Virus haben wird.<\/p><p>Meine australische Amtskollegin Linda Reynolds sagte sehr treffend bei einem gemeinsamen Webinar vor zwei Wochen: &bdquo;Es ist die Aufgabe von Verteidigungsministerinnen, die Welt erst einmal n&uuml;chtern so zu betrachten, wie sie ist &ndash; nicht, wie wir sie uns w&uuml;nschen.&ldquo; Das f&auml;llt uns in Deutschland nicht immer leicht.<\/p><p>Wenn wir unsere Arbeit gut machen, k&ouml;nnen wir jedoch dazu beitragen, dass Deutschland und Europa sich au&szlig;en- und sicherheitspolitisch in die von uns gew&uuml;nschte Richtung entwickeln.<\/p><p>Deshalb ist es gut, dass es heute &uuml;ber die politischen Lager hinweg einen Konsens f&uuml;r <strong>&bdquo;mehr Verantwortung&ldquo;<\/strong> Deutschlands und Europas gibt. (2)<\/p><p>Doch hei&szlig;t dieser Konsens auch, dass man den Menschen im Lande die mit der h&ouml;heren Verantwortung einhergehenden, mitunter auch unbequemen Wahrheiten zumuten kann und darf?<\/p><p>Wer glaubt, das nicht zu k&ouml;nnen oder nicht zu d&uuml;rfen, der ist arrogant. Der respektiert die Menschen nicht. Der behandelt sie wie Unm&uuml;ndige.<\/p><p>Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern in einer Demokratie haben ein Recht auf unbequeme Wahrheiten.<\/p><p>Denn wenn wir in Deutschland vom Konsens &uuml;ber mehr Verantwortung zu einem Konsens des konkreten Handelns kommen wollen, wenn wir die Einsicht, dass Deutschland mehr tun muss, nicht mehr abstrakt bereden, sondern konkret umsetzen wollen, dann geht das nur mit der demokratischen Legitimation durch die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. &nbsp;<\/p><p>Die Herausforderungen sind klar erkennbar, der <strong>internationale Systemwettbewerb<\/strong> auch. (3)<\/p><p>Einige Staaten stellen dem westlichen Modell der offenen Gesellschaft, der Demokratie und des Rechtsstaats ein anderes Modell entgegen, das mit unseren Werten in keiner Weise vereinbar ist.<\/p><p>Manche bauen mit unterschiedlichen Methoden aggressiv ihren Einfluss in Europa aus, um in unseren L&auml;ndern und unseren Institutionen mitzuregieren.<\/p><p>Autorit&auml;re Systeme sind wirtschaftlich, gesellschaftlich und milit&auml;risch auf Expansionskurs und arbeiten mit Nachdruck daran, V&ouml;lkerrecht umzuschreiben und zu entstellen.<\/p><p><strong>Handelsrouten und Lieferketten geraten unter Druck.<\/strong> (4)<\/p><p>In der Cyberwelt haben wir es t&auml;glich mit einer Vielzahl staatlicher oder staatsnaher Angriffe zu tun, viele davon auf die Institutionen unserer Demokratie oder auf kritische Infrastrukturen.<\/p><p>Hochmoderne Waffensysteme, von KI-gesteuerten Drohnenschw&auml;rmen bis hin zu bisher kaum abwehrbaren hypersonischen Flugk&ouml;rpern, sind bereits im Einsatz oder werden es bald sein.<\/p><p>Krisen und Kriege bestimmen leider den Alltag auch in unserer europ&auml;ischen Nachbarschaft.<\/p><p>Gleichzeitig bleibt Terrorismus, besonders der islamistische, eine Gei&szlig;el f&uuml;r alle Menschen &uuml;berall auf der Welt.<\/p><p>Drei&szlig;ig Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs m&uuml;ssen wir uns eingestehen: Das Ende des Kalten Krieges war nicht das Ende der Geschichte. Der Frieden ist nicht &uuml;berall ausgebrochen. Unsere Sicherheit, unser Wohlstand, unser friedliches Zusammenleben werden ganz real bedroht.<\/p><p>Hinzu kommt, dass wir auch in der NATO und der&nbsp;EU&nbsp;derzeit fundamentale Ungewissheiten sp&uuml;ren:<\/p><ul>\n<li>Wie verl&auml;sslich sind die Vereinigten Staaten von Amerika?<\/li>\n<li>Nehmen wir in Europa dieselben Bedrohungen wahr? Auf Russland beispielsweise schaut man in Riga oder Stockholm mit anderen Augen als in Paris oder Rom.<\/li>\n<li>Wie entschlossen ist Deutschland selbst?<\/li>\n<li>K&ouml;nnen wir Europ&auml;er uns aufeinander verlassen, wenn es darauf ankommt?<\/li>\n<\/ul><p>Und schlie&szlig;lich wird auch Covid-19 die Verteidigungspolitik treffen. Die kommenden Verteidigungshaushalte ben&ouml;tigen aber einen gesunden Wachstumskurs. Denn die geschilderten Bedrohungen und Herausforderungen bleiben auch w&auml;hrend der Pandemie bestehen.<\/p><p>Meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p><p>um diesen Entwicklungen gerecht zu werden, brauchen wir Offenheit und Ernsthaftigkeit in der Debatte.<\/p><p>Ich m&ouml;chte als verantwortliche Ministerin dazu meinen Beitrag leisten.<\/p><p>In einer vernetzten Welt brauchen wir ein vernetztes Politikverst&auml;ndnis. Wir brauchen eine gut abgestimmte Au&szlig;en-, Sicherheits-, Verteidigungs-, Handels- und Entwicklungspolitik, wenn wir als Deutschland und Europa k&uuml;nftig besser weltpolitikf&auml;hig werden wollen und wenn aus unseren F&auml;higkeiten eine wirksame Verteidigungsdiplomatie erwachsen soll.<\/p><p>Im vergangenen Jahr habe ich deshalb an der Universit&auml;t der Bundeswehr in M&uuml;nchen den Vorschlag gemacht, in Deutschland einen Nationalen Sicherheitsrat einzurichten.<\/p><p>In der Zwischenzeit haben in diesem besonderen Jahr 2020 gleich eine ganze Reihe von Ereignissen gezeigt, wie hilfreich ein solches Instrument zur Koordinierung und Strategieentwicklung w&auml;re. Auch die Coronakrise geh&ouml;rt dazu.<\/p><p>Ich bin sicher, dass in kommenden Koalitionsverhandlungen dar&uuml;ber gesprochen wird.<\/p><p>Ich freue mich, dass die Bundesregierung umfassende Leitlinien zum Indo-Pazifik beschlossen hat, die auch die Sicherheits- und Verteidigungspolitik umfasst. Die strategische Bedeutung der Region wird damit voll anerkannt.<\/p><p>Eine st&auml;rkere verteidigungs- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit f&uuml;llt den f&uuml;r uns so wichtigen Multilateralismus mit Leben und st&auml;rkt die Partnerschaft zu Freunden in Australien, Japan, S&uuml;dkorea oder Singapur.<\/p><p>Deutschland wird pr&auml;senter, etwa durch mehr Verbindungsoffiziere und im kommenden Jahr, so Corona das zul&auml;sst, <strong>durch ein Schiff der Deutschen Marine.<\/strong><\/p><p><strong>Wir werden Flagge zeigen f&uuml;r unsere Werte, Interessen und Partner.<\/strong> (5)<\/p><p>Meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p><p>Seit dem Ende des 2. Weltkrieges lebt Deutschland von einer Stabilit&auml;t, die es gemeinsam mit seinen europ&auml;ischen Nachbarn und den USA geschaffen hat.<\/p><p>Wir waren und sind f&uuml;r Freiheit, Frieden und gutes Leben der Menschen in unserem Land immer auf Verb&uuml;ndete angewiesen.<\/p><p>Der wichtigste Verb&uuml;ndete in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik waren und sind nach wie vor die Vereinigten Staaten von Amerika. Und sie werden es auf absehbare Zeit auch bleiben. Ohne die nuklearen und konventionellen F&auml;higkeiten Amerikas k&ouml;nnen Deutschland und Europa sich nicht sch&uuml;tzen. Das sind die n&uuml;chternen Fakten.<\/p><p>Das renommierte Londoner RUSI-Institut sch&auml;tzt, dass die USA derzeit 75 Prozent aller NATO-F&auml;higkeiten stellen.<\/p><p>Die USA stellen 70 Prozent der sogenannten &bdquo;strategic enabler&ldquo;,&nbsp;das hei&szlig;t beispielsweise Aufkl&auml;rung, Hubschrauber, Luftbetankung und Satellitenkommunikation.<\/p><p>Nahezu 100 Prozent der Abwehrf&auml;higkeiten gegen ballistische Raketen werden von den USA in die NATO eingebracht. Und nat&uuml;rlich stellen die USA den weit &uuml;berwiegenden Teil der F&auml;higkeiten zur nuklearen Abschreckung.<\/p><p>Etwa 76.000 US-Soldatinnen und Soldaten dienen in Europa. Das umfasst noch nicht die Truppen, die die USA im Ernstfall zur Verst&auml;rkung schicken w&uuml;rden.<\/p><p>All dies zu kompensieren w&uuml;rde nach seri&ouml;sen Sch&auml;tzungen Jahrzehnte dauern und unsere heutigen Verteidigungshaushalte mehr als bescheiden daherkommen lassen.<\/p><p>Wir haben also ein besonderes Interesse daran, dass Amerika weiter an der Verteidigung Europas interessiert ist, w&auml;hrend es gleichzeitig seinen strategischen Fokus nach Asien verlegt.<\/p><p>Die beste Art das zu erreichen, ist selbst mehr f&uuml;r unsere eigene Sicherheit zu tun. Nur wenn wir unsere eigene Sicherheit ernst nehmen, wird Amerika das auch tun.<\/p><p>Das hat auch der franz&ouml;sische Pr&auml;sident gerade festgestellt &ndash; und ich stimme ihm zu.<\/p><p>Gleichzeitig kann ich nur unterstreichen, was Bundespr&auml;sident Steinmeier vor wenigen Tagen, anl&auml;sslich des 65. Geburtstags der Bundeswehr, sagte:<\/p><p>&bdquo;Allein und nur auf die&nbsp;EU&nbsp;zu setzen, hie&szlig;e Europa in die Spaltung zu treiben. Wir werden den st&auml;rksten und gr&ouml;&szlig;ten Partner im B&uuml;ndnis weiter dringend brauchen. Aber nur ein Europa, das sich selbst glaubw&uuml;rdig sch&uuml;tzen will und kann, hat die besten Chancen, die Vereinigten Staaten in der Allianz halten zu k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>Genau darum geht es jetzt. Dieses Paradox m&uuml;ssen wir aushalten: wir bleiben sicherheitspolitisch von den USA abh&auml;ngig und m&uuml;ssen gleichzeitig in Zukunft als Europ&auml;er mehr von dem selbst tun, was uns die Amerikaner bisher abgenommen haben.<\/p><p>Die Idee einer strategischen Autonomie Europas geht zu weit, wenn sie die Illusion n&auml;hrt, wir k&ouml;nnten Sicherheit, Stabilit&auml;t und Wohlstand in Europa ohne die NATO und ohne die USA gew&auml;hrleisten.<\/p><p>Wenn es aber darum geht, auch eigenst&auml;ndig als Europ&auml;er handeln zu k&ouml;nnen, wo es in unserem gemeinsamen Interesse liegt, dann ist das unser gemeinsames Ziel und entspricht unserem gemeinsamen Verst&auml;ndnis von Souver&auml;nit&auml;t und Handlungsf&auml;higkeit.<\/p><p>Deutschland und Frankreich wollen, dass die Europ&auml;er k&uuml;nftig selbstbestimmt und wirkungsvoll agieren k&ouml;nnen, wenn es darauf ankommt.<\/p><p>Wir wollen, dass Europa f&uuml;r die USA starker Partner auf Augenh&ouml;he ist und kein hilfsbed&uuml;rftiger Sch&uuml;tzling.<\/p><p>Der neue amerikanische Pr&auml;sident&nbsp;Joe Biden&nbsp;muss sehen und sp&uuml;ren, dass wir genau das anstreben.<\/p><p>Ich halte es f&uuml;r wichtig, dass wir Europ&auml;er der kommenden&nbsp;Biden-Administration daher ein gemeinsames Angebot, einen New Deal, vorlegen.<\/p><p>F&uuml;r mich sind aus der Sicht der deutschen Verteidigungspolitik drei Eckpunkte dabei besonders wichtig:<\/p><ul>\n<li>Dass wir unsere F&auml;higkeiten in der Verteidigung ausbauen und daf&uuml;r die Verteidigungshaushalte auch in der Corona-Zeit zuverl&auml;ssig st&auml;rken.<\/li>\n<li>Dass Deutschland sich zu seiner Rolle in der nuklearen Teilhabe in der NATO bekennt.<\/li>\n<li>Dass beim Thema China dort, wo es mit unseren Interessen vereinbar ist, eine gemeinsame Agenda Europas mit den USA m&ouml;glich und gewollt ist.<\/li>\n<\/ul><p>Alles dies passt nahtlos und bruchfrei zu unseren Ambitionen in Europa: wir wollen, dass Europa mehr kann, in der NATO und als&nbsp;EU.<\/p><p>Deutschland hat genau deshalb w&auml;hrend seiner Ratspr&auml;sidentschaft wichtige&nbsp;EU-Projekte vorangetrieben:<\/p><ul>\n<li>aufbauend auf einer gemeinsamen Analyse der Bedrohungen erstellen wir einen Strategischen Kompass f&uuml;r eine klare sicherheitspolitische Ausrichtung.<\/li>\n<li>Lernend aus Corona bauen wir die Kooperation unserer Sanit&auml;tsdienste aus. Das&nbsp;European Medical Command&nbsp;wird gest&auml;rkt, &uuml;brigens in Zusammenarbeit mit NATO-Alliierten.<\/li>\n<li>Die Drittstaaten-Regelung bei&nbsp;PESCO, unserer strukturierten europ&auml;ischen Sicherheitskooperation, erm&ouml;glicht die Anbindung gerade nicht-europ&auml;ischer Partner.<\/li>\n<li>Und wir suchen mit der&nbsp;European&nbsp;Peace Facility auch eine gute europ&auml;ische L&ouml;sung, um Partnerstreitkr&auml;fte, die wir ausbilden, auch angemessen ausr&uuml;sten zu k&ouml;nnen.<\/li>\n<\/ul><p>Eine eigene Europ&auml;ische Streitmacht, wie sie jetzt von einigen wieder vorgeschlagen wird, ist eine Vision unter vielen. Egal, wie man dazu steht, wer am Ende diesen gro&szlig;en Schritt gehen will, der muss vorher konsequent alle kleinen Schritte gehen. Das beginnt damit, die bestehenden Verpflichtungen in der NATO und der&nbsp;EU&nbsp;zu erf&uuml;llen.<\/p><p>Das kann nur hei&szlig;en, die Handlungsf&auml;higkeit Europas nicht nur abstrakt zu beschw&ouml;ren, sondern ganz konkret in sie zu investieren, ganz konkret f&uuml;r sie zu stimmen, sie mit ganz konkretem Handeln zu zeigen.<\/p><p>Die Kosten einer strategischen Autonomie im Sinne einer vollkommenen Losl&ouml;sung von den USA w&uuml;rden im &Uuml;brigen ungleich h&ouml;her ausfallen, als die zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zu denen wir uns selbst im atlantischen B&uuml;ndnis verpflichtet haben.<\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p><p>wir m&uuml;ssen europ&auml;ischer werden um transatlantisch zu bleiben. Deutschland muss daf&uuml;r bei sich selbst anfangen. Wir k&ouml;nnen das nicht irgendwo hin-delegieren.<\/p><p>Unsere Anstrengungen in diese Richtung k&ouml;nnen sich bereits sehen lassen, in der Einsatzbereitschaft, der Landes- und B&uuml;ndnisverteidigung, im Auslandseinsatz, im personellen Aufwuchs, in der Beschaffung von Ausr&uuml;stung.<\/p><p>Auch &uuml;brigens als Akteur in der internationalen Verteidigungsdiplomatie, die es uns erm&ouml;glicht, f&uuml;r Freiheit, Frieden und Konfliktl&ouml;sung aus einer Position der St&auml;rke zu agieren &ndash; ob durch NATO-Pr&auml;senz, durch Ert&uuml;chtigung oder Milit&auml;rbeobachter.<\/p><p>Das alles tut die Bundeswehr schon jetzt.<\/p><p>Ich sage gleichzeitig mit Nachdruck: das Verteidigungsministerium allein kann nicht daf&uuml;r sorgen, dass unsere sicherheits- und verteidigungspolitische Verl&auml;sslichkeit als Verb&uuml;ndeter gest&auml;rkt wird.<\/p><p>Das ist eine gesamtpolitische Aufgabe. So muss auch die langfristige Finanzlinie des Verteidigungshaushalts ein gemeinsames Anliegen einer Regierung sein.<\/p><p>Ich kann mir daher gut vorstellen, in kommenden Legislaturperioden dem Vorbild anderer europ&auml;ischer L&auml;nder zu folgen, und ein Verteidigungsplanungsgesetz zu verabschieden, das die Finanzierung unserer Sicherheit &uuml;berj&auml;hrig und langfristig festschreibt.<\/p><p>Damit Sicherheit weniger Spielball der Konjunktur und kurzfristiger Stimmungsbilder ist, sondern als absolute Kernaufgabe des Staates stetig unterf&uuml;ttert bleibt.<\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p><p>wenn wir &uuml;ber das Geld f&uuml;r unsere Sicherheit sprechen, dann tut auch hier ein realistischer und kritischer Blick gut &ndash; auf die Welt, wie sie ist.<\/p><p>Lassen Sie mich daher eine unangenehme Wahrheit aussprechen: Die Anforderungen an Deutschland steigen. Sie ver&auml;ndern sich qualitativ.<\/p><p>Eine Konsequenz daraus ist, dass wir daran unsere Planungen immer wieder messen m&uuml;ssen.<\/p><p>Fr&uuml;her haben wir vor allem aus der Not knapper Kassen heraus priorisiert. Heute m&uuml;ssen wir dies tun, weil eine sich schnell &auml;ndernde Weltlage das n&ouml;tig macht. Was ist wichtiger als anderes? Was ist jetzt dringender? Wir werden das genau benennen. Nicht jeder wird mehr das bekommen, was er sich ertr&auml;umt hat.<\/p><p>Mir kommt es dabei auch darauf an, dass wir uns dabei gut im B&uuml;ndnis abstimmen. Wir bleiben Anlehnungspartner. Und wir d&uuml;rfen nicht an unserer F&auml;higkeit zur Zusammenarbeit im Einsatz sparen. &nbsp;<\/p><p>Und nat&uuml;rlich d&uuml;rfen wir erst Recht nicht an der Sicherheit unserer Soldatinnen und Soldaten sparen!<\/p><p>Das f&uuml;hrt mich zu einem zentralen Punkt: Ich werde einer Finanzierung von Gro&szlig;projekten zu Lasten der Grundausstattung und der Mittel des t&auml;glichen Betriebs nicht zustimmen.<\/p><p>Diesen Fehler hat die Bundeswehr in den letzten Jahrzehnten gemacht und er hat die Streitkr&auml;fte bis ins Mark getroffen. Das darf sich nicht wiederholen.<\/p><p>Neue Gro&szlig;projekte, so attraktiv sie scheinen und so sch&ouml;n es w&auml;re, die damit versprochenen F&auml;higkeiten zu haben, k&ouml;nnen nur dann realisiert werden, wenn daf&uuml;r in der Finanzplanung zus&auml;tzliches Geld bereitgestellt wird &ndash; oder wenn andere Gro&szlig;projekte daf&uuml;r nicht realisiert werden.<\/p><p>Deswegen bin ich froh, dass wir uns in den aktuellen Haushaltsverhandlungen darauf einigen konnten, einigen dieser Projekte bereits eine mittelfristige Finanzperspektive zu geben:<\/p><ul>\n<li>dem&nbsp;Eurofighter,<\/li>\n<li>dem Hubschrauber NH90,<\/li>\n<li>der Eurodrohne.<\/li>\n<\/ul><p>Das ist gut f&uuml;r die Truppe, verl&auml;sslich gegen&uuml;ber unseren Verb&uuml;ndeten, f&ouml;rdert europ&auml;ische Eigenst&auml;ndigkeit, industrielle F&auml;higkeiten und Technologie, und es ist gelebte Gesamtverantwortung in der Bundesregierung und im Parlament.<\/p><p>Liebe Studierende,<\/p><p>einige von Ihnen sind bereits Offizier, einige von Ihnen sind noch Offiziersanw&auml;rter. Sie alle werden schon bald die Geschicke unserer Bundeswehr mitbestimmen.<\/p><p>Sie haben sich bewusst f&uuml;r einen anspruchsvollen Weg in einer dienenden Funktion entschieden. Nicht wenige von Ihnen werden einmal f&uuml;r das strategische Geschick dieses Landes mitverantwortlich sein.<\/p><p>Sie haben es sicher bereits bemerkt: Gro&szlig;e, komplexe Organisationen wie die Bundeswehr neigen durchaus dazu, sich mit sich selbst zu befassen.<\/p><p>Auch in Deutschland und Europa gibt es den Hang dazu, w&auml;hrend sich die Welt gleichzeitig rasant wandelt und andere sie nach ihren Vorstellungen gestalten &ndash; und auch in unserer direkten Nachbarbarschaft Fakten schaffen.<\/p><p>Meine Damen und Herren,<\/p><p>Wir m&uuml;ssen gemeinsam in die Welt hinausblicken, statt nur auf uns selbst. Mein Anspruch ist es &ndash; unser Anspruch muss es sein &ndash; dass Deutschland und Europa die eigene Nachbarschaft und die globale Ordnung aktiv mitgestalten.<\/p><p>Dass wir konsequent im Blick haben, welche Interessen wir haben, wie wir ihnen dienen, welche Ziele in der Welt wir verfolgen und wie wir in der Zusammenarbeit mit anderen dort hingelangen.<\/p><p>Ich w&uuml;nsche mir, dass Sie diesen Blick fr&uuml;h ein&uuml;ben, ihn stetig weiten, und ihn nie mehr verlieren, ganz gleich auf welcher Ebene sie gerade eingesetzt sind, vom jungen Truppenf&uuml;hrer bis hin zur milit&auml;rpolitischen Ebene.<\/p><p>Daf&uuml;r braucht es Ihre Neugier und Offenheit und unsere Angebote zur geopolitischen und geostrategischen Schulung.<\/p><p>Genau hier m&ouml;chte ich mit einer Initiative ansetzen, deren Ziel es ist, diesen Blick, also die geopolitische und geostrategische Schulung der Soldatinnen und Soldaten, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Bundeswehr zu st&auml;rken.<\/p><p>Meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p><p>Soldatinnen und Soldaten geh&ouml;ren zu Deutschland nicht nur als Angeh&ouml;rige einer Institution oder eines Verfassungsorgans.<\/p><p>M&auml;nner und Frauen in Uniform geh&ouml;ren selbstverst&auml;ndlich &uuml;berall in der Gesellschaft dazu. Nirgendwo wird das aktuell sichtbarer als bei der Hilfe, die Soldatinnen und Soldaten in der Corona-Pandemie leisten.<\/p><p>Mehr als 7.700 Angeh&ouml;rige der Bundeswehr helfen derzeit in rund 280 Gesundheits&auml;mtern, in vielen Krankenh&auml;usern, Alten- und Pflegeheimen deutschlandweit. Es werden weiter mehr.<\/p><p>Die Soldatinnen und Soldaten sind da f&uuml;r unser Land, und die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nehmen das wahr.<\/p><p>Die M&auml;nner und Frauen in Uniform geh&ouml;ren auch als Staatsb&uuml;rger zu dieser Gesellschaft, als Nachbarn und als Mitmenschen. Sie haben sich dazu verpflichtet, im Fall der F&auml;lle mehr f&uuml;r diese Gemeinschaft zu geben als andere.<\/p><p>Wer verspricht, unser Land und unsere Demokratie tapfer zu verteidigen, auch unter Einsatz seiner Gesundheit oder gar seines Lebens, dem geb&uuml;hrt besonderer Respekt.<\/p><p>Meine Damen und Herren,<\/p><p>Der Namensgeber Ihrer Universit&auml;t, Helmut Schmidt, hat einmal geschrieben:<\/p><p>&bdquo;Ich bin der Meinung, dass die Probleme der Welt und der Menschheit ohne Idealismus nicht zu l&ouml;sen sind. Gleichwohl glaube ich, dass man zugleich realistisch und pragmatisch sein sollte.&ldquo;<\/p><p>Ich w&uuml;nsche Ihnen bei Ihrem Weg durch die Bundeswehr, dass diese gesunde Mischung aus Idealismus und Realismus f&uuml;r Sie zum Ma&szlig;stab wird, und dass Ihnen die Balance zwischen beiden immer gut gelingt.<\/p><p>Jetzt ich freue mich auf Ihre Fragen und unsere Diskussion.<\/p><p>Vielen Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesverteidigungsministerin hat am 17. November an der Bundeswehr-Hochschule in Hamburg <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/aktuelles\/zweite-grundsatzrede-verteidigungsministerin-akk-4482110\">eine Grundsatzrede gehalten<\/a>, mit der sie den totalen Bruch mit der erfolgreichen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik der Regierungen Brandt, Schmidt und Kohl propagiert und dokumentiert: der Mitte der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts begonnene und 1990 endg&uuml;ltig erfolgreiche Versuch, Frieden und Sicherheit durch Verst&auml;ndigung, durch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67143\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":67144,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,169,107,172,123,2000],"tags":[2035,1519,358,379,2276,2175,1268,2277,466,1367,259,2700,1556],"class_list":["post-67143","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-nuetzliche-dokumente","tag-abschreckungsstrategie","tag-atomwaffen","tag-bundeswehr","tag-china","tag-globalisierung","tag-interventionspolitik","tag-kalter-krieg","tag-kramp-karrenbauer-annegret","tag-nato","tag-ruestungsausgaben","tag-russland","tag-systemkonkurrenz","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/201119-Sicherheit.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67143"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":67236,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67143\/revisions\/67236"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/67144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}