{"id":67367,"date":"2020-11-26T10:00:40","date_gmt":"2020-11-26T09:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67367"},"modified":"2020-11-26T16:25:41","modified_gmt":"2020-11-26T15:25:41","slug":"der-laptop-lehrt-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67367","title":{"rendered":"Der Laptop lehrt nichts"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Digitalisierung&ldquo; der Schulen als &bdquo;Allheilmittel&rdquo;: Dieselben High-Tech-Konzerne, die kaum Steuern zahlen und damit den Staaten das Geld vorenthalten, das f&uuml;r eine gerechte Fr&uuml;hf&ouml;rderung aller Kinder gebraucht w&uuml;rde, vermarkten digitale Lernprogramme, mit denen gerade die Kinder der &Auml;rmsten abgespeist werden. Eine Rezension des Buches &bdquo;<strong>Die Katastrophe der digitalen Bildung<\/strong>&ldquo; von Ingo Leipner. Von <strong>Konrad Lehmann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nKinder seien von Corona kaum betroffen, hei&szlig;t es h&auml;ufig. Umso st&auml;rker <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67255\">leiden sie unter den Gegenma&szlig;nahmen<\/a>. W&auml;hrend der Schulschlie&szlig;ungen im Fr&uuml;hsommer 2020 sa&szlig;en sie monatelang zu Hause, konnten ihre Freunde nicht sehen, ihre Freizeitaktivit&auml;ten nicht aus&uuml;ben, und vor allem: kein Wissen erwerben. Selbst in den Niederlanden, wo es eine hervorragende digitale Infrastruktur an den Schulen gibt, haben die Sch&uuml;ler w&auml;hrend des ersten Lockdowns, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/bildung\/studie-zu-corona-schulschliessungen-kinder-haben-wenig-oder-nichts-gelernt-a-88d91b2c-840c-4e79-b7c3-3fb98adbdac9\">einer aktuellen Studie zufolge<\/a>, nichts gelernt.<\/p><p>Dabei war die &bdquo;Digitalisierung der Schulen&ldquo; zu Beginn der Schulschlie&szlig;ungen noch das propagierte Allheilmittel, galt Corona als Rechtfertigung und Motivation f&uuml;r ihre rasche Durchf&uuml;hrung. Bildungspolitiker und Schuldirektoren mussten sich bittere Vorw&uuml;rfe anh&ouml;ren, sie h&auml;tten die Digitalisierung verschlafen und damit die Zukunft der Kinder ruiniert. Der renommierte Bildungsforscher Klaus Hurrelmann <a href=\"https:\/\/unterrichten.digital\/2020\/04\/01\/digitales-lernen-hurrelmann\/\">schimpfte mit<\/a>: &bdquo;Allen unseren europ&auml;ischen Nachbarl&auml;ndern ist es gelungen, die Schulen mit Server, WLAN, PCs oder Laptops auszur&uuml;sten und anschaffen. Wir hinken da m&auml;chtig hinterher.&ldquo; Und sah in der Coronakrise einen Vorteil: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es besteht die Gelegenheit, [&hellip;] zwei der gr&ouml;&szlig;ten Schwachpunkte der bisherigen p&auml;dagogischen Arbeit zu beheben: Erstens die unzureichende Umstellung der Lernprozesse auf digitale Muster und zweitens die unbefriedigende Kooperation zwischen den professionell ausgebildeten Lehrkr&auml;ften und den Eltern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und bei <a href=\"https:\/\/www.news4teachers.de\/2017\/01\/interview-risiko-reizueberflutung-durch-digitale-medien-ein-drittel-der-lehrkraefte-wird-abgehaengt\/\">anderer Gelegenheit<\/a> t&ouml;nte er: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Um eine solche Medienkompetenz zu entwickeln, brauchen Kinder und Jugendliche Anleitung und Hilfe in Kindergarten, Schule und Familie parallel.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was von Medienkompetenz im Kindergarten (!) zu halten ist, dazu haben nicht nur Kinderpsychologen und P&auml;dagogen, sondern auch Hirnforscher wie Prof. Gertraud Teuchert-Noodt eine klare Meinung: In einem Alter, in welchem Kinder erst noch Selbstwirksamkeit erfahren und entfalten und ihre sensomotorischen F&auml;higkeiten entwickeln und integrieren m&uuml;ssen, ist es absurd, von ihnen kritisch-reflektierende Medienkompetenz zu erwarten, und sch&auml;dlich, sie vor Bildschirmen zu parken. Medienkompetenz, und damit Mediennutzung, kann mit der Pubert&auml;t beginnen.<\/p><p>Und selbst dann k&ouml;nnen digitale Medien nur Mittel zu einem klar definierten Erkenntniszweck sein, nicht p&auml;dagogisches Allheilmittel. Wie eingangs gesagt: Wissensvermittlung per Laptop funktioniert selbst unter optimalen Bedingungen nicht.<\/p><p>Hier setzt der Wirtschaftsjournalist Ingo Leipner mit seinem neuen Buch &bdquo;Die Katastrophe der digitalen Bildung&ldquo; ein. Bereits in mehreren B&uuml;chern hat er sich kritisch damit besch&auml;ftigt, wie die digitalen Medien unser Leben ver&auml;ndern (&bdquo;Zum Fr&uuml;hst&uuml;ck gibt es Apps&ldquo;) und auf Heranwachsende wirken (&bdquo;Die L&uuml;ge der digitalen Bildung&ldquo;, unter Mitarbeit von Prof. Teuchert-Noodt) und hat konstruktiv Gegenma&szlig;nahmen empfohlen (&bdquo;Heute mal bildschirmfrei&ldquo;).<\/p><p>Die &bdquo;Katastrophe&ldquo; ist aber mehr und etwas anderes als eine Neuauflage der &bdquo;L&uuml;ge der digitalen Bildung&ldquo;. Leipner erkl&auml;rt nicht nur, dass digitalisierter Unterricht nicht funktioniert und warum nicht. Er bettet das p&auml;dagogische Scheitern der Digitalmedien ein in eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen und wirtschaftlichen Interessen hinter ihrer Propagierung und mit ihren sozialen Folgen: Dieselben High-Tech-Konzerne, die kaum Steuern zahlen und damit den Staaten das Geld vorenthalten, das f&uuml;r eine gerechte Fr&uuml;hf&ouml;rderung aller Kinder gebraucht w&uuml;rde, vermarkten digitale Lernprogramme, mit denen gerade die Kinder der &Auml;rmsten abgespeist werden. Denn die Reichen schicken &ndash; auch in den USA &ndash; ihre Kinder in Kinderg&auml;rten mit realen Erziehern und sp&auml;ter dann nicht selten auf Waldorfschulen. So vertiefen die digitalen Medien die wirtschaftliche und soziale Spaltung.<\/p><p>Und das interessanterweise in exakt umgekehrter Weise zu dem, was Politiker offiziell bef&uuml;rchten. Hei&szlig;t es doch oft, arme Kinder w&uuml;rden durch die Digitalisierung abgeh&auml;ngt, weil sie keine Ger&auml;te haben: Das ist einerseits richtig, weil in der Realit&auml;t der verfehlten Bildungspolitik der Besitz technischer Ger&auml;te &uuml;ber den Bildungserfolg entscheiden kann. Andererseits sind es, wie Leipner anhand solider Quellen gen&uuml;sslich ausf&uuml;hrt, aber gerade die Kinder der milliardenschweren Computergurus, die Kinder von Bill Gates, Steve Jobs oder Tim Cook, die keine Smartphones haben &ndash; weil ihre Eltern sie ihnen nicht geben. Dieselben Menschen, die Milliarden von Konsumenten nach ihren Produkten s&uuml;chtig machen wollen, sch&uuml;tzen die eigenen Kinder davor.<\/p><p>Denn Kinder sind eben keine Erwachsenen; sie brauchen noch Zeit, Wachstum und Anleitung, ehe sie selbstst&auml;ndig ihr Leben gestalten k&ouml;nnen. In einem besonders starken Kapitel forscht Leipner daher der Entwicklung der Reformp&auml;dagogik nach: Betonte sie urspr&uuml;nglich noch ganz richtig die Individualit&auml;t und Selbstwirksamkeit des Kindes, wandelte sie sich sp&auml;ter in einigen Str&ouml;mungen zur Anti-P&auml;dagogik, die jegliches Belehren des Kindes ablehnte und die Verantwortung f&uuml;r seine Bildung v&ouml;llig dem Kind selbst zuschrieb. Daraus entstand schlie&szlig;lich die &bdquo;Neue Lernkultur&ldquo;, laut der Kinder einzeln, ohne soziale Einbettung in der Gruppe und ohne Bezugsperson, an Computern &bdquo;individualisiert&ldquo; unterrichtet werden k&ouml;nnen. Aus der aufkl&auml;rerischen Idee der Selbstst&auml;ndigkeit wurde die anti-aufkl&auml;rerische Parole der Atomisierung.<\/p><p>Leipner untersucht auch die immensen Datenschutzprobleme mit den meisten Arten von Lernsoftware und er beleuchtet die totalit&auml;ren Tendenzen, die in automatisierten Lehrprozessen liegen, bei denen Kinder komplett vermessen und durchleuchtet werden und ihre Leistung konditioniert und computergesteuert abliefern. &Uuml;berdeutlich wird das in chinesischen Modellschulen, in welchen die Mimik der Sch&uuml;ler von Kameras aufgezeichnet und einer k&uuml;nstlichen Intelligenz ausgewertet wird, um in Echtzeit ihre Aufmerksamkeit und Stimmung messen zu k&ouml;nnen. Man kann das getrost als Vorboten dessen sehen, was uns hier erwartet.<\/p><p>Denn Leipner findet zwar in China und den USA die extremen Ausw&uuml;chse des Digitalisierungsglaubens, aber er erkundet kenntnisreich auch den deutschen Markt und die Methoden, mit welchen Softwarefirmen die Kulturministerien und Schulen vor sich hertreiben. Hier bieten sich dem Leser schlie&szlig;lich Ans&auml;tze zur Gegenwehr, und auch diesen widmet Leipner am Ende ein Kapitel. So rundet sich dieses hoch informative, aufr&uuml;ttelnde und fl&uuml;ssig geschriebene Buch zu einem klaren Handlungsappell und liefert zur Gegenwehr gleich die Argumente.<\/p><p><em>Ingo Leipner: Die Katastrophe der digitalen Bildung, Oktober 2020, Redline Verlag, 304 Seiten, 19,99 Euro<\/em><\/p><p>Titelbild: Parilov\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Digitalisierung&ldquo; der Schulen als &bdquo;Allheilmittel&rdquo;: Dieselben High-Tech-Konzerne, die kaum Steuern zahlen und damit den Staaten das Geld vorenthalten, das f&uuml;r eine gerechte Fr&uuml;hf&ouml;rderung aller Kinder gebraucht w&uuml;rde, vermarkten digitale Lernprogramme, mit denen gerade die Kinder der &Auml;rmsten abgespeist werden. Eine Rezension des Buches &bdquo;<strong>Die Katastrophe der digitalen Bildung<\/strong>&ldquo; von Ingo Leipner. 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