{"id":67391,"date":"2020-11-26T13:45:03","date_gmt":"2020-11-26T12:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67391"},"modified":"2020-11-27T12:09:19","modified_gmt":"2020-11-27T11:09:19","slug":"die-soeldner-versteher-vom-hamburger-nachrichtenmagazin-oder-die-killer-als-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67391","title":{"rendered":"Die S\u00f6ldner-Versteher vom Hamburger Nachrichtenmagazin \u2013 oder: Die Killer als Opfer"},"content":{"rendered":"<p>Wochenlang wurde der Krieg um Berg-Karabach von den Leitmedien weitgehend ignoriert. Aber als sie sich endlich zu einer ausf&uuml;hrlicheren Berichterstattung aufrafften, legte der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/syrische-soeldner-in-bergkarabach-ich-kann-euch-gleich-hier-erschiessen-a-00000000-0002-0001-0000-000173743589\">SPIEGEL<\/a> bemerkenswertes Mitgef&uuml;hl an den Tag. F&uuml;r die von der T&uuml;rkei finanzierten ausl&auml;ndischen S&ouml;ldner! Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit einem halben Monat schweigen &ndash; durch Russland erzwungen &ndash; die Waffen im S&uuml;dkaukasus. Aber f&uuml;r Armenien war das bereits F&uuml;nf nach Zw&ouml;lf!<\/p><p>Die aserbaidschanischen Angreifer waren mit &auml;u&szlig;erster Brutalit&auml;t vorgegangen: Sie bombardierten in dem von ihnen beanspruchten Territorium gezielt St&auml;dte und Ortschaften, Schulen, Kinderg&auml;rten, selbst Krankenh&auml;user und Kirchen. Dabei setzten sie auch international ge&auml;chtete wei&szlig;e Phosphorbomben gegen die in die W&auml;lder gefl&uuml;chtete Zivilbev&ouml;lkerung ein. Gefangengenommene armenische Soldaten wurden gefoltert, vor laufender Kamera gedem&uuml;tigt, die Filme ins Netz gestellt. Nicht wenigen hackte man die K&ouml;pfe ab, die Angreifer posierten mit ihnen, <a href=\"https:\/\/haypress.de\/strafanzeige-gegen-aserbaidschan-wegen-kriegsverbrechen\/\">begangen Leichensch&auml;ndungen<\/a> und schickten die entsprechenden Fotos und Videoclips via Facebook an die Verwandten ihrer Opfer. Um die 100.000 Bewohner Karabachs flohen ins benachbarte Armenien &ndash; viele von ihnen vermutlich f&uuml;r immer. Wieviele Tote der sechsw&ouml;chige Krieg um Berg-Karabach gekostet hat, wei&szlig; noch niemand. Bereits vor einem Monat sprach Russlands Pr&auml;sident Putin von circa 5.000 Opfern. Mittlerweile werden es erheblich mehr sein. Die Verletzten und Verst&uuml;mmelten nicht mitgez&auml;hlt.<\/p><p>Die deutschen Leitmedien lie&szlig;en sich mit der Berichterstattung &uuml;ber diesen Krieg am Rande Europas, der das Potential hatte, zu einem Syrien 2.0 oder noch Schlimmerem zu eskalieren, wochenlang Zeit. Doch als sie endlich in die G&auml;nge kamen, schrieb der Spiegel in einem seiner ersten Beitr&auml;ge herzzerrei&szlig;end:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Verzweifelt empfangen die Familien die S&auml;rge ihrer S&ouml;hne. Still und schnell sollten sie beerdigt werden. Aber sie seien doch im Kampf gestorben und keine Kriminellen, sagen die D&ouml;rfler. So verweigern die Menschen im kleinen Ort den Gehorsam. Ein Onkel und sein Neffe, die beide in Bergkarabach starben, werden in der Predigt erw&auml;hnt und &ouml;ffentlich zu Grabe getragen. Wenigstens ein bisschen W&uuml;rde, sagt verbittert ein Verwandter, daf&uuml;r, dass sie sich erschie&szlig;en lie&szlig;en.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Blutjunge M&auml;nner, als Kanonenfutter an die vorderste Front geschickt!<\/p><p><strong>&bdquo;Ein bisschen W&uuml;rde&ldquo;<\/strong><\/p><p>Oh, sorry, das war etwas sinnentstellend von mir gek&uuml;rzt. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/syrische-soeldner-in-bergkarabach-ich-kann-euch-gleich-hier-erschiessen-a-00000000-0002-0001-0000-000173743589\">Im Original<\/a> lautet der letzte Absatz des Essays im Hamburger Qualit&auml;tsmagazin n&auml;mlich so:<\/p><blockquote style=\"font-style: normal\"><p>\n&bdquo;Verzweifelt empfangen die Familien<i> in Syriens Norden<\/i> die S&auml;rge ihrer S&ouml;hne. Still und schnell sollten sie beerdigt werden,<i> verlangen die T&uuml;rken.<\/i> Aber sie seien doch im Kampf gestorben, <i>als M&auml;rtyrer,<\/i> und keine Kriminellen, sagen die D&ouml;rfler. So verweigern die Menschen im kleinen Ort <i>Maraa<\/i> den Gehorsam. Ein Onkel und sein Neffe, die beide in Bergkarabach starben, werden <i>vom Imam<\/i> in der Predigt erw&auml;hnt und &ouml;ffentlich zu Grabe getragen. Wenigstens ein bisschen W&uuml;rde, sagt verbittert ein Verwandter, daf&uuml;r, dass sie sich erschie&szlig;en lie&szlig;en, <i>weil sie Geld zum &Uuml;berleben verdienen wollten.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Rede war nicht von den M&auml;nnern Karabachs, die ihre Heimat verteidigten &ndash; das Gl&uuml;ck, wenigstens mit ein bisschen W&uuml;rde bestattet zu werden, hatten hier <em>syrische S&ouml;ldner<\/em>, die von der T&uuml;rkei zuvor nach Aserbaidschan gekarrt worden waren, um dort deren petrodollarschweren Waffenbruder im Kampf zu unterst&uuml;tzen. Mindestens 4.000 sollen es gewesen sein, und die Ger&uuml;chte, dass die gebirgsunerfahrenen Syrer noch Hilfe durch ebenfalls eingeflogene afghanische Taliban erfuhren, rei&szlig;en bis heute nicht ab. Dem Schicksal dieser bedauernswerten, um ihr &Uuml;berleben ringenden &ndash; und, wie der <em>Spiegel<\/em> recherchierte, schm&auml;hlichst betrogenen &ndash; M&auml;nner aus Syriens &sbquo;Rebellenprovinz Idlib&lsquo; widmete sich Deutschlands gr&ouml;&szlig;tes Nachrichtenmagazin in seiner Dokumentation &bdquo;Ich kann euch gleich hier erschie&szlig;en&ldquo; mit gro&szlig;em Mitgef&uuml;hl.<\/p><p>Und in der Tat: Das Verhalten des NATO-Mitglieds T&uuml;rkei, treibende Kraft im Krieg Aserbaidschans gegen &ndash; pardon: &bdquo;<em>bei der R&uuml;ckeroberung der &uuml;berwiegend armenisch besiedelten Enklave<\/em>&ldquo; &ndash; Berg-Karabach, kann nicht anders als sch&auml;big bezeichnet werden. Gegen&uuml;ber den &bdquo;<em>seit September Welle um Welle an die Frontlinien der Offensive Aserbaidschans geworfenen<\/em>&ldquo; syrischen S&ouml;ldnern, versteht sich! Minuti&ouml;s arbeitete der Spiegel heraus, welch himmelschreiendes Unrecht ihnen angetan wurde.<\/p><p><strong>2.000 Dollar im Monat &ndash; plus 100 Dollar Kopf-Geld<\/strong><\/p><p>Es habe bereits Mitte August in der von der T&uuml;rkei beherrschten &sbquo;Rebellenprovinz&lsquo; und im Nordteil der Provinz Aleppo begonnen, als dort Ger&uuml;chte kursierten, die T&uuml;rken w&uuml;rden wieder M&auml;nner rekrutieren. Diesmal zur Bewachung t&uuml;rkischer Milit&auml;rbasen in Aserbaidschan, wie es offiziell hie&szlig;. Angesichts der ungew&ouml;hnlich hohen Summe von 2.000 Dollar im Monat habe das allerdings so niemand richtig glauben wollen. Am 22. September habe dann, laut Spiegel, in einem Dorf im Nordwesten des Landes eine Musterung stattgefunden, durchgef&uuml;hrt von einem im Auftrag der T&uuml;rkei arbeitenden syrischen Subunternehmer des Krieges. Worauf die ersten 500 meist jungen M&auml;nner, mit und ohne Kampferfahrung, denen man zuvor Ausweise und Telefone abgenommen habe, &uuml;ber die T&uuml;rkei nach Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, geflogen und von dort in ein Armeelager nahe der iranischen Grenze verlegt worden seien. Dort habe man sie mit russischen Waffen ausgestattet und bereits wenig sp&auml;ter ohne weitere Vorbereitung in einen mittern&auml;chtlichen Angriff gegen die Armenier geschickt. Ohne jegliche Kenntnis des Terrains.<\/p><p>Dies habe sich n&auml;chtelang wiederholt, Dutzende der betrogenen syrischen S&ouml;ldner seien gleich in den ersten Tagen und Wochen gefallen. Wer sich bei dem im t&uuml;rkischen Sold stehenden Kommandeur beschwerte, dem sei der sofortige Tod durch Erschie&szlig;en angedroht worden, falls er nicht pariere. Nachdem ein syrischer Truppf&uuml;hrer im Gefecht starb, habe sich allerdings im Heimatland starker Widerstand der Familienangeh&ouml;rigen der K&auml;mpfenden formiert, worauf am 12. Oktober ein Teil der S&ouml;ldner wieder nach Syrien zur&uuml;ckkehren konnte. Inclusive der Leichen der Gefallenen, die ungef&auml;hr zehn Prozent der urspr&uuml;nglichen Gruppe ausmachten.<\/p><p>Der Spiegel beschreibt all dies, r&uuml;hrend menschelnd, am Schicksal eines binnenvertriebenen 21-j&auml;hrigen Syrers ohne Schulabschluss, einer &bdquo;<em>Geschichte dramatischer Wendungen und gro&szlig;en Gl&uuml;cks<\/em>&ldquo;, die in epischer Breite nacherz&auml;hlt wird. So gut, dass man f&ouml;rmlich aufatmet, als sich herausstellt, dass Tareq nach allen Irrungen und Wirrungen zum guten Ende doch noch wohlbehalten in seine zweitheimatliche &sbquo;Rebellenprovinz&lsquo; zur&uuml;ckkehren konnte.<\/p><p>Eine Geschichte, erz&auml;hlt allerdings aus der Perspektive der Angreifer. Die Perspektive der sich verteidigenden armenischen Soldaten findet dort keinen Platz. Die Perspektive der beschossenen und bombardierten Zivilbev&ouml;lkerung Berg-Karabachs schon gar nicht. Und ausgeblendet werden vor allem die ins Mittelalter zur&uuml;ckfallenden Gr&auml;ueltaten der Aseris und der mit ihnen verb&uuml;ndeten ausl&auml;ndischen K&auml;mpfer, inclusive der ihnen versprochenen 100 Dollar Kopf-Geld &ndash; nach Aussagen gefangengenommener S&ouml;ldner die Pr&auml;mie f&uuml;r jeden abgehackten armenischen Kopf.<\/p><p>Was soll man von solch einer Dokumentation eigentlich halten?<\/p><p><strong>Die T&auml;ter als Opfer<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich &ndash; die Welt ist nun mal komplex &ndash; auch das ist ein Aspekt in diesem verworrenen Krieg, selbst wenn alles stimmen sollte! T&auml;ter, das Kleine Einmaleins jedes Psychoanalytikers, k&ouml;nnen sich bei genauerer Betrachtung selbst als Opfer erweisen und unterm Elektronenmikroskop verschwimmen am Ende gar die Grenzen zwischen Gut und B&ouml;se. &ndash; Oder?<\/p><p>Man wird es allerdings den Armeniern, die den Krieg, der sie nach j&uuml;ngsten Sch&auml;tzungen um die 5.000 Tote und 100.000 Vertriebene kostete, nicht begonnen haben, deren Kulturg&uuml;ter jetzt zerst&ouml;rt werden und von denen nicht wenige den geprellten ausl&auml;ndischen S&ouml;ldnern &ndash; unfreiwillig, aber immerhin &ndash; die Extrapr&auml;mie spendierten, nicht ver&uuml;beln, wenn sie die Dinge etwas anders sehen und weder f&uuml;r die S&ouml;ldner noch f&uuml;r deren Versteher vom Hamburger Nachrichtenmagazin allzu viel Verst&auml;ndnis aufbringen.<\/p><p>Erst recht nicht f&uuml;r die &bdquo;<em>im Kampf gestorbenen M&auml;rtyrer<\/em>&ldquo;. Zu deren Gunsten man nur hoffen kann, dass sie vor ihrem ultimativen Aufbruch zu den 72 Jungfrauen wenigstens noch die Gelegenheit hatten, das m&uuml;hsam erworbene Kopf-Geld an ihre in der &sbquo;Rebellenregion&lsquo; darbenden Verwandten zu schicken und daf&uuml;r nun im Paradies ihren wohlverdienten Lohn genie&szlig;en d&uuml;rfen. Nicht auszudenken, wenn der selbstlose M&auml;rtyrertod sich im Nachhinein auch noch als gigantische Fehlinvestition entpuppt haben sollte!<\/p><p>Aber so ist das nun mal, wenn man sich mit der T&uuml;rkei intensiver einl&auml;sst. Vielleicht h&auml;tten die S&ouml;ldner sich vor ihrem Karabachabenteuer doch besser erst mal bei den von ihnen in vorderster Front attackierten Armeniern schlau machen sollen. Die haben n&auml;mlich mit den T&uuml;rken schon l&auml;nger und wiederholt sehr einschl&auml;gige Erfahrungen gemacht.<\/p><p>Besonders vor 105 Jahren.<\/p><p>PS: Zur Ehrenrettung des <em>Spiegel<\/em> muss immerhin angemerkt werden, dass er zumindest in der Onlineversion noch einen letzten Rest an Taktgef&uuml;hl bewies und den Bericht gn&auml;dig hinter einer Bezahlschranke versteckte!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wochenlang wurde der Krieg um Berg-Karabach von den Leitmedien weitgehend ignoriert. Aber als sie sich endlich zu einer ausf&uuml;hrlicheren Berichterstattung aufrafften, legte der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/syrische-soeldner-in-bergkarabach-ich-kann-euch-gleich-hier-erschiessen-a-00000000-0002-0001-0000-000173743589\">SPIEGEL<\/a> bemerkenswertes Mitgef&uuml;hl an den Tag. F&uuml;r die von der T&uuml;rkei finanzierten ausl&auml;ndischen S&ouml;ldner! 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