{"id":67419,"date":"2020-11-27T08:50:37","date_gmt":"2020-11-27T07:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67419"},"modified":"2020-12-04T09:11:35","modified_gmt":"2020-12-04T08:11:35","slug":"corona-verdaechtige-wie-man-in-deutschen-kliniken-ohne-virusnachweis-zum-covid-fall-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67419","title":{"rendered":"Corona-Verd\u00e4chtige. Wie man in deutschen Kliniken ohne Virusnachweis zum Covid-Fall wird."},"content":{"rendered":"<p>Die Zahl mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten steigt von Tag zu Tag. Gleichzeitig ist die Zahl der gesamten belegten Intensivbetten jedoch seit Wochen stabil. Zur Kl&auml;rung dieses Widerspruchs k&ouml;nnte eine gro&szlig; angelegte <a href=\"https:\/\/www.initiative-qualitaetsmedizin.de\/covid-19-pandemie\">Auswertung der Krankenhausdaten<\/a> durch die Initiative Qualit&auml;tsmedizin beitragen, die 500 deutsche Kliniken vertritt. Nach den Zahlen waren drei Viertel der hospitalisierten &bdquo;Covid-Patienten&ldquo; nur Verdachtsf&auml;lle. Diese binden Ressourcen und treiben die Statistik in die H&ouml;he. Mitverantwortlich f&uuml;r die zahlreichen &bdquo;falschen&ldquo; F&auml;lle sei, so die Studie, die mediale Pr&auml;senz des Themas &bdquo;Corona&ldquo;. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2317\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67419-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201127_Corona_Verdaechtige_Wie_man_in_deutschen_Kliniken_ohne_Virusnachweis_zum_Covid_Fall_wird_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201127_Corona_Verdaechtige_Wie_man_in_deutschen_Kliniken_ohne_Virusnachweis_zum_Covid_Fall_wird_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201127_Corona_Verdaechtige_Wie_man_in_deutschen_Kliniken_ohne_Virusnachweis_zum_Covid_Fall_wird_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201127_Corona_Verdaechtige_Wie_man_in_deutschen_Kliniken_ohne_Virusnachweis_zum_Covid_Fall_wird_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67419-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201127_Corona_Verdaechtige_Wie_man_in_deutschen_Kliniken_ohne_Virusnachweis_zum_Covid_Fall_wird_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201127_Corona_Verdaechtige_Wie_man_in_deutschen_Kliniken_ohne_Virusnachweis_zum_Covid_Fall_wird_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ende Oktober machte das Internetportal &bdquo;Telepolis&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Corona-Lockdown-Droht-tatsaechlich-eine-akute-nationale-Gesundheitsnotlage-4942433.html\">auf eine Merkw&uuml;rdigkeit aufmerksam<\/a>. In seinem Beitrag &bdquo;Corona-Lockdown: Droht tats&auml;chlich eine akute nationale Gesundheitsnotlage?&ldquo; ging Christof Kuhbandner der Frage nach, ob und wie sich die wachsende Zahl der am neuartigen Corona-Virus Erkrankten im Belegungsgrad der deutschen Kliniken widerspiegelt. Daf&uuml;r hat der Autor die Tagesreporte des <a href=\"https:\/\/www.divi.de\/register\/tagesreport\">DIVI-Intensivregisters<\/a> im Zeitraum vom 28. August bis 28. Oktober studiert. Die von der Deutschen Interdisziplin&auml;ren Vereinigung f&uuml;r Intensiv- und Notfallmedizin gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut (RKI) aufgebaute Datenbank liefert seit Fr&uuml;hjahr alle 24 Stunden eine Bestandsaufnahme zur Anzahl der Patienten mit Covid-Diagnose in Intensivbehandlung sowie freier Intensivbetten. <\/p><p>Kuhbandners Auswertung bef&ouml;rderte eine &Uuml;berraschung zutage: &bdquo;Es l&auml;sst sich kein wirklicher Anstieg in der Anzahl der insgesamt belegten Intensivbetten erkennen. Das Einzige, was ansteigt, ist die Anzahl der Intensivpatienten mit positivem SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis.&ldquo; Tats&auml;chlich verharrte die Belegung zwei Monate lang mit nur kleinen wechselnden Ausschl&auml;gen nach oben und unten auf nahezu gleichbleibendem Niveau um den Dreh von 22.500. Steil nach oben ging im selben Zeitfenster dagegen der Anteil der Covid-F&auml;lle an der Gesamtheit der intensivmedizinisch Behandelten. Der Trend h&auml;lt bis heute an: Zwischen Anfang Oktober und Mitte November zog die entsprechende Quote um das 15-Fache an. Gemessen an den Gesamtkapazit&auml;ten an Intensivbetten betr&auml;gt die Relation der Covid-Patienten zu den anderweitig Erkrankten inzwischen eins zu sieben (rund 14 Prozent). <\/p><p><strong>Keine &Uuml;berlast in Kliniken <\/strong><\/p><p>Dieses Ph&auml;nomen wirft Fragen auf: Wenn es so viele Covid-19-Patienten in den Krankenh&auml;usern und auf den Intensivstationen gibt, dann m&uuml;sste sich dies in einer h&ouml;heren Auslastung der Krankenh&auml;user und Intensivstationen niederschlagen. Denn eine neue Krankheit sollte, zusammen mit den schon bekannten und je nach Jahreszeit im Umlauf befindlichen, insgesamt mehr Kranke als &uuml;blich zur Folge haben. Genau diese Logik liegt ja erkl&auml;rterma&szlig;en den Ma&szlig;nahmen zugrunde, die die Bundesregierung im Rahmen sowohl des ersten wie auch des zweiten, gerade erst verl&auml;ngerten Lockdowns verh&auml;ngt hat. Man m&uuml;sse, h&ouml;rt man allenthalben, das Gesundheitssystem vor dem drohenden Kollaps bewahren, weil eben Covid-19 das System mit einer saisonuntypischen &Uuml;berlast konfrontieren w&uuml;rde. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Quelle: Intensivregister<\/em><\/p><p><em><strong>Anmerkung zur Grafik:<\/strong> Die Daten aus dem Fr&uuml;hjahr sind nicht direkt mit den aktuellen Daten vergleichbar, da das DIVI damals noch im Aufbau war und weniger Krankenh&auml;user ihre Daten einreichten<\/em><\/p><p>Nach Lage der Dinge besteht aktuell aber keine &Uuml;berlast. Die Zahl freier Intensivbetten lag &uuml;ber Wochen bis tief in den November hinein stabil im Bereich zwischen 6.500 und 7.000, wobei sie in diesen Tagen erstmals unter die Marke von 6.000 gerutscht ist. Es gibt durchaus Kliniken, die bereits am Anschlag arbeiten, in der Breite bestehen indes noch allerhand Kapazit&auml;ten. Auch im Vergleich mit 2019 und den Vorjahren erscheint der Belegungsgrad der Jahreszeit entsprechend normal. Zur Einordnung der medial befeuerten Hysterie, Deutschland k&ouml;nnten bald Verh&auml;ltnisse wie im italienischen Bergamo bl&uuml;hen, sollte man allerdings Folgendes wissen: Von Juli und bis November wurden in gro&szlig;em Stil Intensivpl&auml;tze aus der Statistik herausgenommen, in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von 5.000. Am 24. Juli z&auml;hlte das DIVI-Register noch knapp 33.000, w&auml;hrend es am 24. November nicht einmal mehr 28.000 waren. Zu erkl&auml;ren sind diese &bdquo;Verluste&ldquo; vor allem durch fehlendes Personal. Seit Mitte Oktober hat das DIVI-Register die meldenden Kliniken mehrfach eindringlich darauf hingewiesen, nur noch freie Betten zu melden, f&uuml;r die auch ausreichend Personal zur Verf&uuml;gung steht. <\/p><p>Auf alle F&auml;lle will das Gesamtbild nicht zu dem den ganzen Sommer &uuml;ber betriebenen Alarmismus passen, im Herbst st&uuml;nde uns eine zweite und wohl noch schlimmere Corona-Welle bevor. Warum hat man dann nicht mit aller Kraft mehr Kr&auml;fte mobilisiert und weshalb wurden haufenweise Betten abgeschafft, deren Mangel sich vielleicht irgendwann r&auml;chen k&ouml;nnte? Gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten monierte dies auch Ulrich Keil, ehemaliger Direktor des Instituts f&uuml;r Epidemiologie und Sozialmedizin der Universit&auml;t M&uuml;nster und langj&auml;hriger Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO): &bdquo;Es ist Zynismus pur, den Lockdown mit der Gefahr der &Uuml;berlastung unseres Krankenhauswesens zu rechtfertigen und gleichzeitig massiv am Abbau unserer Krankenhauslandschaft zu arbeiten. Wollen wir etwa mutwillig unseren guten Intensivbettenschl&uuml;ssel von 34 pro 100.000 Einwohnern auf ein Level von sechs pro 100.000 wie in den Niederlanden herunterfahren?&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60685\">Vgl. Interview mit Ulrich Keil vom 4. Mai<\/a>). <\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch auf den NachDenkSeiten: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66470\">Personalengpass auf den Intensivstationen &ndash; das Versagen der Politik wird abgew&auml;lzt<\/a> <\/em><\/p><p>Der &bdquo;Telepolis&ldquo;-Artikel deckte noch weitere Kuriosit&auml;ten auf. Dasselbe Bild wie auf den Intensivstationen zeigt sich demnach im Hinblick auf die station&auml;r behandelten Patienten mit akuten respiratorischen Infektionen (Severe Acute Respiratory Infection &ndash; SARI), die auch durch andere Erreger wie etwa Influenza-, Rhino- oder Humane Metapneumoviren (hMPV) ausgel&ouml;st werden. Deren Gesamtzahl war &uuml;ber den Beobachtungszeitraum gleichbleibend beziehungsweise sogar leicht sinkend, w&auml;hrend allein der Anteil der SARI-F&auml;lle mit positivem Corona-Test deutlich zugenommen hatte. Das Muster wiederholt sich bei der Betrachtung aller SARI-Befunde, also auch derjenigen au&szlig;erhalb der Kliniken: Die Bandbreite und Zahl der Atemwegserkrankungen in der Bev&ouml;lkerung liegt seit Wochen auf einem undramatischen Level. Nur der Anteil positiver SARS-CoV-2-Testergebnisse, ermittelt anhand der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), rei&szlig;t gegen den Trend nach oben aus.<\/p><p><strong>Influenza weg vom Fenster?<\/strong><\/p><p>Welche Erkl&auml;rungen kann es daf&uuml;r geben? Wahrscheinlich ist, dass die AHA-Ma&szlig;nahmen hier einen Einfluss haben. Offenbar wurden durch Abstandsgebote und Isolierungsma&szlig;nahmen g&auml;ngige Erreger ein St&uuml;ck weit zur&uuml;ckgedr&auml;ngt. Unwahrscheinlich ist, dass dies praktisch spiegelbildlich zum vermehrten Auftreten von SARS-CoV-2 geschehen ist, im Sinne eines Nullsummenspiels, und das dazu nicht nur einmal, sondern gleich zweimal in einem Jahr. Passend dazu <a href=\"https:\/\/www.jumpradio.de\/thema\/corona\/Grippe-welle-influenza-schwach-impfung-100.html\">fragte<\/a> dieser Tage etwa der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR): &bdquo;Gibt es diesmal keine Influenza-Welle?&ldquo; Anders als sonst w&auml;re die Grippesaison im Fr&uuml;hjahr viel eher zu Ende gegangen und h&auml;tte aktuell im Herbst &bdquo;ungew&ouml;hnlich mild begonnen&ldquo;. An anderer Stelle <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/wissen\/wenig-grippe-winter-zwanzigzwanzig-fieber-husten-arztbesuch-sachsen-anhalt-thueringen-100.html\">berichtet<\/a> der Sender: &bdquo;Seit die Beschr&auml;nkungen wegen der Pandemie in Kraft sind, ist von der Grippe praktisch nichts mehr zu sehen. Weder in Europa, wo die Zahl der Grippef&auml;lle im M&auml;rz und April praktisch unter die Schwelle der Messbarkeit gesunken war, noch in Australien oder Neuseeland, wo in den S&uuml;dhalbkugelwintermonaten Juni bis September praktisch kaum Grippef&auml;lle gez&auml;hlt wurden.&ldquo; Dabei h&auml;tten zum Herbstbeginn viele Fachleute bef&uuml;rchtet, dass bei einem Zusammentreffen von Corona-Pandemie und Grippewelle &bdquo;die Zahl freier Krankenhausbetten zusammenschmelzen (k&ouml;nnte), wie ein Eisw&uuml;rfel unter einem Brennglas&ldquo;. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-02.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Zu schmelzen scheint aber lediglich das Aufkommen an saisontypischen SARI-Erkrankungen, wof&uuml;r etwa die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) beim RKI Indizien liefert. Diese &uuml;berwacht mit sogenannten Sentinelproben das allj&auml;hrliche Grippegeschehen. Von den angeschlossenen Arztpraxen schicken w&ouml;chentlich im Schnitt 100 die Rachenabstriche von Patienten mit Atemwegserkrankungen ein, um daraus ein Lagebild zu erstellen, welche Erreger gerade in welcher Intensit&auml;t zirkulieren. Die j&uuml;ngsten <a href=\"https:\/\/influenza.rki.de\/Wochenberichte.aspx\">Analysen<\/a> der Wochen 46, 45 und 44 f&uuml;hrten keinen einzigen Fall von Influenza auf. Daraus k&ouml;nnte man schlie&szlig;en, dass Influenza einfach weg vom Fenster ist, muss man aber nicht. So schr&auml;nkt die AGI in ihren Reporten regelm&auml;&szlig;ig ein, dass &bdquo;aufgrund der geringen Zahl eingesandter Proben (&hellip;) keine robuste Einsch&auml;tzung zu derzeit eventuell noch zirkulierenden Viren m&ouml;glich&ldquo; sei. <\/p><p><strong>Corona-Betriebsamkeit<\/strong><\/p><p>Das ist deshalb erw&auml;hnenswert, weil mit den Sentinelstichproben seit dem Fr&uuml;hjahr auch auf SARS-CoV-2 getestet wird. Angesichts dessen mutet es zun&auml;chst verbl&uuml;ffend an, dass in den vergangenen sieben Wochen nur sehr wenige Corona-Infektionen identifiziert wurden, einmal in sechs, einmal in f&uuml;nf und einmal in vier Prozent der F&auml;lle, zweimal trat der Erreger gar nicht auf. F&uuml;r &bdquo;Telepolis&ldquo; stehen die Befunde &bdquo;in starkem Kontrast dazu, dass in derselben Zeit die Anzahl der gemeldeten Personen mit positiven SARS-CoV-2-Testergebnissen in der Bev&ouml;lkerung sehr stark zugenommen hat&ldquo;. Das Magazin sieht eine m&ouml;gliche Erkl&auml;rung darin, &bdquo;dass qualitativ unterschiedliche PCR-Testverfahren zum Einsatz kommen&ldquo; und &bdquo;bei den Analysen der Sentinelproben durch das RKI davon auszugehen ist, dass hochspezifische Testverfahren verwendet werden&ldquo;, die bei den Massentestungen in der Bev&ouml;lkerung nicht zum Einsatz kommen w&uuml;rden.<\/p><p>Die Diskrepanz k&ouml;nnte sich auch anders begr&uuml;nden. In der Pandemie stellt die Corona-Betriebsamkeit alle anderen epidemiologischen Surveillanceinstrumente in den Schatten. Menschen mit dem leisesten Verdacht eines Virusbefalls werden von &Auml;rzten und Beh&ouml;rden umgehend zum Testen auf SARS-CoV-2 geschickt, w&auml;hrend das m&ouml;gliche Vorhandensein anderer Erreger kaum oder gar nicht abgekl&auml;rt wird. Ein Beleg f&uuml;r solche Zusammenh&auml;nge k&ouml;nnte die vergleichsweise niedrige Zahl an Sentinelproben sein, die die AGI ab der 40. bis zur 46. Kalenderwoche erreichten. In den drei Vorjahren waren es in diesem Zeitraum jeweils deutlich mehr. 2017 kamen 538 zusammen, diesmal nur 276. In Woche 42 waren es k&uuml;mmerliche 15. Vermutlich h&auml;ngt dies schlicht mit der Angst der &Auml;rzte zusammen, sich blo&szlig; kein Corona ins Haus zu holen, weil sonst die Schlie&szlig;ung der Praxis droht. Also weist man die Leute lieber sofort zum Covid-Testzentrum, wo man dann auch nur nach SARS-CoV-2 Ausschau h&auml;lt, wodurch andere Erreger per se unter den Tisch fallen. <\/p><p>Zur Frage, warum die Kliniken nicht insgesamt voller werden, aber anteilig immer mehr Corona-F&auml;lle die Betten belegen, liegt inzwischen ein <a href=\"https:\/\/www.initiative-qualitaetsmedizin.de\/covid-19-pandemie\">Dokument<\/a> vor, das die Hintergr&uuml;nde in gro&szlig;er Klarheit benennt. Es stammt von der Initiative Qualit&auml;tsmedizin (IQM), die nach Eigendarstellung &bdquo;Verbesserungspotenziale bei der medizinischen Behandlungsqualit&auml;t&ldquo; sichtbar machen und ein &bdquo;aktives Fehlermanagement&ldquo; f&ouml;rdern will. Der Verband versammelt bundesweit rund 500 Mitgliedskliniken, was einem Viertel aller Krankenh&auml;user entspricht, und wird unterst&uuml;tzt durch diverse Fachgesellschaften, die Krankenkassen sowie die Bundes&auml;rztekammer. Im Rahmen ihrer Studie &bdquo;Effekte der SARS-CoV-2 Pandemie auf die station&auml;re Versorgung im ersten Halbjahr 2020&ldquo; hat die IQM die sogenannten Routinedaten nach dem Krankenhausentgeltgesetz (KHEntgG) von 421 Kliniken unter die Lupe genommen. In den beteiligten Krankenh&auml;usern wurden insgesamt 2,8 Millionen F&auml;lle behandelt (35 Prozent aller F&auml;lle in Deutschland), darunter knapp 62.000 Covid-19-F&auml;lle. Die Expertise soll demn&auml;chst in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ver&ouml;ffentlicht werden, die zentralen Ergebnisse liegen aber bereits vor. <\/p><p><strong>Echte und falsche Covid-Kranke<\/strong><\/p><p>Das Wichtigste: Von den in den ersten sechs Monaten in den fraglichen Kliniken hospitalisierten sogenannten Corona-Patienten waren rund drei Viertel lediglich Corona-Verdachtsf&auml;lle. Gerade einmal 14.783 F&auml;lle hatten demnach einen positiven PCR-Test und wurden &bdquo;mit einer nachgewiesenen Corona-Infektion station&auml;r behandelt&ldquo;, hei&szlig;t es in dem Papier und weiter: &bdquo;Erstaunlicherweise fanden wir mit 46.919 eine viel h&ouml;here Zahl von station&auml;ren Patienten, die mit der Verdachtsdiagnose einer Covid-Erkrankung, allerdings ohne Nachweis der Infektion im Labor, behandelt wurden.&ldquo; Aus den Routinedaten l&auml;sst sich diese Verteilung anhand sogenannter Schl&uuml;sselnummern oder Kodes ermitteln. Diese sind nach den Vorgaben der WHO bestimmten Krankheiten beziehungsweise Krankheitsbildern zugeordnet. F&uuml;r Covid-19 sind dies im wesentlichen <a href=\"https:\/\/www.dimdi.de\/dynamic\/de\/klassifikationen\/kodierfrage\/gm-1018\/\">die Kategorien<\/a> U07.1 und U07.2. Die erste ist bei F&auml;llen zu verwenden, &bdquo;bei denen das Virus Sars-CoV-2 durch Labortest nachgewiesen wurde&ldquo;, die zweite, sofern der Erreger &bdquo;nicht durch Labortest nachgewiesen wurde, sondern die Infektion klinisch-epidemiologisch best&auml;tigt wurde&ldquo;. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-03.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-03.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Was Verdachtsf&auml;lle konkret zu Corona-F&auml;llen macht, l&auml;sst sich in den entsprechenden Anweisungen des <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Falldefinition.pdf;jsessionid=D9E70EF7A29A86DDA6EFE46569A079FA.internet072?__blob=publicationFile\">RKI nachlesen<\/a>. F&uuml;r eine &bdquo;epidemiologische Best&auml;tigung&ldquo; bedarf es demnach &bdquo;mindestens einer der beiden folgenden Nachweise unter Ber&uuml;cksichtigung der Inkubationszeit: &bdquo;Epidemiologischer Zusammenhang mit einer labordiagnostisch nachgewiesenen Infektion beim Menschen durch Mensch-zu-Mensch-&Uuml;bertragung. Auftreten von zwei oder mehr Lungenentz&uuml;ndungen (Pneumonien) (spezifisches klinisches Bild) in einer medizinischen Einrichtung, einem Pflege- oder Altenheim, bei denen ein epidemischer Zusammenhang wahrscheinlich ist oder vermutet wird, auch ohne Vorliegen eines Erregernachweises. Inkubationszeit maximal 14 Tage.&ldquo; <\/p><p>Schon die Begrifflichkeiten &bdquo;wahrscheinlich&ldquo; und &bdquo;vermutet&ldquo; offenbaren, dass bei den Diagnosen mit erheblichen Unsicherheiten operiert wird. Das ist insofern bedenklich, als sich die Symptome und Verl&auml;ufe einer ganzen Reihe von respiratorischen Atemwegserkrankungen mindestens &auml;hneln und in gro&szlig;en Teilen sogar weitgehend &uuml;berschneiden. Die Gefahr von Verwechslungen ist also ganz erheblich, zumal sich auch die Behandlungsroutinen bei den verschiedenen SARI-Erkrankungen weitgehend gleichen und sehr h&auml;ufig schwere Pneunomien zum Tode f&uuml;hren k&ouml;nnen. Wie also will ein Arzt unter diesen Voraussetzungen mit Gewissheit sagen k&ouml;nnen, mit welcher Krankheit er es gerade zu tun hat?  <\/p><p><strong>Weniger SARI-F&auml;lle als im Vorjahr<\/strong><\/p><p>Ein anderes Resultat der IQM l&auml;sst erahnen, wie sehr und wie h&auml;ufig die Mediziner mit ihren Einsch&auml;tzungen danebengelegen haben k&ouml;nnten. Tats&auml;chlich zeigen sich n&auml;mlich bei der Sterblichkeit massive Unterschiede zwischen den U07.1- und U07.2-F&auml;llen. Patienten mit positivem Test kamen den Daten zufolge zu 19 Prozent zu Tode, jene ohne Virusnachweis nur zu 6,6 Prozent. Starke Differenzen ergeben sich auch bei der H&auml;ufigkeit der intensivmedizinischen Behandlung (25,6 Prozent versus 15,7 Prozent) und der maschinellen Beatmung (18,9 Prozent versus 5,7 Prozent). Ganz offensichtlich liegen hier g&auml;nzlich unterschiedliche Krankheitstypen vor, wovon sich dreierlei ableiten l&auml;sst: Mit der landl&auml;ufigen Zuschreibung Covid-19 und SARS-CoV-2 sind mit hoher Wahrscheinlichkeit und von der &Ouml;ffentlichkeit unbemerkt auch andere SARI-Erkrankungen assoziiert. Eine &bdquo;echte&ldquo; Covid-Erkrankung nimmt offenbar sehr wohl schwerere Verl&auml;ufe und f&uuml;hrt &ouml;fter zum Ableben als andere SARI-Erkrankungen. Mit Blick auf die Gesamtgesellschaft und die zu sch&uuml;tzende &bdquo;Volksgesundheit&ldquo; ist indes Entwarnung geboten, weil augenscheinlich weniger Menschen gef&auml;hrdet sind, als die kursierenden Zahlen zu &bdquo;Infektionen&ldquo; und Hospitalisierungen es erscheinen lassen. <\/p><p>Was die Sache nicht besser macht: In den offiziellen Tafeln zu den Covid-19-Toten und in Krankenh&auml;usern behandelten Covid-F&auml;llen tauchen die &bdquo;falschen&ldquo; Covid-Kranken nach Lage der Dinge nicht auf. R&uuml;ckwirkend &ndash; sobald die Betroffenen austherapiert oder verstorben sind &ndash; wird dem PCR-Test dann wohl doch eine &uuml;ber jeden Zweifel erhabene Beweiskraft zugeschrieben, auf die man aber im klinischen Alltagsgesch&auml;ft nichts zu geben scheint. Im Klartext: Aus der Statistik werden die &bdquo;falschen Hasen&ldquo; getilgt, das falsche Bild von mit Corona-Patienten &uuml;berf&uuml;llten Krankenh&auml;usern l&auml;sst man aber unwidersprochen weiterwirken. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-04.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201127-Covid19Bluff-04.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>&bdquo;Absolut erstaunlich&ldquo;, wie es im IQM-Paper hei&szlig;t, sind weitere Erkenntnisse. Nimmt man die Zahlen des &bdquo;Instituts f&uuml;r das Entgeltsystem im Krankenhaus GmbH&ldquo; (InEK), zeigt sich dasselbe Bild f&uuml;r ganz Deutschland. Dieses schl&uuml;sselt f&uuml;r Ende Mai 34.916 U07.1-F&auml;lle in allen Kliniken auf, denen 111.769 U07.2-F&auml;lle, also Corona-Verdachtsf&auml;lle, gegen&uuml;berstehen. F&uuml;r die Forscher  &bdquo;&uuml;berraschenderweise&ldquo; war auch die SARI-Gesamtfallzahl &bdquo;im ersten Halbjahr 2019 mit 221.841 F&auml;llen h&ouml;her als 2020 mit insgesamt 187.174 F&auml;llen, obwohl darin auch die Covid-bedingten SARI-F&auml;lle mit eingeschlossen wurden&ldquo;. Auff&auml;llig sei weiterhin, &bdquo;dass bei mehr als 35.000 Patienten ein Covid-Verdacht (&hellip;) kodiert wurde, ohne dass ein SARI vorlag&ldquo;. Das k&ouml;nnte bedeuten, dass Menschen in gro&szlig;er Zahl zu Corona-Kranken deklariert wurden, ohne auch nur einen Husten, Schnupfen oder Fieber gehabt zu haben. Das im Fr&uuml;hjahr ohne Unterlass beschworene Schreckensszenario der Kliniken stellt das IQM ebenfalls ins rechte Bild: &bdquo;Interessanterweise beobachteten wir f&uuml;r den Verlauf der Intensivaufenthalte und auch f&uuml;r die Anzahl der maschinell beatmeten Patienten keine Zunahme im Vergleich zu 2019. Im Gegenteil, die Anzahl von Intensivf&auml;llen war im Lockdown deutlich geringer und die Beatmungsf&auml;lle blieben weitgehend unver&auml;ndert. (&hellip;) &bdquo;Zu keinem Zeitpunkt war in den beteiligten Krankenh&auml;usern ein Kapazit&auml;tsengpass messbar.&ldquo; <\/p><p><strong>&bdquo;Raus aus der Angstspirale&ldquo;<\/strong><\/p><p>Bleibt noch zu kl&auml;ren, wie das Institut all diese eklatanten Fehleinsch&auml;tzungen bewertet und die Antwort dazu hat es in sich: &bdquo;Die wahrscheinlichste Erkl&auml;rung ist unseres Erachtens nach, dass in Anbetracht der medialen Pr&auml;senz des Themas und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit F&auml;lle mit passender Symptomatik selbst dann als Covid-Verdacht behandelt wurden, wenn die PCR negativ blieb.&ldquo; Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf Beschreibungen von &bdquo;bis zu 30 Prozent falsch negativer PCR-Befunde&ldquo;, allerdings mit der Einschr&auml;nkung, dass dies die hohe Anzahl an Verdachtsf&auml;llen &bdquo;nicht plausibel&ldquo; mache. Gleichwohl w&auml;re gerade bei wieder steigenden Fallzahlen &bdquo;eine national oder international standardisierte Strategie zur Bewertung der Tests von h&ouml;chster Priorit&auml;t, um m&ouml;glicherweise unn&ouml;tige Engp&auml;sse in der Versorgung oder auch bei Schutzmaterialien zu vermeiden&ldquo;. <\/p><p>F&uuml;r Entwarnung <a href=\"https:\/\/www.helios-health.com\/what-we-do\/covid-20-german\">pl&auml;diert Francesco De Meo in einem Blogbeitrag<\/a>. De Meo ist langj&auml;hriger Krankenhausmanager und demn&auml;chst Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Helios-Kliniken, die an der IQM-Studie beteiligt waren. &bdquo;Ich bin der Auffassung, dass wir die Surveillance darauf ausdehnen m&uuml;ssen, wie viele Erkrankte aus den Infizierten resultieren und wie viele davon schlie&szlig;lich tats&auml;chlich in den Kliniken behandelt werden m&uuml;ssen&ldquo;, empfahl er, um so alsbald &bdquo;aus der derzeit erkennbaren Angst- und Trotzspirale herauszukommen&ldquo;. &bdquo;Wir haben dies auch dem Bundesgesundheitsministerium aufgezeigt, und hoffen k&uuml;nftig auf eine st&auml;rkere Balance in der Argumentation und den Ma&szlig;nahmen.&ldquo; Denkste! <\/p><p>Titelbild: pixinoo\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/9c4a306e1593406e84f6a480b0dfe8d7\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zahl mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten steigt von Tag zu Tag. Gleichzeitig ist die Zahl der gesamten belegten Intensivbetten jedoch seit Wochen stabil. Zur Kl&auml;rung dieses Widerspruchs k&ouml;nnte eine gro&szlig; angelegte <a href=\"https:\/\/www.initiative-qualitaetsmedizin.de\/covid-19-pandemie\">Auswertung der Krankenhausdaten<\/a> durch die Initiative Qualit&auml;tsmedizin beitragen, die 500 deutsche Kliniken vertritt. 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