{"id":67500,"date":"2020-11-30T12:00:27","date_gmt":"2020-11-30T11:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67500"},"modified":"2020-11-30T12:24:17","modified_gmt":"2020-11-30T11:24:17","slug":"john-pilger-ich-habe-1975-mit-verarmten-familien-gesprochen-und-seitdem-hat-sich-wenig-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67500","title":{"rendered":"John Pilger: &#8216;Ich habe 1975 mit verarmten Familien gesprochen und seitdem hat sich wenig ver\u00e4ndert\u2019"},"content":{"rendered":"<p>Armut mag heute &ndash; abgesehen von Obdachlosen und Menschen, die im Abfall nach Pfandflaschen suchen &ndash; weniger sichtbar sein als in fr&uuml;heren Zeiten. Armut existiert aber nach wie vor und sie bedeutet f&uuml;r die Betroffenen Scham, Entbehrung, Unfreiheit, Krankheit und allzu oft einen fr&uuml;hen Tod. Der preisgekr&ouml;nte australische Journalist und Dokumentarfilmer John Pilger hat vor 45 Jahren einen Film &uuml;ber Armut in England gemacht, er hat mit Familien gesprochen, mit Kindern, sich erz&auml;hlen lassen, wie es sich anf&uuml;hlt, so ein Leben der Entbehrungen und st&auml;ndigen Sorgen, ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Der Film ist unbedingt sehenswert, leidenschaftlich erz&auml;hlt und eine scharfe Anklage an die Regierung, die Armut durch die Art ihrer Priorit&auml;tensetzung f&ouml;rdert. Leider ist er auch heute noch aktuell, nicht nur in England. So sieht es Pilger im folgenden Artikel, den er den NachDenkSeiten freundlicherweise &uuml;berlassen hat. &Uuml;bersetzung: <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls ich das erste Mal &uuml;ber Kinderarmut in Gro&szlig;britannien berichtet habe, fielen mir die Gesichter der Kinder auf, mit denen ich sprach, besonders ihre Augen. Sie sahen anders aus: wachsam, &auml;ngstlich.<\/p><p>1975 filmte ich Irene Brunsdens Familie. Irene erz&auml;hlte mir, dass sie ihrem zweij&auml;hrigen Kind einen Teller Cornflakes zu essen gab.<\/p><p>&ldquo;Sie sagt mir nicht, wenn sie hungrig ist, sie wimmert nur. Wenn sie wimmert, wei&szlig; ich, dass etwas nicht stimmt.&ldquo;<\/p><p>&ldquo;Wie viel Geld haben Sie im Haus?&ldquo;, fragte ich. <\/p><p>&ldquo;F&uuml;nf Pence&rdquo;, antwortete sie. <\/p><p>Irene sagte, dass sie wom&ouml;glich auf den Strich gehen m&uuml;sse, &ldquo;f&uuml;r das Baby&rdquo;. Ihr Mann Jim, ein LKW-Fahrer, der aufgrund einer Krankheit nicht arbeiten konnte, stand neben ihr. Es war, als ob sie gemeinsam trauerten. <\/p><p>Das bewirkt Armut. Meiner Erfahrung nach ist der Schaden, den Armut anrichtet, den Verheerungen eines Krieges vergleichbar; er kann ein Leben lang anhalten, kann &uuml;bergehen auf diejenigen, die man liebt, und die n&auml;chste Generation anstecken. Armut hemmt Kinder im Wachstum, verursacht jede Menge Krankheiten und, das berichtete mir der arbeitslose Harry Hopwood in Liverpool, Armut &bdquo;ist so, als w&auml;re man im Gef&auml;ngnis&ldquo;. <\/p><p>Dieses Gef&auml;ngnis hat unsichtbare Mauern. Als ich Harrys kleine Tochter fragte, ob sie sich je gedacht hatte, eines Tages ein Leben wie die wohlhabenderen Kinder zu f&uuml;hren, sagte sie ohne zu z&ouml;gern: &bdquo;Nein&ldquo;. <\/p><p>Was hat sich in den 45 Jahren seitdem ver&auml;ndert? Mindestens ein Mitglied einer verarmten Familie hat meistens einen Job &ndash; ein Job, von dem man nicht leben kann. Unglaublich, dass &ndash; auch wenn Armut weniger offen zutage tritt &ndash; zahllose englische Kinder immer noch hungrig zu Bett gehen. <\/p><p>Immer noch erw&auml;chst Armut aus einer Krankheit, die in diesem Lande immer noch um sich greift, wenn auch selten von ihr gesprochen wird: Klasse.<\/p><p>Studie um Studie zeigt, dass die Menschen, die an Armuts-Krankheiten leiden, die zur&uuml;ckgehen auf schlechte Ern&auml;hrung, miese Wohnverh&auml;ltnisse und die Priorit&auml;ten der politischen Elite samt ihren feindlich gesinnten &bdquo;Wohlfahrts&ldquo;-Funktion&auml;ren, aus der Arbeiterklasse stammen. 2020 leidet eines von drei Vorschulkindern unter derartigen Verh&auml;ltnissen.<\/p><p>Bei der Arbeit an meinem j&uuml;ngsten Film, &bdquo;The Dirty War on the NHS&ldquo;, war mir klar, dass die brutalen K&uuml;rzungen am NHS (staatliches Gesundheitssystem in Gro&szlig;britannien, Anmerkung der &Uuml;bersetzerin) und seine Privatisierung durch Blair, Cameron, May und Johnson die Gef&auml;hrdeten zugrunde gerichtet haben, darunter viele NHS-Besch&auml;ftigte und ihre Familien. Ich habe eine NHS-Mitarbeiterin interviewt, die sich die Miete nicht leisten konnte und in Kirchen oder auf der Stra&szlig;e schlief. <\/p><p>Vor einer Tafel mitten in London habe ich junge M&uuml;tter beobachtet, die sich nerv&ouml;s umschauten, als sie mit alten Plastikt&uuml;ten voller Lebensmittel, Waschpulver und Tampons davoneilten, die sie sich nicht mehr leisten konnten. Ihre Kinder klammerten sich an ihnen fest. Bisweilen kam es mir so vor, als wandelte ich auf den Spuren von Dickens. <\/p><p>Boris Johnson behauptet, dass heute 400.000 Kinder weniger in Armut leben als 2010, als die Konservativen an die Macht kamen. Das ist eine L&uuml;ge, wie die Kommissarin f&uuml;r die Belange von Kindern best&auml;tigt. Tats&auml;chlich sind seit 2012 mehr als 600.000 Kinder verarmt; insgesamt sollen es mehr als f&uuml;nf Millionen Kinder sein. Das ist ein Klassenkrieg gegen Kinder.   <\/p><p>Der ehemalige Eton-College-Sch&uuml;ler Johnson mag die Karikatur der von Geburts wegen herrschenden Klasse sein; aber seine &bdquo;Elite&ldquo; ist nicht die einzige. Alle Parteien im Parlament &ndash; genauso wie ein Gro&szlig;teil der Verwaltung und die Mehrheit der Medien &ndash; haben, wenn &uuml;berhaupt, nur sp&auml;rlich Kontakt zur Welt der Armen; zur &bdquo;Gig Economy&ldquo;; zum Kampf mit einem Sozialhilfe-System, das einen ohne einen Cent und verzweifelt zur&uuml;cklassen kann.  <\/p><p>Letzte Woche haben der Premierminister und seine &bdquo;Elite&rdquo; gezeigt, wo ihre Priorit&auml;ten liegen. Angesichts der gr&ouml;&szlig;ten Gesundheitskrise seit Menschengedenken, in der Gro&szlig;britannien die h&ouml;chste Todesrate in Europa zu beklagen hat und die Armut w&auml;chst, hat er verk&uuml;ndet, zus&auml;tzliche 16,5 Milliarden Pfund (umgerechnet 18,5 Milliarden Euro) f&uuml;r &bdquo;Verteidigung&ldquo; auszugeben. Das macht Gro&szlig;britannien zum Land mit den gr&ouml;&szlig;ten Milit&auml;rausgaben in Europa und das, wo der eigentliche Feind doch die Armut ist. <\/p><p><em>John Pilgers Film &bdquo;Smashing Kids&ldquo; aus dem Jahr 1975 <a href=\"http:\/\/johnpilger.com\/videos\/smashing-kids\">kann man hier ansehen<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: philip openshaw\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armut mag heute &ndash; abgesehen von Obdachlosen und Menschen, die im Abfall nach Pfandflaschen suchen &ndash; weniger sichtbar sein als in fr&uuml;heren Zeiten. Armut existiert aber nach wie vor und sie bedeutet f&uuml;r die Betroffenen Scham, Entbehrung, Unfreiheit, Krankheit und allzu oft einen fr&uuml;hen Tod. 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