{"id":67515,"date":"2020-11-30T13:39:44","date_gmt":"2020-11-30T12:39:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67515"},"modified":"2020-12-04T09:10:38","modified_gmt":"2020-12-04T08:10:38","slug":"hauptsache-gesund-von-joerg-phil-friedrich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67515","title":{"rendered":"Hauptsache Gesund? Von J\u00f6rg Phil Friedrich"},"content":{"rendered":"<p>Was ist die Hauptsache? Schon lange, bevor wir irgendetwas von Corona gewusst haben, hatte sich eine Floskel in den allt&auml;glichen Sprachgebrauch eingeschlichen, die zum Ausdruck brachte, was die meisten Menschen hierzulande f&uuml;r die Hauptsache halten: &bdquo;Hauptsache gesund!&ldquo;. Es gibt eine Vielzahl von Abwandlungen, &bdquo;ich w&uuml;nsche dir vor allem Gesundheit, das ist das Wichtigste&ldquo;, in wie vielen Millionen Gl&uuml;ckwunschkarten und Gru&szlig;nachrichten stand in den letzen Jahrzehnten diese Formel? Und die Verabschiedungsformel &bdquo;Bleiben Sie gesund!&ldquo; konnte nur deshalb zur mantraartigen Beschw&ouml;rung in Pandemie und Lockdown werden, weil sie uns schon lange vertraut war.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6189\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67515-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201202-Hauptsache-gesund-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201202-Hauptsache-gesund-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201202-Hauptsache-gesund-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201202-Hauptsache-gesund-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67515-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201202-Hauptsache-gesund-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201202-Hauptsache-gesund-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Allerdings soll jeder seine eigene Gesundheit derzeit weniger um ihrer selbst Willen sch&uuml;tzen, vielmehr geht es darum, gesund zu bleiben, damit andere nicht gef&auml;hrdet werden &ndash; und das ist wiederum nicht so sehr um deren Gesundheit Willen wichtig. Es geht vielmehr darum, das Gesundheitssystem nicht zu sehr zu strapazieren. Denn die Gesundheit ist in dieser Gesellschaft so wichtig, dass f&uuml;r sie ein ganzes System aufgebaut und gewartet wird, bestehend aus Netzwerken von medizinischen Einrichtungen von der Arztpraxis &uuml;ber die Krankentransportunternehmen bis zu riesigen Kliniken mit ihren hoch technisierten Intensivstationen. Dieses System ist dazu da, die Gesundheit aller zu bewahren und die Gesundheit jeder kranken Person wiederherzustellen. Da das System aber nur auf eine begrenzte Menge von Nicht-ganz-Gesunden und Kranken eingestellt ist, ist nun die Hauptsache, das Gesundheitssystem nicht zu &uuml;berlasten, damit die Hauptsache Gesundheit nicht ganz grunds&auml;tzlich in Gefahr ger&auml;t. Damit wird jeder, f&uuml;r den die Gesundheit nicht die Hauptsache ist, zum Gef&auml;hrder des Systems.<\/p><p>Vielleicht sind Gesellschaften aber gerade dadurch besonders gef&auml;hrdet, dass sie sich darin irren, was die Hauptsache ist. Davon k&ouml;nnen wir in diesen Wochen eine erste Ahnung bekommen, wie die Regierenden im Namen dessen, was vorgeblich die Hauptsache ist, eine seit Jahrzehnten nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehaltene Einschr&auml;nkung des gesellschaftlichen und privaten Lebens verordnen.<\/p><p>Argumentiert wird dabei damit, dass auf alles verzichtet werden muss, was nicht unbedingt notwendig ist, damit die Hauptsache, n&auml;mlich die Gesundheit, m&ouml;glichst nicht gef&auml;hrdet wird.<\/p><p>Allerdings ist f&uuml;r viele von uns, wenn man mal ganz ehrlich auf sich selbst schaut, die Gesundheit keineswegs die Hauptsache. Dass man sich bei allzu gro&szlig;er N&auml;he zu anderen Menschen Krankheiten aller Art einfangen kann, wussten wir auch schon 2019 &ndash; trotzdem suchen wir diese N&auml;he. Vom Genuss von Alkohol und Zigaretten wollen wir gar nicht reden, solche &bdquo;Laster&ldquo; verleidet uns die &bdquo;Hauptsache-gesund&ldquo;-Maxime ja schon l&auml;nger. Wir joggen nicht nur vorsichtig im Interesse der Gesunderhaltung, wir trainieren f&uuml;r Marathons und treiben sogar Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko. Wir essen ungesunde Delikatessen, weil sie uns schmecken, wir engagieren uns in Projekten, die uns wichtig sind, ohne R&uuml;cksicht auf die Gesundheit. Vieles von dem, worauf wir stolz sind, woran wir uns auch nach Jahren noch gern erinnern, was wir bei anderen bewundern und was wir auch gern mal tun w&uuml;rden, ist ungesund. Es scheint, als ob das, was unserem Leben Sinn und Bedeutung verleiht &ndash; und was somit doch die eigentliche Hauptsache sein sollte &ndash; oft mit dem Primat der Gesunderhaltung nicht zusammenpasst.<\/p><p>Schon in den letzten Jahren hat der Widerspruch zwischen dem Verhalten der Menschen beim Versuch, ein sinnvolles, irgendwie lohnenswertes Leben zu f&uuml;hren, und der gesellschaftlichen Norm, es sei die Hauptsache, gesund zu sein, zunehmend zur Stigmatisierung von allem gef&uuml;hrt, was irgendwie die Gesundheit gef&auml;hrden k&ouml;nnte. Das konnte man bis vor einem Jahr aber noch weitgehend ignorieren. Mit der Corona-Pandemie sind wir nun aber pl&ouml;tzlich in einer v&ouml;llig neuen Situation. Nicht nur, dass nun vieles, was uns wichtig ist, in den Bereich des Ungesunden, und damit vermeidbar Risikobehaftetem und zugleich eben auch Unwichtigem ger&uuml;ckt ist: Treffen mit Freunden, gemeinsames, ausgelassenes Feiern, Musizieren und Trainieren, Kinos und Theater besuchen, gemeinsam Singen, Demonstrieren, Diskutieren. Es wird nun nicht nur missbilligt, dass man mit seiner je eigenen Gesundheit unvorsichtig oder nachl&auml;ssig umgeht, es gilt nun auch als unsolidarisch oder gar asozial, weil man ja mit seinem Verhalten nicht nur sich selbst, sondern auch andere und vor allem das Gesundheitssystem &uuml;berhaupt gef&auml;hrdet.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man sagen, dass die Zeit der Pandemie ja bald vorbei sein wird, weil ein Impfstoff ja bereits gefunden ist und irgendwann im n&auml;chsten Jahr die Pandemie besiegt sein wird &ndash; und dann wird doch alles wieder so sein, wie es vorher war.<\/p><p>Aber diese Hoffnung k&ouml;nnte sich als tr&uuml;gerisch erweisen. Zum einen sind die Ursachen f&uuml;r die globale Ausbreitung von Pandemien nicht beseitigt. 2014 benannte der damalige US-Pr&auml;sident Obama Virus-Pandemien als neue Gefahr, die Folge des Klimawandels und der zunehmenden Globalisierung sind. Warenstr&ouml;me, Arbeitskr&auml;ftebewegungen, Tourismus &ndash; das alles erh&ouml;ht die Wahrscheinlichkeit einer schnellen und globalen Ausbreitung von Virus-Erkrankungen. Die Ver&auml;nderung des Klimas beg&uuml;nstigt zudem die Ausbreitung von Tierarten als Tr&auml;ger von Viren in Gegenden, in denen sie zuvor nicht anzutreffen waren. <\/p><p>Zum anderen wird sich unser Umgang auch mit ganz gew&ouml;hnlichen Ansteckungskrankheiten und Grippewellen vermutlich &auml;ndern. Die Techniken der Ansteckungsvermeidung, die wir gerade erlernen und erleiden, werden sich schnell zum Standard und zur Norm entwickeln. Wenn man erstmal gesellschaftlich die Norm akzeptiert hat, dass Geselligkeit, Feiern, Kneipen-, Kino- und Konzertbesuche entbehrliche Nebens&auml;chlichkeiten sind, die man verbieten kann, wenn die Gesundheit auf dem Spiele steht, w&auml;chst die Wahrscheinlichkeit, dass ein &bdquo;Lockdown light&ldquo; auch zur Bek&auml;mpfung von Grippe-Epidemien eingesetzt wird, die wir vor Jahren einfach durchlitten haben.<\/p><p>Das wird f&uuml;r unsere Gesellschaft weitreichende Folgen haben. Wer wird noch eine gem&uuml;tliche Kneipe aufmachen wollen, wenn er bef&uuml;rchten muss, dass in jedem zweiten Herbst f&uuml;r Wochen oder Monate die G&auml;ste ausbleiben werden? Wie viele Schauspieler und Musiker werden sich andere T&auml;tigkeiten suchen, weil es unertr&auml;glich ist, monatelang nicht spielen und nicht auftreten zu k&ouml;nnen und auf staatliche Almosen angewiesen zu sein? Wird man &uuml;berhaupt noch gro&szlig;e Festivals oder aufw&auml;ndige Konzerttouren planen wollen, wenn man die Sorge haben muss, dass man am Ende die ganze Kreativit&auml;t umsonst investiert hat?<\/p><p>Dazu kommt, dass auch die Menschen, die Theater, Konzerte, Kneipen und Kinos besuchen, ihr Verhalten &auml;ndern werden. Davon konnte man schon in den vergangenen Monaten zwischen den Lockdowns einen Eindruck bekommen. Auch wenn die Kinos und Theater wieder ge&ouml;ffnet waren, blieben viele Pl&auml;tze leer. Die Unsicherheit und die Anforderungen der Hygienema&szlig;nahmen hielten viele davon ab, sich wie vorher in die Publikumsreihen zu setzen.<\/p><p>Es ist ohnehin keine Selbstverst&auml;ndlichkeit, sich abends und an den Wochenenden in Kneipen, Restaurants, Clubs, Kinos, Stadien, Theatern mit anderen Menschen zu treffen. Man kann auch zu Hause bleiben, B&uuml;cher lesen und Filme streamen, Modelleisenbahnen bauen, das alles ist auch sinnvoll und gef&auml;hrdet die Gesundheit &ndash; jedenfalls auf den ersten Blick &ndash; weniger.<\/p><p>Die Folgen f&uuml;r unser Zusammenleben und f&uuml;r die Existenz unserer Gesellschaft w&auml;ren allerdings gewaltig. Welche Gefahren die Atomisierung der Gesellschaft hervorbringt, k&ouml;nnen wir schon seit Jahren beobachten. Wenn wir das soziale Leben auf digitale Medien reduzieren und uns langfristig in sozialer Distanzierung &uuml;ben, werden wir den Kontakt zur Komplexit&auml;t der sozialen Welt immer mehr verlieren. Wer im Restaurant sitzt, begegnet im Stimmengewirr der ganzen Vielfalt von Meinungen, W&uuml;nschen und Lebensentw&uuml;rfen. Auf dem Weg in den Club oder ins Konzert sieht man, wenigstens von weitem, auch die Fu&szlig;ballfans und die feiernden Abiturienten. Auf der Familienfeier begegnet jedem die Vielfalt der m&ouml;glichen Lebenswege und politischen Ansichten. Nicht zuletzt finden wir in den zuf&auml;lligen Begegnungen die Freunde f&uuml;rs Leben und die Lebenspartner, mit denen wir wom&ouml;glich eine Familie gr&uuml;nden. Kurz gesagt, wenn wir die Vielfalt der direkten Begegnungen mit anderen Menschen, den unmittelbaren menschlichen Kontakt der &bdquo;Hauptsache-gesund&ldquo;-Maxime opfern, riskieren wir, dass die Gesellschaft schlie&szlig;lich auseinanderf&auml;llt und zerst&ouml;rt wird.<\/p><p>Was ist zu tun? Zun&auml;chst gilt es, sich &uuml;ber die Ma&szlig;st&auml;be des Wichtigen und des Unverzichtbaren, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben und die nun in der Pandemie eine be&auml;ngstigende Macht entwickeln, Gedanken zu machen. Keine Ma&szlig;nahme, die das soziale Miteinander beschr&auml;nkt, darf einfach hingenommen werden, nur, weil sie vielleicht irgendwie das Ansteckungsrisiko reduziert. Das beginnt beim Tragen von Gesichtsbedeckungen auf der Stra&szlig;e, beim Gespr&auml;ch mit Freunden und Fremden. Kinos und Theater, Gastst&auml;tten und Clubs hatten nach dem ersten Lockdown schon gezeigt, dass es m&ouml;glich ist, die Gefahr von Virus&uuml;bertragungen beherrschbar zu machen. Wir m&uuml;ssen an diese Erfahrungen dringend wieder ankn&uuml;pfen, statt sie mit der Fortsetzung des Lockdowns wieder zu versch&uuml;tten.<\/p><p>Statt nur &uuml;ber die Gefahren einer Covid19-Erkrankung zu reden, m&uuml;ssen wir &uuml;ber die Gefahren der sozialen Distanzierung reden, von der faktischen Einschr&auml;nkung des Demonstrations- und Versammlungsrechts &uuml;ber die Beschr&auml;nkung der M&ouml;glichkeit, soziale Vielfalt, Streit und Diskussion zu erleben, Auseinandersetzungen zu f&uuml;hren, aber auch gl&uuml;cklich zusammen zu sein und sozialen Zusammenhalt auch ganz praktisch zu erleben, bis hin zur intimen N&auml;he mit Verwandten, Gro&szlig;eltern, Freunden &ndash; all das, was uns zu solidarischen, mitf&uuml;hlenden Menschen macht. Mag sein, dass man sich ein paar Wochen lang solidarisch mit allen f&uuml;hlt, wenn man &bdquo;zu Hause bleibt&ldquo; &ndash; aber Mitmenschlichkeit und Zusammengeh&ouml;rigkeit braucht auf lange Sicht physische, leibliche N&auml;he. Die Gesundheitsgefahren durch Pandemien und Grippewellen werden nicht verschwinden, wenn ein Impfstoff gegen das Corona-Virus gefunden ist. Er wird uns nur eine kleine Pause zur Besinnung verschaffen, die wir nutzen m&uuml;ssen, um dar&uuml;ber zu streiten, was wirklich eine Hauptsache ist.<\/p><p>Titelbild: Alonafoto \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist die Hauptsache? Schon lange, bevor wir irgendetwas von Corona gewusst haben, hatte sich eine Floskel in den allt&auml;glichen Sprachgebrauch eingeschlichen, die zum Ausdruck brachte, was die meisten Menschen hierzulande f&uuml;r die Hauptsache halten: &bdquo;Hauptsache gesund!&ldquo;. 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