{"id":67615,"date":"2020-12-03T09:10:18","date_gmt":"2020-12-03T08:10:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67615"},"modified":"2023-05-12T11:33:05","modified_gmt":"2023-05-12T09:33:05","slug":"auf-wolke-365-die-schulcloud-von-microsoft-laesst-die-herzen-von-datendieben-hoeher-schlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67615","title":{"rendered":"Auf Wolke 365. Die Schulcloud von Microsoft l\u00e4sst die Herzen von Datendieben h\u00f6her schlagen."},"content":{"rendered":"<p>Am 26. November wurde an dieser Stelle das Buch &bdquo;Die Katastrophe der digitalen Bildung&ldquo; des Wirtschaftsjournalisten Ingo Leipner <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67367\">rezensiert<\/a>. Anschauungsmaterial dazu, wer in deutschen Lehranstalten bald die erste Geige spielen k&ouml;nnte, liefert der Fall Baden-W&uuml;rttemberg. Dort wird demn&auml;chst eine Microsoft-Software zur Schul- und Unterrichtsverwaltung in den Pilotbetrieb gehen. Zur Schar der Kritiker geh&ouml;rt der P&auml;dagoge, Medienwissenschaftler und Buchautor <strong>Ralf Lankau<\/strong>. Im Interview mit den NachDenkSeiten warnt er vor fehlendem Datenschutz, falschen Heilsversprechen sowie dem Ende selbstbestimmten Lernens, Denkens und Handelns. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2137\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67615-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201203_Auf_Wolke_365_Die_Schulcloud_von_Microsoft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201203_Auf_Wolke_365_Die_Schulcloud_von_Microsoft_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201203_Auf_Wolke_365_Die_Schulcloud_von_Microsoft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201203_Auf_Wolke_365_Die_Schulcloud_von_Microsoft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67615-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201203_Auf_Wolke_365_Die_Schulcloud_von_Microsoft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201203_Auf_Wolke_365_Die_Schulcloud_von_Microsoft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Lankau, in Baden-W&uuml;rttemberg startet demn&auml;chst ein Pilotprojekt an 20 bis 30 Schulen, mit dem die Einbindung des Microsoft-Officeprogramms 365 in eine <a href=\"https:\/\/www.baden-wuerttemberg.de\/de\/service\/presse\/pressemitteilung\/pid\/gruenes-licht-fuer-microsoft-365-piloten-als-teil-der-digitalen-bildungsplattform\/\">im Aufbau befindliche digitale Bildungsplattform erprobt wird<\/a>. Der Vorgang sorgt f&uuml;r allerhand Aufregung bei Daten- und Verbrauchersch&uuml;tzern, Informatikern sowie Lehrer-, Eltern- und Sch&uuml;lerverb&auml;nden. <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Baden-Wuerttemberg-Massiver-Protest-gegen-Bildungsplattform-mit-Microsoft-4915736.html\">Was  bereitet den Kritikern Sorge<\/a>?<\/strong><\/p><p>Kritisiert wird zum Beispiel die Abh&auml;ngigkeit von kommerziellen IT-Anbietern, statt weiter mit OpenSource-L&ouml;sungen zu arbeiten. Es gibt angesichts des US-amerikanischen CLOUD Act europaweit massive datenschutzrechtliche Bedenken gegen MS 365 und andere US-Software. Drei konkrete Forderungen sind daher: Datenschutz, emanzipatorische Medienbildung und digitale Souver&auml;nit&auml;t. All dies l&auml;sst sich mit kommerzieller Software gar nicht realisieren. Die Kritik, etwa der Informatiklehrerinnen und -lehrer, richtet sich aber auch gezielt gegen die v&ouml;llige Missachtung dessen, was im zur&uuml;ckliegenden halben Jahr an den Schulen mit dem Lernmanagementsystem  (LMS, d. Red.) Moodle und dem Videotool BigBlueButton bereits eingerichtet wurde und mittlerweile in vielen Schulen konstruktiv im Unterricht genutzt wird.<\/p><p><strong>Sie meinen also, das Setzen auf das Microsoft-Programm kommt ohne echte Not? Weil von N&ouml;ten im digitalen Schulalltag ist ja gerade in Pandemiezeiten immer wieder zu lesen und zu h&ouml;ren. <\/strong><\/p><p>Man muss wissen, dass neben Office 365 noch ein zweites, kommerzielles und inkompatibles Lernmanagementsystem etabliert werden soll. Das konterkariert den Einsatz der Lehrkr&auml;fte und demotiviert diejenigen, die eigenst&auml;ndige L&ouml;sungen entwickeln. Auf die Begr&uuml;ndung aus dem Kultusministerium darf man daher gespannt sein. Auch auf den Zeitpunkt &uuml;brigens. Die Entscheidung f&uuml;r ein zweites LMS h&auml;tte Ende September fallen sollen, im Oktober &ouml;ffentlich gemacht werden. Jetzt, mitten im laufenden Schuljahr und bei wieder drohendem Hybrid- und Distanzunterricht, w&auml;re ein Wechsel absurd und unverantwortlich. <\/p><p><strong>Und genau in dieser Zeit soll nun auch noch Office 365 im Pilotversuch an den Start gehen? <\/strong><\/p><p>Ja, und dies, obwohl bei dessen Einsatz Rechtsstreitigkeiten mit Datensch&uuml;tzern, Eltern- wie Lehrerverb&auml;nden programmiert sind. Die Frage ist daher, warum sich das Kultusministerium trotz des technisch wie bildungspolitisch begr&uuml;ndeten Widerspruchs und bereits erfolgreich in den Schulen eingesetzter Software berechtigten und juristisch sogar notwendigen Widerstand ins Haus holt. Darauf habe ich keine Antwort. Zumal es exakt keinen Grund f&uuml;r den Einsatz von Microsoft Office in Schulen gibt. Mit Libre und OpenOffice stehen zwei gleichwertige, lizenzfreie Open-Source-Anwendungen zur Verf&uuml;gung, die auf allen Betriebssystemen laufen und vor allem offline funktionieren. Man kann arbeiten, ohne im Netz sein zu m&uuml;ssen. Das ist f&uuml;r Schulen ohnehin oft sinnvoller und datenschutzrechtlich sicher. Online geht man dabei nur nach Bedarf.<\/p><p><strong>Sie sprachen den CLOUD Act an. Dieser erlaubt US-amerikanischen Beh&ouml;rden zum Zwecke der Strafverfolgung den Zugriff auf Daten von US-Internetfirmen und IT-Dienstleistern, selbst wenn diese im Ausland gespeichert sind. Microsoft beteuert, die Daten w&auml;ren in seinen H&auml;nden sicher und hat angek&uuml;ndigt, die Vorgaben der europ&auml;ischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu beachten. Man werde sich amerikanischen Beh&ouml;rden mit allen rechtlichen Mitteln entgegenstellen, <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Baden-Wuerttemberg-Test-von-Microsoft-365-an-Schulen-kann-starten-4944515.html\">wenn diese die Daten von Kunden f&uuml;r ihre Ermittlungen abgreifen wollen<\/a>. Warum geben Sie darauf nichts? <\/strong><\/p><p>Nach den Anschl&auml;gen vom 11.9.2001 sind die amerikanischen Gesetze rund um die IT so massiv versch&auml;rft worden, dass es f&uuml;r niemanden mehr Datenschutz gibt, nicht einmal f&uuml;r amerikanische Unternehmen. Der Europ&auml;ische Gerichtshof hat in seinen beiden Urteilen zu Safe Harbour und Privacy Shield diese anlasslose Massen&uuml;berwachung durch US-Sicherheitsbeh&ouml;rden explizit benannt und festgestellt, das es keinen Datenschutz beim Austausch von Daten &uuml;ber und mit US-Firmen mehr gibt. Daher kann man von der Seite nichts erwarten, sondern muss proaktiv andere L&ouml;sungen, sprich alternative Softwarekonzepte realisieren. <\/p><p><strong>Sie meinen, Microsoft k&ouml;nnte den Begehrlichkeiten der US-Beh&ouml;rden gar nicht widerstehen?<\/strong><\/p><p>Wenn Microsoft die Herausgabe von Daten verweigert, w&auml;re dies ein Versto&szlig; gegen nationale Sicherheitsbestimmungen der USA. Der Konzern verl&ouml;re sofort seine Gesch&auml;ftsgrundlage, die Server w&uuml;rden konfisziert, die Herausgabe der Zugangsdaten erzwungen oder gehackt, sofern nicht sowieso Hintert&uuml;ren offen stehen. Edward Snowden hat die Mechanismen und Strukturen 2013 aufgedeckt. Sein Buch &bdquo;Permanent Record&ldquo; sollte man unbedingt lesen. Dabei l&ouml;sen sich s&auml;mtliche Illusionen &uuml;ber Datenschutz im Netz in Luft auf.<\/p><p><strong>Der Landesbeauftragte f&uuml;r Datenschutz und Informationsfreiheit (LfDI) Baden-W&uuml;rttemberg, Stefan Brink, ist weniger argw&ouml;hnisch. &bdquo;Es ist gut und notwendig, dass das Unternehmen sich nach dem europ&auml;ischen Datenschutz richtet und seine Vertragsklauseln entsprechend &auml;ndert&ldquo;, teilte er am 20. November mit. <a href=\"https:\/\/www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de\/dsgvowirkt\/\">F&uuml;r die Gespr&auml;che mit Microsoft bedeute dies &bdquo;R&uuml;ckenwind&ldquo;<\/a>.<\/strong><\/p><p>Herr Brink sollte die neuen Vertragsklauseln von Microsoft kennen. Darin wird zun&auml;chst best&auml;tigt, dass es beh&ouml;rdliche Anordnungen zur Herausgabe von Daten gibt. Was Microsoft jetzt zusichert, ist, den Rechtsweg zu beschreiten und die US-Gerichte anzurufen, um die Weitergabe pr&uuml;fen zu lassen. Au&szlig;erdem verpflichtet sich Microsoft erstmals, die davon Betroffenen zu informieren, &bdquo;wenn Microsoft durch eine staatliche Anordnung rechtlich bindend dazu verpflichtet wurde, Daten an US-Sicherheitsbeh&ouml;rden herauszugeben&ldquo;. Dazu wird f&uuml;r solche F&auml;lle ein Anspruch auf Schadensersatz zugesichert. <\/p><p>So weit, so nett. De facto landen die Daten aber bei irgendwelchen US-Beh&ouml;rden, ohne Informationen zum Grund oder Aussagen dar&uuml;ber, was damit gemacht wird. Das ist aus meiner Sicht kein R&uuml;ckenwind f&uuml;r Gespr&auml;che mit Microsoft, sondern nur die &ouml;ffentliche Best&auml;tigung eines US-Unternehmens, dass man derzeit nicht mit US-Software und dessen US-Clouddiensten arbeiten kann. Um es klar zu sagen: Der CLOUD Act und die DSGVO sind unvereinbar. <\/p><p><strong>M&uuml;sste man neben der Frage, was US-Ermittler mit Daten aus deutschen Schulen anfangen, nicht auch fragen, was Microsoft damit anstellt? <\/strong><\/p><p>Wenn wir &uuml;ber Daten sprechen, sind es ja nicht die konkreten Texte oder die Matheaufgaben, die Sch&uuml;ler machen, sondern Telemetrie- und Metadaten, die ausgewertet und kapitalisiert werden. Entscheidend ist: Wer kommuniziert mit wem, wie oft, wie schnell reagiert jemand, an wen werden Posts oder Tweets weitergeleitet. Dieses immer dichter werdende Spinnennetz aus Kommunikations- und Verhaltensdaten profiliert eine Person und ganze Gruppen viel besser als irgendein austauschbarer Content. Hier entstehen die Daten f&uuml;r den sogenannten digitalen Zwilling, ein algorithmisches Abbild meiner Pers&ouml;nlichkeit, an dem man testen kann, wie ich auf Angebote, Werbung und andere Menschen oder Meinungen reagiere, wie leistungsf&auml;hig oder stressresistent ich bin und vieles mehr. Es werden Pers&ouml;nlichkeits-, Psycho- und Leistungsprofile angelegt und Sozialstrukturen von Kommunikationsgruppen abgebildet, um Menschen per Web und App zu steuern. <\/p><p><strong>Und Sie sagen, die Schulen werden zum Einfallstor dieser Interessen?<\/strong><\/p><p>Dort wird in Phase eins mit dem Digitalpakt Schule die technische Infrastruktur aufgebaut, um diese Telemetriedaten systematisch zu erheben und auszuwerten. Das ist die Grundlage f&uuml;r die datenbasierte Schulentwicklung in Phase zwei, also eine zunehmend automatisierte und standardisierte Beschulung mit Hilfe entsprechender Softwaresysteme. Der Avatar wird zum Lehrenden, Lehrkr&auml;fte zu Lernbegleitern und Sozialcoaches. Die Systeme sind im Einsatz und werden mittlerweile mit immer mehr Echtdaten gespeist. Es fehle nur noch der &bdquo;gro&szlig;e Freilandversuch&ldquo;, schrieb Fritz Breithaupt 2016. Jetzt laufen die Systeme und verbreitern ihre Datenbasis mit jedem Einsatz in Schulen.<\/p><p><strong>Was hat MS 365 in dieser Hinsicht zu bieten?<\/strong><\/p><p>MS 365, zusammen mit dem integrierten Videotool MS Teams und vor allem Azure f&uuml;r das Identit&auml;tsmanagement, ist eine Cloudl&ouml;sung, mit der man sehr viele Dienste und Daten zusammenf&uuml;hren kann. Es geht dabei nicht nur um die Organisation von Unterricht und die Kommunikation zwischen Lehrkr&auml;ften und Sch&uuml;lerschaft wie bei einem LMS. Das Ganze ist ein datenbasiertes &bdquo;Schweizer Messer&ldquo; zur Schul- und Unterrichtsverwaltung und -organisation. Dazu braucht man personalisierte Daten, von Lehrern wie Sch&uuml;lern. Stichworte sind Personal oder Workplace Analytics und Activity Reports.&nbsp;Arbeitgeber und Softwareanbieter sprechen auch von People Analytics zur Optimierung der Human Ressources. Deshalb sollen m&ouml;glichst schon Kinder an die digitalen Endger&auml;te und in die Cloud, mit R&uuml;ckkanal f&uuml;r Nutzerdaten. So k&ouml;nnen die personalisierten Daten gleich korrekt einer Person zugeordnet und daraus Lern- wie Pers&ouml;nlichkeitsprofile generiert werden. Seine Pers&ouml;nlichkeit &auml;ndert man ja nicht so schnell, daher sind solche Daten so wertvoll und junge Menschen eine so attraktive Zielgruppe mit einer noch langen Konsumbiographie.<\/p><p><strong>Aber so steht das bestimmt nicht in den Vertr&auml;gen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich nicht. &Uuml;ber den Umfang m&ouml;glicher Datensammlungen wird kaum gesprochen. Diese Funktionen d&uuml;rfen in den Schulversionen zur Zeit auch nicht aktiviert sein. Aber die weltweit teuersten Unternehmen sind IT-Firmen der Plattform- und Daten&ouml;konomie. Was ist die Grundlage ihres Gesch&auml;fts? Unsere Daten, die, anders als nat&uuml;rliche Rohstoffe, auch nicht weniger werden, sondern mit jedem Smart Device mehr. Wenn daher die vollst&auml;ndige Verdatung zur Automatisierung und Standardisierung aller Abl&auml;ufe in Schulen das Ziel ist, ist der Einsatz der Komplettprogramme von Apple, Google oder Microsoft das richtige Werkzeug, dann mit den ganzen Analysefunktionen. Es werden damit zunehmend vollst&auml;ndig datenbasierte Lernfabriken mit prozessoptimierten Abl&auml;ufen, validierten Ergebnissen und Lernleistungsprofilen f&uuml;r jede und jeden aufgebaut. Die Idee dahinter ist, dass man abpr&uuml;fbares Wissen durch automatisiertes Beschulen und Testen produzieren kann wie eine Ware. Faktisch geht es nicht um Menschen und Lernprozesse, sondern um Produkte und M&auml;rkte.<\/p><p><strong>Wir erleben gerade, wie die Corona-Pandemie diese Prozesse ungeheuer beschleunigt. W&auml;hrend etwa der Digitalpakt Schule davor nur schleppend in die G&auml;nge gekommen war, soll jetzt mit noch mehr Geld und Knowhow alles viel schneller gehen. Wobei uns das Ganze auch noch als bildungspolitisch und sozial gebotene Unerl&auml;sslichkeit verkauft wird. Schlie&szlig;lich w&auml;re ohne digitale Fernbeschulung mit dem ersten Lockdown praktisch ein halbes Schuljahr weggefallen.<\/strong><\/p><p>Aktuell ist das Ziel, den durch Covid-19 erzwungenen Einsatz von Digitaltechnik zu verstetigen und Fernunterricht als Normalfall zu deklarieren. Wir gehen keinen Schritt zur&uuml;ck, hei&szlig;t es, oder wir m&uuml;ssen das durch Covid-19 Erreichte verstetigen. Angesprochen wird dabei immer nur der Aufbau der technischen Infrastruktur, die Versorgung mit Endger&auml;ten oder das Beschulen per Netz und Videos. Was mit den Menschen vor dem Bildschirm passiert, z&auml;hlt nicht. Wir sind das zu optimierende Produkt.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie noch andere Beispiele nennen, die aufzeigen, wie aktuell im Windschatten der Pandemie eine Umgestaltung von Schule stattfindet?<\/strong><\/p><p>Ich nenne nur mal zwei charakteristische Beispiele. Die FDP in Th&uuml;ringen will vom Landtag beschlie&szlig;en lassen, dass Fernunterricht zum regul&auml;ren Bestandteil von Schule und Unterricht werden soll, also auch au&szlig;erhalb von Notzeiten. Obwohl wir wissen, wie wichtig Pr&auml;senzunterricht ist, besonders f&uuml;r sozial Benachteiligte. So aber &ouml;ffnet man die Schultore f&uuml;r private, kommerzielle Anbieter. Das gleiche Spiel findet in Bremen statt. Der Senat hat 20.000 Lizenzen f&uuml;r ein privates Nachhilfeunternehmen finanziert. Es fehlen Lehrkr&auml;fte? Also schauen die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler schon in der Schule privat produzierte Lernvideos. Der Wettlauf ist er&ouml;ffnet.<\/p><p><strong>&bdquo;Wir wollen, dass die eingesetzte Software der Schule dient, und nicht die Schule dem Anbieter bei der Erstellung von Profilen oder Produktangeboten&ldquo;, findet Baden-W&uuml;rttembergs Landesdatenschutzbeauftragter Brink. Ist der Mann also doch nicht v&ouml;llig frei von Zweifeln?<\/strong><\/p><p>Wer wei&szlig;? Herr Brink verkennt sowohl das Grundprinzip der Telemetrie wie die Prinzipien der Daten&ouml;konomie. Das Sammeln von Nutzerdaten ist die Grundlage f&uuml;r die Produktoptimierung, wobei sowohl die IT-Systeme selbst wie die Software und die User Produkte sind. Dazu hie&szlig; es in einem internen Microsoft-Memo, das der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler publizierte. &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article527396\/Wir-sind-programmierbar.html\">In Zukunft werden wir Benutzer wie Computer behandeln: Beide sind programmierbar.<\/a>&ldquo; <\/p><p><strong>K&ouml;nnte Software und k&ouml;nnten digitale Tools den Schulen in Ihren Augen &uuml;berhaupt dienen?<\/strong><\/p><p>Auf alle F&auml;lle. Wenn es wirklich um Lernprozesse ginge, k&ouml;nnte man ja mit Lernsoftware offline vor Ort arbeiten oder mit Tools, die ohne R&uuml;ckkanal f&uuml;r Nutzerdaten funktionieren. Dazu m&uuml;sste man aber im ersten Schritt kl&auml;ren, was denn genau gelernt werden soll am und mit und &uuml;ber Rechner und Netzwerke. Daf&uuml;r k&ouml;nnte man dann Lehr- und Lernmaterial bereitstellen, ohne das Nutzerverhalten zu protokollieren. Alleine diese Entscheidung, keine Daten zu sammeln und auszuwerten, k&ouml;nnte die Diskussion &uuml;ber m&ouml;gliche Anwendungen von IT in Schulen sofort deutlich  voranbringen. Dann m&uuml;sste man dar&uuml;ber diskutieren, wer welche Endger&auml;te braucht, auf welche Dienste jemand zugreifen kann und wie man den Unterricht und die Betreuung etwa bei Hausaufgaben organisiert. Warum nicht mit Lehramtsstudierenden, die derzeit selbst meist online arbeiten und Studentenjobs brauchen. Dazu w&uuml;rde man eine Infrastruktur aufbauen, die die Kommunikation zwischen Lehrkr&auml;ften und Sch&uuml;lern erm&ouml;glicht, ohne dass dabei Verbindungs- und Verhaltensdaten aufgezeichnet und ausgewertet w&uuml;rden. All das ist technisch umsetzbar, blo&szlig; funktionieren dann die Analysetools und damit die Gesch&auml;ftsmodelle nicht. Um was geht es also?<\/p><p><strong>Sie haben den Germanistikprofessor Fritz Breithaupt zitiert. Er h&auml;lt die &bdquo;dramatischen Ver&auml;nderungen des Lernens&ldquo; durch IT-Technik f&uuml;r unvermeidbar und spricht von <a href=\"https:\/\/www.psychotherapiewoche.de\/fileadmin\/user_upload\/Handouts_und_Skripte\/lankau_ps_2019_kurz.pdf\">&bdquo;Individualerziehung&ldquo; durch Softwaresysteme<\/a>. Die Frage ist doch, ob es &uuml;berhaupt noch ein Zur&uuml;ck geben kann, beziehungsweise ob und wie sich die Entwicklung noch aufhalten l&auml;sst.<\/strong><\/p><p>In der Tat l&auml;sst sich derzeit ein Paradigmenwechsel beobachten. Zu Beginn der Digitalisierung war es das Ziel, m&ouml;glichst vielen Kindern, auch aus sozial benachteiligten Haushalten, den Zugang zu digitalen Medien zu erm&ouml;glichen. Heute haben alle Kinder und Jugendlichen diesen Zugang, meist zu fr&uuml;h und oft unkontrolliert, mit zu langen Nutzungszeiten &ndash; nicht erst seit Corona. Es ist daher die wichtigste Aufgabe, den Zugang zu Bildschirmger&auml;ten und Netzdiensten zu begrenzen, damit Kinder und Jugendliche sich normal entwickeln k&ouml;nnen. <\/p><p>Und es wird immer mehr, wie in den angels&auml;chsischen L&auml;ndern, ein teures Privileg, nicht am Bildschirm beschult zu werden, sondern in eine Privatschule mit &bdquo;echten&ldquo; Lehrerinnen und Lehrern gehen zu d&uuml;rfen. Es wird ebenfalls zu einem Privileg, selbst dar&uuml;ber entscheiden zu k&ouml;nnen, welche Dienste man im Netz nutzt und welche Daten man von sich preisgibt. Im &Uuml;brigen hat auch Breithaupt, wie er 2016 in K&ouml;ln einr&auml;umte, einen studentischen Nachhilfelehrer f&uuml;r seine Tochter engagiert, als sie Probleme mit Mathematik hatte. Denn das Personal Coaching sei immer noch die beste Methode, etwas zu lernen. <\/p><p><strong>Sind das nicht Steilvorlagen f&uuml;r kritische Zeitgenossen?<\/strong><\/p><p>Eigentlich schon und tats&auml;chlich erleben wir schon so etwas wie eine Gegenbewegung, allerdings eine hochgradig elit&auml;re. Bleibt es dabei, verstetigt und versch&auml;rft die digitale Transformation die soziale Spaltung noch mehr und etabliert technische Strukturen, die den Menschen zur Unterordnung zwingen. Vielleicht ist das Lernen von Gehorsam sogar das wichtigste Ziel dieser Zurichtung am Display. So erzieht man Untertanen. <\/p><p>Issac Asimov hat das schon 1954 in seinem Text &bdquo;Die Schule&ldquo; beschrieben. Die Schulmaschine ist die autorit&auml;re Instanz, so macht man Menschen zu Konsum&auml;ffchen, Sozialautisten und letztlich zu Psychopathen. Der Soziologe Ralf Dahrendorf hat diese Prozesse bereits f&uuml;r die Globalisierung prognostiziert, f&uuml;r die die Digitalisierung nur die Infrastruktur liefert: &bdquo;Ein Jahrhundert des Autoritarismus ist keineswegs die unwahrscheinlichste Prognose f&uuml;r das 21. Jahrhundert&ldquo;, schrieb er 1997. &bdquo;Menschen sind Objekte, nicht Subjekte von Prozessen, deren Subjekte m&ouml;glicherweise &uuml;berhaupt <a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/9punkt\/2016-11-22.html\">nicht als Personen identifiziert werden k&ouml;nnen.<\/a>&ldquo;<\/p><p><strong>Bleibt die Frage nach den M&ouml;glichkeiten der Gegenwehr. Wie m&uuml;sste die ganz praktisch aussehen und wer m&uuml;ssten die treibenden Akteure sein? Denn eines scheint klar: Gewerkschaften und Bildungsverb&auml;nde halten nicht wirklich dagegen.<\/strong><\/p><p>Gegenwehr beginnt ganz praktisch. Unterschreiben Sie als Lehrkraft oder Elternteil die Lizenz- und Nutzungsvereinbarungen f&uuml;r kommerzielle Software und MS 365 an Schulen nicht. Die Schulleitung oder der Tr&auml;ger m&uuml;ssen Alternativen anbieten, ohne jemanden auszugrenzen oder zu diskriminieren. Organisieren Sie sich, als Eltern oder Lehrkraft, arbeiten Sie am besten gleich zusammen wie in Baden-W&uuml;rttemberg. Hier kooperieren Informatiklehrerinnen und -lehrer mit Philologen, dem Landeselternbeirat und weiteren Organisationen und Verb&auml;nden. Und diese Kooperation bietet zusammen mit weiteren Partnern konkrete Alternativen f&uuml;r IT-Infrastruktur, LMS und Software an. Man kann Technik verantwortlich einsetzen, hei&szlig;t das, ohne Datenprostitution. Solche Initiativen und Verb&uuml;nde gibt es mittlerweile bundesweit. Denken wir IT gemeinsam neu und bauen Alternativen auf statt Abh&auml;ngigkeiten.<\/p><p>Titelbild: Emilija Miljkovic\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Ralf Lankau<\/strong>, Jahrgang 1961, ist Professor f&uuml;r Digitaldesign, Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. Er leitet dort die grafik.werkstatt an der Fakult&auml;t Medien, forscht zu Experimenteller Medienproduktion in Kunst, Lehre und Wissenschaft und publiziert zu Design, Kommunikationswissenschaft und (Medien-)P&auml;dagogik. Lankau betreibt das Projekt &bdquo;futur iii &ndash; Digitaltechnik zwischen Freiheitsversprechen und Total&uuml;berwachung&ldquo; (futur-iii.de) und ist Mitinitiator des &bdquo;B&uuml;ndnisses f&uuml;r humane Bildung &ndash; aufwach(s)en mit digitalen Medien&ldquo; (aufwach-s-en.de). Von Lankau erschien 2017 im Beltz-Verlag: &bdquo;Kein Mensch lernt digital: &Uuml;ber den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht&ldquo; und im April 2019 gemeinsam mit Paula Bleckmann: &bdquo;Digitale Medien und Unterricht: Eine Kontroverse&ldquo;.<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/03e65c1c65df4a9ab4b44d4de07e7df5\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. November wurde an dieser Stelle das Buch &bdquo;Die Katastrophe der digitalen Bildung&ldquo; des Wirtschaftsjournalisten Ingo Leipner <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67367\">rezensiert<\/a>. Anschauungsmaterial dazu, wer in deutschen Lehranstalten bald die erste Geige spielen k&ouml;nnte, liefert der Fall Baden-W&uuml;rttemberg. Dort wird demn&auml;chst eine Microsoft-Software zur Schul- und Unterrichtsverwaltung in den Pilotbetrieb gehen. Zur Schar der Kritiker geh&ouml;rt der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67615\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":67616,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,184,151,209],"tags":[743,2097,850,2094,3384,2030,2306],"class_list":["post-67615","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-bildungspolitik","category-interviews","tag-bawue","tag-big-data","tag-datenschutz","tag-digitalisierung","tag-lankau-ralf","tag-microsoft","tag-open-source-software"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/shutterstock_1081273295.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67615"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81179,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67615\/revisions\/81179"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/67616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}