{"id":67666,"date":"2020-12-04T12:18:30","date_gmt":"2020-12-04T11:18:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67666"},"modified":"2020-12-04T13:44:35","modified_gmt":"2020-12-04T12:44:35","slug":"deutschland-ist-mittaeter-punkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67666","title":{"rendered":"Deutschland ist Mitt\u00e4ter. Punkt."},"content":{"rendered":"<p>Das Bundesverwaltungsgericht hat in der vergangenen Woche entschieden: Die Bundesregierung muss nichts gegen die Rolle Ramsteins im illegalen US-Drohnenkrieg unternehmen. Zugegeben, das h&auml;tte sie wahrscheinlich sowieso nicht getan. Doch das Gerichtsurteil beweist nur abermals, wie sehr der Drohnenkrieg westliche Rechtsstaatlichkeit abgebaut hat. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFaisal bin Ali Jaber ist ein Name, den man in Deutschland kennen sollte. Gemeinsam mit zwei weiteren Landsm&auml;nnern hat der 62-j&auml;hrige Jemenite 2015 die Bundesregierung verklagt. Der Grund: Sein Schwager und sein Neffe <a href=\"http:\/\/www.ag-friedensforschung.de\/regionen\/Jemen1\/gericht.html\">wurden im August 2012<\/a> durch einen US-Drohnenangriff get&ouml;tet und im Nachhinein als &bdquo;Terroristen&ldquo; abgestempelt.  Schauplatz des Geschehens war das Dorf Khashamir im Osten Jemens, wo kurz nach der Hochzeitsfeier von bin Ali Jabers Sohn US-Drohnen mindestens f&uuml;nf Raketen abfeuerten. Nachdem bin Ali Jaber und die anderen Dorfbewohner den Tatort erreichten, konnte nur noch eingesammelt werden, was von den Opfer &uuml;brig blieb.<\/p><p>&bdquo;Ich erwarte und erhoffe mir, dass die deutsche Bev&ouml;lkerung mit uns f&uuml;hlt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Deutschen die Rolle von Ramstein im US-Drohnenprogramm guthei&szlig;en. Ich appelliere an die Bundesregierung, daf&uuml;r zu sorgen, dass Ramstein nicht f&uuml;r illegale T&ouml;tungen wie bei US-Drohnenprogrammen benutzt wird&ldquo;, so bin Ali Jaber.<\/p><p>Dass weite Teile der deutschen Bev&ouml;lkerung mitf&uuml;hlen w&uuml;rden, sofern sie &uuml;ber das Geschehen informiert w&auml;ren, liegt im Bereich des M&ouml;glichen. Dass die politischen Eliten in Berlin sich ihrer Verantwortung &ndash; oder um es deutlicher zu sagen: ihrer Mitt&auml;terschaft &ndash; stellen, umso weniger. Nun erhielten sie hierf&uuml;r auch noch Sch&uuml;tzenhilfe von Seiten des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, das die Klage der Jemeniten abwies und der &Ouml;ffentlichkeit mehr oder weniger zu verstehen gab: Deutschland muss den USA in Sachen Drohnenkrieg nichts untersagen. Die Einhaltung des V&ouml;lkerrechts ist uns schnuppe. Stattdessen demontieren wir weiterhin jene Rechtsstaatlichkeit, auf die wir angeblich so stolz sind.<\/p><p>Und au&szlig;erdem: Nat&uuml;rlich sind wir derart modern, humanistisch und fortgeschritten, dass wir gegen die Todesstrafe sind. Dies betrifft allerdings nicht den extralegalen, auf Verdacht beruhenden Drohnenmord, der sich regelm&auml;&szlig;ig in der jemenitischen W&uuml;ste, in den afghanischen Bergen und anderswo abspielt.<\/p><p>Dabei hatte noch im vergangenen Jahr das Oberverwaltungsgericht in M&uuml;nster zu Gunsten der Drohnenopfer entschieden. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/drohnen-ramstein-101.html\">Damals hie&szlig; es<\/a>, dass die Bundesregierung pr&uuml;fen m&uuml;sse, ob von Ramstein ausgehend das V&ouml;lkerrecht verletzt werde. Au&szlig;erdem habe Deutschland eine Schutzpflicht gegen&uuml;ber jenen Menschen, die den Angriffen zum Opfer werden k&ouml;nnten. Der Bundesregierung gefiel das Urteil nicht. Sie legte Revision ein &ndash; und war nun damit erfolgreich.<\/p><p>Dass alle bestehenden (und frei zug&auml;nglichen!) Fakten zur Rolle Ramsteins oder zum Drohnenkrieg im Allgemeinen diesmal von einer derart angesehenen und wichtigen Institution unter den Teppich gekehrt werden, ist tats&auml;chlich ein Skandal, der seinesgleichen sucht &ndash; und dank Corona, Biden-Sieg und Co. dennoch unbeachtet bleiben wird.<\/p><p>Umso wichtiger scheint es zu sein, einige Dinge in diesem Kontext zu wiederholen.<\/p><ol>\n<li>Der amerikanische Drohnenkrieg ist nicht pausiert, sondern l&auml;uft weiter. De facto wird er sogar ausgeweitet. Kurz vor den US-Pr&auml;sidentschaftswahlen wurde bekannt, dass Trump <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/09\/15\/us\/politics\/shabab-drone-authorities-kenya.html\">bewaffnete Drohnen nach Kenia schicken will<\/a>. Als Grund muss abermals die &bdquo;Terrorismusbek&auml;mpfung&ldquo; herhalten. In Somalia, das seit Jahren von US-Drohnen bombardiert wird, sieht man regelm&auml;&szlig;ig die Folgen dieses brutalen T&ouml;tungsprogramms. Zivilisten werden regelm&auml;&szlig;ig get&ouml;tet. Der Drohnenkrieg auf dem afrikanischen Kontinent ist ein weiteres dunkles Kapitel der US-Au&szlig;enpolitik, das Deutschland direkt betrifft. Immerhin befindet sich die Zentrale des Afrikakommandos des Pentagons (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63772\">AFRICOM<\/a>) in Stuttgart. Dort wird jede Milit&auml;roperation in Afrika, inklusive Drohnenangriffe, koordiniert. (Beachte auch: Berlin d&uuml;rfte sich wom&ouml;glich sogar freuen, da Biden Trumps geplante AFRICOM-Versetzung r&uuml;ckg&auml;ngig machen k&ouml;nnte.)<\/li>\n<li>Das Herzst&uuml;ck ebenjenen Drohnenkrieges liegt allerdings weiterhin in der Pfalz. Whistleblower, die einst selber Jagd auf Menschen gemacht haben und sp&auml;ter aus dem Drohnenprogramm ausgestiegen sind, wiederholen regelm&auml;&szlig;ig, dass ohne die Luftwaffenbasis in Ramstein wortw&ouml;rtlich nichts laufen w&uuml;rde. Der Grund hierf&uuml;r ist eine Satellitenrelais-Station, die f&uuml;r die Kommunikation mit den unbemannten Flugger&auml;ten notwendig ist. Ohne diese w&uuml;rde keine einzige Drohnenoperation funktionieren, da die Daten (hier geht es in erster Linie um die Videoaufnahmen aus der Luft) die Pilotenteams in den USA viel zu sp&auml;t erreichen w&uuml;rden.<\/li>\n<\/ol><p>Kurz gesagt: Ohne Deutschland w&auml;re der Drohnenkrieg Washingtons nicht m&ouml;glich. In einem klassischen Kriminalfall w&auml;re der Sachverhalt deshalb eindeutig: Die USA sind T&auml;ter, Deutschland ist Mitt&auml;ter. Die amerikanischen T&ouml;tungswaffen w&uuml;rden ohne deutsche Hilfe nicht funktionieren. Doch im bestehenden Kontext wird dieser Umstand nicht im Geringsten eingesehen. Die Bundesregierung wollte bereits w&auml;hrend der Amtszeit Obamas nach dem Bekanntwerden der Fakten nicht auf Journalisten, Whistleblower, Juristen und andere Experten h&ouml;ren, sondern dem Wort Washingtons blind Vertrauen schenken. Warum? Zum Einen, weil es die Sache einfacher machte. Aus den Augen, aus dem Sinn &ndash; solange, bis sich niemand mehr darum k&uuml;mmert. Zum Anderen spielt nat&uuml;rlich auch die Hierarchie eine Rolle. Der neokonservative US-Historiker Robert Kagan verglich die USA und Europa einst mit den r&ouml;mischen Gottheiten Mars und Venus, die f&uuml;r Krieg und Liebe standen. Letztere k&ouml;nne ohne Ersteren nicht &uuml;berleben. Diese Hierarchie wurde nicht aufgel&ouml;st, sondern besteht weiterhin &ndash; und Deutschland ist ein wichtiger Teil davon. Dass hierf&uuml;r Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit dran glauben m&uuml;ssen, ist weniger von Bedeutung. Die B&uuml;chse der Pandora wurde schon l&auml;ngst ge&ouml;ffnet.<\/p><p>Titelbild: EWY Media\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bundesverwaltungsgericht hat in der vergangenen Woche entschieden: Die Bundesregierung muss nichts gegen die Rolle Ramsteins im illegalen US-Drohnenkrieg unternehmen. Zugegeben, das h&auml;tte sie wahrscheinlich sowieso nicht getan. Doch das Gerichtsurteil beweist nur abermals, wie sehr der Drohnenkrieg westliche Rechtsstaatlichkeit abgebaut hat. 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