{"id":67675,"date":"2020-12-06T11:45:58","date_gmt":"2020-12-06T10:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67675"},"modified":"2022-02-24T12:02:26","modified_gmt":"2022-02-24T11:02:26","slug":"ein-sehr-unterschiedliches-gedenken-an-die-kriegsverbrecher-prozesse-in-nuernberg-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67675","title":{"rendered":"Ein sehr unterschiedliches Gedenken an die Kriegsverbrecher-Prozesse in N\u00fcrnberg 1945"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Artur Leier<\/strong>, einem Teilnehmer der wissenschaftlichen Moskauer Konferenz anl&auml;sslich des 75. Jahrestages des Prozesses gegen Nazi-Kriegsverbrecher in N&uuml;rnberg. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nVom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 dauerten die N&uuml;rnberger Prozesse gegen 24 f&uuml;hrende Vertreter von Nazi-Deutschland. Aus Anlass des Prozess-Jubil&auml;ums fand in Moskau am 20. und 21. November im &bdquo;Museum des Sieges&ldquo; auf dem Verneigungsh&uuml;gel eine wissenschaftliche Konferenz unter dem Titel &bdquo;Lehren aus N&uuml;rnberg&ldquo; statt (<a href=\"https:\/\/victorymuseum.ru\/playbill\/events\/uroki-nyurnberga\/days\/\">Video<\/a>). Zu der Konferenz &ndash; auf der 200 Personen mit Redebeitr&auml;gen auftraten &ndash; waren auch G&auml;ste aus Deutschland eingeladen. <\/p><p>W&auml;hrend <a href=\"https:\/\/germania.diplo.de\/ru-de\/aktuelles\/-\/2419352\">Frank-Walter Steinmeier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/newsroom\/maas-nuernberg-istgh-roemisches-statut\/2151510\">Heiko Maas<\/a> in ihren in Deutschland gehaltenen Reden vor und zum Jahrestag vor allem hervorhoben, es sei das erste Mal gewesen, dass ein internationales Gericht konkrete Politiker und Staatsf&uuml;hrer f&uuml;r Verbrechen verurteilte, ging es auf der Moskauer Konferenz vor allem darum, die Einmaligkeit der Nazi-Verbrechen zu betonen und die Gleichstellung von Hitler und Stalin zur&uuml;ckzuweisen. <\/p><p>Der Leiter der russischen Auslandsaufkl&auml;rung, Sergej Naryschkin, erkl&auml;rte, das Tribunal in N&uuml;rnberg sei eine au&szlig;erordentliche Ma&szlig;nahme in einer &bdquo;unikalen historischen Situation&ldquo; gewesen. Es sei falsch, derartige Tribunale &bdquo;in anderen Situationen&ldquo; durchzuf&uuml;hren. Dadurch w&uuml;rden &bdquo;die internationalen Gerichtsinstitutionen in Instrumente des politischen Drucks und sogar der politischen Gewalt gegen Unbequeme umgewandelt&ldquo;, wie das im Fall des Jugoslawien-Tribunals der Fall gewesen sei.<\/p><p>Der russische Au&szlig;enminister Sergej Lawrow erkl&auml;rte, einige Staaten Europas w&uuml;rden zeigen, dass ihre Immunit&auml;t gegen &bdquo;die braune Pest &ndash; den Nazismus&ldquo; gesunken sei. Russland werde weiter &bdquo;gegen die Verherrlichung nazistischer Verbrecher und ihrer Helfer&ldquo; auftreten. <\/p><p>Der russische Generalstaatsanwalt Igor Krasnow schlug vor, den Begriff des Genozids an den V&ouml;lkern der Sowjetunion in die russische Gesetzgebung aufzunehmen. Die gezielte Vernichtung der sowjetischen Zivilbev&ouml;lkerung sei in den Dokumenten des N&uuml;rnberger Tribunals festgehalten worden. Nach neuesten Berechnungen wurden von den angreifenden Truppen im Zweiten Weltkrieg 18 Millionen sowjetische Zivilisten umgebracht. <\/p><p>Ulrich Heyden interviewte Artur Leier aus Hamburg. Leier war zu der Konferenz eingeladen. Er ist Mitglied der Partei Die Linke und engagiert sich f&uuml;r die Verst&auml;ndigung mit Russland.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie kurz beschreiben, was das f&uuml;r eine Konferenz war, die Sie in Moskau besucht haben?<\/strong><\/p><p>Der Titel der Veranstaltung lautete &bdquo;Internationale wissenschaftlich-praktische Konferenz &bdquo;Lehren aus N&uuml;rnberg&ldquo; &ldquo;. Nach meiner Einsch&auml;tzung war diese Konferenz vor allem eine Reaktion auf die zunehmende Geschichtsverf&auml;lschung durch den Westen und seine Wadenbei&szlig;er-Kolonien in Osteuropa. Nat&uuml;rlich betreibt der Westen dies schon seit dem Kalten Krieg und nutzt daf&uuml;r pseudowissenschaftliche Instrumente wie die Totalitarismus-Theorie. Doch die polnisch-litauische Resolution, die am 19. September 2019 im EU-Parlament verabschiedet wurde, beinhaltet eben diese Totalitarismus-Theorie und macht die Sowjetunion f&uuml;r den Kriegsausbruch verantwortlich. Das war f&uuml;r die russische Seite wohl eine neue Eskalationsstufe.<\/p><p>Scheinbar haben einige in Russland endlich verstanden, dass die historische Wahrheit verteidigt werden muss, und auch, dass Verteidigung alleine nicht ausreicht und eine Offensive notwendig ist. Die internen Planungen kenne ich nicht, aber aus den zentralen Reden und meiner Kenntnis &uuml;ber die politische Situation in Russland habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies lediglich der Start f&uuml;r eine Gro&szlig;offensive zur Wahrung der historischen Wahrheit ist. Daf&uuml;r sprechen die namhaften Unterst&uuml;tzer und Mitorganisatoren, Fonds der Pr&auml;sidenten-Stipendien, Bildungsministerium, Kriegshistorische Gesellschaft, F&ouml;derale Agentur f&uuml;r internationale Zusammenarbeit, Nachrichtenagentur RIA Novosti. Daf&uuml;r spricht auch, dass in einigen Reden vorgeschlagen wurde, dieses internationale Forum regelm&auml;&szlig;ig und in verschiedenen L&auml;ndern durchzuf&uuml;hren.<\/p><p>Es war auf jeden Fall gut, dass sich nicht nur darauf beschr&auml;nkt wurde, die Resultate der N&uuml;rnberger Prozesse zu wiederholen, wie man beim Namen des Forums h&auml;tte vermuten k&ouml;nnen. Dies ist nat&uuml;rlich wichtig und es gab interessante historische Fakten dazu. In N&uuml;rnberg wurde das erste Mal Film-Material als wichtiges Beweismittel eingesetzt. Das trug entscheidend zur Au&szlig;enwahrnehmung der Prozesse bei. <\/p><p>Der Sohn des sowjetischen Chefankl&auml;gers Sergej Rudenko erz&auml;hlte Interessantes von den Erinnerungen seines Vaters. Bisher unbekannt war f&uuml;r mich die Geheimoperation zum Transport von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus zur Zeugenaussage nach N&uuml;rnberg. Damals wurde auf Grundlage der Hitler-Propaganda noch immer von vielen angenommen, dass Paulus gefallen sei und seine Gefangennahme nur sowjetische Propaganda. Sein pl&ouml;tzliches Auftauchen als Zeuge war einer der H&ouml;hepunkte des Prozesses.<\/p><p><strong>Warum war es eine Geheimoperation?<\/strong><\/p><p>Der Sohn von Rudenko erz&auml;hlte, dass die Anw&auml;lte der Beschuldigten versuchten, einige sowjetische Anklagen zu Kriegsverbrechen auf dem Territorium der UdSSR als haltlos darzustellen. Deshalb hat die sowjetische Seite entschieden, Paulus in einer Geheimaktion als Zeugen in N&uuml;rnberg einzusetzen. Geheim deshalb, weil es einen &Uuml;berraschungseffekt haben sollte, der die Verteidigung der Angeklagten v&ouml;llig unvorbereitet trifft. <\/p><p>Wichtig war f&uuml;r mich auf der Konferenz in Moskau auch, dass Fakten genannt wurden, die sonst v&ouml;llig verschwiegen werden. N&auml;mlich die Zusammenarbeit westlicher Firmen mit Hitler-Deutschland bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein und die Deckung beziehungsweise offene Nutzung von Nazi-Kriegsverbrechern nach dem Krieg. <\/p><p>Ebenfalls wichtig waren die Podiumsdiskussionen am zweiten Tag. Da wurde beschrieben und analysiert, wie konkret die Geschichtsverf&auml;lschung im Westen durchgef&uuml;hrt wird, gerade auch &uuml;ber das Bildungssystem und die Medien. Au&szlig;erdem wird es im Westen unterst&uuml;tzt, wenn Erinnerungskultur in Osteuropa, zum Beispiel durch den Abbau von sowjetischen Denkm&auml;lern, zerst&ouml;rt wird.<\/p><p><strong>Was war f&uuml;r Sie auf der Konferenz der wichtigste und der eindrucksvollste Beitrag?<\/strong><\/p><p>Ich will zwei Beitr&auml;ge hervorheben, die gut beschreiben, was ich ansprach, und inhaltlich die Art Offensive darstellen, welche die russische Seite in ihrer Geschichtspolitik betreiben sollte.<\/p><p>Der Sohn des sowjetischen Chefankl&auml;gers Sergej Rudenko wies darauf hin, dass gerade der Westen, allen voran die USA und England, sich mit Vorw&uuml;rfen gegen&uuml;ber der UdSSR zur&uuml;ckhalten sollten. Er benannte die profitable Zusammenarbeit von Firmen wie Standard Oil, IBM und General Motors mit Hitler, bis weit in den Krieg hinein. <\/p><p>Ein anderer wichtiger Aspekt war die Appeasement-Politik Chamberlains gegen&uuml;ber Hitler, die dazu f&uuml;hrte, dass die Sowjetunion ganz Europa mitsamt seinen Produktionskapazit&auml;ten gegen sich hatte. Das tschechische Unternehmen &Scaron;koda war damals einer der gr&ouml;&szlig;ten Waffenproduzenten und auch Fahrzeuge des franz&ouml;sischen Unternehmens Renault wurden gegen die Sowjetunion eingesetzt.<\/p><p>Der Milit&auml;r-Generalstaatsanwalt aus Italien, Marco De Paolis, sprach zu den jahrzehntelangen Bem&uuml;hungen, Kriegsverbrecher zur Verantwortung zu ziehen. In seiner Rede wurde deutlich, dass nicht jeder ein Interesse daran hatte und einiges einfach in Archiven verschwand. Das ist nicht verwunderlich, da bekannt ist, dass viele Kriegsverbrecher im Westen weiterbesch&auml;ftigt und im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden. Die bekannten Beispiele wie Wernher von Braun bei der NASA sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch Deutschland, dessen Politiker und Massenmedien aktuell besonders aktiv antirussische Kampagnen f&uuml;hren, besch&auml;ftigte viele &uuml;berzeugte Nazis nahtlos weiter, sei es als Richter, in der Wirtschaft oder direkt in der Politik. Ein anschauliches Beispiel ist Hitlers Generalstabschef Adolf Heusinger, der Generalinspekteur der Bundeswehr wurde und sp&auml;ter sogar Vorsitzender des NATO-Milit&auml;rausschusses.<\/p><p><strong>Welche G&auml;ste aus Deutschland waren auf der Konferenz vertreten?<\/strong><\/p><p>Als Redner zu den Podiumsdiskussionen waren im Programm der Konferenz angek&uuml;ndigt: Thomas Kunze als Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung f&uuml;r Russland, Sandra Dahlke, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, Kristiane Janecke, stellvertretende Direktorin des milit&auml;rhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden und J&ouml;rg Morre, Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst. <\/p><p><strong>Traten diese G&auml;ste auch auf?<\/strong><\/p><p>Ich habe nur gesehen, dass die Vertreter aus Deutschland im finalen Programm aufgef&uuml;hrt waren. Wegen der vielen zeitlichen &Uuml;berschneidungen habe ich diese konkreten Veranstaltungen nicht besucht und kann es deshalb nicht sicher sagen. <\/p><p>Ein interessanter Redner aus Deutschland war f&uuml;r mich Thomas R&ouml;per. Herr R&ouml;per lebt jetzt in St. Petersburg und betreibt von dort eine medienkritische Seite (www.anti-spiegel.ru), welche &uuml;ber die Propaganda der deutschen Massenmedien aufkl&auml;rt, aber auch Einblicke in die russische Medienlandschaft gibt. Er erz&auml;hlte dar&uuml;ber, wie das Bildungssystem in der Bundesrepublik zur Verzerrung historischer Fakten &uuml;ber den Zweiten Weltkrieg beitr&auml;gt und welche Rolle die Medien dabei spielen. <\/p><p>W&auml;hrend der Fragerunde erw&auml;hnte ich, dass die deutsche Presse zum 75. Jahrestag besonders schamlose L&uuml;gen verbreitete und teilweise Kriegshetze betrieb. Gerade beim neokonservativen Blatt &ldquo;Die Welt&rdquo; war der Tenor einiger Artikel: Der Russe hatte nur Gl&uuml;ck, beim n&auml;chsten Mal klappt es. <\/p><p><strong>Welchen Artikel aus der Tageszeitung &bdquo;Die Welt&ldquo; haben sie konkret erw&auml;hnt?<\/strong><\/p><p>Ganz konkret hatte ich einen <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/zweiter-weltkrieg\/article179200576\/Kursk-1943-Als-Stalins-Generaele-fast-400-T-34-zerstoerten.html\">Artikel der Welt von 2018 zur Schlacht von Kursk<\/a> erw&auml;hnt und Thomas R&ouml;per wusste sofort, was ich meinte. Er nickte energisch. Auf meine Frage, ob die deutschen Massenmedien federf&uuml;hrend zur Geschichtsverf&auml;lschung &uuml;ber den Zweiten Weltkrieg beitragen, hatte R&ouml;per eine klare Antwort.<\/p><p>Die meisten Artikel im Medien-Mainstream zum 75. Jahrestag des Kriegsendes hatten im Kern folgende Aussage: Stalin gleich Hitler, Sowjetunion gleich Nazi-Deutschland, &ldquo;von einer Diktatur in die n&auml;chste&rdquo; und &ldquo;Putin instrumentalisiert Gedenken&rdquo;. Herausragend war in dieser Hinsicht <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kriegsende-vor-75-Jahren\/!5680439\/\">ein Artikel in der taz<\/a>.<\/p><p>Nat&uuml;rlich braucht es f&uuml;r die Zukunft eine st&auml;rkere deutsche Beteiligung an solchen Konferenzen wie in Moskau, denn ein zentraler Aspekt der Geschichtspolitik in Deutschland und Russland muss die gemeinsame Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und das gemeinsame Gedenken seiner Opfer sein. Die wichtigste Lehre daraus muss immer wieder verinnerlicht werden: Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg zwischen Deutschland und Russland.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Das Interview f&uuml;hrte Ulrich Heyden per E-Mail am 29. November 2020.<\/em><\/p><p><em><strong>Ulrich Heyden<\/strong> ver&ouml;ffentlichte in diesem Jahr das Buch &bdquo;Wer hat uns 1945 befreit. Interviews mit Kriegsveteranen und Analysen zu Geschichtsf&auml;lschung und neuer Kriegsgefahr&ldquo;, Verlag tredition, Hamburg<\/em><\/p><p>Titelbild: chrisdorney\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d6404315e53447b9957057c141caa40d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Artur Leier<\/strong>, einem Teilnehmer der wissenschaftlichen Moskauer Konferenz anl&auml;sslich des 75. Jahrestages des Prozesses gegen Nazi-Kriegsverbrecher in N&uuml;rnberg. 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