{"id":67685,"date":"2020-12-04T14:35:57","date_gmt":"2020-12-04T13:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67685"},"modified":"2020-12-04T15:51:24","modified_gmt":"2020-12-04T14:51:24","slug":"meine-schwester-wurde-auf-einen-wehrmacht-lkw-geworfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67685","title":{"rendered":"\u201eMeine Schwester wurde auf einen Wehrmacht-Lkw geworfen \u2026"},"content":{"rendered":"<p>&hellip; und dann vermutlich im KZ Ravensbr&uuml;ck vernichtet.&ldquo; &ndash; Vor kurzem habe ich den Berichterstatter dieses Vorgangs und Autor des Romans <em>Geboren in der H&ouml;lle<\/em> getroffen: Bojan Peroci, so der Name des Autors, hat ein spannendes und zugleich nachdenkliches Buch geschrieben. Die NachDenkSeiten stellen dieses Buch vor, obwohl es zu zwei Dritteln ein Roman und kein Sachbuch ist. Aber viele NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser werden mit der Geschichte wahrscheinlich einiges anzufangen wissen. In Bojan Perocis Text werden zwei zeitlich weit auseinanderliegende Vorg&auml;nge aufgegriffen: der Balkankrieg und der damit verbundene Partisanenkrieg zum einen und die sp&auml;tere Gepflogenheit, dass die Nachkommen der von Deutschlands Kriegen betroffenen V&ouml;lker im S&uuml;dosten und Osten Europas bei uns die T&auml;ter und ihre Nachkommen pflegen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas erste Viertel ist ein Bericht, jedenfalls weitgehend: Die damals 22-j&auml;hrige Slowenin Bina ist zusammen mit ihrem 4-j&auml;hrigen Bruder auf dem Weg nach Hause. In unmittelbarer N&auml;he eines Flusses und eines Schlosses im Umfeld von Novo mesto taucht ein Lkw der deutschen Wehrmacht und ein Wehrmachtoffizier im Beiwagen eines Motorrades auf. Die junge Frau wird auf Befehl des Offiziers von deutschen Soldaten auf den Lkw verfrachtet. Dort sind schon eine Reihe anderer Gefangener und wohl auch Kollaborateure. Bina wird, offenbar verraten von Mitbewohnern ihres Dorfes, verd&auml;chtigt, zu Partisanen Kontakt zu haben. Das trifft offensichtlich zu. Binas Mann ist in den Partisanenuntergrund verschwunden. Die junge slowenische Frau wird mit dem Lkw in die n&auml;chste ber&uuml;chtigte Polizeistation gebracht und dort verh&ouml;rt. Im Laufe dieser Verh&ouml;re wird ein falscher katholischer Priester eingesetzt. In der Beichte bekennt Bina ihre Verbindungen zu den Partisanen. Sie wird in das KZ Ravensbr&uuml;ck verbracht und sp&auml;ter dann vermutlich dort umgebracht.<\/p><p>In Ravensbr&uuml;ck gebar Bina ein kleines M&auml;dchen, Maria. Diese entkommt der H&ouml;lle mit Hilfe einer deutschen Kfz-W&auml;rterin und einer polnischen KZ-Insassen. Sie schmuggeln das Baby aus dem KZ. Die Polin nimmt es mit nach Polen. Maria geht dort zur Schule und macht Abitur, sie will studieren, ist dann aber gezwungen, ihren Pflegeeltern zu helfen. Sie muss Geld verdienen und geht deshalb als Pflegekraft nach Deutschland. Sie landet in einer &bdquo;besseren&ldquo; Familie, in einem eher bildungsb&uuml;rgerlichen Haushalt, mit einer gegen Ausl&auml;nder aggressiven Frau und einem eher ausgeglichenen Herrn des Hauses. Die Frau stirbt. Zwischen dem zu pflegenden Hausherrn Max und Maria entwickelt sich ein rundum sch&ouml;nes, nicht erotisches Verh&auml;ltnis. <\/p><p>Anderen polnischen Pflegekr&auml;ften begegnet Maria in der Regel bei Heimreisen nach Polen im Bus. Diesen Pflege-Kolleginnen und -Kollegen geht es lange nicht so gut wie Maria, oft sehr schlecht. Sie werden ausgebeutet und drangsaliert. Auf den Busfahrten zur&uuml;ck in die polnische Heimat und wieder zur&uuml;ck nach Deutschland lernt Maria so auch diese andere Welt des Umgangs der gepflegten Deutschen mit ihren pflegenden G&auml;sten kennen.<\/p><p>Von ihrer Mutter Bina ist ihr nur ein einziges Blatt Papier geblieben. Sie wei&szlig;, dass Slowenien die Heimat ihrer Mutter und ihrer Familie ist. Aber diese Heimat kennt sie bisher nicht. Auch Polen und auch Deutschland ist keine neue Heimat geworden.<\/p><p>Max, der gepflegte Herr im Haus, trifft sich gelegentlich mit alten Freunden aus gemeinsamer Soldatenzeit. Wenn sie sich im Haus von Max M&uuml;ller treffen, bekommt Maria mit, wie sehr diese Herren von alten Zeiten schw&auml;rmen, offensichtlich gemeinsamen Zeiten bei der deutschen Wehrmacht. Max holt dann gelegentlich Fotos aus einer Kommode. Maria entdeckt in der Fotosammlung ihres Arbeitgebers und Freundes Max ein Foto mit dem Fluss und dem Schloss, fotografiert von der Stelle, an der Marias Mutter aufgegriffen und letztlich ins KZ verschickt worden war. <\/p><p>Maria war einige Zeit vorher zusammen mit einer Gruppe in die Heimat ihrer Familie, nach Slowenien, gereist. Sie unternimmt dort eine Tour in ihre engere Heimat und entdeckt das Schloss und den Fluss. Nach dem Tod von Max entschlie&szlig;t sie sich, dorthin zu ziehen.  <\/p><p>Wer die Geschichte Deutschlands und des Balkan ein bisschen kennt, wird bei der Lekt&uuml;re dieses Buches oft und anschaulich dorthin versetzt. Mich hat es schon deshalb sehr ber&uuml;hrt.<\/p><p>Ohne Penetranz vermittelt der Autor ein paar politische Einblicke. Zum Beispiel in die verbliebene Hypothek des Umgangs mit Partisanen und umgekehrt. Wer die Rolle der deutschen Wehrmacht nicht zu verschweigen gewillt ist, wird best&auml;rkt werden.<\/p><p>Das Buch vermittelt die Einsicht in die seltsame Konstellation, dass die Nachkommen der Opfer unserer Kriege heute die T&auml;ter und ihre Nachkommen pflegen &ndash; weil das wirtschaftliche Gef&auml;lle und ihre wirtschaftliche Lage sie dazu zwingen.<\/p><p>Der Autor Bojan Peroci, geboren 1940, hat in Slowenien als junger Mann Forstwirtschaft gelernt, er hat 1961 Slowenien verlassen und ist bei Siemens als Techniker gelandet &ndash; bis zur Rente. Er hat auf seinem Weg nach Mitteleuropa vor &uuml;ber 50 Jahren hier in Pleisweiler seine Frau gefunden. Diese N&auml;he veranlasste ihn, mich auf sein Buch aufmerksam zu machen. Das ist gut so. <\/p><p>Die Lekt&uuml;re seines Buches kann ich Menschen, die sich f&uuml;r das Zusammenleben der V&ouml;lker interessieren und dabei auch St&uuml;cke schwieriger deutscher und europ&auml;ischer Geschichte ber&uuml;hren wollen, sehr empfehlen. <\/p><p>&bdquo;<strong>Geboren in der H&ouml;lle<\/strong>&ldquo; von Bojan Peroci ist 2014 auf Slowenisch und 2016 auf Deutsch erschienen, verlegt vom Hermagoras Verlag\/Mohorjeva zalozba, Klagenfurt\/Celovec &ndash; Ljubljana &ndash; Wien.<\/p><p>270 Seiten &ndash; 12 &euro;<\/p><p>ISBN 978-3-7086-0885-3<\/p><p>P. S.: Fragen Sie bei Ihrem Buchhandel. Wenn Sie es dort nicht finden, dann k&ouml;nnen Sie das Buch auch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/buecher\/belletristik\/geboren-in-der-hoelle.html\">direkt hier bei Buchkomplizen bestellen<\/a>. 12 &euro; + versandkostenfrei.<\/p><p>Titelbild: Billion Photos \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip; und dann vermutlich im KZ Ravensbr&uuml;ck vernichtet.&ldquo; &ndash; Vor kurzem habe ich den Berichterstatter dieses Vorgangs und Autor des Romans <em>Geboren in der H&ouml;lle<\/em> getroffen: Bojan Peroci, so der Name des Autors, hat ein spannendes und zugleich nachdenkliches Buch geschrieben. 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