{"id":67788,"date":"2020-12-09T10:30:59","date_gmt":"2020-12-09T09:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67788"},"modified":"2026-01-27T11:37:39","modified_gmt":"2026-01-27T10:37:39","slug":"corona-massnahmen-die-exekutive-scheint-keine-selbstbeschraenkungen-und-keine-grenzen-mehr-zu-kennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67788","title":{"rendered":"Corona-Ma\u00dfnahmen: \u201eDie Exekutive scheint keine Selbstbeschr\u00e4nkungen und keine Grenzen mehr zu kennen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Ich bin schockiert, welche Beschr&auml;nkungen der offenen Gesellschaft nach dem Infektionsschutzgesetz m&ouml;glich sind.&ldquo; Das sagt der Historiker <strong>Ren&eacute; Schlott<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Schlott betont im Interview, dass er es als seine staatsb&uuml;rgerliche Pflicht erachtet, kritisch auf die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67479\">Einschr&auml;nkungen<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66971\">Grundrechte<\/a> hinzuweisen. Die jetzige Situation, sagt Schlott, &uuml;bertreffe bereits die Dystopie des franz&ouml;sischen Philosophen Phillipe Muray, in der die Gesellschaft alles der Gesundheit unterordne und Denunzierung und Kritiklosigkeit als Teil des &bdquo;guten Reichs&ldquo; an der Tagesordnung seien. Der in Berlin lebende Publizist beobachtet zudem eine politische Instrumentalisierung der Corona-Ma&szlig;nahmen, &bdquo;etwa im Rennen um den CDU-Vorsitz und die Unions-Kanzlerkandidatur.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3679\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67788-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201209_Corona_Massnahmen_Die_Exekutive_scheint_keine_Selbstbeschraenkungen_und_keine_Grenzen_mehr_zu_kennen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201209_Corona_Massnahmen_Die_Exekutive_scheint_keine_Selbstbeschraenkungen_und_keine_Grenzen_mehr_zu_kennen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201209_Corona_Massnahmen_Die_Exekutive_scheint_keine_Selbstbeschraenkungen_und_keine_Grenzen_mehr_zu_kennen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201209_Corona_Massnahmen_Die_Exekutive_scheint_keine_Selbstbeschraenkungen_und_keine_Grenzen_mehr_zu_kennen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67788-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201209_Corona_Massnahmen_Die_Exekutive_scheint_keine_Selbstbeschraenkungen_und_keine_Grenzen_mehr_zu_kennen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201209_Corona_Massnahmen_Die_Exekutive_scheint_keine_Selbstbeschraenkungen_und_keine_Grenzen_mehr_zu_kennen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Schlott, Sie sind Historiker und haben sich gerade in einem <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/pandemie-und-freiheitsrechte-die-offene-gesellschaft-steht.1005.de.html?dram:article_id=488282\">Kommentar im Deutschlandfunk Kultur<\/a> sehr kritisch zur Pandemie und den Freiheitsrechten ge&auml;u&szlig;ert.  Warum haben Sie sich zu Wort gemeldet?<\/strong><\/p><p>Weil ich als meine staatsb&uuml;rgerliche Pflicht erachte, auf Entwicklungen, die mir Sorge bereiten, hinzuweisen. Die anhaltende und massive Einschr&auml;nkung von Freiheitsrechten unter dem Primat der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67419\">epidemiologischen Kurve<\/a> ist historisch gesehen in unserem Land einmalig. Ich bin schockiert, welche Beschr&auml;nkungen der offenen Gesellschaft nach dem Infektionsschutzgesetz m&ouml;glich sind, und h&auml;tte einen zweiten Lockdown nach dem Fr&uuml;hjahr nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehalten. Letztlich haben wir unser Gesellschaftmodell damit dauerhaft unter Pandemievorbehalt gestellt. Kunst und Kultur, Freiz&uuml;gigkeit und offene Grenzen, Bildung und Wissenschaft, Berufs- und Gewerbefreiheit k&ouml;nnen jederzeit zur Disposition gestellt werden, wenn es das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67386\">Infektionsgeschehen<\/a> aus Sicht der Politik erfordert. Die volle Geltung der Grundrechte h&auml;ngt letztlich von der Aufnahmekapazit&auml;t der Intensivstationen ab.<\/p><p><strong>Wenn es um Freiheitsrechte geht, kommt es vor allem darauf an, wie sich Politiker, Journalisten, Richter, aber auch B&uuml;rger verhalten. Wie agieren die B&uuml;rger, wie agieren die angef&uuml;hrten Gruppen aus Ihrer Sicht in der Pandemie?<\/strong><\/p><p>Seit M&auml;rz beobachte ich, dass sich die Entscheidungstr&auml;ger in Politik und Verwaltung in eine Spirale begeben haben, in der sie auf h&ouml;here Zahlen stets mit noch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67624\">massiveren staatlichen Eingriffen<\/a> in die Freiheitsrechte der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger reagieren. Ich vertraue darauf, dass dies in guter Absicht geschieht. Viele der Ma&szlig;nahmen sind aber <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67295\">widerspr&uuml;chlich<\/a> und nicht verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig, ihr Nutzen im Hinblick auf den Infektionsschutz ist nicht immer erwiesen. Viele der Medien nehmen ihre Rolle als vierte Gewalt, die das Regierungshandeln kritisch hinterfragt, kaum oder nur unzureichend wahr. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger reagieren mit einer doppelten Angst. Angst vor dem Virus und dem starken Staat, der seine Ma&szlig;nahmen notfalls mit Sanktionen und Zwang durchsetzt.<\/p><p><strong>Sie sind Historiker. Lassen Sie uns das Verhalten kritisch einordnen. Die Demokratie in Deutschland existiert schon eine Weile. Es gibt ein Bildungssystem, in dem auch die politische Bildung auf dem Lehrplan steht. Und vor allem: Es gibt auch einen Geschichtsunterricht. Anders gesagt: Eigentlich sollte man erwarten, dass B&uuml;rger, aber vor allem auch gebildete Gruppen wie Journalisten bei der aktuellen Entwicklung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67362\">sensibel<\/a> reagieren, immer wieder auf die Bedeutung der Grund- und Freiheitsrechte hinweisen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wie erkl&auml;ren Sie sich das?<\/strong><\/p><p>Das kann ich mir leider nicht erkl&auml;ren, es ist mir ein R&auml;tsel. Wenn ich es aus naheliegenden Gr&uuml;nden mit einer nationalen Typisierung der Deutschen als Untertanenvolk versuchen w&uuml;rde, k&ouml;nnte man mit Recht auf das genauso passive Verhalten der Menschen in unseren Nachbarl&auml;ndern verweisen. Das Verhalten bestimmter Gruppen, wie den Journalistinnen und Journalisten, kann vielleicht die Schweigespirale erkl&auml;ren, eine von Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren formulierte Theorie der &ouml;ffentlichen Meinung. Widerspricht die eigene Meinung einem als vorherrschend empfundenen Meinungsklima, so entwickelt man aus Angst vor beruflichen oder pers&ouml;nlichen Nachteilen Hemmungen, diese zu &auml;u&szlig;ern. Da die Kritik an den Ma&szlig;nahmen zur Corona-Eind&auml;mmung als &bdquo;rechts&ldquo; gilt, scheuen sich viele, ihre Haltung &ouml;ffentlich zu machen.<\/p><p><strong>Konzentrieren wir uns mal auf die B&uuml;rger. Wie sollte politische M&uuml;ndigkeit, wie sollte die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66932\">M&uuml;ndigkeit als Staatsb&uuml;rger<\/a> in der aktuellen Situation aussehen?<\/strong><\/p><p>B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sollten gegen&uuml;ber einer wohlmeinenden Exekutive stets kritisch bleiben und alle Entscheidungen hinterfragen. Es ist ein gutes Zeichen f&uuml;r unsere Demokratie, wenn viele Menschen der Bundes- und den Landesregierungen vertrauen, dennoch: Es ist zu beobachten, dass die Corona-Ma&szlig;nahmen inzwischen politisch instrumentalisiert werden, etwa im Rennen um den CDU-Vorsitz und die Unions-Kanzlerkandidatur.<\/p><p><strong>Denkt man sich in die Logik des Pandemiegeschehens rein, lassen sich nat&uuml;rlich gewisse Ma&szlig;nahmen nachvollziehen. Aber erstaunlich ist, wie selbstverst&auml;ndlich auch die schwersten Grundrechtseingriffe hingenommen werden.<\/strong><\/p><p>In der Tat: Ausgangssperren und die Beschr&auml;nkung aller sozialen Kontakte von 83 Millionen Menschen h&auml;tte ich in unserer Demokratie nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehalten. Auch die massive Beschr&auml;nkung von Religions- und Versammlungsfreiheit, die von den Kirchen und Gewerkschaften, ja zum Teil sogar von den Gerichten akzeptiert wird, ist etwas nie Dagewesenes und wird als Z&auml;sur bleiben, selbst wenn die Corona-Pandemie eines Tages ein wie auch immer geartetes Ende gefunden haben wird.<\/p><p><strong>In Ihrem Beitrag f&uuml;r Deutschlandfunk Kultur verweisen Sie auf den franz&ouml;sischen Philosophen Phillipe Muray, der eine Dystopie entworfen hat, in der unter anderem Denunzierung und  Kritiklosigkeit als Teil des &bdquo;guten Reichs&ldquo; beschrieben werden. Er spricht, wie Sie anf&uuml;hren, von einer &bdquo;obsz&ouml;nen Dressur der Massen&ldquo; und der &bdquo;Uniformierung der Lebensweisen&ldquo;. Erinnert Sie das, was wir erleben, an die Dystopie Murays?<\/strong><\/p><p>Ja, durchaus. Vor allem, weil Muray eine Gesellschaft beschrieb, in der alles der Gesundheit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67550\">untergeordnet<\/a> ist und in der nicht etwa Menschen eigenverantwortlich dar&uuml;ber entscheiden, sondern der Staat. Alle Vergn&uuml;gungen wie Alkohol, Tanz usw. gelten als verp&ouml;nt. Das erinnert mich doch sehr daran, wie jetzt &uuml;ber Gl&uuml;hweinst&auml;nde als Hotspots diskutiert wird und wie Silvesterfeuerwerk zum verabscheuungsw&uuml;rdigen Exzess erkl&auml;rt wird.<\/p><p>In einer Hinsicht &uuml;bertrifft die jetzige Situation aber noch die Dystopie Muray. Bei uns wird nicht allgemein der Gesundheit alles untergeordnet, sondern einzig und allein einer Krankheit: Covid 19. Anders l&auml;sst sich nicht erkl&auml;ren, dass selbst gesundheitsf&ouml;rdernde Sportst&auml;tten geschlossen wurden und dass in Videospots nicht etwa die das Immunsystem st&auml;rkende Bewegung an der frischen Luft, sondern der Fernsehkonsum in geschlossenen R&auml;umen propagiert wird.<\/p><p><strong>&bdquo;B&uuml;rger&ldquo;, die w&auml;hrend des ersten Lockdowns Autonummern aufschreiben, die nicht in die Stra&szlig;e &bdquo;geh&ouml;ren&ldquo;, Nachbarn, die die Polizei rufen, weil sie verbotenerweise eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Spielplatz sehen: Mitmenschen zu denunzieren, steht zumindest bei einigen anscheinend hoch im Kurs. Selbst Markus S&ouml;der hat &ouml;ffentlich <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/aufruf-zur-bespitzelung-bayern-weist-vorwuerfe-zurueck,SEst8ks\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">zum Denunzieren aufgerufen<\/a>. Was l&auml;uft hier falsch?<\/strong><\/p><p>Jeder Mensch gilt als ein potentieller &bdquo;Gef&auml;hrder&ldquo;, jeder ist zuallererst Virentr&auml;ger. Ich wei&szlig; nicht, wie man das aus den K&ouml;pfen wieder hinausbekommen will.<\/p><p><strong>Wie nehmen Sie die Sprache wahr, der sich Journalisten und Politiker in der Pandemie bedienen?<\/strong><\/p><p>Oft als ein Orwell&lsquo;scher Neusprech, in dem die Maske &bdquo;als Instrument der Freiheit&ldquo; und die Inzidenzzahl &bdquo;als Mutter aller Zahlen&ldquo; gilt und in Zeitungen geschichtsvergessene Slogans wie &bdquo;Leid lehrt Disziplin&ldquo;, &bdquo;nationale Kraftanstrengung&ldquo; und &bdquo;Disziplin ist Freiheit&ldquo; zu lesen sind.<\/p><p><strong>Bald stehen ziemlich gewichtige Fragen an. Es wird um Impfungen gehen, aber auch um die Reisefreiheit. D&uuml;rfen B&uuml;rger nur noch mit einem entsprechenden <a href=\"https:\/\/www.iata.org\/en\/pressroom\/pr\/2020-11-23-01\/\">Impfnachweis<\/a> in andere L&auml;nder reisen?, wird eine Frage sein, &uuml;ber die zu diskutieren sein wird. Das Problem ist nur: Es findet im Grunde genommen keine echte Diskussion in den gro&szlig;en Medien statt. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Diese Diskussion gibt es, k&uuml;rzlich hat sich erst die Bundesjustizministerin dazu ge&auml;u&szlig;ert. Allerdings beobachte ich mit Sorge, wie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67492\">einige Medienvertreter<\/a> die Impfpflicht geradezu <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/impfpflicht-was-denn-sonst-a-2846adb0-a468-48a9-8397-ba50fbe08a68\">herbeischreiben<\/a> und damit Druck auf die Politik aufbauen. Ich finde auch frappierend, dass die Impfbereitschaft laut Umfragen in den letzten Monaten kontinuierlich gesunken ist, das Vertrauen in Politik und Wissenschaft also doch nicht so gro&szlig; zu sein scheint.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie einen Ausblick wagen: Wie wird es weitergehen?<\/strong><\/p><p>Ich f&uuml;rchte, wir stehen vor noch massiveren Beschr&auml;nkungen und ihrer noch rigoroseren Durchsetzung. Die Exekutive scheint keine Selbstbeschr&auml;nkungen und keine Grenzen mehr zu kennen. Sie st&ouml;&szlig;t in immer privatere Lebensbereiche ihrer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger vor. Wahrscheinlich wird demn&auml;chst auch der Datenschutz weiter aufgeweicht, um die Corona-App auszubauen.<\/p><p>Titelbild: GRSI\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Ich bin schockiert, welche Beschr&auml;nkungen der offenen Gesellschaft nach dem Infektionsschutzgesetz m&ouml;glich sind.&ldquo; Das sagt der Historiker <strong>Ren&eacute; Schlott<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Schlott betont im Interview, dass er es als seine staatsb&uuml;rgerliche Pflicht erachtet, kritisch auf die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67479\">Einschr&auml;nkungen<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66971\">Grundrechte<\/a> hinzuweisen. 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