{"id":67793,"date":"2020-12-09T14:00:18","date_gmt":"2020-12-09T13:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67793"},"modified":"2020-12-10T15:53:19","modified_gmt":"2020-12-10T14:53:19","slug":"pepe-mujica-der-politische-abschied-der-linken-kultfigur-lateinamerikas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67793","title":{"rendered":"Pepe Mujica \u2013 Der politische Abschied der linken Kultfigur Lateinamerikas"},"content":{"rendered":"<p>Mit einer ergreifenden, sechsmin&uuml;tigen Dankes-Ansprache verabschiedete sich Ende Oktober der ehemalige Pr&auml;sident Uruguays, Jos&eacute; Pepe Mujica, von der offiziellen Politik. Der seit 2015 amtierende und wiedergew&auml;hlte Senator begr&uuml;ndete die Unterbrechung seines Mandats mit dem Corona-Virus. &bdquo;Die Pandemie schl&auml;gt mich in die Flucht. Senator zu sein bedeutet, mit Menschen zu reden und &uuml;berall hin zu gehen&ldquo;, was er jetzt nicht d&uuml;rfe. &bdquo;Das politische Spiel findet nicht in Abgeordnetenb&uuml;ros statt, und ich bin von allen Seiten durch doppelte Umst&auml;nde bedroht: durch das Alter und durch chronische immunologische Erkrankungen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bvSLErHtsvw\">erkl&auml;rte der 84-j&auml;hrige Star-Politiker<\/a>. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_752\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67793-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210-Pepe-Mujica-Der-politische-Abschied-der-linken-Kultfigur-Lateinamerikas-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210-Pepe-Mujica-Der-politische-Abschied-der-linken-Kultfigur-Lateinamerikas-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210-Pepe-Mujica-Der-politische-Abschied-der-linken-Kultfigur-Lateinamerikas-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210-Pepe-Mujica-Der-politische-Abschied-der-linken-Kultfigur-Lateinamerikas-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67793-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210-Pepe-Mujica-Der-politische-Abschied-der-linken-Kultfigur-Lateinamerikas-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201210-Pepe-Mujica-Der-politische-Abschied-der-linken-Kultfigur-Lateinamerikas-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Attribut &bdquo;Star&ldquo; ist keine sensationalistische &Uuml;berhebung der Boulevard-Presse, sie ist nicht &uuml;bertrieben. Mythenforscher wie Joseph Campbell w&uuml;rden den Werdegang der literatur- und filmreifen Figur Mujicas als &bdquo;Stationen der Heldenreise&ldquo; bezeichnen. Zur Andeutung sollte der Hinweis reichen, dass der ehemalige Pr&auml;sident 15 Jahre als politischer Gefangener hinter den Gittern der uruguayischen Milit&auml;rdiktatur der 1970er und 1980er Jahre verbrachte, bevor er ins Leben und in die Politik zur&uuml;ckkehrte. Der serbische Filmemacher Emir Kusturica bezeichnete Mujica als &bdquo;den letzten Helden der Politik&ldquo; und widmete ihm den Dokumentarfilm &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BsKVKgKuzHY\">Pepe, ein erhobenes Leben<\/a>&ldquo;, der auf dem Filmfestival von Venedig 2018 deb&uuml;tierte. Der Uruguayer &Aacute;lvaro Brechner drehte den Spielfilm &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2FKIgvf2VYU\">Die zw&ouml;lfj&auml;hrige Nacht<\/a>&ldquo; &uuml;ber die Haftzeit Mujicas und seiner Genossen Eleuterio Fern&aacute;ndez Huidobro und Mauricio Rosencof als Geiseln der uruguayischen Milit&auml;rs. Auch dieser Film geh&ouml;rte zur offiziellen Auswahl der Filmfestivals von Venedig und San Sebastian und konkurrierte f&uuml;r die Goya-Verleihung in Spanien.<\/p><p>Geiseln? Ja, den H&auml;ftlingen drohte Folter oder Hinrichtungstod, sollte die Tupamaro-Guerilla auch nur einen einzigen Milit&auml;r antasten. Die Geiselnahme zeigte Wirkung, <a href=\"https:\/\/digitalcommons.bard.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=1357&amp;context=senproj_s2017\">die Tupamaros<\/a> zogen sich zur&uuml;ck und ihr bewaffneter Widerstand wurde bereits Ende der 1970er Jahre mit Hilfe des US-amerikanischen CIA von den Zahnr&auml;dern der Foltermaschinerie zermalmt. Elf Jahre seines Lebens verbrachte Mujica in einer 3,5 Quadratmeter engen Einzelzelle, oft in Handschellen, den eigenen Urin trinkend, unter Dauerbeleuchtung gesetzt, die den Unterschied von Tag und Nacht aus der Wahrnehmung l&ouml;schte.<\/p><p>Als Gastredner bei hunderten Auftritten besitzt der Uruguayer das rhetorische Talent, quer durch Jung und Alt sein Publikum von den St&uuml;hlen zu rei&szlig;en, wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MAj-P_QaNo0\">seine Ansprache<\/a> w&auml;hrend einer Wahlveranstaltung von 2019 des inzwischen amtierenden argentinischen Pr&auml;sidenten Alberto Fern&aacute;ndez deutlich macht.<\/p><p>Im Jahr 2016 bot ihm die Deutsche Welle eine w&ouml;chentliche Video-Kolumne mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/es\/actualidad\/conciencia-sur\/s-32916\">S&uuml;dliches Bewusstsein: die Welt aus der Sicht Pepe Mujicas<\/a>. Die maximal dreimin&uuml;tige, w&ouml;chentliche TV-Spalte wurde drei Jahre lang von einem Team im Privatgarten des Politikers im legeren Stil des Protagonisten aufgenommen, verlagerte sich jedoch nach Ausbreitung der Covid-19-Pandemie ins Hausinnere Mujicas als Skype-Sendung und wurde seit September des auslaufenden Jahres immer seltener.<\/p><p>Wie von ihm selbst in seiner Abschiedsansprache angedeutet, leidet der ehemalige Pr&auml;sident und Senator seit Jahren unter einer <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/es\/jos%C3%A9-mujica-estable-de-salud-tras-hospitalizaci%C3%B3n\/a-39650208\">unheilbaren immunologischen Krankheit<\/a>. Autoimmun-Infektionen brechen dann aus, wenn das Immunsystem selbst versehentlich gesunde Zellen im eigenen K&ouml;rper angreift. Selbstverst&auml;ndlich hatte der Uruguayer seinen letzten Krankenhaus-Aufenthalt in Erinnerung, als er im November 2017 wegen eines immunologischen Kollapses im Rollstuhl eingeliefert und 36 Stunden lang &auml;rztlich &uuml;berwacht wurde. Mujica wollte diesmal kein Risiko eingehen und beschloss nach Ausbreitung des Corona-Virus, sich auf sein kleines landwirtschaftliches Gut am Rande Montevideos zur&uuml;ckzuziehen.<\/p><p><strong>&bdquo;Nach dem Virus wird nichts sein wie gestern&rdquo;<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Liebe Freunde der Deutschen Welle, ich habe seit mehr als zwanzig Tagen nicht mehr das Haus verlassen, weil ich alt bin, immunologische Probleme habe, dem Grab nahe bin, doch das Leben liebe und es dem Sensenmann nicht leichtmachen werde &hellip;&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Ironisch und gut drauf, sorgte der 84-j&auml;hrige uruguayische Politiker mit einer improvisierten Skype-&Uuml;bertragung aus einem Schuppen f&uuml;r Aufsehen, als er den <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ryKiPZSwYdU\">Umgang der westlichen Regierungen mit der Pandemie<\/a> kritisierte. Eines sei klar, so Mujica: &bdquo;Dieses Virus ist das globalisierteste Wesen aller Zeiten. Ob reiche oder arme L&auml;nder, es l&auml;sst keinen Kopf auf den Vogelscheuchen sitzen. Zum anderen erleben wir die Folgen der langj&auml;hrigen Kritik am Staat, weil es einerseits eine sowjetische Staatsformel gab, die glaubte, alles mit dem Staat gel&ouml;st zu haben. Doch dann tauchten die Ultraliberalen auf, die im Grunde &uuml;berhaupt nicht liberal sind, weil sie jede Form von Diktatur bef&uuml;rworten und glauben, dass der Staat auf ein Minimum reduziert werden muss. Doch jetzt, wo die Kartoffeln anbrennen, rufen alle nach dem Staat: &acute;Gib mir dieses, fordere Disziplin, lass dieses und mach das andere&acute;, und so weiter. Unser eigentlicher Kampf sollte sein, dass wir das Beste im Staat erkennen und von ihm fordern, denn in Wirklichkeit ist der Staat ein kollektiver Wert, den wir besitzen und brauchen. Und warum ist er es? Weil der Markt dies nicht leisten kann &hellip; Die Welt wird (Anm.: nach dem Virus) nicht dieselbe sein. Wir m&uuml;ssen lernen, das Leben anders anzupacken. Die Frage ist, wieviel wird es uns kosten und welchen Preis werden wir zahlen, bis zu dem Tag, an dem die Wissenschaft uns eine Reihe von Antworten gibt, die heute noch lange nicht verf&uuml;gbar sind. Es kann dem Homo sapiens auch helfen, etwas bescheidener aufzutreten und zu lernen, dass die Natur befolgt und respektiert werden muss&ldquo;, warnte er.<\/p><p><strong>Der lateinamerikanische Armutsbek&auml;mpfer und Integrationist<\/strong><\/p><p>Als Jos&eacute; &bdquo;Pepe&ldquo; Mujica Cordano nach f&uuml;nfj&auml;hriger Amtszeit im M&auml;rz 2015 die Pr&auml;sidentschaft an seinen Vorg&auml;nger und Nachfolger Tabar&eacute; V&aacute;squez abtrat, hatte Uruguay eine historische soziale, bildungs- und rechtspolitische Wende vollzogen. Die sogenannte &bdquo;moderate Armut&ldquo; von Ende der 1990er Jahre war von 40 Prozent auf weniger als 10 Prozent und die soziale Ungleichheit empfindlich abgebaut worden. Mit dem &bdquo;Juntos&ldquo;-Programm (&bdquo;Zusammen&ldquo;) f&uuml;r den Sozialen Wohnungsbau f&ouml;rderte die Regierung Mujica den Bau tausender H&auml;user f&uuml;r Minderbemittelte, w&auml;hrend die Arbeitslosigkeit einen historischen R&uuml;ckgang und der Mindestlohn umgekehrt mit einer nachhaltigen Einkommenssteigerung gefestigt wurden. Zusammengenommen und in Relation gesetzt, f&ouml;rderte diese Politik die Herausbildung der robustesten und zahlenm&auml;&szlig;ig st&auml;rksten Mittelschicht in Lateinamerika sowie die Rangf&uuml;hrung des Human Development und des Human Opportunity Index, was publizistische, jedoch oft kritische Stimmen des &bdquo;Marktes&ldquo;, wie den Londoner <em>The Economist<\/em>, im Jahr 2013 dazu veranlasste, Mujicas Uruguay zum &bdquo;<a href=\"https:\/\/mpp.org.uy\/que-hizo-pepe-mujica-en-su-gobierno\/\">Land des Jahres<\/a>&ldquo; zu k&uuml;ren.<\/p><p>Geradezu avantgardistisch, nicht nur im lateinamerikanischen, sondern im Weltma&szlig;stab, st&auml;rkte die Regierung Mujica identit&auml;re Rechte, wozu die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, die Entkriminalisierung sowohl des freiwilligen Schwangerschaftsabbruchs als auch des Cannabis-Konsums geh&ouml;rten. Letztere Ma&szlig;nahme war jedoch nur ein Nebenaspekt der eigentlichen, aggressiven Politik, den kriminellen Drogenkartellen &bdquo;den Markt zu entrei&szlig;en&ldquo; (Mujica), ihn zu verstaatlichen und den Drogenkonsum unter gesundheitspolitische und nicht wie bislang unter polizeiliche &Uuml;berwachung zu stellen; Entschl&uuml;sse und Erfolge, die auch noch Jahre danach kontrovers diskutiert werden.<\/p><p><strong>Kein Blatt vor dem Mund: auf Kollisionskurs mit der kolumbianischen Rechten und der venezolanischen Linken<\/strong><\/p><p>Im Bunde mit den progressiven Pr&auml;sidenten im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums &ndash; Hugo Ch&aacute;vez (Venezuela), N&eacute;stor Kirchner (Argentinien), Luis In&aacute;cio Lula da Silva (Brasilien), Rafael Correa (Ecuador) und Evo Morales (Bolivien) &ndash; spielte Pepe Mujica eine zentrale au&szlig;enpolitische Rolle bei der Gr&uuml;ndung der Union der S&uuml;damerikanischen Nationen (spanisch: UNASUR) und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), beide als Pendant zur von den USA gegr&uuml;ndeten und in Washington ans&auml;ssigen Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS\/OEA).<\/p><p>Als internationaler Vermittler diente der ehemalige uruguayische Pr&auml;sident auch bei der Ausarbeitung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Guerillas, von denen seit ihrer Waffenniederlegung im Jahr 2016 nicht weniger als 250 ehemalige Partisanen von straflos gebliebenen &bdquo;Unbekannten&ldquo; ermordet wurden. Mujica hat den von der kolumbianischen Rechten boykottierten und gescheiterten Friedensprozess wiederholt <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/el-mundo\/pepe-mujica-el-fallido-proceso-de-paz-en-colombia-es-un-fracaso-de-la-humanidad-articulo-919669\/\">scharf kritisiert<\/a>. &bdquo;Wenn wir nicht in der Lage waren, diejenigen zu beeinflussen, die Kolumbien dazu veranlassen, eine historische Wende eines endlosen Konflikts zu unterst&uuml;tzen, wenn die kolumbianische Regierung zum zweiten Mal die Vereinbarungen verletzt, sind die Konsequenzen f&uuml;r die Zukunft, offen gesagt, unvorhersehbar&ldquo;, beklagte der Uruguayer.<\/p><p>Von unterk&uuml;hlt bis harsch entwickelte sich jedoch auch Mujicas Verh&auml;ltnis zum regierenden Chavismo in Venezuela. W&auml;hrend ihn eine enge, wenngleich debattenreiche <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_PZRqG4avVQ\">Freundschaft mit dem 2013 verstorbenen Pr&auml;sidenten Hugo Ch&aacute;vez<\/a> verband, r&uuml;ckte Pepe Mujica in den vergangenen Jahren sichtlich von Ch&aacute;vez-Nachfolger Nicol&aacute;s Maduro ab. Weit davon entfernt, den politischen Offensiv-Kurs der ultrakonservativen, US-freundlichen und OAS-gesteuerten &bdquo;Lima-Gruppe&ldquo; nachzubeten und auf die Gefahr eines Interventionskrieges hinzuweisen, fordert der uruguayische Ex-Pr&auml;sident allgemeine Wahlen mit starker internationaler &Uuml;berwachung in Venezuela. Mujica zweifelt nicht daran, dass die USA aus geopolitischen Gr&uuml;nden dazu bereit seien, in Venezuela einzugreifen, um Chinas Einfluss auf dem gesamten Kontinent einzud&auml;mmen. Mit einem Seitenhieb gegen Nicol&aacute;s Maduro, den er als &bdquo;verr&uuml;cktspielende Ziege&ldquo; bezeichnete, warnte Mujica, &bdquo;ein Teil der lateinamerikanischen Linken lehnt es stur ab, Lehren aus der Geschichte zu ziehen&ldquo;. Der Distanzierung Mujicas von Maduro schlossen sich l&auml;ngst linke Politiker wie die gest&uuml;rzte brasilianische Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff, der kolumbianische Ex-Guerillero und Pr&auml;sidentschaftskandidat Gustavo Petro sowie der argentinische Pr&auml;sident Alberto Fern&aacute;ndez an.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zum rauschenden Applaus: Was macht wirklich Pepe Mujica so popul&auml;r?<\/p><p><strong>Der &bdquo;leichte Rucksack&ldquo; gegen die Anbetung des Marktes: vom Guerillero zum Anh&auml;nger Senecas f&uuml;r den asketischen Lebensstil<\/strong><\/p><p>Nur wenige &Uuml;berlegungen lassen sich mit der scharfsinnigen Kritik des ehemaligen uruguayischen Staatschefs an der Konsumgesellschaft vergleichen. Mujica &uuml;bt eine erweiterte antikapitalistische Kulturkritik und setzt der Konsumgesellschaft die Forderung nach einem anderen Lebensstil entgegen, der den Widerstand gegen den gesteuerten Konsum mit dem Imperativ des Umweltschutzes verbindet. Doch es bleibt bei Mujica auch nicht beim Diskurs und sch&ouml;nen Worten: Der ehemalige Untergrundk&auml;mpfer lebt, was er predigt, und diese Koh&auml;renz macht ihn quer durch alle Altersgruppen so glaubw&uuml;rdig und attraktiv.<\/p><p>Mit verheerenden Auswirkungen auf Individuum und Gemeinde ist &bdquo;die Konsumgesellschaft heute die st&auml;rkste Kolonisierungskraft&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Fbxw-CD-uaU\">warnt Mujica<\/a>. Der grausame Konsumrausch verpflichte das Individuum zu dauerhafter Abh&auml;ngigkeit von der Arbeit, womit sich der Mensch wiederum von der Freiheit entfremde. Dies geschehe zum einen wegen der absoluten Notwendigkeit zur Bestreitung des Lebensunterhalts, doch zum anderen auch durch einen unerkl&auml;rlichen Drang und Zwang, neue Dinge zu kaufen; &bdquo;<a href=\"https:\/\/derechoareplica.org\/index.php\/filosofia\/1155-alienacion-y-consumismo-en-las-logicas-de-pepe-mujica\">zu kaufen, zu kaufen und zu kaufen &hellip;<\/a>&ldquo; Und sich zu Schulden, Kreditkarte und Raten zu verpflichten. Diese Entfremdung werde medial mit der Dauerwerbung f&uuml;r das &bdquo;Gl&uuml;ck&ldquo; verst&auml;rkt, das als dauerhafter Zustand mit der Notwendigkeit gleichgesetzt wird, zwanghaft zu kaufen.<\/p><p>Soll das etwa Inhalt und Sinn des Lebens sein? Die Rechnung geht nicht auf, denn mit der Mehrarbeit f&uuml;r den Mehrerwerb wurde Lebenszeit verbraucht. Doch Leben kann man nicht in einem Einkaufszentrum oder Supermarkt kaufen. Was verbraucht wurde, ist pfutsch, so Mujica. Und das liest sich wie das Einmaleins von Karl Marx&lsquo; Entfremdungs- und Mehrwert-Theorie. &bdquo;Das ist die Kultur, die uns unterwirft, tyrannisiert, uns in unserer Zeitgestaltung beherrscht&ldquo;, sagt der Uruguayer. Dieses Herrschaftsritual ist nicht zuf&auml;llig, geschweige denn unschuldig.<\/p><p>&bdquo;Das System verlangt, dass wir Handys, Turnschuhe, Marken, Autos, Kreuzfahrten f&uuml;r ahnungslose Touristen mit wenig soziologischer Vorstellungskraft, H&auml;user mit skurrilen symbolischen Konnotationen und unendlich unn&ouml;tige Autos lieben lernen&hellip; Und denken Sie an Folgendes, das Einfachste: Wie Sie die unerschwingliche Zeit Ihres Lebens verbringen, ist die zentrale Frage Ihrer Existenz. Es ist das, was Gl&uuml;ck oder Entfremdung in diesem wunderbaren Abenteuer des Lebens erzeugen wird. Die tiefste Ursache f&uuml;r das gegenw&auml;rtige Ungl&uuml;ck ist, dass wir schrecklich allein sind. Einige Jahrhunderte Kapitalismus haben uns Technologie, Individualismus und Fortschritt beschert, aber wir haben unseren geselligen, sozialen Zustand verloren. Wir befinden uns an einem Kreuzpfad. Der einzige Kampf, den wir anbieten k&ouml;nnen, ist kultureller Natur: mehr Betrachtung der Natur und weniger Zeitaufwand f&uuml;rs Einkaufen! Mehr Sein und weniger Schein. Wir m&uuml;ssen bewusst vermeiden, aufgesogen zu werden. Keine Regierung, kein Markt kann uns &bdquo;Gl&uuml;ck&ldquo; geben. Wirkliches Gl&uuml;ck braucht Zeit, Umgebung, R&auml;ume zum Nachdenken, zur Wiederherstellung von Gef&uuml;hlen, Worten, Gedanken und Zuneigungen. Aber das ist nicht kompatibel mit den Millionen Pesos, die durch den Kauf von Dingen aus unserer Tasche gezogen werden. Anstatt die Globalisierung zu regieren, regiert sie uns. Und der perfekte Plan des Neoliberalismus wird auf Kosten dieses neuen, undurchsichtigen, entfremdeten und gelittenen Lebens erf&uuml;llt&ldquo;, mahnt Pepe Mujica, und spricht den Leuten aus den langsam wachger&uuml;ttelten Herzen.<\/p><p>Nachwort: Uruguay verliert an diesem Jahresende 2020 gleich zwei ehemalige progressive Pr&auml;sidenten. Nach Mujicas R&uuml;ckzug aus der Politik verstarb am 6. Dezember sein 80-j&auml;hriger Vorg&auml;nger und Nachfolger Tabar&eacute; V&aacute;squez an den Folgen eines Lungenkrebses.<\/p><p>Titelbild: ymphotos\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einer ergreifenden, sechsmin&uuml;tigen Dankes-Ansprache verabschiedete sich Ende Oktober der ehemalige Pr&auml;sident Uruguays, Jos&eacute; Pepe Mujica, von der offiziellen Politik. Der seit 2015 amtierende und wiedergew&auml;hlte Senator begr&uuml;ndete die Unterbrechung seines Mandats mit dem Corona-Virus. &bdquo;Die Pandemie schl&auml;gt mich in die Flucht. Senator zu sein bedeutet, mit Menschen zu reden und &uuml;berall hin zu gehen&ldquo;,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67793\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":67794,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,20,132,161],"tags":[1092,2160,2674,1222,1582,2993,687,2207,1333],"class_list":["post-67793","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-landerberichte","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-drogen","tag-kolumbien","tag-konsumismus","tag-pandemie","tag-sozialer-wohnungsbau","tag-starker-staat","tag-ungleichheit","tag-uruguay","tag-venezuela"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/shutterstock_605621231.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67793","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67793"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67793\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":67870,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67793\/revisions\/67870"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/67794"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}