{"id":67847,"date":"2020-12-10T10:16:36","date_gmt":"2020-12-10T09:16:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67847"},"modified":"2020-12-10T16:47:21","modified_gmt":"2020-12-10T15:47:21","slug":"grosse-worte-und-wenig-dahinter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67847","title":{"rendered":"Gro\u00dfe Worte und wenig dahinter"},"content":{"rendered":"<p>Als die Bundesregierung am 29. Oktober die ersten Einzelheiten zu den Novemberhilfen f&uuml;r Gastronomie, Hotellerie, den Kulturbetrieb und die Veranstaltungswirtschaft vorstellte, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-39801.html\">sprach Finanzminister Scholz noch von<\/a>  &bdquo;massiven, in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung bisher unbekannten Unterst&uuml;tzungsleistungen&ldquo;. Wenn bei den Betroffenen ein wenig Hoffnung aufkeimte, so wurde sie schnell von der Realit&auml;t plattgewalzt. Bislang wurden nur einige wenige Abschl&auml;ge bewilligt, die eigentlichen Hilfen flie&szlig;en fr&uuml;hestens Mitte Januar &ndash; wohl dem, der einen ausreichenden Kreditrahmen hat. Mit dem Jahreswechsel laufen diese &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gigen&ldquo; Hilfen &uuml;brigens aus und es ist davon auszugehen, dass der Lockdown weiter versch&auml;rft wird und noch sehr lange gelten wird. Auch viele Besch&auml;ftige in diesen Branchen stehen mit dem R&uuml;cken an der Wand. Die Lage ist dramatisch und au&szlig;er Ank&uuml;ndigungen und wohlfeilen Worten ist von der Regierung nicht viel zu h&ouml;ren. Dort interessiert man sich mehr f&uuml;r Fallzahlen als f&uuml;r Menschen. Von <strong>Jens Berger.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1807\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-67847-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210_Grosse_Worte_und_wenig_dahinter_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210_Grosse_Worte_und_wenig_dahinter_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210_Grosse_Worte_und_wenig_dahinter_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210_Grosse_Worte_und_wenig_dahinter_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=67847-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201210_Grosse_Worte_und_wenig_dahinter_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201210_Grosse_Worte_und_wenig_dahinter_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Hotellerie und Gastronomie sind einer der gr&ouml;&szlig;ten Wirtschaftszweige des Landes. Mehr als 2,4 Millionen Besch&auml;ftige erwirtschafteten 2019 in rund 222.000 Betrieben einen Umsatz von 93,6 Milliarden Euro. In diesem Jahr d&uuml;rfte der Umsatz nur einen Bruchteil dessen betragen. Hotels und Restaurants mussten je nach Region zwischen vier und viereinhalb Monate komplett schlie&szlig;en und konnten in der &uuml;brigen Zeit durch die Hygiene-Auflagen und das Wegbleiben der ver&auml;ngstigten Kundschaft auch nur mit angezogener Handbremse wirtschaften. Die Corona-Hilfen von Bund und L&auml;ndern sollten die Verluste zumindest zum Teil decken und den Unternehmen damit ein Fortbestehen sichern. Doch ist das wirklich der Fall?<\/p><p>Nach <a href=\"https:\/\/www.tageskarte.io\/politik\/detail\/branchenweite-empoerung-ueber-angeblich-zu-hohe-corona-hilfen.html\">aktuellen Zahlen des Branchenverbands DEHOGA<\/a> konnte das Gastgewerbe im Fr&uuml;hjahr rund 1,37 Milliarden Euro Zusagen f&uuml;r Soforthilfen und im Sommer rund 450 Millionen Euro Zusagen f&uuml;r die &Uuml;berbr&uuml;ckungshilfen bekommen. Das sind weniger als zwei Prozent des Jahresumsatzes, noch nicht einmal ein Tropfen auf dem hei&szlig;en Stein. Die Wut war gro&szlig; und um die drohenden Massenpleiten wenigstens zum Teil abzuwenden, zeigte sich die Politik zumindest auf dem Papier bei der Ank&uuml;ndigung des &bdquo;Lockdown light&ldquo; Ende Oktober gro&szlig;z&uuml;giger. Fortan sollte nicht nur ein Teil der Fixkosten, sondern bis zu 75% des Vorjahresumsatzes als Verlustausfall erstattet werden. Das klingt sehr gro&szlig;z&uuml;gig, ist es aber nur bedingt.<\/p><p>Von diesen 75% werden n&auml;mlich selbstverst&auml;ndlich noch die Kosten f&uuml;r das bewilligte Kurzarbeitergeld abgezogen. Wenn ein Restaurant also beispielsweise im Normalbetrieb 50% Personalkosten hat und sein gesamtes Personal in Kurzarbeit schickt, bleiben von den 75% schon einmal &ndash; vereinfacht gerechnet &ndash; nur noch 25% &uuml;brig. Davon m&uuml;ssen dann jedoch noch andere Fixkosten wie die Miete und die Kredit-\/Abschreibungskosten f&uuml;r die Einrichtung abgetragen werden. Ein jeder kann ja mal &uuml;ber den Daumen peilen, was da am Ende &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; noch &uuml;brigbleibt. Ein Befreiungsschlag sieht jedenfalls anders aus.<\/p><p>Und f&uuml;r viele Gastronomen und Hoteliers sieht die eigentlich brisante Rechnung ohnehin ganz anders aus. Wer keine riesige Kapitaldecke hat, ist durch den Umsatzeinbruch tief in die roten Zahlen bis an oder &uuml;ber die Grenze des Kontokorrentkredits gerutscht. Viele Betreiber haften mittlerweile zus&auml;tzlich mit ihrem Privatverm&ouml;gen und haben auch ihren Dispokredit bis an die Grenze ausgesch&ouml;pft. Wenn auch die Novemberhilfen nun erst Monate sp&auml;ter ausgezahlt werden, sind diese Kreditlinien zuvor ersch&ouml;pft. Es droht die Insolvenz und in vielen F&auml;llen sogar die Privatinsolvenz. Man kann das mit einem Verdurstenden vergleichen. Dem ist auch nicht damit geholfen, wenn ihm eine Flasche Wasser versprochen wird, die er jedoch erst in einigen Wochen bekommt. <\/p><p>Und die Gastronomie ist ja nur eines von vielen Opfern der Corona-Ma&szlig;nahmen. Gar keine Sonderhilfen gibt es f&uuml;r Gewerbetreibende, deren Betriebe nicht durch Verordnungen geschlossen wurden, sondern die indirekt durch die Ma&szlig;nahmen und die Angst der Kunden wirtschaftliche Nachteile haben. So herrscht in der Fu&szlig;g&auml;ngerzone und der gesamten Innenstadt meiner Kreisstadt Goslar seit Wochen g&auml;hnende Leere. Wo man sonst inmitten des Weihnachtsmarktes und des vorweihnachtlichen Kaufrauschs kaum einen Fu&szlig; vor den anderen setzen kann, herrscht nun Maskenpflicht und es ist weit und breit kein Mensch zu sehen, der gewillt ist, Weihnachtsgeschenke zu kaufen oder sein Geld f&uuml;r Kunsthandwerk, einen Gl&uuml;hwein oder gebrannte Mandeln auszugeben. Die ansonsten zahlreichen Touristen aus Deutschland, D&auml;nemark und den Niederlanden fallen in diesem Jahr nat&uuml;rlich auch weg. Darunter leidet vor allem auch der Einzelhandel, der zwar nicht per Verordnung geschlossen wurde und daher auch kein Anrecht auf die November- und Dezemberhilfen hat, aber wirtschaftlich fast genauso stark betroffen ist wie die Gastronomie. Die staatlichen &Uuml;berbr&uuml;ckungshilfen k&ouml;nnen die Verluste nur zu einem sehr kleinen Teil ausgleichen. Auch hier drohen sp&auml;testens im n&auml;chsten Jahr Massenpleiten.<\/p><p>Aber es sind ja beileibe nicht nur Unternehmen und Betriebe, die herbe Verluste verkraften m&uuml;ssen. Sozialversicherungspflichtige Angestellte sind durch die Kurzarbeiterregelung zwar noch relativ gut abgesichert, auch wenn viele von ihnen nicht wissen, ob ihr Betrieb &uuml;berhaupt wieder aufmacht. Aber wie sieht es mit all den Minijobbern und Aushilfen aus? Gerade in Hotellerie, Gastronomie und im Einzelhandel sind solch prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse ja weit verbreitet. Und gerade diese Aushilfskr&auml;fte sind ja oft auf jeden Euro angewiesen und stehen finanziell nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens. Lassen Sie es mich mal ein wenig polemisch zuspitzen: W&auml;hrend der US-Multi Starbucks, der kaum Steuern bezahlt, vergleichsweise gro&szlig;z&uuml;gig durch die November- und Dezemberhilfen entsch&auml;digt wird, geht die alleinerziehende Mutter, die abends ein paar Stunden kellnert, um &uuml;berhaupt &uuml;ber die Runden zu kommen, komplett leer aus. Wie so ziemlich alle Entscheidungen der Bundesregierung haben auch die Corona-Hilfen eine deutlich zu erkennende soziale Schieflage. Doch dar&uuml;ber spricht erstaunlicherweise niemand.<\/p><p>Wie w&auml;re es denn, wenn der Staat einen Schutzschirm f&uuml;r von den Corona-Ma&szlig;nahmen betroffene Minijobber aufspannt und einfach und unb&uuml;rokratisch den Lohnausfall ausgleicht? Gemessen an den Milliarden und Abermilliarden, die man in Konzerne wie die Lufthansa oder die TUI gepumpt hat, w&auml;ren dies wahrlich Peanuts; Peanuts jedoch, die auf sozialer Ebene eine deutliche Wirkung h&auml;tten. <\/p><p>Und wo wir schon bei den Abermilliarden sind. Es ist ja erstaunlich, mit welchen Zahlen da seitens des Finanz- und Wirtschaftsministeriums hantiert wird. Der reale Geldfluss hat mit diesen Zahlen jedoch nur sehr wenig zu tun. So wurden von den 13,6 Milliarden Euro, die vom Bund im Fr&uuml;hjahr als Soforthilfen gebilligt wurden, gerade einmal ein Drittel abgerufen &ndash; und davon mussten sogar 305 Millionen Euro bereits wieder zur&uuml;ckgezahlt werden, da die Antr&auml;ge fehlerhaft ausgef&uuml;llt wurden. Die Rede war schnell von Subventionsbetrug. Doch dies ist nur ein weiterer Schlag ins Gesicht der Gesch&auml;digten. So wurde beispielsweise ein freiberuflicher Veranstaltungstechniker, dem der komplette Umsatz weggefallen ist, des Subventionsbetrugs <a href=\"https:\/\/taz.de\/Coronahilfen-fuer-Selbstaendige\/!5731975\/\">beschuldigt<\/a>, der Hilfsgelder beantragt hatte, obgleich nach Sicht der Beh&ouml;rde kein &bdquo;Liquidit&auml;tsengpass&ldquo; vorlag &ndash; sprich, der Mann hatte seinen Dispokredit noch nicht v&ouml;llig ausgesch&ouml;pft. Zur Zeit laufen 8.200 vergleichbare Verfahren. Nur mit dem R&uuml;cken an der Wand zu stehen, reicht offenbar nicht. Man muss schon fast klinisch tot sein, um den Staat um Hilfe zu bitten.<\/p><p>So k&ouml;nnte es im n&auml;chsten Jahr vielen Selbstst&auml;ndigen und Unternehmen gehen. Die vergleichsweise ordentlich bemessenen November- und Dezemberhilfen laufen n&auml;mlich definitiv Ende Dezember aus. Bereits jetzt ist der Lockdown bis zum 10. Januar beschlossene Sache und es gibt wohl niemanden, der auch nur einen Cent darauf wetten w&uuml;rde, dass Hotels und Restaurants im Januar ihre Pforten wieder &ouml;ffnen d&uuml;rfen. Wahrscheinlicher ist es, dass schon in den n&auml;chsten Tagen auch der gr&ouml;&szlig;te Teil des Einzelhandels im Rahmen eines harten Lockdowns geschlossen wird. Und da Erk&auml;ltungsviren wie Corona nun einmal dazu neigen, erst im Fr&uuml;hjahr wieder zu verschwinden, werden diese Lockdowns sich sicherlich  auch noch bis in den Mai hinziehen. Weitere Monate des Umsatz- und Verdienstausfalls drohen und ab Januar wird es nur noch die &Uuml;berbr&uuml;ckungshilfen geben, die einen Teil der Fixkosten kompensieren. Man muss kein Prophet sein. Sp&auml;testens im Sommer n&auml;chsten Jahres werden viele Hotels, Restaurants, Kneipen und Gesch&auml;fte nicht mehr existieren. Aber das ist ja offenbar egal, geht es bei der gesamten &ouml;ffentlichen Debatte doch nur um Infiziertenzahlen und Inzidenzwerte. Historiker kommender Jahrzehnte werden vielleicht eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r finden, warum wir sehenden Auges derart t&ouml;richt gehandelt haben. <\/p><p>Titelbild: Screenshot Tagesschau<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/68fa2f8f4de844429986fc3b7b7493bf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die Bundesregierung am 29. Oktober die ersten Einzelheiten zu den Novemberhilfen f&uuml;r Gastronomie, Hotellerie, den Kulturbetrieb und die Veranstaltungswirtschaft vorstellte, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-39801.html\">sprach Finanzminister Scholz noch von<\/a> &bdquo;massiven, in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung bisher unbekannten Unterst&uuml;tzungsleistungen&ldquo;. Wenn bei den Betroffenen ein wenig Hoffnung aufkeimte, so wurde sie schnell von der Realit&auml;t plattgewalzt. 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