{"id":68188,"date":"2020-12-21T09:16:05","date_gmt":"2020-12-21T08:16:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68188"},"modified":"2020-12-21T10:59:49","modified_gmt":"2020-12-21T09:59:49","slug":"corona-der-mythos-der-unbefleckten-empfaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68188","title":{"rendered":"Corona: Der Mythos der unbefleckten Empf\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p>Ist es eine S&uuml;nde, sich an Weihnachten zu treffen? Entlasten wir die Intensivstationen, wenn wir zu Hause bleiben? Wie gro&szlig; ist die unsichtbare Gefahr der symptomlosen &Uuml;bertragung von SARS-CoV-2 durch Aerosole wirklich? Eine genauere wissenschaftliche Analyse von Fallstudien zum tats&auml;chlichen &Uuml;bertragungsgeschehen gibt Hoffnung. Von <strong>Sandra Reuse<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNichts spaltet die Bev&ouml;lkerung in diesem Jahr mehr als die unterschiedliche Einsch&auml;tzung der Frage, wie gef&auml;hrlich es ist, sich zu begegnen. Zu keinem Zeitpunkt ist dies trauriger als in der Weihnachtszeit. Die aktuellen Kontaktbeschr&auml;nkungen und -verbote sowie die damit einhergehende Medienkommunikation erwecken den Eindruck, schon die blo&szlig;e Anwesenheit anderer sei eine Gefahr. Befl&uuml;gelt und befeuert wird dies durch Schlagzeilen &uuml;ber volle Intensivstationen, die ohne Frage sehr bedr&uuml;ckend sind. <\/p><p>Dennoch gibt es eine &ndash; m&ouml;glicherweise gro&szlig;e &ndash; Dunkelziffer derjenigen, die gerade jetzt still leiden. Die auf Weihnachten gehofft haben, weil sie endlich mal wieder mit anderen zusammensein wollen. Die zwar vielleicht Angst haben, sich anzustecken, aber noch gr&ouml;&szlig;ere Furcht, w&auml;hrend der &bdquo;Festtage&ldquo; v&ouml;llig zu vereinsamen. Die sich aber nicht einmal mehr trauen, das zu sagen, weil es allgemein als Beitrag zur N&auml;chstenliebe gilt, auf N&auml;he zu verzichten. W&auml;ren Maria und Josef heute unterwegs, k&ouml;nnten sie wohl nicht einmal mehr auf einen Stall als Herberge hoffen. <\/p><p>Wie gro&szlig; ist aber die unsichtbare Gefahr einer &Uuml;bertragung von SARS-CoV-2 wirklich? M&uuml;ssen wir immer und &uuml;berall damit rechnen, dass das Virus durch die Luft fliegt? Geht es schon in Richtung S&uuml;nde, jemanden zum Spazierengehen zu treffen? Oder zum Weihnachtsgottesdienst zu wollen? Sollten wir Oma im Pflegeheim ein weiteres halbes Jahr vergessen? M&uuml;ssen wir uns tats&auml;chlich darauf einstellen, bis in alle Ewigkeit nur noch als Videokachel miteinander zu singen? <\/p><p><strong>Entwarnung f&uuml;r Treffen im Freien<\/strong><\/p><p>Zumindest f&uuml;r Treffen im Freien gibt es jetzt endlich auch wissenschaftlich basierte Entwarnung: Eine aktuelle, im <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/jid\/advance-article\/doi\/10.1093\/infdis\/jiaa742\/6009483\">Journal of Infectious Diseases vorab ver&ouml;ffentlichte Meta-Analyse<\/a> bewertet das Infektionsrisiko mit SARS-CoV-2 bei Au&szlig;enaktivit&auml;ten als deutlich geringer als das bei Innenaufenthalten. In f&uuml;nf der durch ein interdisziplin&auml;res Forscherteam ausgewerteten Studien betrug der Anteil der &Uuml;bertragungen, die drau&szlig;en stattgefunden haben k&ouml;nnten, weniger als zehn Prozent. Eine der in die Analyse einbezogenen Studien bezifferte das Risiko einer Infektion im Freien sogar als knapp 19-mal niedriger als das innerhalb geschlossener R&auml;ume. <\/p><p>Das ist das Ergebnis einer gro&szlig; angelegten Datenbankanalyse, in der nach Studien und Fachartikeln gesucht worden war, die &Uuml;bertragungsereignisse im Innen- und im Au&szlig;enbereich analysierten. Den Autoren zufolge wurden ausschlie&szlig;lich Studien einbezogen, die ein peer reviewed Verfahren durchlaufen hatten. Insgesamt fanden sich so wenige Berichte &uuml;ber &bdquo;Corona&ldquo;-Au&szlig;en&uuml;bertragungen, dass auch Fallstudien zur &Uuml;bertragung anderer respiratorischer Viren analysiert wurden, wie etwa Influenza-, Adeno- und Rhinoviren. Als Outdoor-Aktitivit&auml;ten wurden sowohl Arbeits- als auch Freizeit- und Feierzusammenh&auml;nge definiert.<\/p><p>Ein wichtiges Ergebnis, zugleich aber auch die Haupt-Herausforderung f&uuml;r eine realistische Einsch&auml;tzung der &Uuml;bertragungsgefahr von SARS-CoV-2, ist die sehr unterschiedliche Qualit&auml;t der Fallstudien. So konnte beispielsweise in den ohnehin wenigen F&auml;llen einer m&ouml;glichen Outdoor-&Uuml;bertragung nicht ausgeschlossen werden, dass die entscheidenen Begegnungen tats&auml;chlich drinnen stattgefunden hatten. Dies gilt offenbar auch f&uuml;r die oft im Zusammenhang mit einem Corona-Ausbruch zitierte Rosegarden Party von Ex-US-Pr&auml;sident Trump. Auch stellte sich heraus, dass ein Grippe-Ausbruch, der in der Literatur einem Festival  zugeordnet worden war, seinen urs&auml;chlichen Verlauf bei der gemeinsamen Zuganreise von Teilnehmern genommen hatte. Alle sp&auml;ter Erkrankten hatten viele Stunden im selben Abteil verbracht. <\/p><p>Einige der berichteten Outdoor-&bdquo;Ausbr&uuml;che&ldquo; standen im Zusammenhang mit Baustellen in Asien. Auch hier w&auml;re es wiederum zu kurz gegriffen, von Au&szlig;en-&Uuml;bertragungen auszugehen, da Baustellenarbeiten in aller Regel nicht nur drau&szlig;en stattfinden. Vor allem aber sind Bauarbeiter nicht nur in Asien oft in Gemeinschaftsunterk&uuml;nften mit wenig individuellen R&uuml;ckzugsm&ouml;glichkeiten untergebracht.<\/p><p>Es gab drei Manuskripte &uuml;ber Influenza-&Uuml;bertragungen im Zusammenhang mit Festivals, jedoch keines zu eint&auml;gigen Veranstaltungen. Alle dokumentierten &Uuml;bertragungen fanden zwischen Personen statt, die gemeinsam &uuml;bernachtet hatten. <\/p><p>Der Metaanalyse zufolge gab es weder eint&auml;gige Massenveranstaltungen noch eint&auml;gige Sportveranstaltungen, die drau&szlig;en stattfanden, wo es bisher zu &Uuml;bertragungen von respiratorischen Viren in einem nennenswerten Ausma&szlig; kam. Das ist insofern interessant, als dass auch Literatur zu Veranstaltungen ausgewertet wurde, die noch in der &bdquo;alten Normalit&auml;t&ldquo; stattfanden, d.h. ohne Masken und Abstand, mit Umkleidekabinen und Imbissm&ouml;glichkeiten in Innenr&auml;umen. <\/p><p>Nat&uuml;rlich ist eine &Uuml;bertragung niemals auszuschlie&szlig;en und bei engerem K&ouml;rperkontakt, vor allem im Gesichtsbereich, auch an der frischen Luft m&ouml;glich. &bdquo;Ausbr&uuml;che&ldquo; sind dennoch dieser Analyse zufolge auch bei Massenveranstaltungen im Freien nicht zu bef&uuml;rchten. Erst recht d&uuml;rfte dies wohl f&uuml;r Aufenthalte in &ouml;ffentlichen Stra&szlig;enr&auml;umen gelten, wo Menschen mehrheitlich aneinander vor&uuml;bergehen. Die Vorstellung, das Virus springe beim blo&szlig;en Vorhandensein gr&ouml;&szlig;erer Menschenmengen von Mund zu Mund, kann wohl getrost in den Bereich des Mythos verbannt werden. Das w&auml;re die erste gute Nachricht. <\/p><p><strong>Bestimmte Faktoren, z.B. Klimaanlagen, steigern das &Uuml;bertragungsrisiko in Innenr&auml;umen erheblich<\/strong><\/p><p>Doch auch bei Innen-Aktivit&auml;ten sollte den Autoren der Meta-Studie zufolge viel genauer differenziert werden, was wirklich gef&auml;hrlich sein k&ouml;nnte und was nicht. Ihre Auswertungen zeigen, dass bei einer ganzen Reihe sogenannter Spreading-Events offenbar Klimaanlagen eine wichtigere Rolle spielten, als bislang diskutiert wird. Dies gilt auch f&uuml;r das mittlerweile traurig-ber&uuml;hmte <a href=\"http:\/\/www.cdc.gov\/mmwr\/volumes\/69\/wr\/mm6919e6.htm?s_cid=mm6919e6_w\">Chortreffen in Skagit \/ Washington<\/a>, wo sich 80% der Mitglieder eines Chores infizierten und zwei starben. <\/p><p>M&ouml;glicherweise kommt es aber gar nicht so sehr darauf an, was Menschen in Innenr&auml;umen machen, ob sie sich an die AHA-Regeln halten  und wie viele es sind, wie die folgende Analyse zeigt, die sich mit einem <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC7499506\/pdf\/ciaa1270.pdf\">Ausbruch von Covid-19 in einem niederl&auml;ndischen Pflegeheim<\/a> befasst. Hier steckten sich trotz niedriger Infektionszahlen in der Allgemeinbev&ouml;lkerung in k&uuml;rzester Zeit erst mehrere Bewohner gleichzeitig und dann die Pfleger an, und zwar obwohl diese bei Dienstleistungen am Patienten eine Maske trugen.<\/p><p><strong>Ausbruch in einem niederl&auml;ndischem Pflegeheim trotz niedriger Inzidenzzahlen im Umfeld<\/strong><\/p><p>Das Pflegeheim bestand aus insgesamt sieben unterschiedlichen Abteilungen, die r&auml;umlich voneinander getrennt waren. Weil sich die Verbreitung des Virus nur in dieser einen Abteilung abgespielt hatte (80% der Patienten = 17 Pers. und 50% der zugeh&ouml;rigen Pfleger = 17 Pers.), alle anderen Bewohner und Pfleger (95 und 6 Pers.) des Heimes jedoch negativ getestet wurden, wurden auch die zugeh&ouml;rigen Bel&uuml;ftungssysteme untersucht. Die betroffene Abteilung war die einzige mit einer Klimanlage. Diese war vor erst vor kurzem eingebaut worden und sollte besonders energieeffizient arbeiten, was aber letztlich dazu f&uuml;hrte, dass die Raumluft zu lange rezirkuliert wurde. Alle anderen Abteilungen hatten eine Ventilation mit regelm&auml;&szlig;iger Au&szlig;enluftzufuhr. Auch hier fanden sich Spuren von SARS-CoV-2-Viren im Staub der Anlage, d.h. es waren vermutlich auch dort Infizierte unterwegs gewesen. Die Virenspuren waren jedoch nicht, wie in der betroffenen Abteilung, &uuml;berall sonst auf den B&ouml;den und Ablagefl&auml;chen nachweisbar vorhanden. Durch die Rezirkulation der Raumluft hatten sie sich offenbar in einer problematischen Gr&ouml;&szlig;enordnung angesammelt. <\/p><p>Leider werden die genaueren Umst&auml;nde der Verbreitung von SARS-CoV-2 in Innenr&auml;umen in vielen Medienberichten, die das Singen und Zusammensein von Menschen als verantwortungslos verurteilen, kaum noch diskutiert. <\/p><p>Die starke und schnelle Verbreitung des Coronavirus in den USA k&ouml;nnte aber letztlich viel damit zu tun haben, dass viele Geb&auml;ude und auch Fahrzeuge mit Klimaanlagen ausgestattet sind. In vielen chinesischen Neubauten, namentlich in Fabriken, Dienstleistungszentren und Krankenh&auml;usern ist das &uuml;brigens auch so, dasselbe gilt f&uuml;r Europa. Auch bei der Fleischfabrik T&ouml;nnies war es nach Expertenmeinung die Klimaanlage, die f&uuml;r die starke Verbreitung sorgte. Hinzu kamen die sehr niedrigen Temperaturen und die anstrengende Arbeit, die das Immunsystem der Arbeiter schw&auml;chten. Plus der Faktor Unterbringung auf engstem Raum.<\/p><p><strong>Wie gef&auml;hrlich ist das Singen? Wissenschaftliche Evidenz ist d&uuml;nn<\/strong><\/p><p>Der RKI-Steckbrief zu Covid-19 bezieht sich auf zwei Multispreading-Events bez&uuml;glich der m&ouml;glichen &Uuml;bertragung durch Aerosole beim Singen: Heinsberg und Skagit. Bei dem sp&auml;ter durch Prof. Hendrik Streeck ausgewerteten Event in Heinsberg handelte es sich um eine Karnevals-Veranstaltung. Niemand, der je im Rheinland war, wird auf die Idee kommen, die &Uuml;bertragung von Viren beim Karneval allein dem Singen zuzuordnen. Wie auch bei der Apres-Ski-Bar in Ischgl ist vielmehr anzunehmen, dass neben Tanzen und K&uuml;ssen vor allem lautstarke Unterhaltungen &ldquo;face to face&ldquo; (vor allem Barkeeper &ndash; G&auml;ste) aufgrund der allgemeinen Lautst&auml;rke die Verbreitung des Virus gef&ouml;rdert haben. <\/p><p>Das Chortreffen in Skagit wird immer wieder als Beleg f&uuml;r die Gef&auml;hrlichkeit des Singens herangezogen. Doch wie die <a href=\"http:\/\/www.cdc.gov\/mmwr\/volumes\/69\/wr\/mm6919e6.htm?s_cid=mm6919e6_w\">Fallstudie<\/a> zeigt, sa&szlig;en die Chormitglieder teilweise auch eng beieinander, teilten mitgebrachte Snacks und unterhielten sich. Es war mindestens ein Chormitglied vor Ort, das bereits Symptome hatte. Hinzu kam eine Klimaanlage. Auch gab es nicht nur ein Treffen, das den Wissenschaftlern zufolge zur Verbreitung beitrug, sondern zwei, und die Treffen gingen &uuml;ber insgesamt 2&frac12; Stunden. Daher k&ouml;nnte das gemeinsame Singen &ndash; zu welcher Gelegenheit auch immer &ndash; in gut gel&uuml;fteten R&auml;umen vermutlich als deutlich weniger riskant eingestuft werden als bisher. <\/p><p>Wenn es in den Krankenh&auml;usern voll wird und Menschen an Covid-19 sterben, dann ist das schlimm und traurig. Zu glauben, der Verzicht auf jegliches menschliche Miteinander w&uuml;rde helfen, diese Situation abzumildern, scheint aber doch ein Trugschluss zu sein. Vielmehr zeigen die hier zusammengefassten Fallstudien &uuml;ber tats&auml;chlich stattgefundenes &Uuml;bertragungsgeschehen, dass es bestimmte Risikofaktoren gibt, die l&auml;ngst nicht jedes Treffen in den Gefahrenbereich verlagern. Die H&auml;ufigkeit, L&auml;nge und Intensit&auml;t des Treffens, schlecht programmierte Klimaanlagen ohne Filter und Menschen, die eben doch bereits an Symptomen leiden, geh&ouml;ren dazu. <\/p><p>Das aber ist eine Nachricht, die Hoffnung geben kann. <\/p><p>Titelbild: kzww \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es eine S&uuml;nde, sich an Weihnachten zu treffen? Entlasten wir die Intensivstationen, wenn wir zu Hause bleiben? Wie gro&szlig; ist die unsichtbare Gefahr der symptomlosen &Uuml;bertragung von SARS-CoV-2 durch Aerosole wirklich? Eine genauere wissenschaftliche Analyse von Fallstudien zum tats&auml;chlichen &Uuml;bertragungsgeschehen gibt Hoffnung. 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