{"id":68213,"date":"2020-12-21T13:00:03","date_gmt":"2020-12-21T12:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68213"},"modified":"2020-12-22T17:00:08","modified_gmt":"2020-12-22T16:00:08","slug":"thailand-eine-denkpause-uebers-jahresende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68213","title":{"rendered":"Thailand: Eine Denkpause \u00fcbers Jahresende"},"content":{"rendered":"<p>Protestf&uuml;hrer Parit &ldquo;Pinguin&rdquo; Chiwarak hat eine vor&uuml;bergehende Unterbrechung der politischen Kundgebungen angek&uuml;ndigt. Er sagte, dass es bis zum n&auml;chsten Jahr keine weiteren Kundgebungen geben werde, um den Demonstranten eine Chance zu geben, sich neu zu gruppieren und vorzubereiten. Der Menschenrechtsanwalt und Protestf&uuml;hrer Anon meinte, dass im n&auml;chsten Jahr die Demonstrationen intensiviert w&uuml;rden. Ihre drei Forderungen w&uuml;rden bleiben &ndash; der R&uuml;cktritt von Premierminister Prayut Chan-Ocha, eine neue Verfassung und die Reform der Monarchie. Anon sagte auch, die diesj&auml;hrigen Kundgebungen seien nur die Ouvert&uuml;re zu einem langen Kampf gewesen. Von <strong>Jinthana Sunthorn<\/strong>, Hong Kong. &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von der Redaktion.<br>\n<!--more--><br>\nDie Ank&uuml;ndigung folgt auf einen R&uuml;ckgang der Teilnehmerzahlen bei den Veranstaltungen in den letzten Wochen, die in starkem Kontrast zu ihrem H&ouml;hepunkt im September und Oktober standen. Aber man kann nicht sagen, dass die Demonstranten das Handtuch geworfen h&auml;tten. <\/p><p>Obwohl die Bewegung in letzter Zeit weniger aktiv war und ihre Aktionen vielleicht auch nicht mehr ganz so spektakul&auml;r, h&auml;lt sie nach wie vor an ihrem Drei-Punkte-Forderungsmanifest fest. Die meisten Menschen, die an den Kundgebungen teilnahmen, sind nach wie vor gegen das Milit&auml;rregime und General Prayut, aber nach einer Reihe von Veranstaltungen ohne gr&ouml;&szlig;ere Fortschritte m&ouml;gen einige entmutigt sein.<\/p><p>Zudem ist es der Bewegung immer noch nicht gelungen, die Arbeiterschaft zu mobilisieren, und auch die Kleinbauern im Isan, der fr&uuml;heren Hochburg der Rothemden, beteiligen sich bisher nur z&ouml;gernd. Die Pheu Thai, die zweitst&auml;rkste Partei und wichtigste Oppositionspartei im Parlament, unterst&uuml;tzt die Forderung nach einer Reform der Monarchie nicht. Viele f&uuml;hrende Mitglieder der Rothemden sind Mitglieder dieser Partei, deren Strategie auf einer Ann&auml;herung an das Milit&auml;r beruht. Die Pheu Thai ist bereits die dritte Auflage der verbotenen Thai Rak Thai Partei der beiden fr&uuml;heren, aus dem Amt geputschten Premierminister, Thaksin und Yingluck Shinawatra. Im Parlament unterst&uuml;tzen nur die Abgeordneten der Fortschrittspartei diese Forderung nach einer Beschneidung der Macht des K&ouml;nigshauses. (Die Fortschrittspartei ist die Nachfolgepartei der im Februar 2020 vom Verfassungsgericht unter fadenscheinigen Gr&uuml;nden aufgel&ouml;sten Partei &bdquo;Neue Zukunft&ldquo;, die drittst&auml;rkste Kraft bei den Wahlen 2019 wurde und bei den jungen W&auml;hlern sehr beliebt war).<\/p><p><strong>Sich neu aufstellen<\/strong><\/p><p>M&ouml;glicherweise aber hat die angek&uuml;ndigte Ruhepause tieferliegende Ursachen als das Jahresende und die gestiegene Zahl an Covid-19 positiv getesteten Menschen in Chiang Mai, Bangkok und in den an Bangkok angrenzenden Provinzen (bedingt durch teils illegal eingewanderte burmesische Saisonarbeiter) und den damit einhergehenden Beschr&auml;nkungen. Denn es besteht immer die Gefahr, dass in der Ferienpause der Schwung der Demonstranten verloren geht, insbesondere auch deshalb, weil die Regierung und das K&ouml;nigshaus derzeit eine Charmeoffensive betreiben, um das Volk wieder hinter sich zu bringen. So k&ouml;nnte wichtige Zeit verloren gehen. Es gibt Anzeichen daf&uuml;r, dass die Organisatoren Zeit brauchen, um interne Konflikte zu kl&auml;ren.<\/p><p>So hat Parit &ldquo;Pinguin&rdquo; Chiwarak am 11. Dezember auf seiner Facebook-Seite geschrieben, dass die freiwilligen Sicherheitskr&auml;fte bei den Kundgebungen durch professionell ausgebildete ersetzt werden sollen. Verschiedene Gruppen von freiwilligen Sicherheitskr&auml;ften wurden bisher bei den Kundgebungen eingesetzt, darunter auch Mitglieder der Rothemden, die ja besonders viel Erfahrung bei ihren Demonstrationen zwischen 2000 und 2010 gesammelt haben. Einige der Wachen der verschiedenen Gruppen kamen jedoch nicht miteinander aus. <\/p><p>Die Bewegung bewegt sich auch nicht immer in die gleiche Richtung. Die Proteste, die mit der Forderung nach der Absetzung der unpopul&auml;ren Regierung von Prayuth begannen, gingen schnell in Forderungen nach einer Reform der Monarchie &uuml;ber und die politischen Ideen wurden immer radikaler, je l&auml;nger die Regierung sich den Forderungen der Volksbewegung verschloss. Auf den Stra&szlig;en werden die Diskussionen immer mehr &uuml;ber das System als Ganzes gef&uuml;hrt und richten sich inzwischen gegen die ganze Oberschicht.  In Thailand gibt es mehr Milliard&auml;re als in manchen europ&auml;ischen L&auml;ndern, eine Gruppe von vielleicht 20 familiengef&uuml;hrten Monopolen besitzt zusammen mit dem K&ouml;nigshaus mehr als der Rest der thail&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung zusammen, die teils noch f&uuml;r unter 10 USD am Tag arbeiten muss.<\/p><p>K&uuml;rzlich hat die Gruppe &bdquo;Freie Jugend&ldquo;, die Teil der Bewegung ist, auf ihrer Webseite Hammer und Sichel gezeigt und die Errichtung einer &ldquo;Republik Thailand&rdquo; bef&uuml;rwortet. Das sorgte nat&uuml;rlich f&uuml;r Verwirrung, sowohl bei der Bev&ouml;lkerung als auch innerhalb der Volksbewegung. Denn die Anf&uuml;hrer der Bewegung hatten bisher stets erkl&auml;rt, die Monarchie nicht abschaffen, sondern nur reformieren zu wollen. Die Royalisten gerieten in Rage und &bdquo;Pinguin&ldquo; musste erkl&auml;ren, dass die &bdquo;Bef&uuml;rwortung des Kommunismus nicht die politische Ideologie seiner Ratsadon-Gruppe widerspiegelt&ldquo; und er betonte, er selber sei kein Mitglied der &bdquo;Freien Jugend&ldquo;.<\/p><p>Eine andere Gruppe unter dem Namen &bdquo;Democratic Front for Hope&rdquo; hatte letzte Woche, vermutlich ohne Absprache und auf eigene Faust, im Siam Paragon, einem luxuri&ouml;sen Einkaufszentrum im Zentrum Bangkoks, das starke Beziehungen zum K&ouml;nigshaus hat, in einer Blitzaktion Banner im Atrium heruntergelassen und Transparente entrollt, auf denen sie Ungleichheit, Kapitalismus und das Majest&auml;tsbeleidigungsgesetz anprangerten. Auf den Bannern war zu lesen: &ldquo;Schafft Abschnitt 112 ab&rdquo; &ndash; aber auch: &ldquo;Teure Waren aus billiger Arbeit&rdquo;. Sie wollten &bdquo;die Wahrheit &uuml;ber diese Kapitalisten (verk&uuml;nden), die jeden Monat fette Gehaltsschecks bekommen, w&auml;hrend sie billige Arbeitskr&auml;fte ausbeuten&rdquo;, sagte ein junges Mitglied der Gruppe. &ldquo;Wir wollen eine Botschaft &uuml;ber die Ausbeutung des Kapitalismus senden, und welcher Ort w&auml;re daf&uuml;r besser geeignet als ein Einkaufszentrum im Herzen von Bangkoks Gesch&auml;ftsviertel&rdquo;, sagte sie. Das Kaufhaus erstattete Anzeige.<\/p><p>So berechtigt Kapitalismuskritik und das Nachdenken &uuml;ber eine republikanische Verfassung auch sein m&ouml;gen; jede Kundgebung, die nicht eine einheitliche Botschaft pr&auml;sentiert, schadet der Gesamtbewegung. Nach 70 Jahren monarchistischer Indoktrination d&uuml;rfte derzeit kaum eine Mehrheit in Thailand f&uuml;r das Ausrufen der Republik, gar eines kommunistischen Staates, zu finden sein. <\/p><p>Es scheint demnach zu Unstimmigkeiten innerhalb der Bewegung selbst gekommen zu sein, sodass Kl&auml;rungsbedarf sowohl &uuml;ber die Forderungen als auch &uuml;ber die weitere Vorgehensweise besteht. <\/p><p><strong>Gummi-Enten als Maskottchen<\/strong><\/p><p>Wir wollen an dieser Stelle aber auch von den wichtigsten Kundgebungen berichten, die seit unserem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67220\">letzten Beitrag<\/a> stattgefunden haben.<\/p><p>Am 25. November verlegten die Demonstranten kurzfristig eine Kundgebung vor dem Crown Property Bureau zum Sitz der Siam Commercial Bank, an der der K&ouml;nig gr&ouml;&szlig;ter Aktion&auml;r ist, und prangerten den Reichtum der Monarchie an. Dabei war eine gelbe Ente &uuml;berall zu sehen, auf T-Shirts, als Spielzeug und als Anstecknadel. Bei der letzten gro&szlig;en Kundgebung hatten die Demonstranten sich mit gro&szlig;en aufblasbaren gelben Gummi-Enten &uuml;ber ihren K&ouml;pfen gegen die Wasserwerfer der Polizei gesch&uuml;tzt. Jetzt sind sie das Maskottchen der Bewegung geworden, sogar eigene Geldscheine zum Bezahlen der Verpflegung bei den Kundgebungen wurden damit gedruckt. <\/p><p>Weitere gr&ouml;&szlig;ere Kundgebungen fanden am 27. und 28. November in Bangkok und in verschiedenen Provinzen statt. Am 30. November forderten Demonstranten vor dem St&uuml;tzpunkt des 11. Infanterieregimentes die R&uuml;ckgabe der Milit&auml;reinheit an das Volk. Diese Einheit war dem K&ouml;nig auf sein Verlangen hin zur pers&ouml;nlichen Verf&uuml;gung &uuml;bergeben worden. Die Gruppe der Bad Students rief die Sch&uuml;ler auf, zum Schulanfang am 8. Dezember in Alltagskleidung und nicht in ihren Schuluniformen zum Unterricht zu erscheinen. <\/p><p>Am 10. Dezember fand eine gr&ouml;&szlig;ere Kundgebung in Bangkok statt, bei der auf verschiedenen B&uuml;hnen Reden und Unterhaltung angeboten wurden. Am selben Tag fand eine Demo vor dem Geb&auml;ude der UNO in Bangkok statt. Die Demonstranten forderten die Vereinten Nationen auf, gegen das Gesetz der Majest&auml;tsbeleidigung einzuschreiten, das zum Anlass dient, die freie Meinungs&auml;u&szlig;erung zu untergraben und die Aktivisten zu verhaften.<\/p><p>Mitte Dezember wurde ein gr&ouml;&szlig;eres Musikfestival im Freien in der Provinz Korat aufgel&ouml;st, angeblich weil sich die Veranstalter nicht an die Auflagen zur Seuchenbek&auml;mpfung gehalten hatten, tats&auml;chlich aber, weil auf den B&uuml;hnen regierungskritische Reden gehalten und Auff&uuml;hrungen mit in Laken eingewickelten und verschn&uuml;rten Puppen gezeigt worden waren, die an die ermordeten und verschwundenen Aktivisten erinnerten. Drei solche verschn&uuml;rte Leichen wurden im Dezember 2018 aus dem Mekhong gefischt. Ein bekannter Aktivist, Wanchalearm Satsaksit Satsaksit, verschwand dieses Jahr am 4. Juni spurlos in Kambodscha. Er wurde entf&uuml;hrt, w&auml;hrend er mit seiner Schwester telefonierte. Das Gespr&auml;ch brach dann ab, von Wanchalearm fehlt seither jede Spur.<\/p><p><strong>Anklagen und Verhaftungen ohne Ende<\/strong><\/p><p>Nachdem die Polizei mit Chemikalien versetztes Wasser &uuml;ber friedliche Demonstranten verspr&uuml;ht hatte, nahm die &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Protestbewegung und ihre Opfer sprunghaft zu. Seitdem h&auml;lt sich die Polizei mit Repressionsma&szlig;nahmen bei Kundgebungen zur&uuml;ck. <\/p><p>Die Regierung bleibt jedoch nicht unt&auml;tig in ihrem Vorgehen gegen die Aktivisten. Um sie einzusch&uuml;chtern und wohl auch um sie auf lange Sicht aus dem Verkehr zu ziehen, wurde das Gesetz gegen Majest&auml;tsbeleidigung, das zwei Jahre lang nicht mehr angewendet worden war, erneut aus der Schublade gezogen. <\/p><p>In den letzten Wochen sind mindestens 35 Demonstranten, darunter auch ein 16-j&auml;hriger Sch&uuml;ler, unter Artikel 112, des Majest&auml;tsbeleidigungsparagraphen des thail&auml;ndischen Strafgesetzbuches, angeklagt worden. Die Straftat wird mit drei bis 15 Jahren Haft bestraft. Die Aktivisten werden angeklagt, weil sie an der Spitze der Demonstrationen standen. Das Gesetz gegen Majest&auml;tsbeleidigung ist das spitzeste der Maulkorbgesetze in Thailand. Tats&auml;chlich soll es weniger die Monarchie sch&uuml;tzen als politische Gegner mundtot machen. <\/p><p>Au&szlig;erdem belegt die Regierung die Aktivisten mit Anklagen f&uuml;r jeden noch so geringen Zwischenfall. So wurden drei bedeutende Aktivisten angeklagt, eine Demonstration ohne vorherige Ank&uuml;ndigung organisiert zu haben und gegen die Notverordnung zur Seuchenbek&auml;mpfung versto&szlig;en zu haben.  Andere Anklagen lauten: Angriff auf Polizeibeamte, Besetzung des Demokratie-Denkmals und Versto&szlig; gegen st&auml;dtische Verordnungen. Das Verh&uuml;llen des Demokratiedenkmals im November war Grund zu einer Anklage wegen Herabsetzung des Wertes des Denkmals und Vergehen gegen das Gesetz &uuml;ber historische St&auml;tten sowie gegen das Sauberkeitsgesetz.  Andere Anklagen lauten schlicht auf Verkehrsbehinderung oder Verspr&uuml;hen von anst&ouml;&szlig;igen Botschaften auf &ouml;ffentlichen Grundst&uuml;cken. <\/p><p>Protestf&uuml;hrer &bdquo;Pinguin&ldquo; wurde k&uuml;rzlich, neben zahlreichen anderen Klagen, darunter auch Majest&auml;tsbeleidigung, zus&auml;tzlich wegen Besch&auml;digung &ouml;ffentlichen Eigentums angeklagt, weil er bei einer Kundgebung im Oktober zwei Blumenk&uuml;bel verschoben hatte. Es war zu keinem Schaden an den Pflanzen oder T&ouml;pfen gekommen.<\/p><p>Der Anwalt Anon Nampa wurde k&uuml;rzlich mit einer weiteren Anklage wegen Majest&auml;tsbeleidigung belegt, dieses Mal im Zusammenhang mit der Kundgebung vor dem Parlament am 17. November. Er hat bereits vier Vorladungen wegen Majest&auml;tsbeleidigung erhalten und erwartet, dass noch mehr kommen werden, von jeder vergangenen Kundgebung eine.<\/p><p>Eine Gruppe von unverbesserlichen Royalisten hat es sich zudem zur Angewohnheit gemacht, die Aktivisten wegen jeder Kleinigkeit und allen m&ouml;glichen Delikten bei der Polizei anzuzeigen. Dabei tut sich vor allem die Thai Pakdee Gruppe mit ihrem Anf&uuml;hrer Warong hervor, der f&uuml;r die Beibehaltung des Paragraphen 112 streitet, weil dieser, nach seinen Worten, &bdquo;die Monarchie sch&uuml;tzen&ldquo; w&uuml;rde. Warong nennt es eine L&uuml;ge, dass der Paragraph 112 dazu benutzt wird, die politische Opposition zum Schweigen zu bringen.<\/p><p>13 internationale Organisationen, darunter Human Rights Watch und Amnesty International, haben bereits offizielle Protestnoten an die Regierung wegen der Repression durch die Polizei und dem Umgang mit der Protestbewegung abgegeben. Auch der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen hat sich inzwischen in einer Erkl&auml;rung &bdquo;zutiefst beunruhigt &uuml;ber das Vorgehen der Polizei&ldquo; gezeigt und ist &bdquo;besonders alarmiert, dass der 16-j&auml;hrige Demonstrant gestern von der Polizei dem Jugendgericht mit einem Antrag auf einen Haftbefehl vorgef&uuml;hrt wurde.&rdquo;<\/p><p>Die europ&auml;ischen Staaten und die USA halten sich derweil mit Kommentaren zur&uuml;ck. W&auml;hrend sie die Demonstranten in Hong-Kong, Wei&szlig;russland, der Ukraine und sonstwo in Schutz nehmen und Sanktionen im Namen der Menschenrechte gegen alle Regierungen verh&auml;ngen, die kommunistischer Ambitionen verd&auml;chtigt werden und aus der kapitalistischen westlichen &bdquo;Wertegemeinschaft&ldquo; ausscheren, herrscht im Fall Thailand auf Seiten der selbsternannten Verteidiger der Menschenrechte eisiges Schweigen. Ein weiterer Beweis daf&uuml;r, dass die Volksbewegung in Thailand nicht von ihnen ferngesteuert wird, wie manche behaupten, um der Bewegung zu schaden. Die Regierung Thailands weicht ja auch nicht vom kapitalistischen Kurs ab, ein Sieg der Volksbewegung w&uuml;rde dem globalen westlichen Kapitalismus mehr schaden als n&uuml;tzen. <\/p><p>Br&uuml;ssel h&auml;lt sein Pulver trocken, um es sich nicht mit der thail&auml;ndischen Regierung zu verderben, und wartet erst einmal ab. Schon gar nicht will Europa sich dem Verdacht aussetzen, man unterst&uuml;tze den Sturz der Regierung. Thailand ist ein bedeutender Handelspartner der EU und ein wichtiger diplomatischer St&uuml;tzpunkt in der asiatischen Region. <\/p><p>Die thail&auml;ndische Nationale Anti-Korruptionskommission in Bangkok hat diese Woche &uuml;brigens einen Bericht ver&ouml;ffentlicht, der besagt, dass die Korruption unter der Junta ein neues Rekordhoch erreicht hat. <\/p><p><strong>Gummi-Enten allein k&ouml;nnen das Milit&auml;r nicht besiegen<\/strong><\/p><p>Die Bewegung scheint zum Jahresende zu schw&auml;cheln. Es ist aber unbestreitbar, dass sie seit Beginn ihrer Kampagne an Boden gewonnen hat. Nach der blutigen Unterdr&uuml;ckung der Rothemden-Bewegung 2010 hat die Bewegung die pro-demokratischen Kr&auml;fte in Bangkok und in den Provinzen wieder zu neuem Leben erweckt. Die Bewegung hat zudem manche Tabuthemen wie die Reform der Monarchie zu &ouml;ffentlichen Themen gemacht, die seither sogar in TV-Talkshows diskutiert werden. Dies w&auml;re bis vor Kurzem nicht denkbar gewesen. Selbst die Rothemden haben die Monarchie nie infrage gestellt. Das Eisen war einfach zu hei&szlig;, zudem war der 2016 verstorbene Vater des jetzigen &bdquo;Playboy-K&ouml;nigs&ldquo;, im Gegensatz zu seinem Sohn, im ganzen Land beliebt. <\/p><p>Die politischen Herausforderungen der Regierung, die im n&auml;chsten Jahr anfallen, werden der Bewegung neuen Auftrieb geben. Da ist zun&auml;chst einmal die wirtschaftliche Situation Thailands, die sich n&auml;chstes Jahr noch verschlimmern und immer mehr Menschen in die Not treiben wird. Politisch steht im Parlament die erzwungene Debatte &uuml;ber eine Verfassungsreform an; der einzige bisherige, wenn auch m&auml;&szlig;ige, konkrete Erfolg der Volksbewegung. Auch die Anwendung des Paragrafen 112 gegen mehr als 30 Aktivisten, von denen viele junge Studenten sind, um sie zum Schweigen zu bringen, k&ouml;nnte f&uuml;r die Regierung nach hinten losgehen.<\/p><p>Die Bewegung hat eine taktisch sinnvolle Pause eingelegt, um sich neu zu ordnen und auf den g&uuml;nstigen Zeitpunkt f&uuml;r neue Proteste zu warten. Die Pause bietet auch eine Gelegenheit, die Strukturen neu zu &uuml;berdenken, einen ehrlichen Blick auf das Erreichte zu werfen und dabei die St&auml;rken und Schw&auml;chen der Bewegung zu bewerten.<\/p><p>Die derzeitige flache Struktur unter dem Motto &ldquo;Wir sind alle Anf&uuml;hrer&ldquo; bietet einen gewissen Schutz davor, dass mit der Verhaftung von einzelnen Anf&uuml;hrern die Bewegung zerschlagen werden kann. Sie f&uuml;hrt aber andererseits zu einem Mangel an Klarheit, da die Protestf&uuml;hrer der verschiedenen Fraktionen, aus denen sich die Gruppe insgesamt zusammensetzt, widerspr&uuml;chliche Informationen unkontrolliert verbreiten k&ouml;nnen. Es gibt dar&uuml;ber hinaus Stimmen aus dem Kreis der Demonstranten, die sich dar&uuml;ber beklagen, dass sie keine konkreten Ansprechpartner h&auml;tten, mit denen sie sich vor Ort absprechen oder sie benachrichtigen k&ouml;nnten, wenn etwas schiefl&auml;uft.<\/p><p> Zudem ist die Bewegung ohne eine gew&auml;hlte Spitze, die ein Mandat h&auml;tte zu verhandeln, auch wenn es angesichts der kompromisslosen Haltung der Regierung derzeit noch nichts zu verhandeln gibt. Die drei Forderungen der Bewegung sind obendrein noch ziemlich abstrakt:  R&uuml;cktritt der Regierung und Neuwahlen: unter welchem Wahlgesetz? Eine neue Verfassung, ja, aber welche und wer wird sie schreiben? Die Milit&auml;rregierung von Prayut hat nach dem Umsturz 2014 als erstes die Verfassung und das Wahlgesetz so umgeschrieben, dass zumindest ihr Einfluss nach jeder Wahl gesichert bleibt. L&auml;sst man die Verfassung unter Federf&uuml;hrung von Prayuts Leuten neu schreiben, so wird dabei bestenfalls alter Wein in neue Schl&auml;uche gef&uuml;llt und bei Neuwahlen werden wiederum die kleinen Parteien bevorzugt werden, so dass keine stabile Regierung zustandekommen kann. Und die Reform der Monarchie, wie soll sie reformiert werden? Erste Stimmen werden ja bereits laut, die Monarchie ganz abzuschaffen und eine Republik auszurufen, was eigentlich das Konsequenteste w&auml;re.<\/p><p>Die Kontrolle &uuml;ber die Neuwahlen, das Schreiben einer neuen Verfassung und die Reform der Monarchie m&uuml;sste die Volksbewegung schon selber in die Hand nehmen. Das bedingt aber schon vorher einen Machtwechsel. Zudem m&uuml;sste ein konkreter Forderungskatalog her. Wie soll die Wirtschaft, wie soll die Arbeitswelt organisiert werden, wie soll der Staat funktionieren, wer soll welche Steuern zahlen? Forderungen nach einer neuen Verfassung allein sind da zu abstrakt. <\/p><p>Die Symbolik w&auml;hrend der Proteste, wie die Verwendung von Gummienten, kann nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass die Protestbewegung bisher nicht in der Lage war, das Land unregierbar zu machen. Ohne dies zu bewerkstelligen, kann Prayuts Diktatur nicht gest&uuml;rzt werden. Gummienten sind kein Ersatz f&uuml;r Streiks. Leider wird wenig getan, um Arbeiter und deren Vertreter, die Gewerkschaften, in den B&uuml;ros, Banken, Krankenh&auml;usern und Fabriken aufzusuchen und mit ihnen &uuml;ber gemeinsame Aktionen zu diskutieren und gemeinsame Forderungen aufzustellen. <\/p><p>Das liegt vor allem an einer so gut wie nicht vorhandenen Linken und an der mangelnden Bereitschaft oder F&auml;higkeit der Aktivisten, eine unabh&auml;ngige linke politische Organisation aufzubauen, die innerhalb der Bewegung f&uuml;r Streikaktionen wirbt und sie koordiniert.<\/p><p>Eine B&uuml;rgerbewegung allein kann die amtierende Regierung nicht st&uuml;rzen. Sie braucht entweder die helfende Hand oder zumindest die Duldung des Milit&auml;rs und einen Vorfall, bei dem die Regierung durch ihr Handeln, wie z.B. ein gewaltsames Vorgehen, Chaos und den Verlust ihrer Legitimit&auml;t ausl&ouml;st. Den Tropfen, der das Fass &uuml;berlaufen l&auml;sst. Vor allem aber braucht sie die Unterst&uuml;tzung der Arbeiterschaft, die alleine imstande ist, die R&auml;der im Land stillstehen zu lassen.<\/p><p>Die Bewegung befindet sich in einer Sackgasse, da die Regierung nicht auf ihre Forderungen eingeht und die Protestf&uuml;hrer ihrerseits keine faulen Kompromisse eingehen und zur&uuml;ckrudern k&ouml;nnen. Premierminister Prayut beharrt darauf, bis zum Ende seiner Amtszeit im Amt zu bleiben. Und auch wenn die Milit&auml;rs es immer wieder dementieren, so bleibt ein neuer Putsch nicht ausgeschlossen.<\/p><p>Wenn es der Bewegung nicht gelingt, Streiks durchzusetzen, wird sie scheitern. Es wird bestenfalls zu einem faulen Kompromiss kommen und viele der beteiligten Anf&uuml;hrer werden auf unabsehbare Zeit hinter Gittern landen.  Viele Protestf&uuml;hrer wurden bereits wegen Majest&auml;tsbeleidigung angeklagt, mit der Aussicht auf langwierige Gerichtsverfahren und drakonische Gef&auml;ngnisstrafen. Es scheint keine Strategie zu geben, um diese Anf&uuml;hrer zu verteidigen und das Regime unter Druck zu setzen, die Anklagen fallenzulassen.<\/p><p>Titelbild: JoeZ \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Protestf&uuml;hrer Parit &ldquo;Pinguin&rdquo; Chiwarak hat eine vor&uuml;bergehende Unterbrechung der politischen Kundgebungen angek&uuml;ndigt. Er sagte, dass es bis zum n&auml;chsten Jahr keine weiteren Kundgebungen geben werde, um den Demonstranten eine Chance zu geben, sich neu zu gruppieren und vorzubereiten. Der Menschenrechtsanwalt und Protestf&uuml;hrer Anon meinte, dass im n&auml;chsten Jahr die Demonstrationen intensiviert w&uuml;rden. 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