{"id":68236,"date":"2020-12-26T09:30:38","date_gmt":"2020-12-26T08:30:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68236"},"modified":"2026-01-27T11:37:33","modified_gmt":"2026-01-27T10:37:33","slug":"und-der-rundfunk-wuerde-ploetzlich-wieder-denen-gehoeren-die-dafuer-bezahlen-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68236","title":{"rendered":"\u201eUnd der Rundfunk w\u00fcrde pl\u00f6tzlich wieder denen geh\u00f6ren, die daf\u00fcr bezahlen m\u00fcssen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte um die Erh&ouml;hung der Rundfunkgeb&uuml;hren hat hohe Wellen geschlagen. Nun soll das Bundesverfassungsgericht entscheiden. Der M&uuml;nchner Kommunikationswissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42783\">Michael Meyen<\/a>, der an einem Projekt forscht, wie ein alternatives Mediensystem aussehen k&ouml;nnte, beobachtet die Diskussion genau. Im NachDenkSeiten-Interview legt <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/author\/michaelmeyen\">Meyen<\/a> dar, wie eine von B&uuml;rgern bestimmte Rundfunkaufsicht aussehen k&ouml;nnte, und er zeigt auf, wie viel bei den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen doch im Argen liegt. Ein Interview &uuml;ber eine Geb&uuml;hrenerh&ouml;hung von 86 Cent, hinter der mehr steckt, als man es annimmt, und &uuml;ber Redaktionen, die sich so verhalten, als h&auml;tten sie &bdquo;Angst vor ihrem Publikum&ldquo;.  <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-68236-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201226_Und_der_Rundfunk_wuerde_ploetzlich_wieder_denen_gehoeren_die_dafuer_bezahlen_muessen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201226_Und_der_Rundfunk_wuerde_ploetzlich_wieder_denen_gehoeren_die_dafuer_bezahlen_muessen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201226_Und_der_Rundfunk_wuerde_ploetzlich_wieder_denen_gehoeren_die_dafuer_bezahlen_muessen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201226_Und_der_Rundfunk_wuerde_ploetzlich_wieder_denen_gehoeren_die_dafuer_bezahlen_muessen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=68236-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201226_Und_der_Rundfunk_wuerde_ploetzlich_wieder_denen_gehoeren_die_dafuer_bezahlen_muessen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201226_Und_der_Rundfunk_wuerde_ploetzlich_wieder_denen_gehoeren_die_dafuer_bezahlen_muessen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Meyen, in den vergangenen Tagen gab es einen ziemlichen Streit &uuml;ber die Erh&ouml;hung der Rundfunkgeb&uuml;hren. Wie haben Sie die Diskussion wahrgenommen?<\/strong><\/p><p>Als sehr aufgeregt. Es gibt ganz neue Koalitionen. Pl&ouml;tzlich trommeln Zeitungen und Zeitschriften f&uuml;r eine Beitragssteigerung, die den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58130\">&ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk<\/a> sonst verl&auml;sslich bek&auml;mpfen, egal ob es um Online-Aktivit&auml;ten geht, um einzelne Sendungen, um Rechte oder um Personalien. Auch die Politik jenseits von Sachsen-Anhalt spricht diesmal fast mit einer Stimme, obwohl gerade das Thema Rundfunkbeitrag fr&uuml;her oft genug f&uuml;r Profilierungsversuche herhalten musste. Leichter kann man eigentlich beim Publikum kaum punkten. Jetzt ist nirgendwo ein Sparfuchs zu sehen.  <\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie unseren Lesern kurz erkl&auml;ren, worum es genau bei dem Streit geht?<\/strong><\/p><p>An der Oberfl&auml;che um den ersten Medien&auml;nderungsstaatsvertrag, den die Landesregierungen im Juni unterzeichnet haben. Dort ist f&uuml;r 2021 bis 2024 ein Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro vorgesehen, 86 Cent mehr als im Moment. Damit dieser Staatsvertrag in Kraft treten kann, braucht es die Zustimmung aller Landtage. Reiner Haseloff, Ministerpr&auml;sident von Sachsen-Anhalt, hat die entsprechende Beschlussvorlage Anfang Dezember zur&uuml;ckgezogen. Wenn ein Parlament nicht zustimmt, bleibt in Sachen Rundfunkbeitrag alles so, wie es ist.<\/p><p><strong>Offenbar steckt mehr dahinter als 86 Cent.<\/strong><\/p><p>Viel mehr. Immer noch an der Oberfl&auml;che: In Sachsen-Anhalt hat die Koalition aus CDU, SPD und Gr&uuml;nen 2016 Beitragsstabilit&auml;t vereinbart. Jetzt streitet man, wie das damals gemeint war. Mit Inflationsausgleich oder ohne? Und dann geht es nat&uuml;rlich um die AfD, die im Landtag vermutlich mit der CDU gegen die Erh&ouml;hung gestimmt h&auml;tte. Sachsen-Anhalt stand pl&ouml;tzlich als zweites Th&uuml;ringen am Pranger. Noch so ein Bundesland, in dem eine der etablierten Parteien in einer wichtigen Frage mit der AfD stimmt. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/06\/reiner-haseloff-sachsen-anhalt-ostdeutschland-demokratie-wutbuerger-afd-cdu\/komplettansicht\">Haseloff<\/a> hat die Vorlage zur&uuml;ckgezogen, um seine Koalition zu retten. Dabei sind seine Argumente fast untergegangen.<\/p><p><strong>Was waren das f&uuml;r Argumente?<\/strong><\/p><p>Es ging sowohl um Inhalte als auch um Strukturen. Haseloff hat moniert, wie der &ouml;ffentlich-rechtliche <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50362\">Rundfunk<\/a> &uuml;ber Sachsen-Anhalt berichtet und &uuml;ber den Osten ganz allgemein. In Kurzform: zu wenig und mit zu viel Moral. Der Osten als Krisengebiet, der Osten als Abweichung von der Norm, der Osten als das, was sich anzupassen hat. Man kann diesen Kritikpunkt auch aus der Ecke Regionalpolitik herausholen, wie ZDF-Fernsehrat Leonhard Dobusch das gemacht hat. Er moniert, dass bestimmte Milieus unterrepr&auml;sentiert sind und dass der Fokus auf den Ost-West-Gegensatz verschleiert, wie wenig die wachsende Ungleichheit im Programm pr&auml;sent ist. Akademisch gebildete Gro&szlig;stadt-Mittelschichtredaktionen finden offenbar nur schwer Zugang zu Menschen, die ihr Leben nicht in B&uuml;ros verbringen.<\/p><p><strong>Und die Strukturen?<\/strong><\/p><p>Reiner Haseloff hat die Geh&auml;lter der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/medien\/article168837737\/So-verteidigt-der-WDR-Intendant-sein-Gehalt-von-399-000-Euro.html?fbclid=IwAR0gdrAMne5-UP77vjZReKSfVTKrUCIOq3O59Y37ia4Fk_wipUVlPGI4oMc\">Intendanten<\/a> genannt und &uuml;berhaupt die Bezahlung von Spitzenkr&auml;ften. In einem Interview mit der Zeit meinte er im Januar sogar, dass &bdquo;das oberste Drittel der Mitarbeiter des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks zu viel Geld erh&auml;lt&ldquo;. Dabei ging es ausdr&uuml;cklich nicht um den MDR, der ja &uuml;berall als Beispiel f&uuml;r eine schlanke Anstalt gilt. Insofern k&ouml;nnte dieser Streit um 86 Cent zu einer Debatte f&uuml;hren, die lange &uuml;berf&auml;llig ist. Die Gesellschaft muss diskutieren, was der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk leisten soll und was wir uns das in Zukunft kosten lassen wollen. <\/p><p><strong>ARD und ZDF ziehen nun vor das Bundesverfassungsgericht.<\/strong><\/p><p>Ja. Sie sagen, dass das Programm ohne die Erh&ouml;hung gef&auml;hrdet sei und dass K&uuml;rzungen drohen, bei einzelnen Sendungen, beim Personal. Da es aus keiner der Parteien, die im Bund oder in den L&auml;ndern in Regierungsverantwortung stehen, Gegenwind gibt und da es schnell gehen muss, wenn man ab Januar mehr Geld eintreiben m&ouml;chte, stehen die Chancen vor Gericht sicher gut. Damit w&uuml;rde das Thema von der Agenda verschwinden und wir h&auml;tten eine Chance vertan.<\/p><p><strong>Wie m&uuml;sste der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk aussehen, damit er sein Geld wert ist?<\/strong><\/p><p>Ich kann das Ergebnis der Diskussion schlecht vorwegnehmen. Wissenschaft sollte sich nicht anma&szlig;en, alles besser zu wissen als das Publikum.<\/p><p><strong>Sie k&ouml;nnen aber sagen, wor&uuml;ber wir diskutieren m&uuml;ssten.<\/strong><\/p><p>Eigentlich &uuml;ber fast alles. Das beginnt mit der Aufsicht. Die Beitragszahler haben in den Rundfunkr&auml;ten nichts zu sagen und sogar Schwierigkeiten, dort &uuml;berhaupt mit ihren Anliegen vorzudringen. Das zeigt der Umgang mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48201\">Programmbeschwerden<\/a>, die von den Anstalten in aller Regel pauschal zur&uuml;ckgewiesen werden und die Aufsichtsgremien erst gar nicht erreichen. Da k&ouml;nnte eine Ombudsstelle helfen, wie sie zum Beispiel die SRG in der Schweiz hat. Wer sich dort beschwert, hat sp&auml;testens nach 40 Tagen eine Reaktion. Au&szlig;erdem versuchen die Ombudsleute, zwischen den Beteiligten zu vermitteln. Das Ergebnis ist &ouml;ffentlich. Man kann das alles in einem Blog nachlesen. <\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zu den Rundfunkr&auml;ten.<\/strong><\/p><p>Ja. Die Politik stellt dort inzwischen zwar nur noch gut ein Drittel der Mitglieder, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist ja nicht nur die Politik. Da sitzen Wirtschaftslobbys und irgendwelche Verb&auml;nde. Alles Bereiche, die der Journalismus eigentlich kontrollieren sollte. Im Moment ist es genau umgekehrt. Die Politik kontrolliert den Journalismus. Und die Politik bestimmt, wer in den Redaktionen das Sagen hat. Alle wichtigen Personalien werden in den Gremien entschieden und sind damit ein Spielball der Parteien. <\/p><p><strong>Sie meinen Intendanten, Direktoren, Programmchefs, Etats.<\/strong><\/p><p>Manchmal sagt ein Beispiel mehr als alle Studien. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/neue-ard-programmdirektorin-interessenkonflikte-bei.2907.de.html?dram:article_id=484866\">Christine Strobl<\/a> soll im Mai Direktorin des ARD-Gemeinschaftsprogramms werden. Strobl ist Tochter von Wolfgang Sch&auml;uble und mit dem Innenminister von Baden-W&uuml;rttemberg verheiratet. Strobl war im Herbst auch als Intendantin des BR im Gespr&auml;ch. Dort h&auml;tte sie Ulrich Wilhelm abgel&ouml;st, der vorher erst in Bayern Regierungssprecher war und dann bei Angela Merkel. Mehr muss man &uuml;ber die Verquickung von Politik und Rundfunk eigentlich gar nicht sagen. F&uuml;r Gremien und Anstaltsspitzen ist das so normal, dass sie nicht einmal mehr merken, welche Signale von solchen Personalentscheidungen ausgehen.  <\/p><p><strong>Die Redaktionen k&ouml;nnten sich trotzdem an den journalistischen Qualit&auml;tsstandards orientieren, die zum Beispiel im Medienstaatsvertrag festgeklopft sind.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Gar nicht so wenige tun das ja auch. Diese Leute m&uuml;ssen wir st&auml;rken. Autonomie braucht entsprechende Bedingungen. Es kann nicht sein, dass zentrale Programmbestandteile von privaten Firmen geliefert werden, und es kann auch nicht sein, dass viele Redakteure keinen festen Arbeitsvertrag haben. Wie soll ich meiner Chefredakteurin widersprechen oder sogar dem Anrufer aus der Staatskanzlei, wenn ich nicht sicher sein kann, auch n&auml;chsten Monat wieder im Dienstplan zu stehen?<\/p><p><strong>Solche Versuche, das Programm von au&szlig;en zu beeinflussen, wird es immer geben.<\/strong><\/p><p>Sicher. Das w&uuml;rde aber sofort aufh&ouml;ren, wenn die Redaktionen das &ouml;ffentlich machen w&uuml;rden. Wenn jeder Anruf und jeder Brief auf einer Webseite dokumentiert werden w&uuml;rde. Ich pl&auml;diere generell f&uuml;r Transparenz als Qualit&auml;tskriterium. Im Moment diskutiert der Journalismus ja &uuml;ber Handwerk oder Haltung. Soll ich mich weiter an Normen wie Objektivit&auml;t, Neutralit&auml;t, Unabh&auml;ngigkeit und Vielfalt orientieren oder ist es nicht besser, sich ganz offen f&uuml;r die Dinge einzusetzen, die man f&uuml;r wichtig und richtig h&auml;lt? Ich halte diese Debatte f&uuml;r fatal. Journalismus muss all die vielen Interessen und Perspektiven aufgreifen, die es in einer Gesellschaft gibt, und zwar im Hauptprogramm zur besten Sendezeit und ohne jede Abwertung. Billiger ist Demokratie nicht zu haben. <\/p><p><strong>Das ist etwas anderes als Transparenz.<\/strong><\/p><p>Das ist ein Pl&auml;doyer f&uuml;r das Qualit&auml;tskriterium Vielfalt, ja. Au&szlig;erdem m&ouml;chte ich erfahren, woher man das Material hat, das da ver&ouml;ffentlicht wird, wem es m&ouml;glicherweise hilft und wie man selbst dazu steht. Dass diese Art von Transparenz heute leicht m&ouml;glich ist, machen einige Redaktionen ja vor. Mir w&uuml;rde reichen, wenn das alles auf einer Webseite zur Sendung zu finden ist.         <\/p><p><strong>Wie k&ouml;nnte eine Rundfunkaufsicht aussehen, die den Redaktionen Unabh&auml;ngigkeit garantiert?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall m&uuml;sste das Publikum dort das Sagen haben. Man k&ouml;nnte solche R&auml;te w&auml;hlen oder vielleicht sogar auslosen. Es gibt ja ausgearbeitete Modelle f&uuml;r B&uuml;rgerparlamente, die auf mich sehr verlockend wirken. <a href=\"https:\/\/fordemocracy.hypotheses.org\/2765\">Aleatorische Demokratie<\/a>. Versprochen wird dort neben einem Ende des Lobbyismus auch eine Aktivierung der Bev&ouml;lkerung, weil ja pl&ouml;tzlich jeder Gefahr laufen w&uuml;rde, f&uuml;r eine gewisse Zeit Abgeordneter zu sein. Ich kann verstehen, dass man das nicht gleich im Bundestag oder in den Landtagen ausprobieren m&ouml;chte. Warum also nicht im Rundfunkrat? Viel schlechter als im Moment kann das nicht werden. Und der Rundfunk w&uuml;rde pl&ouml;tzlich tats&auml;chlich wieder denen geh&ouml;ren, die daf&uuml;r bezahlen m&uuml;ssen.   <\/p><p><strong>Sie haben vor kurzem an einem <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/9747\">nicht-&ouml;ffentlichen Austausch<\/a> zwischen Medienkritikern und ARD-Offiziellen teilgenommen. Was haben Sie erlebt?<\/strong><\/p><p>Eigentlich nichts, was gegen den Vorschlag spricht, den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk der Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckzugeben. Es ging um eine Petition und um eine Corona-Sondersendung, die Bef&uuml;rworter und Kritiker der Regierungslinie zusammenbringt. Drosten, Wieler, Lauterbach vs. Wodarg, Bhakdi, Homburg. Das hatten &uuml;ber 63.000 Leute unterschrieben. Man muss sich nur Bastian Barucker anschauen, den Initiator der Petition, und die vielen Kommentare auf seiner Webseite. Das Thema Rundfunk bewegt die Menschen. Und diese Menschen haben dazu etwas zu sagen.  <\/p><p><strong>Und die ARD-Seite? War man dort offen f&uuml;r das Anliegen der Petition?<\/strong><\/p><p>Nicht wirklich. Von der &Uuml;bergabe bis zu diesem Gespr&auml;ch hat es gut zwei Monate gedauert. Auf dem Bildschirm haben wir dann geh&ouml;rt, dass die Redaktionen alle Bedenken kennen und man sich ansonsten an den &bdquo;Fakten&ldquo; orientiert. Da bin ich dann wieder bei der Transparenz. Es gibt keine &bdquo;Fakten&ldquo; ohne die Menschen, die sie produzieren, und damit auch keine &bdquo;Fakten&ldquo; ohne Interessen. Wissenschaft wird heute offenbar zu einer Art Religionsersatz. An das Publikum dagegen scheint man in den Anstalten nicht zu glauben, jedenfalls nicht in dieser Runde. Ich habe nicht nur zwischen den Zeilen geh&ouml;rt, dass man den Menschen bestimmte Informationen nicht zumuten m&ouml;chte, weil man ihnen nicht zutraut, mit mehr Komplexit&auml;t umzugehen.<\/p><p><strong>Also wird es keine solche Sondersendung geben.<\/strong><\/p><p>Wir haben noch mehr vorgeschlagen. Eine Ombudsstelle, Reportagen &uuml;ber Petitionsunterzeichner, Vor-Ort-Sendungen nach Demos. Man k&ouml;nnte das weiterdrehen und &uuml;ber Lokalberichterstattung nachdenken. In den meisten Landkreisen war Pressekonkurrenz gestern, wenn &uuml;berhaupt. In Sachsen-Anhalt gibt es nur zwei gro&szlig;e Tageszeitungen, und die kommen beide aus dem gleichen Verlag. Hier h&auml;tte der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk eine Aufgabe. Er k&ouml;nnte da an seine eigenen Traditionen ankn&uuml;pfen. Es gab ja fr&uuml;her Mitmach-Journalismus. Hallo &Uuml;-Wagen beim WDR zum Beispiel oder Vor Ort beim ORB. Dort konnten die Frau und der Mann von nebenan sprechen &ndash; live, ungefiltert und zu Themen, die auf keiner Pressekonferenz vorkamen. Heute wirkt es oft fast so, als ob die Redaktionen Angst vor ihrem Publikum haben und sich nicht trauen, ihre Konferenzr&auml;ume zu verlassen und Pro und Contra klar zu benennen.   <\/p><p><strong>Kritiker werfen den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen vor, einseitig und unausgewogen zu berichten. Was ist Ihre Beobachtung?<\/strong><\/p><p>Das m&uuml;sste man Thema f&uuml;r Thema untersuchen, systematisch, ohne Emotionen. Eigentlich ist das ja ein Witz: Wir geben diesen Anstalten jedes Jahr mehr als acht Milliarden Euro und haben so gut wie keine Qualit&auml;tskontrolle. In den Rundfunkr&auml;ten fehlen daf&uuml;r Ausstattung und Expertise. Die meisten Mitglieder sind Laien und haben gar nicht die Zeit, das komplette Programm zu beobachten. Die Angestellten, die sich um die R&auml;te k&uuml;mmern, sind mit der Organisation der Sitzungen ausgelastet. Und die Forschung, die die Anstalten selbst machen oder in Auftrag geben, bekommt in aller Regel das heraus, was der Geldgeber h&ouml;ren will. Qualit&auml;tskontrolle muss unabh&auml;ngig sein. Und sie braucht Geld. Schon mit einem Prozent der Beitr&auml;ge w&auml;ren wir bei 80 Millionen Euro. Das sollte f&uuml;r ein gutes Monitoring reichen und auch daf&uuml;r, dabei das Publikum einzubeziehen. <\/p><p><strong>Sie meinen also, dass Druck von au&szlig;en helfen w&uuml;rde, das Programm zu verbessern?<\/strong><\/p><p>Das w&auml;re ein Baustein von vielen. Bei einer Reform m&uuml;sste es auch um die Rekrutierung f&uuml;r die Redaktionen gehen und um die Ausbildung. Im Moment ziehen die Anstalten einen ganz bestimmten Menschenschlag an. Akademiker aus der Mittelschicht, die sich selbst verwirklichen wollen und nebenbei gleich noch die Welt verbessern. Das f&uuml;hrt zu einem ganz bestimmten Blick auf die Welt und damit zum Gegenteil von Vielfalt. &Uuml;ber die Ausbildung habe ich gerade ein Buch geschrieben und dabei aus den Erfahrungen gesch&ouml;pft, die ich in der DDR gesammelt habe sowie im langen 89er Herbst. All das spricht gegen das Volontariat als K&ouml;nigsweg in den Beruf. Dort lernt man, sich mit den Abh&auml;ngigkeiten von Politik und Wirtschaft zu arrangieren. Auch die Ausbildung muss unabh&auml;ngig sein, genau wie die Aufsicht und die Qualit&auml;tskontrolle.    <\/p><p><strong>Sie haben vorhin gesagt, dass wir eigentlich &uuml;ber fast alles diskutieren m&uuml;ssen. Gibt es etwas, was Sie nicht auf den Pr&uuml;fstand stellen w&uuml;rden?<\/strong><\/p><p>Die Idee des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks. Einige nutzen die aktuelle Debatte ja gleich wieder, um nach Privatisierung zu rufen. Das w&auml;re das Ende jeder gesellschaftlichen Kontrolle. Man muss sich dazu nur anschauen, was die Silicon-Valley-Formen gerade aus dem Internet machen. Reichweitenstarke Plattformen werden einfach gesperrt, weil sie Dinge ver&ouml;ffentlichen, die m&auml;chtige Interessen st&ouml;ren. Die Rundfunkfrequenzen geh&ouml;ren uns. Sie sind ein &ouml;ffentliches Gut. Wir sehen au&szlig;erdem bei der Presse, dass der Markt nicht einfach so Vielfalt produziert, zumindest nicht auf Landes- oder Lokalebene. Wir brauchen deshalb &uuml;berall &ouml;ffentlich-rechtliche Medien: Presse, Radio, Fernsehen, Blogs, digitale Plattformen. <\/p><p><strong>Das klingt nach noch h&ouml;heren Beitr&auml;gen.<\/strong><\/p><p>Vielleicht m&uuml;ssen wir auch da noch einmal ganz neu denken. Heiko Hilker, der beim MDR seit mehr als 20 Jahren im Rundfunkrat sitzt, schl&auml;gt zum Beispiel ein duales System vor, in dem es um Daten geht. Heute haben wir ja auf der einen Seite Medien mit Werbung und auf der anderen Rundfunkbeitr&auml;ge. Hilker sagt: Als Nutzer von digitalen Plattformen muss ich die Wahl haben zwischen privaten Angeboten, die von meinen Daten leben, und &ouml;ffentlich-rechtlichen, die meine Daten wieder l&ouml;schen. Wer unsere Daten nicht nutzen darf, kann einen Beitrag legitimieren. Daten sind das neue Geld. <\/p><p>Titelbild: &copy; Ekkehard Winkler<\/p><p><em>Lesetipp: Meyen, Michael: <a href=\"https:\/\/www.halem-verlag.de\/das-erbe-sind-wir\/\">Das Erbe sind wir: Warum die DDR-Journalistik zu fr&uuml;h beerdigt wurde. Meine Geschichte.<\/a> Halem Verlag. 5. Oktober 2020. 320 S., 28 Euro.<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um die Erh&ouml;hung der Rundfunkgeb&uuml;hren hat hohe Wellen geschlagen. Nun soll das Bundesverfassungsgericht entscheiden. 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Im NachDenkSeiten-Interview legt <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/author\/michaelmeyen\">Meyen<\/a> dar, wie eine von B&uuml;rgern bestimmte Rundfunkaufsicht aussehen k&ouml;nnte, und er zeigt auf,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68236\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":68237,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,209,41,182],"tags":[313,1064,2449,3001,1446,846,897],"class_list":["post-68236","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-interviews","category-medienanalyse","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","tag-oerr","tag-haseloff-reiner","tag-medienstaatsvertrag","tag-meyen-michael","tag-rundfunkabgabe","tag-sachsen-anhalt","tag-transparenz"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/201226_michael-meyen_foto-ekkehard-winkler.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68236"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81055,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68236\/revisions\/81055"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/68237"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}