{"id":68268,"date":"2020-12-29T09:30:40","date_gmt":"2020-12-29T08:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68268"},"modified":"2026-01-27T11:37:29","modified_gmt":"2026-01-27T10:37:29","slug":"corona-massnahmen-wenn-kinder-die-leidtragenden-sind-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68268","title":{"rendered":"Corona-Ma\u00dfnahmen: Wenn Kinder die Leidtragenden sind (1\/2)"},"content":{"rendered":"<p>Wie steht es um die Kinder in Zeiten der Corona-Krise? Wie handeln die Verantwortlichen in der Politik, wenn es um das Wohl und den Schutz der Kinder geht? In einem zweiteiligen NachDenkSeiten-Interview betont der Kindheitswissenschaftler <strong>Michael Klundt<\/strong>, dass <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63671\">Kinder<\/a> und Jugendliche zu den am st&auml;rksten Betroffenen von Corona und den Ma&szlig;nahmen geworden sind. &bdquo;Die meisten politischen Verantwortlichen wissen das&ldquo;, sagt Klundt, der am Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal arbeitet. Klundt kritisiert die S&ouml;der-Parole &bdquo;Wir retten jedes Leben&ldquo;, die &bdquo;sich &uuml;berhaupt nicht mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67634\">Folgen<\/a> und Nebenwirkungen auseinandersetzt.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1391\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-68268-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201229_Corona_Massnahmen_Wenn_Kinder_die_Leidtragenden_sind_Teil_I_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201229_Corona_Massnahmen_Wenn_Kinder_die_Leidtragenden_sind_Teil_I_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201229_Corona_Massnahmen_Wenn_Kinder_die_Leidtragenden_sind_Teil_I_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201229_Corona_Massnahmen_Wenn_Kinder_die_Leidtragenden_sind_Teil_I_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=68268-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201229_Corona_Massnahmen_Wenn_Kinder_die_Leidtragenden_sind_Teil_I_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201229_Corona_Massnahmen_Wenn_Kinder_die_Leidtragenden_sind_Teil_I_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Klundt, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59417\">Kinder<\/a> geh&ouml;ren mit zu jenen Gruppen, die verletzlich sind und einen besonderen Schutz ben&ouml;tigen. Wie ist es mit dem Schutz von Kindern in Zeiten von Corona?<\/strong> <\/p><p>Nun, die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt ja seit Sommer 2020 unaufh&ouml;rlich, &bdquo;Kinder sollen auf keinen Fall Verlierer der Corona-Krise werden&ldquo;. Nur leider sind <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54136\">Kinder<\/a> und Jugendliche jedoch l&auml;ngst zu den am st&auml;rksten Betroffenen von Corona und den Ma&szlig;nahmen dagegen bundesweit und weltweit geworden. Und das Besondere: Alle Entscheidungen seit Fr&uuml;hjahr 2020 fallen &uuml;ber die K&ouml;pfe der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931\">Kinder<\/a> und Jugendlichen hinweg, fast nirgendwo werden sie einbezogen oder wenigstens konsultiert oder auch nur dar&uuml;ber informiert, was man mit ihnen zu tun gedenkt. Und die besonders vulnerablen Gruppen, wie Kinder in Armut, obdachlose Jugendliche, gefl&uuml;chtete Heranwachsende und Minderj&auml;hrige mit Behinderung, sind davon am st&auml;rksten betroffen.<\/p><p><strong>Das d&uuml;rfte der Politik aber bekannt sein, oder?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Die meisten politisch Verantwortlichen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62174\">wissen<\/a> das auch. Der CDU\/CSU-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Ralph Brinkhaus, beschrieb in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 21. August 2020 seine Sicht auf die Corona-Krise und die nun notwendigen Ma&szlig;nahmen. Dabei kam er auch darauf zu sprechen, dass Familien und Kinder, Schulen und Kitas in Corona-Zeiten irgendwie unter die R&auml;der gekommen seien, denn, so Brinkhaus, &bdquo;die sind so ein bisschen vergessen worden bei all den Hilfsma&szlig;nahmen f&uuml;r die Wirtschaft und bei allen Gesundheitsma&szlig;nahmen, aber was wir gesehen haben, das ist eine extreme Belastung, nicht nur f&uuml;r die Kinder, auch f&uuml;r die Familien. Deswegen liegt da jetzt die Priorit&auml;t drauf, weniger auf vollen Stadien bei der Fu&szlig;ball-Bundesliga und anderen Sachen, die ich auch gerne wieder h&auml;tte, aber die jetzt nicht die Priorit&auml;t haben.&ldquo; <\/p><p><strong>Das klingt doch nach Einsicht und einem Anfang.<\/strong><\/p><p>Ja, das klingt so. Aber: Der Unionspolitiker lie&szlig; unbeachtet, dass sich Bundesliga und Baum&auml;rkte bereits lange vor der kleinsten Ber&uuml;cksichtigung von Kitas und Schulen gro&szlig;z&uuml;gigster &Ouml;ffnungen erfreuen durften, w&auml;hrend zum Beispiel der au&szlig;erschulische Bildungs- und Bet&auml;tigungsbereich der Kinder und Jugendlichen (in Form von freier offener Jugendarbeit) sogar im Herbst 2020 immer noch nicht ausreichend ber&uuml;cksichtigt wurde. Das Deutsche Kinderhilfswerk &auml;u&szlig;erte daher auch die Bef&uuml;rchtungen f&uuml;r die Zukunft. Demnach werde man aufgrund der bisherigen Ma&szlig;nahmen &bdquo;sehr viele Kinder und Jugendliche verlieren&ldquo;. Und Bayerns Ministerpr&auml;sident Markus S&ouml;der hat dann auf der Pressekonferenz am 27. Oktober 2020 letztlich auch die Katze aus dem Sack gelassen, als er sagte: &bdquo;Schule und Kita hat ja den Sinn und Zweck, die Wirtschaft am Laufen zu lassen&ldquo;. Der instrumentelle Charakter schreit zum Himmel und von Bildung oder Kinderrechten ist keine Rede.<\/p><p><strong>Die Vereinten Nationen sprachen bereits im April dieses Jahres davon, dass <a href=\"https:\/\/reitschuster.de\/post\/hannes\/\">Kinder zu den gr&ouml;&szlig;ten Opfern<\/a> der Corona-Krise zu z&auml;hlen sind. Worauf basiert diese Aussage?<\/strong><\/p><p>In einer Kurzinformation der Vereinten Nationen von Mitte April 2020 wurde bereits bef&uuml;rchtet, dass Kinder zwar nicht das &bdquo;Gesicht&ldquo; der Corona&ldquo;-Pandemie seien, aber wom&ouml;glich zu deren gr&ouml;&szlig;ten Opfern z&auml;hlten (United Nations 2020, S. 2f.). Weltweit wurden demnach in den Monaten Mitte M&auml;rz bis Mai 2020 &uuml;ber 1,5 Milliarden schulpflichtige Kinder und Jugendliche von Schulen und Bildungseinrichtungen ausgesperrt (vgl. ebd., S. 7). Damit verbunden hatten weltweit pl&ouml;tzlich im Fr&uuml;hjahr 2020 etwa 370 Millionen Kinder durch die Schlie&szlig;ungen und Kontaktsperren auch keine Schulspeisungen mehr erhalten (vgl. UNICEF v. 29.4.2020). Zugleich sind lebensrettende Impfkampagnen gegen Masern und Kinderl&auml;hmung f&uuml;r 117 Millionen Kinder &ndash; unter anderem in Afghanistan und Pakistan &ndash; vorerst gestoppt worden (vgl. UNICEF v. 5.5.2020). Fast ein Drittel aller betroffenen Schulkinder (463 Millionen) hat dar&uuml;ber hinaus in der ganzen Lockdown-Zeit &uuml;berhaupt keinen Ersatzunterricht erhalten (vgl. UNICEF v. 27.8.2020). <\/p><p><strong>Die Folgen d&uuml;rften weitreichend sein.<\/strong><\/p><p>Wie UNICEF zuletzt ermittelt hat, haben Ende Oktober immer noch 265 Millionen M&auml;dchen und Jungen keine Schulspeisungen erhalten, &uuml;ber 250 Millionen Kleinkinder unter f&uuml;nf Jahren bekommen keine lebenswichtigen Vitamin-A-Tabletten, 65 L&auml;nder berichten von einem R&uuml;ckgang von Hausbesuchen durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Vergleich zum Vorjahr. <\/p><p><strong>Wie sieht es aktuell aus?<\/strong><\/p><p>Im November 2020 waren 572 Millionen M&auml;dchen und Jungen von landesweiten Schulschlie&szlig;ungen betroffen &ndash; das sind 33 Prozent aller Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler weltweit. &bdquo;Durch die Unterbrechung lebenswichtiger Dienstleistungen und zunehmender Mangelern&auml;hrung k&ouml;nnten in den kommenden zw&ouml;lf Monaten zwei Millionen Kinder zus&auml;tzlich sterben und die Zahl der Todgeburten um 200.000 zunehmen. In 2020 werden zus&auml;tzlich sechs bis sieben Millionen Kinder unter f&uuml;nf Jahren an Auszehrung oder akuter Mangelern&auml;hrung leiden, eine Zunahme um 14 Prozent. Vor allem in den L&auml;ndern Afrikas s&uuml;dlich der Sahara und in S&uuml;dasien werden hierdurch jeden Monat 10.000 Kinder zus&auml;tzlich sterben. Weltweit sind bis Mitte des Jahres sch&auml;tzungsweise 150 Millionen Kinder zus&auml;tzlich in mehrdimensionale Armut gerutscht &ndash; ohne Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Nahrung, sauberem Wasser und sanit&auml;ren Einrichtungen.&ldquo; (UNICEF 2020: Eine verlorene Covid-19 Generation verhindern, New York\/K&ouml;ln v. 19.11.2020)<\/p><p><strong>Wie passen diese Zahlen zu der veranschlagten Corona-Politik und Politikern, die vorgeben, Leben &bdquo;sch&uuml;tzen&ldquo; zu wollen?<\/strong><\/p><p>Das ist genau meine Kritik. Wer auf die Millionen Toten der globalen Lockdowns und vieler Corona-Ma&szlig;nahmen hinweist, dem wird gerne entgegnet, er verharmlose die Pandemie und wolle wohl &uuml;ber Leichen gehen. Die Absurdit&auml;t dieser Argumentation m&uuml;sste eigentlich allein mit Hilfe der UNICEF-Daten sichtbar werden. Die regierungsfrommen Lockdown- und Ma&szlig;nahmen-Verteidiger sollten zumindest Wirkungen, Nebenwirkungen und Kollateralsch&auml;den in einem evidenzbasierten Pr&uuml;f- und Abw&auml;geverfahren ins Verh&auml;ltnis setzen. Wenn selbst regierungsnahe Studien zur &Uuml;bersterblichkeit in den USA und in Deutschland herausfinden, dass &bdquo;nur&ldquo; die H&auml;lfte davon auf Corona zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei, aber die andere H&auml;lfte schlicht der Nicht-Behandlung anderer Krankheiten (Herz-Kreislauf, Krebs usw.) geschuldet ist, so zeigt dies doch, dass die S&ouml;der-Parole &bdquo;Wir retten jedes Leben!&ldquo;, die sich &uuml;berhaupt nicht mit Folgen und Nebenwirkungen auseinandersetzt, dazu jedenfalls nicht ausreicht.<\/p><p>Ich finde &uuml;brigens sehr wichtig, und das ist auch im Rahmen der WHO-Charta festgelegt, dass die Gesundheit von Kindern nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist. Das Recht auf Gesundheit f&uuml;r alle Menschen, aber insbesondere auch f&uuml;r Kinder, ist ein umfassendes Recht, welches die Beteiligung von Kindern mit beinhaltet, den Kontakt mit anderen Kindern, Netzwerke, die M&ouml;glichkeit, sich miteinander auszutauschen, auch Bildung zu erhalten. Das ist wesentlich umfangreicher gedacht, als es in den letzten Monaten meist &ouml;ffentlich kommuniziert wurde.<\/p><p><strong>Werfen wir mal einen Blick auf Deutschland. Von einem Land wie Deutschland w&uuml;rde man erwarten, dass Politiker die Lage der Kinder ber&uuml;cksichtigen, dass sie einen Mangel rasch abstellen.<\/strong><\/p><p>In der reichen Bundesrepublik Deutschland wurde f&uuml;r Millionen Kinder und Jugendliche im Rechtskreis des sogenannten &bdquo;Bildungs- und Teilhabepakets&ldquo; ab Mitte M&auml;rz 2020 von heute auf morgen das kostenlose Mittagessen in Kitas, Schulen und Jugendclubs eingestellt &ndash; dies ist &uuml;brigens seit Mitte Dezember 2020 abermals der Fall. Auch hier waren hunderttausende von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern mangels digitaler Mittel (wie zum Beispiel Zugang zu einem internetf&auml;higen Computer in der Wohnung) vom sogenannten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60604\">Homeschooling<\/a> <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60621\">ausgeschlossen<\/a> und so manche\/r Lehrer\/in klagte dar&uuml;ber, dass sie mit einigen Schulkindern keinerlei Kontakt herstellen konnten w&auml;hrend des gesamten ersten Lockdowns im Fr&uuml;hjahr 2020. <\/p><p>Dies wird noch untermauert durch einen Bericht von UNESCO, UNICEF und der Weltbank vom 29. Oktober 2020, wonach Schulkinder in L&auml;ndern mit geringem und niedrigem mittleren Einkommen seit Beginn der Pandemie rund vier Monate Unterricht verpasst haben, w&auml;hrend Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in reicheren L&auml;ndern immerhin noch sechs Wochen Unterricht verpasst haben. Allerdings rechtfertigt die Tatsache, dass &auml;rmere L&auml;nder in Krisenzeiten noch gr&ouml;&szlig;ere Probleme bei der Aufrechterhaltung bzw. Herstellung des Menschen- und Kinderrechts auf Bildung haben, es keineswegs, dass reichere Staaten wie Deutschland sehenden Auges solche Exklusionen ebenfalls zulie&szlig;en und zulassen. <\/p><p>Schmerzhafter noch als materielle Einschr&auml;nkungen k&ouml;nnen sich Diffamierungen und Stigmatisierungen auswirken. Auch das Reden &uuml;ber (arme) Kinder und ihre Familien macht also einen Teil der gesellschaftlichen Polarisierungs-Problematik aus, die immer weniger geleugnet werden kann. Dies gilt vor allem dann, wenn die Betrachtung von (Kinder-)Armut durch ein Wechselspiel zwischen Ignoranz, Krokodilstr&auml;nen und Schicksalsgl&auml;ubigkeit gekennzeichnet ist. Besonders bedenklich sind diejenigen Debatten, in denen die betroffenen Kinder und Familien mit den Etiketten &sbquo;selbst schuld&lsquo; oder &sbquo;asozial&lsquo; rhetorisch bedacht werden, denn dann steht statt der Bek&auml;mpfung von Armut eher die Herabw&uuml;rdigung und letztlich Bek&auml;mpfung der Armen im Vordergrund.<\/p><p><strong>Setzt sich nun unter der Corona-Politik fort, was auch schon vor Corona vorhanden war, n&auml;mlich die Mangelerfahrungen von Kindern in unserem Land?<\/strong><\/p><p>Absolut. Schon vor Corona waren die Lebensqualit&auml;t und die Zukunftschancen von Kindern durch das Aufwachsen in Armut massiv beeinflusst. <\/p><p><strong>Wie kann man sich das vorstellen?<\/strong><\/p><p>&Uuml;berproportional oft wohnen sie unter beengten Verh&auml;ltnissen und somit meist ohne einen ruhigen Platz f&uuml;r die Erledigung von Hausaufgaben. Obgleich die Einschr&auml;nkungen aufgrund von elterlichem Sparen nicht an erster Stelle st&uuml;nden, sei doch laut Studien immerhin ein Viertel der armen jungen Menschen von Schm&auml;lerungen beim Essen betroffen, sie k&ouml;nnten also teilweise oder sogar h&auml;ufig nicht ausreichend bzw. zu wenig gesunde Ern&auml;hrung erhalten. W&auml;hrend der permanente Mangel das Familienklima verschlechtere, seien auch die sozialen Netzwerke kleiner, da die Kinder &uuml;berdies weniger Freizeitangebote &ndash; seien es Musikschulen oder Fu&szlig;ballvereine &ndash; wahrnehmen k&ouml;nnten. Nicht zuletzt aufgrund fehlender sozialer Wertsch&auml;tzung entwickelten viele arme Kinder daher ein geringeres Selbstwertgef&uuml;hl und starteten mit ung&uuml;nstigeren Voraussetzungen in die Schule, wo sie selbst bei gleichen Leistungen dann auch noch oft schlechter bewertet w&uuml;rden als Kinder aus wohlhabenden Schichten.<\/p><p><strong>Was bedeutet das f&uuml;r Sie als Wissenschaftler? Welche Schl&uuml;sse ziehen Sie daraus?<\/strong><\/p><p>St&auml;ndige Erfahrungen von Mangel und Verzicht w&auml;hrend und nach Corona tragen dazu bei, dass sich junge Menschen, die in ihrer Kindheit Armutserfahrungen machen m&uuml;ssen, weniger wohl und weniger zugeh&ouml;rig zur Gesellschaft f&uuml;hlen. Ausgehend davon, dass junge Menschen, die dauerhafte Armutslagen erleben und SGB-II-Leistungen beziehen, seltener in einem Verein aktiv oder an organisierten Freizeitaktivit&auml;ten beteiligt sind als besser gestellte Gleichaltrige, besteht die Gefahr, dass sich diese jungen Menschen auch als Erwachsene aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit von der Gesellschaft abkoppeln &ndash; mit weitreichenden Folgen.<\/p><p><strong>Sie unterscheiden in Ihrer Forschung zwischen Armutsursachen und Armutsanl&auml;ssen.<\/strong><\/p><p>Das ist korrekt. Leider werden in Politik, Wissenschaft und Medien immer noch &uuml;berwiegend Ursachen und Anl&auml;sse von (Kinder-)Armut und von Corona-(Ma&szlig;nahme-)Folgen durcheinandergebracht&hellip;<\/p><p><strong>&hellip;und in der Pandemie auch verwechselt?<\/strong> <\/p><p>Ja, das ist der Fall. So erscheinen oft Armutsanl&auml;sse, wie Scheidung, Alleinerziehenden-Status, Migrationshintergrund oder sogar Arbeitslosigkeit in verschiedensten &Auml;u&szlig;erungen aus Politik, Medien und Wissenschaft als Problemursachen. Sie lassen dadurch die wirklich zugrundeliegenden Wurzeln im vorhandenen Wirtschafts- und Sozialsystem ausgeblendet und werden demzufolge mit diesen vertauscht. Dabei kann eine sozial gerechte Familien- und Sozialpolitik und eine gute Bildungs-, Betreuungs- und Arbeitsmarktpolitik auch f&uuml;r Kinder von arbeitslosen, alleinerziehenden oder migrantischen Eltern ein armutsfreies Leben erm&ouml;glichen. <\/p><p>Mit Abstrichen k&ouml;nnte dies selbst f&uuml;r die Corona-Pandemie gelten, welche weniger zur Ursache, denn zum Anlass von versch&auml;rften Verarmungsprozessen landes- und weltweit ger&auml;t (leider nicht nur in verschiedenen autorit&auml;ren Regimen auch zum Vorwand f&uuml;r den Bruch von Gewaltenteilung durch &Uuml;bergehen von Legislative und Judikative seitens der Exekutive sowie durch massivste Grundrechtseinschr&auml;nkungen und Repressionen). Auch hier sollte die Pandemie nicht zu vorschnell allein verantwortlich gemacht werden, sondern die darunterliegenden sozio-&ouml;konomischen sowie bildungs- und gesundheits-systemischen Ursachen sind zu beachten, auch wenn sie allzu oft in Medien, Politik und Wissenschaft von der Epidemie drohen, &uuml;berstrahlt zu werden. <\/p><p>Genauso problematisch wie die einseitige Kennzeichnung von Kindern als &bdquo;Armutsrisiko&ldquo; oder gar &bdquo;Armutsursache&ldquo; hat sich in der Corona-Krise die weitgehend wissenschaftlich unbewiesene Beschreibung und Behandlung von Kindern als reine &bdquo;Viren-Schleudern&ldquo; erwiesen.<\/p><p><strong>K&ouml;nnte man die Kinderarmut in der Corona-Krise als eine Art Elefant im Raum bezeichnen? Sie ist, einerseits, so offensichtlich, andererseits will Politik sie nicht so recht wahrnehmen.<\/strong><\/p><p>Da ist schon was dran. Zumal die Situation ja bereits vor der Corona-Krise keineswegs idyllisch aussah. Kinderarmut in Deutschland heute bedeutet Armut in einem der reichsten L&auml;nder dieser Erde. Es darf nicht vergessen werden, wie viele hunderttausende Menschen inzwischen wieder in Deutschland auf der Stra&szlig;e leben (laut Tagesschau.de v. 11.11.2019 &uuml;ber 678.000 Menschen, darunter um die 37.000 Jugendliche; <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/aktuelles\/alle-meldungen\/hilfe-fuer-junge-wohnungs-und-obdachlose\/133826\">vgl. DJI-Studie<\/a> 2017) und wie viele Menschen vom Flaschen-Sammeln, Betteln oder von Tafeln leben m&uuml;ssen. F&uuml;r sie muss das Motto &bdquo;Wir bleiben zuhause!&ldquo; einigerma&szlig;en befremdend gewirkt haben. <\/p><p><strong>Die Regierung hat viel Geld in die Hand genommen, um zu &bdquo;helfen&ldquo;, wie es hei&szlig;t. Was halten Sie von der Unterst&uuml;tzungsleistung?<\/strong><\/p><p>Die gegenw&auml;rtigen Regierungsma&szlig;nahmen verbleiben trotz aller Investitionspakete weiterhin im Rahmen einer neoliberalen Organisation sozialer Ungleichheit zugunsten weniger und zu Ungunsten sehr vieler Menschen. <\/p><p><strong>Bitte konkret.<\/strong><\/p><p>Wenn zum Beispiel Millionen von Menschen bis zum Ende des Jahres 2020 immer noch keine von der Bundesregierung versprochenen F&ouml;rdermittel und Hilfspakete erhalten haben, aber unterdessen gro&szlig;e Konzerne bereits mit Milliarden von Euros unterst&uuml;tzt wurden, dann ist das eine Schieflage. Wenn zudem staatlich gef&ouml;rderte Gro&szlig;unternehmen zehntausende von Besch&auml;ftigten in von der Solidargemeinschaft mitfinanzierte Kurzarbeit schicken, aber zugleich Milliarden an Dividenden an ihre Gro&szlig;aktion&auml;re de facto von den Steuer- bzw. Beitragszahler(inne)n finanzieren lassen, deutet sich das gleiche neoliberal strukturierte Muster der Privatisierung von Gewinnen und Sozialisierung von Verlusten an. <\/p><p><strong>Weitere Beispiele?<\/strong><\/p><p>Die Bundesregierung hat die Bedingungen in Kitas nicht verbessert. Bel&uuml;ftungsm&auml;ngel und t&auml;glich volle Schulbusse nimmt sie hin, w&auml;hrend Reisebusse, die man zur Entlastung der Schulbusse einsetzen k&ouml;nnte, rumstehen. Die Bundesregierung hat die Bedingungen auch in au&szlig;erschulischen Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel der offenen Jugendarbeit, noch immer nicht verbessert, ganz zu schweigen von der Situation in Krankenh&auml;usern, Pflegeheimen, dem &ouml;ffentlichen Personenverkehr und der Fleischindustrie. Da gibt es keine Korrekturen. Stattdessen appelliert die Regierung t&auml;glich an die private Verantwortung der B&uuml;rger, um die Corona-Krise zu bew&auml;ltigen. <\/p><p><strong>Appelle an die private Verantwortung der B&uuml;rger. Woran erinnert das?<\/strong><\/p><p>Hier wird fortsetzend nach dem neoliberalen Prinzip der Privatisierung aller sozialer und gesundheitlicher Risiken geredet, gehandelt und verordnet. Dazu passt dann auch, dass in pseudonostalgischen Werbefilmchen der Bundesregierung (aus der Zukunft ins Jahr 2020 wie in Kriegszeiten zur&uuml;ckblickend) auf fast allen Fernsehsendern im November 2020 unter dem Slogan &bdquo;besondere Helden&ldquo; (offenbar auf sogenannte Kriegshelden anspielend) f&uuml;r das Zuhausebleiben junger Erwachsener <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=krJfMyW87vU\">geworben<\/a> wird. Die jungen Menschen werden dabei aufgefordert, mit Fast Food und Cola vor dem Fernseher zu &bdquo;verschimmeln&ldquo;, w&auml;hrend weder die Sorgen wirklicher junger Erwachsener um ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und ihren Lebensunterhalt, noch die Sorgen derjenigen (meist jungen) Leute ber&uuml;cksichtigt werden, die das Schnell-Essen herstellen, zubereiten und liefern sollen, welches die &bdquo;besonderen Helden&ldquo; vorm Fernseher verzehren.<\/p><p><strong>Dass Politik auch in der Corona-Krise Instrumente zur Beeinflussung einsetzt, war zu erwarten.<\/strong><\/p><p>Ja, aber es ist erschreckend, wie weit manche dabei zu gehen bereit sind. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2020 wurde ein Konzeptpapier des Bundesinnenministeriums bekannt, dass es in sich hatte. Die Regierungsma&szlig;nahmen gegen die Coronapandemie sollten durch Schock und Angst in der Bev&ouml;lkerung und besonders unter den Kindern verankert werden.  <\/p><p><strong>Auch Kinder gerieten in den Fokus?<\/strong><\/p><p>Ja, insbesondere sie sollten eine regelrechte Erziehung zur Angst vor qualvollem Gro&szlig;elterntod und damit verbundenen Formen von Schuldangst, Depressionen und Traumatisierungsfolgen erhalten. W&ouml;rtlich hie&szlig; es: &raquo;Um die gew&uuml;nschte Schockwirkung zu erzielen, m&uuml;ssen die konkreten Auswirkungen (&hellip;) verdeutlicht werden: Wenn sie (die Kinder; M. K.) dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gef&uuml;hl haben, Schuld daran zu sein, (&hellip;) ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.&laquo; Zur Verst&auml;ndlichmachung der Regierungsma&szlig;nahmen sollte dies den Kindern und ihren Eltern offenbar eingeredet werden. <\/p><p>Die US-amerikanische Autorin Naomi Klein hat eine solche sowohl milit&auml;risch als auch wirtschaftspolitisch angewandte Schockstrategie als Herrschaftsmethode im neoliberalen Kapitalismus begriffen, wodurch mit jeder neuen Katastrophe herrschende Klassen in Wirtschaft und Politik die Welt neu unter sich aufteilen k&ouml;nnen, w&auml;hrend die mehrheitlich betroffenen Bev&ouml;lkerungen sich meist &ndash; wie gel&auml;hmt &ndash; noch in buchst&auml;blicher Schockstarre befinden. Erstaunlicherweise &auml;u&szlig;erte sich auch der Bundestagspr&auml;sident Wolfgang Sch&auml;uble (CDU) w&auml;hrend der Pandemie in &auml;hnlicher Form, als er in der Neuen Westf&auml;lischen vom 20. August sagte: &raquo;Die Coronakrise ist eine gro&szlig;e Chance. Der Widerstand gegen Ver&auml;nderung wird in der Krise geringer&laquo;.<\/p><p><strong>Medien haben damals &uuml;ber das Papier berichtet.<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Aber sie haben es auch schnell wieder vergessen. <\/p><p>Wer den Verdacht &auml;u&szlig;ert, dies k&ouml;nnte auch gegenw&auml;rtig tragendes Motiv f&uuml;r politische, wirtschaftliche und mediale Ma&szlig;nahmen sein, den d&uuml;rften regierungsfromme Fraktionen rasch als Verschw&ouml;rungstheoretiker abstempeln. Ein solcher Verdacht w&uuml;rde unterstellen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von Herrschaft, kapitalistischer gar, und daher auch von Herrschaftsinteressen gepr&auml;gt w&auml;re. Und solche Ansichten werden nicht gerne geh&ouml;rt. <\/p><p>Titelbild: Sharomka\/shutterstock.com<\/p><p><em>Lesen Sie morgen auf den NachDenkSeiten den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68271\">zweiten Teil des Interviews mit Michael Klundt<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie steht es um die Kinder in Zeiten der Corona-Krise? Wie handeln die Verantwortlichen in der Politik, wenn es um das Wohl und den Schutz der Kinder geht? 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