{"id":68333,"date":"2020-12-26T11:30:58","date_gmt":"2020-12-26T10:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68333"},"modified":"2020-12-26T13:43:29","modified_gmt":"2020-12-26T12:43:29","slug":"eine-neue-wirtschaftspolitik-nach-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68333","title":{"rendered":"Eine neue Wirtschaftspolitik nach Corona?"},"content":{"rendered":"<p>Der Corona-Schock hat die Weltwirtschaft massiv ersch&uuml;ttert. Dort, wo sich eine Normalisierung des Infektionsgeschehens abzeichnet, wollen alle so schnell wie m&ouml;glich zur&uuml;ck zur Normalit&auml;t &ndash; ganz besonders in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch gibt es die &ouml;konomische Normalit&auml;t von vor der Krise nicht mehr. Zu stark waren die Ersch&uuml;tterungen, als dass die Wirtschaft nach der Krise die Wirtschaft sein k&ouml;nnte, die wir vorher kannten. Jetzt kommt es darauf an, keine neuen gravierenden Fehler zu machen, die in Deutschland, Europa und der ganzen Welt die wirtschaftliche Entwicklung auf Jahre hinaus sch&auml;digen k&ouml;nnten, schreiben <strong>Friederike Spiecker, Stefan Dudey und Heiner Flassbeck<\/strong> in ihrem <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/atlas-der-weltwirtschaft\/\">&bdquo;Atlas der Weltwirtschaft 2020\/21 &ndash; Zahlen, Fakten und Analysen zur globalisierten &Ouml;konomie&ldquo;<\/a>. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nIn den USA kann man derzeit ein Lehrst&uuml;ck in Sachen falscher wirtschaftspolitischer Weichenstellungen miterleben. Die Unternehmen beginnen n&auml;mlich, die L&ouml;hne der Mitarbeiter zu k&uuml;rzen, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist und sich Arbeiter in existenzieller Not gegenseitig herunterkonkurrieren. Das ist fatal, weil die amerikanische Wirtschaft mehr als irgendeine andere auf Konsum angewiesen ist. Eine K&uuml;rzung der L&ouml;hne f&uuml;hrt unmittelbar zu einem Konsumr&uuml;ckgang, der die Unternehmen insgesamt sch&auml;digt. Wird aus der Lohnk&uuml;rzung ein Massenph&auml;nomen &ndash; und wer wollte das bei &raquo;frei&laquo; entscheidenden Unternehmen verhindern? &ndash;, sind die Lohnk&uuml;rzungen der direkte Weg in die Deflation und eine wirklich kaum noch zu beherrschende Krise. Im Kapitel &raquo;Preise&laquo; gehen wir auf die Gr&uuml;nde ein, warum ein insgesamt fallendes Preisniveau so gef&auml;hrlich ist.<\/p><p>Dieses einzelwirtschaftlich durchaus verst&auml;ndliche Verhalten der Unternehmen ist genau das, was in der gro&szlig;en Depression der 1930er-Jahre in vielen L&auml;ndern einschlie&szlig;lich Deutschlands die gesamtwirtschaftliche Krise dramatisch versch&auml;rfte: Die Deflation wurde dabei durch den Teufelskreis angetrieben, dass immer h&ouml;here Arbeitslosigkeit immer mehr Lohnk&uuml;rzungen zur Folge hatte. Es ist mehr als tragisch, dass fast 100 Jahre sp&auml;ter dieser brisante Zusammenhang offenbar noch immer nicht so verstanden wird, dass rechtzeitig eine klare wirtschaftspolitische Gegenstrategie entwickelt wird (siehe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201110-atlas-03.jpg\">Info-Grafik<\/a>).<\/p><p>Auch in Deutschland besteht bis weit in die Gewerkschaften hinein die Neigung, wegen der schwierigen Wirtschaftslage Lohnforderungen zu reduzieren. In manchen Branchen wie der Luftfahrtindustrie stehen sogar Lohnk&uuml;rzungen auf dem Programm. In der Bauwirtschaft, die von den Corona-Ma&szlig;nahmen kaum betroffen war, ist ein Schlichtungsergebnis f&uuml;r die Tarifverhandlungen mit einem Zuwachs von 2,6 Prozent vorgelegt worden. Das ist gemessen am mittelfristigen gesamtwirtschaftlichen Produktivit&auml;tstrend und der Zielinflationsrate von 2 Prozent zu wenig. Was soll erst in Lohnverhandlungen bei Branchen herauskommen, die von der Krise durchgesch&uuml;ttelt wurden? Es steht zu bef&uuml;rchten, dass auch hierzulande die Rolle der gesamtwirtschaftlichen Lohnentwicklung f&uuml;r die Krisenbek&auml;mpfung nicht nur untersch&auml;tzt, sondern regelrecht missverstanden wird. Es darf nicht um Lohnzur&uuml;ckhaltung gehen, sondern es muss im Gegenteil um die Verhinderung einer Lohndeflation gehen.<\/p><p>Wenn Unternehmen kr&auml;ftig auf die Kosten- und damit vor allem auf die Lohnbremse treten, vermindern sie dadurch immer sofort und unmittelbar die Ertr&auml;ge anderer Unternehmen. Jede Einsparung einer Vorleistung bedeutet einen Verlust von Nachfrage und Ertrag bei einem anderen Unternehmen. Genauso reduziert jeder eingesparte Lohn-Euro anderswo Nachfrage und Ertrag, sieht man von der M&ouml;glichkeit ab, dass der Lohnempf&auml;nger weniger spart, um sein Nachfrageniveau trotz Lohneinbu&szlig;e aufrechtzuerhalten. Dieses Verhalten ist aber bei der Masse der Lohneinkommensbezieher wenig wahrscheinlich in einer Welt gestiegener Unsicherheit und zunehmender Zukunfts&auml;ngste.<\/p><p>Die von den Sparma&szlig;nahmen negativ betroffenen Unternehmen tendieren dazu, ihrerseits das Gleiche zu tun, weil auch sie Verluste f&uuml;rchten. So kommt es zu einer sich selbst verst&auml;rkenden Abw&auml;rtsspirale. Die Unternehmen schaufeln sich &ndash; genau wie sich gegenseitig nach unten konkurrierende Arbeitnehmer &ndash; mit der Kostensenkung gemeinsam ihr eigenes Grab, wenn nicht wenigstens ein m&auml;chtiger Akteur ein Gegengewicht schafft. Dieser Akteur, der auch dann seine Ausgaben nicht k&uuml;rzt (sondern besser noch erh&ouml;ht), wenn er selbst von K&uuml;rzungen der anderen Akteure betroffen ist, kann nur der Staat sein.<\/p><p>Ein aufgekl&auml;rter Staat kann nat&uuml;rlich schon lange, bevor eine deflation&auml;re Situation eintritt, einschreiten und versuchen, die Unternehmen von Kostensenkungen und die Arbeitnehmer von gegenseitigem Niederkonkurrieren abzuhalten. Insbesondere in der heutigen Situation, in der dem Staat das einfache Mittel der Wirtschaftsanregung durch Zinssenkungen nicht mehr zur Verf&uuml;gung steht, d&uuml;rfen auch andere Interventionen nicht von vornherein tabu sein. Der Staat kann bei Lohnabschl&uuml;ssen im &ouml;ffentlichen Dienst mit gutem Vorbild vorangehen, also vern&uuml;nftige Lohnsteigerungen als Anti-Deflationssignal vereinbaren. Er kann zus&auml;tzlich f&uuml;r den Rest der Wirtschaft eine Lohnvorgabe machen, die den Unternehmen untersagt, die L&ouml;hne in der Krise in irgendeiner Weise nach unten anzupassen. Der Staat darf ein Unternehmen allerdings nicht gleichzeitig daran hindern, sein Personal zu verringern, wenn dem Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht.<\/p><p>Der Staat kann durch direkte staatliche Nachfrage die Lage f&uuml;r alle Unternehmen bis zu einem gewissen Grad verbessern und tut das in Deutschland derzeit auch. Doch es gibt Grenzen des Machbaren. Einerseits kann der Staat nicht wirklich alle Bereiche der Volkswirtschaft bedienen, sondern ist extrem baulastig, weil er sich auf die &ouml;ffentliche Infrastruktur konzentriert. Andererseits ist der Staat gerade im Baubereich oft nicht zu schnellem Handeln in der Lage, um einen tiefen Einbruch rechtzeitig abzufangen &ndash; Infrastrukturprojekte erfordern in der Regel langfristige und langwierige Planung. Aus diesem Dilemma gibt es aber einen Ausweg: Der Staat kann all denen, die in einer solchen Krise arbeitslos werden, eine gro&szlig;z&uuml;gige Lohnersatzleistung, also Arbeitslosengeld, in vern&uuml;nftiger H&ouml;he zahlen.<\/p><p>Ersetzte der Staat allen Arbeitslosen zwei Jahre lang 70 Prozent bis 80 Prozent ihres letzten Verdienstes, erleichterte er einerseits die Lohnverhandlungen, die nicht so einfach in deflation&auml;res Fahrwasser gerieten. Andererseits w&uuml;rde der Staat auf diese Weise besser als mit jeder anderen Ma&szlig;nahme die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so st&uuml;tzen, dass sie sich nicht ganz so rapide ver&auml;nderte und damit vorhandene Produktionsstrukturen schlagartig stark unterausgelastet w&auml;ren, was weitere Arbeitslosigkeit nach sich z&ouml;ge. Man kann n&auml;mlich vorhandene Produktionsstrukturen nicht friktionslos durch neue ersetzen &ndash; weder den &raquo;Maschinenpark&laquo; noch die Arbeitskr&auml;fte mit ihrem Know-how. Jeder Umstrukturierungsprozess braucht Zeit und wird in der Regel von Arbeitslosigkeit begleitet. Arbeitnehmern wird dabei hohe r&auml;umliche Mobilit&auml;t und hohe Flexibilit&auml;t hinsichtlich ihrer Anpassungsf&auml;higkeit bei Qualifikation und Berufsfeld abverlangt. Diese Ver&auml;nderungen so gut wie m&ouml;glich abzufedern, ohne sie zu verhindern, ist generell Aufgabe des Staates und erst recht in diesen Zeiten.<\/p><p>Ohne Weiteres umsetzbar ist diese L&ouml;sung in allen gro&szlig;en, relativ geschlossenen Wirtschaftsr&auml;umen. Insbesondere f&uuml;r die USA mit ihrem Exportanteil von unter 15 Prozent kommt es entscheidend auf die Binnennachfrage an, die sich durch eine gro&szlig;z&uuml;gige Arbeitslosenversicherung stabilisieren lie&szlig;e. Auch f&uuml;r die Eurozone insgesamt, wo die Exporte etwa 20 Prozent des BIP erreichen, kann eine solche Ma&szlig;nahme massive Arbeitsmarktprobleme verhindern und so den Auf- und Umbauprozess nach der Corona-Krise f&ouml;rdern.<\/p><p>Viel schwieriger ist es aber in Deutschland, wo der Export einen Anteil von &uuml;ber 45 Prozent am BIP hat. Die deutsche Produktions- und Nachfragestruktur ist angesichts der massiven Verwerfungen bei Einkommen und Gewinnen, die der Schock weltweit nach sich zieht, nicht zukunftsf&auml;hig. In Deutschland sind mehr als in jedem anderen vergleichbaren Land Millionen Jobs wegen der Exportlastigkeit der Wirtschaft gef&auml;hrdet. Die hiesigen Strukturen durch Lohnzur&uuml;ckhaltung wie zu Beginn des Jahrhunderts ein zweites Mal retten zu wollen, hie&szlig;e, die seit vielen Jahren herrschenden Handelsungleichgewichte beibehalten oder gar ausbauen zu wollen. Das wird weder &ouml;konomisch noch politisch bei unseren Handelspartnern durchzusetzen sein. Umso wichtiger ist es, dass der Staat die unausweichliche Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft hin zu mehr Binnennachfrage aktiv begleitet und sich nicht scheut, daf&uuml;r umfangreich Schulden aufzunehmen.<\/p><p>Doch genau bei diesem zweiten gro&szlig;en Thema der Wirtschaftspolitik nach Corona, den &ouml;ffentlichen Schulden, drohen wirtschaftspolitische Weichenstellungen, die verhindern, dass sich die Wirtschaft rasch erholen und wieder neue Arbeitspl&auml;tze schaffen kann. Die Diskussion um die z&uuml;gige Tilgung aller 2020 und 2021 wegen der Krise zus&auml;tzlich aufgenommenen Kredite zeigt, wie unverstanden der gesamtwirtschaftliche Zusammenhang beim Thema Schulden noch immer ist, den wir im Kapitel &raquo;Sparen und Verschulden&laquo; erkl&auml;ren.<\/p><p>Wichtig ist es, sich gerade in einer Zeit massiver Umbr&uuml;che mit den grundlegenden gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen auf nationaler und internationaler Ebene zu befassen. Nur so kann man die Steuerungsaufgaben und Steuerungsm&ouml;glichkeiten des einzelnen Staates und der Staatengemeinschaft in puncto Wirtschaft erkennen. Dass diese M&ouml;glichkeiten gerade zur Bew&auml;ltigung der Corona-Krise intelligent genutzt werden, ist Aufgabe der Politik. Das von ihr einzufordern, ist Aufgabe der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger.<\/p><p><em>Lesetipp: Friederike Spiecker, Stefan Dudey, Heiner Flassbeck: <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/atlas-der-weltwirtschaft\/\">&bdquo;Atlas der Weltwirtschaft 2020\/21 &ndash; Zahlen, Fakten und Analysen zur globalisierten &Ouml;konomie&ldquo;<\/a>, 124 Seiten, durchg&auml;ngig vierfarbig illustriert, Westend Verlag, 9.11.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Corona-Schock hat die Weltwirtschaft massiv ersch&uuml;ttert. Dort, wo sich eine Normalisierung des Infektionsgeschehens abzeichnet, wollen alle so schnell wie m&ouml;glich zur&uuml;ck zur Normalit&auml;t &ndash; ganz besonders in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch gibt es die &ouml;konomische Normalit&auml;t von vor der Krise nicht mehr. Zu stark waren die Ersch&uuml;tterungen, als dass die Wirtschaft nach der Krise die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68333\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":66710,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,156,30],"tags":[290,1187,477,1151,319,479,1177,325],"class_list":["post-68333","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-schulden-sparen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-deflation","tag-keynesianismus","tag-konjunkturpolitik","tag-lohnentwicklung","tag-reservearmee","tag-rezession","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/201110_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68333","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68333"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68333\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68376,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68333\/revisions\/68376"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/66710"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68333"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68333"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68333"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}