{"id":68479,"date":"2021-01-04T16:10:29","date_gmt":"2021-01-04T15:10:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68479"},"modified":"2021-01-04T17:53:01","modified_gmt":"2021-01-04T16:53:01","slug":"richterin-im-rampenlicht-entscheidet-gegen-auslieferung-von-assange-an-die-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68479","title":{"rendered":"Richterin im Rampenlicht entscheidet gegen Auslieferung von Assange an die USA"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Stunden hat Richterin Vanessa Baraitser gegen die Auslieferung von Julian Assange an die US-Justiz entschieden. Ausschlaggebend war am Ende, dass sie die akute Suizidgefahr bei Assange anerkennt und dass diese im &bdquo;unterdr&uuml;ckenden&ldquo; (opressive) Justizvollzug, dem Assange im Falle einer Auslieferung ausgesetzt w&auml;re, nicht ausreichend Beachtung finden w&uuml;rde. Diese Entscheidung kam &uuml;berraschend, weil Richterin Baraitser w&auml;hrend der rund einst&uuml;ndigen Verhandlung der Anklage der USA im Gro&szlig;en und Ganzen gefolgt ist. Vielleicht war am Ende der &ouml;ffentliche Druck auf die Richterin doch zu gro&szlig;, als dass sie alle Argumente gegen eine Auslieferung ignorieren konnte. Von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNachdem es um Julian Assange immer stiller geworden war und oft nur eine Handvoll Unterst&uuml;tzer vor der ecuadorianischen Botschaft in London ihre Solidarit&auml;t mit ihm bekundeten, begleitet von wenigen Medien, hat sich das Interesse an diesem wichtigen Fall in den letzten Wochen und Monaten merklich gesteigert.<\/p><p>Dies ist nicht zuletzt die Folge des stetigen Einsatzes der &bdquo;alternativen&ldquo; Medien, welche nicht in die allgemeine Rufmord- und Ignoranzkampagne mit eingestimmt haben, sondern am Ball blieben, berichteten, Briefe an Verantwortliche schrieben, viele kleine Details aufsp&uuml;rten und weiter verbreiteten, die Licht in diese dunkle Angelegenheit brachten. In den Mainstreammedien ging es zu der Zeit immer noch um angebliche Vergewaltigung, &bdquo;Narzisst&ldquo; und &bdquo;Nichtjournalist&ldquo;<\/p><p>Auch die NachDenkSeiten haben in den letzten Jahren kontinuierlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=assange-julian\">berichtet<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56887\">Stellung bezogen<\/a>, damit das, was an freier Meinungs&auml;u&szlig;erung noch existiert, nicht zusammen mit Assange an die USA ausgeliefert wird. <\/p><p>Die zahlreichen <a href=\"https:\/\/freeassange.eu\/#aktionsuebersicht\">Mahnwachen<\/a> in D&uuml;sseldorf, Berlin, K&ouml;ln, London und an vielen anderen Orten der Welt haben hoffentlich ihr &Uuml;briges getan, um den Verantwortlichen zu zeigen, dass man Assange und das Thema Pressefreiheit nicht einfach in der Versenkung verschwinden lassen kann.<\/p><p>In den letzten Wochen mehrten sich die Zeichen, dass auch die vorher eher wegschauenden Beteiligten nun das Thema nicht mehr ignorieren konnten oder wollten. So formierte sich eine <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Von-Linken-bis-CDU-Mega-Koalition-fuer-Julian-Assange-4997011.html\">fraktions&uuml;bergreifende Arbeitsgruppe<\/a> im Bundestag, es erschienen <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/mediathek\/audio\/wdr5\/wdr5-toene-texte-bilder-beitraege\/audio-was-bleibt-assange-vor-gericht-100.html\">Beitr&auml;ge<\/a> und Editorials in den etablierteren Medien und in den letzten Tagen &auml;u&szlig;erte sich sogar die <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/newsroom\/kofler-assange\/2431344\">Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung<\/a>, wenn auch vorsichtig, besorgt zum Verfahren im Vereinigten K&ouml;nigreich.<\/p><p>Nun hat Baraitser die Verantwortung f&uuml;r die Gefahr f&uuml;r Assanges Leib und Leben auf die n&auml;chsth&ouml;here Instanz abgew&auml;lzt. Dass sie Assanges mentalen Gesundheitszustand als Auslieferungshindernis anf&uuml;hrt, ist erstaunlich, weil sie selbst nichts an seinen Haftbedingungen ge&auml;ndert oder ihn auf Kaution freigelassen hat und ihn im Gericht herabw&uuml;rdigend behandelt hat. Er durfte z.B. nicht bei seinen Anw&auml;lten sitzen, sondern musste wie ein gewaltt&auml;tiger Terrorist in der letzten Reihe sitzen und auf die R&uuml;cken seiner Verteidiger blicken.  <\/p><p>Dies alles hat seine Gesundheit sicher nicht positiv beeinflusst und Frau Baraitser lie&szlig; auch nie den Anschein aufkommen, als interessiere sie dieser &uuml;berm&auml;&szlig;ig. Aber ich mag mich t&auml;uschen und vielleicht wollte Frau Baraitser auch nur unparteiisch erscheinen und ist dabei &uuml;ber das Ziel hinausgeschossen.<\/p><p>W&auml;hrend ich heute die Nachrichten, die aus der Verhandlung sickerten, verfolgte, h&auml;tte ich mir diesen Ausgang nicht tr&auml;umen lassen. Die Richterin folgte eigentlich in allen Punkten der Anklage. N&auml;mlich dass Assange durch seine Ver&ouml;ffentlichungen Menschen gef&auml;hrdet habe, obwohl die Verteidigung im September sehr ausf&uuml;hrlich das Gegenteil darlegte. Au&szlig;erdem bestritt sie die politische Dimension des Falls bzw. sie sagte, dass das britische Auslieferungsgesetz eine Auslieferung in politischen F&auml;llen sowieso nicht mehr verbiete. Sie bestritt auch nicht den Anspruch der USA, weltweit anzuklagen und Publizisten zu verfolgen.<\/p><p>Sie sagte auch, dass Assange in den USA ein faires Verfahren erwarten k&ouml;nne, was angesichts des Verfahrens gegen Chelsea Manning etwas absurd klingt. Nur die Haftbedingungen in US-Hochsicherheitsgef&auml;ngnissen zusammen mit Assanges Gesundheitszustand lie&szlig; sie dann am Ende gegen eine Auslieferung entscheiden.<\/p><p>Die US-Anklagevertreter k&uuml;ndigten Berufung an und daf&uuml;r haben sie zwei Wochen Zeit. Das ist eigentlich erstaunlich, weil die USA behaupten, in den USA w&uuml;rden Assange vier bis sechs Jahre Haft erwarten anstatt der 175 Jahre, von der die Verteidigung spricht. Es stellt sich die Frage, warum die USA so einen Aufwand betreiben, wenn Assange schon mehr als diese Zeit in Unfreiheit verbracht hat. Assange selbst musste auch heute weiterhin in Haft bleiben, denn &uuml;ber einen Kautionsantrag wird erst am Mittwoch am Westminster Magistrates Court entschieden.<\/p><p>Seine Verlobte Stella Moris &auml;u&szlig;erte sich nach der heutigen Verhandlung sehr verhalten &uuml;ber diesen zwiesp&auml;ltigen Ausgang, gab aber ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Julian Assange bald bei ihr und den gemeinsamen S&ouml;hnen sein werde. Des Weiteren appellierte sie an den Noch-US-Pr&auml;sidenten Trump, die Anklage nunmehr fallenzulassen. <\/p><p>Auch Wikileaks-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson bekr&auml;ftigte diese Forderung und auch er betonte, dass das heute Gesagte nicht gut sei f&uuml;r Journalisten in aller Welt, und diesem Urteil w&uuml;rde ich mich wohl anschlie&szlig;en.<\/p><p>In den n&auml;chsten Tagen wird es wohl weitere Reflektionen zum Thema geben und auch eine Reaktion der US-Seite wird sicher interessant zu analysieren sein.     <\/p><p>Titelbild: &copy; Moritz M&uuml;ller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Stunden hat Richterin Vanessa Baraitser gegen die Auslieferung von Julian Assange an die US-Justiz entschieden. Ausschlaggebend war am Ende, dass sie die akute Suizidgefahr bei Assange anerkennt und dass diese im &bdquo;unterdr&uuml;ckenden&ldquo; (opressive) Justizvollzug, dem Assange im Falle einer Auslieferung ausgesetzt w&auml;re, nicht ausreichend Beachtung finden w&uuml;rde. 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