{"id":6849,"date":"2010-09-27T09:24:15","date_gmt":"2010-09-27T07:24:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6849"},"modified":"2019-07-11T16:47:20","modified_gmt":"2019-07-11T14:47:20","slug":"du-bist-deutschland-zu-teuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6849","title":{"rendered":"Du bist Deutschland \u2013 zu teuer!"},"content":{"rendered":"<p>Die Pressemeldung des Bundesbildungsministeriums vom 8. September 2010 titelt: &bdquo;Das Deutschlandstipendium kommt!&ldquo;. Und das tut es denn auch: Wider alle Argumente und Kritik hat in Zeiten vermeintlich knapper Kassen der Bundesrat am 9. Juli diesen Jahres einem entsprechenden Gesetzentwurf der schwarz-gelben Bundesregierung unter der ge&auml;nderten Voraussetzung zugestimmt, dass der Bund allein den gesamten &ouml;ffentlichen Finanzierungsanteil &uuml;bernimmt. Eine Kritik von Jens Wernicke<br>\n<!--more--><br>\nDas Gesetz sieht vor, dass das so genannte &bdquo;Deutschlandstipendium&ldquo; ab dem Sommersemester 2011 an den deutschen Hochschulen mit rund 10.000 Stipendiatinnen und Stipendiaten startet. Der Bund soll dabei 150 Euro pro Stipendium und Monat zahlen, wenn die jeweilige Hochschule den gleichen Beitrag von privater Seite einwirbt. &ldquo;Mit dem Deutschlandstipendium st&auml;rken wir die Vernetzung der Hochschulen mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld und legen den Grundstein f&uuml;r den Aufbau einer Stipendienkultur&rdquo;, betonte Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Mittelfristig sollen acht Prozent der Studierenden in Deutschland, also 160.000 junge Frauen und M&auml;nner, gef&ouml;rdert werden. <\/p><p>Das Gesetz, dessen Perspektive, Funktion und Kontext sind dabei in mehrfacher Hinsicht skandal&ouml;s. Ganz grunds&auml;tzlich ist diesbez&uuml;glich beispielsweise zu konstatieren, dass:<\/p><ol>\n<li>Stipendien an sich ein feudales Instrument sind, dass in diesem Fall einen Rechtsanspruch auf gute Bildung f&uuml;r alle durch G&uuml;nstlingswirtschaft in pers&ouml;nlichen Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnissen f&uuml;r (mindestens) wenige ersetzen soll und wohl auch wird;<\/li>\n<li>die Regierung hier vollabsichtlich nur die vermeintliche &bdquo;Spitze&ldquo; f&ouml;rdert, in der Breite aber spart, indem sie eine notwendige Erh&ouml;hung des BAf&ouml;G verschleppt. Tats&auml;chlich ist davon auszugehen, dass, ersparte man uns das &bdquo;Deutschlandstipendium&ldquo;, das Geld f&uuml;r eine BAf&ouml;G-Erh&ouml;hung auch im knappen Haushalt vorhanden w&auml;re;<\/li>\n<li>das Konzept der Regierung konzeptimmanent darauf abzielt, Stipendien einzig dort zu generieren, wo die Wirtschaft kr&auml;ftig und zur Beteiligung bereit ist, zum anderen aber auch, dieser mehr und mehr Verf&uuml;gungsgewalt &uuml;ber Menschen und Studienschwerpunkte, wenn nicht gar -inhalte, zu verschaffen; Gleichwertigkeit der Lebensverh&auml;ltnisse war sozusagen gestern &ndash; heute geht&rsquo;s um: &bdquo;Humankapital&ldquo; und &bdquo;Biomacht&ldquo; (Foucault);<\/li>\n<li>die Idee des Konzeptes insofern imperialistisch ist, als dass dasselbe von Anfang an darauf abzielt, mittelfristig nicht nur die bisherige &bdquo;Begabtenf&ouml;rderung&ldquo; zu ersetzen, sondern wohl auch eine Alternative zum BAf&ouml;G und somit der staatlichen Ausbildungsf&ouml;rderung als solcher aufzubauen. Nicht nur aber auch aus diesem Grund ist das &bdquo;Deutschlandstipendium&ldquo; daher als dialektische (Kampf-)Ansage zu verstehen. Den Gef&ouml;rderten ruft man in Bertelsmannschen Sinne zu: &bdquo;Du bist Deutschland!&ldquo;, wie schon Deine Eltern zuvor. Dem &bdquo;Rest&ldquo; der Studierenden, auch in der Perspektive immerhin nach wie vor rund 2 Millionen, hingegen: &bdquo;Du bist Deutschland zu teuer!&ldquo; &ndash; und f&uuml;r Deine &bdquo;Nicht-Leistung&ldquo; &uuml;berdies selbst verantwortlich;<\/li>\n<li>&uuml;berdies aber ganz generell ein solches oder anderes &bdquo;Leistungs&ldquo;-Stipendienprogramm dem Ziel der Elitenbildung und -legitimation dient und insofern auch als Nebenher zu einer guten Breitenf&ouml;rderung einen Angriff auf die soziale Gleichheit darstellt. Nicht umsonst ist auf der gemeinsamen <a href=\"http:\/\/www.stipendiumplus.de\/de\/36.php\">Homepage aller Begabtenf&ouml;rderwerke<\/a>, zu denen auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Hans-B&ouml;ckler-Stiftung z&auml;hlen, zu lesen: &bdquo;F&uuml;r die Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft ist nicht allein&nbsp;die Beherrschung rein fachspezifischer Gegenst&auml;nde ma&szlig;geblich, f&uuml;r die ein Zuwachs an Expertenwissen ausreicht. Eliten [&hellip;] lassen sich in einem demokratischen Gemeinwesen [&hellip;] nicht als blo&szlig;e Funktionseliten verstehen, sondern bed&uuml;rfen der R&uuml;ckbindung an Wertma&szlig;st&auml;be. Verantwortungseliten m&uuml;ssen&nbsp;zus&auml;tzlich die F&auml;higkeit haben, sich mit Ph&auml;nomenen wie&nbsp;wachsender Unsicherheit und Intransparenz auseinanderzusetzen&nbsp;und&nbsp;mit zunehmender Komplexit&auml;t, Vernetzung und Dynamik umgehen k&ouml;nnen.&ldquo;;<\/li>\n<li>dieses bedarfsunabh&auml;ngige Stipendium auch insofern einen Paradigmenwechsel darstellt, als dass der Staat mittels der so genannten Begabtenf&ouml;rderwerke bisher bedarfsabh&auml;ngig f&ouml;rderte und somit den wenigen Armen in der F&ouml;rderung auch den BAf&ouml;G-H&ouml;chstsatz, den Verm&ouml;genden unter ihnen jedoch &bdquo;nur&ldquo; das B&uuml;chergeld in H&ouml;he von 80 Euro monatlich zugestand. Die neue Praxis bedeutet nun: Selbst wenn Benachteiligte in den Genuss eines Stipendiums gelangen, erhalten sie nur noch 300 Euro pauschal &ndash; die Privilegierten aber auch, sozusagen als 300-Euro-Taschengeld auf den Unterhalt von Papa und Mama obenauf;<\/li>\n<li>der Verweis auf &bdquo;Leistung&ldquo; als einzigen Indikator f&uuml;r F&ouml;rderw&uuml;rdigkeit die Kodifizierung sozialer Selektion darstellt, ist die vermeintlich attestierte &bdquo;Leistung&ldquo; doch eben ein Messen an b&uuml;rgerlichen Werten, dass stets und st&auml;ndig, zumindest in der &uuml;berwiegenden Mehrzahl aller F&auml;lle, Kindern b&uuml;rgerlicher Herkunft aufgrund ihres kulturellen Kapitals eine h&ouml;here &bdquo;Leistungsf&auml;higkeit&ldquo; attestiert und somit den Privilegierten bescheinigt, sich ihre qua Herkunft und materiellem Besitz vorhandenen Privilegien verdient weil &ndash; mittels Leistung &ndash; erarbeitet zu haben. Es gibt insofern kaum eine bessere M&ouml;glichkeit, fast ausschlie&szlig;lich den Kindern der Besitzendem im Lande mehr Geld aus Steuermitteln zur Verf&uuml;gung zu stellen, als dies zu tun, indem man einen unfairen Leistungswettbewerb, der das Vorhandensein ihrer Privilegien negiert, organisiert und den Siegenden schlie&szlig;lich eine hochdotierte Pr&auml;mie zugesteht;<\/li>\n<li>ein Ausbau von Stipendien vor dem Hintergrund immer gr&ouml;&szlig;er werdender gesellschaftlicher Armut auf der einen und privaten Reichtums auf der anderen Seite per se eine Funktion erf&uuml;llt, n&auml;mlich die der Legitimierung wachsender sozialer Ungleichheit auf der biologistischen Folie vermeintlicher &bdquo;Begabungsgerechtigkeit&ldquo;, die letztlich darauf rekurriert, dass im Kapitalismus sich die Reichen ihre Stellung vermeintlich selbst erarbeitet und die Armen ihr Elend eben selbst verschuldet h&auml;tten &ndash; und das aus dieser Sicht, auch und insbesondere in sich selbst als links verstehenden Kreisen, eines akut ansteht: Kritik der Leistungs- und Begabungsideologie.<\/li>\n<\/ol><p>In meinen Onlineartikeln zu genereller <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/Hintergrund\/pisa_chancenungerechtigkeit.php\">Kritik an Leistungsmessung im Bildungssystem<\/a>, zu allgemein notwendiger <a href=\"http:\/\/www.bafoeg-rechner.de\/Hintergrund\/art-647-stipendienkritik.php\">Stipendienkritik unabh&auml;ngig vom nun neu Geplanten<\/a> sowie zum <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/art-679-klassenbildung.php%20\">klassistisch-sozialdarwinistischen Bildungsverst&auml;ndnis auch vieler &bdquo;Linker&ldquo;<\/a> habe ich mich diesbez&uuml;glich um Aufarbeitung bem&uuml;ht.<\/p><p>Dieser Kommentar erscheint voraussichtlich in der kommenden Ausgabe der <a href=\"http:\/\/www.jdjl.org\/cms\/index.php?page=zeitungen\">tendenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pressemeldung des Bundesbildungsministeriums vom 8. September 2010 titelt: &bdquo;Das Deutschlandstipendium kommt!&ldquo;. Und das tut es denn auch: Wider alle Argumente und Kritik hat in Zeiten vermeintlich knapper Kassen der Bundesrat am 9. 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