{"id":68546,"date":"2021-01-06T10:21:14","date_gmt":"2021-01-06T09:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68546"},"modified":"2021-01-06T11:13:30","modified_gmt":"2021-01-06T10:13:30","slug":"britischer-ex-botschafter-der-krieg-gegen-syrien-geht-weiter-mit-us-besatzung-sanktionen-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68546","title":{"rendered":"Britischer Ex-Botschafter: Der Krieg gegen Syrien geht weiter \u2013 mit US-Besatzung, Sanktionen, Propaganda"},"content":{"rendered":"<p>Syrien und seine Verb&uuml;ndeten haben einen Regime Change verhindert, doch die USA und ihre Verb&uuml;ndeten quetschen die syrische Bev&ouml;lkerung weiter aus &ndash; mittels harscher Sanktionen, die alle Bereiche des Lebens treffen, und durch die US-Milit&auml;rbesatzung von Syriens Brotkammer im Nord-Osten. <strong>Peter Ford<\/strong>, fr&uuml;herer britischer Botschafter in Syrien und Co-Vorsitzender der &bdquo;British Syrian Society&ldquo;, analysiert den Stellvertreterkrieg in Syrien und den Propaganda-Feldzug, mit dem man ihn reinwaschen will. Die NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichen hier ein <a href=\"https:\/\/thegrayzone.com\/2020\/12\/20\/ex-uk-ambassador-war-on-syria-continues-with-us-occupation-sanctions-propaganda\/\">Interview<\/a>, das Aaron Mat&eacute; vom Medium &bdquo;The Grayzone&ldquo; mit Peter Ford gef&uuml;hrt hat. &Uuml;bersetzung: <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Kommen wir zun&auml;chst dazu, wie Sie Syrien heute sehen. Der Stellvertreterkrieg ist im Wesentlichen vorbei, doch jetzt gibt es eine neue Front &ndash; die Wirtschaftssanktionen, die den Wiederaufbau Syriens verhindern. Eine gro&szlig;e Provinz, Idlib, wird noch von &bdquo;Rebellen&ldquo; kontrolliert, und die USA besetzen den Nordosten des Landes. Wo steht denn Syrien in Ihren Augen heute, zehn Jahre nach Beginn des Stellvertreterkrieges?<\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Nun ja, die Situation ist seit einem Jahr nahezu unver&auml;ndert. Seit die syrischen Regierungstruppen einen Streifen des s&uuml;dlichen Idlib im M&auml;rz zur&uuml;ckerobert haben, herrscht praktisch ein Patt. <\/p><p>Zu jenem Zeitpunkt hat die t&uuml;rkische Armee massiv eingegriffen und die Kriegshandlungen praktisch beendet. Heute kontrollieren die Truppen der syrischen Regierung rund 70 Prozent des Landes. Daneben gibt es die widerst&auml;ndigen dschihadistischen K&auml;mpfer, die die Provinz Idlib und einige Gebiete in den Nachbarprovinzen kontrollieren, und dann haben wir das gro&szlig;e Land-Dreieck &ndash; das ich den Wilden Osten Syriens nenne &ndash; Tausend Meilen entlang der t&uuml;rkischen Grenze und dann s&uuml;dlich entlang der Grenze zum Irak. Und dieses Gebiet ist praktisch ein US-Protektorat. Dort sind US-Truppen, die von kurdischen Milizen, den sogenannten syrischen demokratischen Kr&auml;ften, unterst&uuml;tzt werden.<\/p><p>Und durch ihre blo&szlig;e Anwesenheit verhindern sie das Vorr&uuml;cken der syrischen Regierungsstreitkr&auml;fte. Die Folge ist, dass das syrische Volk keinen Zugang zu den gro&szlig;en &Ouml;lreserven und der Kornkammer in dieser Region bekommt. Insofern ist der Krieg im vergangenen Jahr eher ein Wirtschaftskrieg denn ein milit&auml;rischer Krieg gewesen. <\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Der bisherige US-Vertreter der Anti-IS-Koalition, der Gesandte James Jeffrey, hat k&uuml;rzlich eine Reihe von Interviews gegeben, in denen er die aktuelle US-Strategie f&uuml;r Syrien recht offengelegt hat. Er sagt: &bdquo;Es geht im Grunde in erster Linie darum, der Assad-Regierung den milit&auml;rischen Sieg zu verweigern&hellip; Und nat&uuml;rlich haben wir Assads Isolation und den Sanktionsdruck versch&auml;rft, wir haben darauf bestanden, dass Syrien keine Hilfe beim Wiederaufbau bekommt, die das Land unbedingt braucht. Sie sehen ja, was mit dem syrischen Pfund passiert ist, was mit der gesamten Wirtschaft passiert ist. Es war also eine sehr effektive Strategie.&rdquo; <\/p><p>Wie w&uuml;rden Sie das kommentieren?<\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Das ist moralisch absolut verkommen. Total ersch&uuml;tternd. Ein Gest&auml;ndnis, dass es die US-Strategie war, das syrische Volk zu bestrafen, weil man hoffte, so an Assad ranzukommen.<\/p><p>Die Politik ist insofern effektiv, als das syrische Volk darunter jeden Tag leidet. Die Menschen m&uuml;ssen sich lange anstellen, um Brot oder Benzin zu bekommen. Die Sanktionspolitik und die Verweigerung von Wiederaufbauhilfe erweist sich als effektiv, aber was ist das bittesch&ouml;n f&uuml;r eine Politik, die versucht, ein ganzes Land ins Elend zu sto&szlig;en? Es ist eine wahnhafte Vorstellung, weil es nicht einmal funktionieren wird.<\/p><p>Die zehn Jahre lange Erfahrung mit diesem Konflikt legt nahe, dass die syrische Regierung erstaunlich widerstandsf&auml;hig ist. Sie hing schon oft in den Seilen und hat sich doch wieder aufgerappelt, weil sie von weiten Teilen der syrischen Bev&ouml;lkerung unterst&uuml;tzt wird. Assad wird unter diesem neuerlichen versch&auml;rften wirtschaftlichen Druck nicht einknicken. Es ist vollkommen wahnwitzig zu glauben, dass diese zynische, kaltschn&auml;uzige Politik aufgehen k&ouml;nnte. Diese Politik ist sogar nach ihren eigenen Ma&szlig;st&auml;ben gescheitert, wenn das Ziel ein Regime Change in Syrien ist. Das wird nicht funktionieren. Es wird nicht hinhauen. Und doch schreckliches Leid verursachen. Das Leid in Syrien ist heute vergleichbar mit dem, was der Irak vor dem Irak-Krieg erlebt hat.   <\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Und jene Situation im Irak f&uuml;hrte dazu, dass zwei UN-Koordinatoren, die die Folgen dieser Politik &uuml;berblickten, zur&uuml;ckgetreten sind, weil sie die von den USA verfolgte Sanktionspolitik gegen den Irak als V&ouml;lkermord bezeichneten. Doch heute bleibt diese Art Aufschrei &uuml;ber die US-Sanktionen gegen Syrien aus, die dazu dienen, wie James Jeffrey offen sagt, den Wiederaufbau zu verhindern. K&ouml;nnen Sie uns die konkreten Auswirkungen auf den Versuch, Syrien wieder aufzubauen, schildern? Uns erreichen ja Berichte von langen Schlangen von Menschen, die f&uuml;r Brot und andere Grundnahrungsmittel anstehen, die keinen Treibstoff haben, von &Auml;rzten, die medizinische Ersatzteile ins Land schmuggeln, um ihre Ger&auml;te weiterbetreiben zu k&ouml;nnen.   <\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Ja, das stimmt. Die Architekten der Sanktionen, die westlichen Regierungen, die sie verh&auml;ngt haben, allen voran die USA und Gro&szlig;britannien, behaupten ja, es g&auml;be Ausnahmen f&uuml;r Medizing&uuml;ter. Doch das ist eine zynische Behauptung. Sie wissen nur allzu gut, dass die Sanktionen in der Praxis die Anbieter abschrecken. Man kann in dem Regelwerk zu den Sanktionen keine Passage finden, die den Handel mit humanit&auml;ren G&uuml;tern verbietet. Trotzdem lassen die Banken tunlichst ihre Finger von jeglicher Dollar-Transaktion mit Syrien, weil die Sanktionen sich insbesondere auf das Bankengesch&auml;ft abschreckend auswirken. Und auch sehr viele Anbieter von medizinischem Ger&auml;t werden abgeschreckt. Das beklagen selbst einige Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, die ja eigentlich die westlichen Regierungen unterst&uuml;tzen. Es ist ein Skandal. Und die Scheinheiligkeit der Behauptung, dass es Ausnahmen f&uuml;r medizinische Ausr&uuml;stung g&auml;be, ist einfach haarstr&auml;ubend.  <\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Ich m&ouml;chte Ihnen noch ein Zitat von James Jeffrey vorlesen. Als er sein Amt verlie&szlig;, gab er in einem anderen Interview zu, dass er das Wei&szlig;e Haus und die &Ouml;ffentlichkeit hinsichtlich der US-Truppen in Syrien get&auml;uscht hatte. Er sagte: &bdquo;Wir haben immer H&uuml;tchenspiele gespielt, um vor unserer F&uuml;hrung zu verschleiern, wie viele Soldaten wir dort hatten.&ldquo; <\/p><p>Was ist das Ziel der US-Truppen in Syrien derzeit? Trump hat sehr offen &uuml;ber den Diebstahl von Syriens &Ouml;l gesprochen. Was aber ist das geopolitische Ziel? Es geht ja nicht nur um das &Ouml;l selbst, sondern auch darum, was dieses &Ouml;l f&uuml;r Syrien bedeutet. Au&szlig;erdem wird in dieser Region ein gro&szlig;er Teil des Weizens f&uuml;r Syrien angebaut, es geht also auch um die Ern&auml;hrung, wenn ich das richtig verstehe.<\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Das ist richtig. Die Truppen dort dienen vor allem als Stolperdraht, als Abschreckung. Sollten die syrischen Regierungstruppen vorr&uuml;cken, w&uuml;rden sie &uuml;ber ein paar US-Soldaten stolpern und das w&uuml;rde eine massive Intervention der amerikanischen Luftstreikkr&auml;fte ausl&ouml;sen. Darauf zielt die Pr&auml;senz ab, und um so einen Stolperdraht zu bilden, brauchen sie nicht einmal eine gro&szlig;e Anzahl von Soldaten.<\/p><p>Jedenfalls ist es interessant, dass die Architekten dieser Strategie im Staatsapparat der USA es n&ouml;tig fanden, die Spitze der Exekutive, den Pr&auml;sidenten, &uuml;ber die Truppenst&auml;rke im Ungewissen zu lassen. Trump scheint den Eindruck gewonnen zu haben, dass es sich um einige Hundert Soldaten handele, w&auml;hrend es de facto wahrscheinlich eher zwischen zwei- und viertausend sind. Die T&auml;uschung, die hier &ndash; auf jeder Ebene &ndash; stattfindet, ist f&uuml;r mich als ehemaliger Botschafter und Insider des britischen Systems einfach atemberaubend. Ich finde das absolut unfassbar.<\/p><p>Aber Jeffrey trifft mit seiner zynischen Bewertung ins Schwarze, dass n&auml;mlich die Pr&auml;senz dieser Truppen einen gro&szlig;en geopolitischen Vorteil f&uuml;r die USA darstellt. Sie behindert die Russen, die versuchen, die Verh&auml;ltnisse in Syrien zu normalisieren. Wenn man also davon ausgeht, dass der Sinn dieses Krieges darin besteht, einen Sieg Russlands zu verhindern, dann geht diese Strategie ziemlich gut auf. Wenn man aber sagt, was die meisten politischen Entscheidungstr&auml;ger behaupten w&uuml;rden, dass das Ziel darin besteht, den Konflikt zu beenden, dann erreicht die Strategie das Gegenteil.  <\/p><p>Jeffrey sagte also im Grunde, dass die USA den Plan A hatte, so nannte er es, den Konflikt in die L&auml;nge zu ziehen und eine L&ouml;sung zu verhindern, die vielleicht nicht im Sinne der von den USA vorgezogenen L&ouml;sung ohne Assad w&auml;re. Das ist Plan A. Er machte daraus keinen Hehl. Plan B bestand darin, eine Art Marionetten-Regime zu installieren; dar&uuml;ber, wer Assad dann eigentlich ersetzen sollte, hat er wenig gesagt. Kein Wunder, Plan B ist ja eine Luftnummer. Da gibt es keinen Mandela in Syrien, der auf seine Chance wartet. Da gibt es nur einen Haufen islamistischer Fanatiker, welche die Vereinigten Staaten angeblich bek&auml;mpfen. Das ist Plan B.<\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Was meinen Sie war das Ziel des Stellvertreterkrieges? Sie waren ja zwischen 2003 und 2006 britischer Botschafter in Syrien. Damals war die Rede von einer &Ouml;ffnung zwischen Assad und dem Westen. Dazu kam es nicht. Warum haben die USA und ihre Verb&uuml;ndeten so viel Geld und Energie in diesen Stellvertreterkrieg gesteckt? Die New York Times nennt es eines der kostspieligsten Programme von verdeckten Aktionen in der Geschichte der CIA. Laut <em>Washington Post<\/em> hatte die CIA f&uuml;r den Stellvertreterkrieg in Syrien ein Budget von fast einer Milliarde US-Dollar im Jahr. Welches Ziel hat man denn Ihrer Meinung nach verfolgt?<\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Nun, ich sage Ihnen mal, was nicht das Ziel war. Der US-Politik geht es nicht darum, in Syrien eine demokratische Regierung zu installieren. Daf&uuml;r gibt es nicht die geringste Chance, w&auml;hrend die USA zugleich de facto islamistische Fanatiker und anderswo im Mittleren Osten Regime wie das Feudalregime von Saudi-Arabien unterst&uuml;tzen. Nein, es geht eben nicht um Demokratie. Es geht einerseits darum, Israel zu helfen, und andererseits, gegen Russland zu punkten. Darum dreht sich letzten Endes der ganze Krieg aus Sicht der USA. <\/p><p>Was Israel angeht, liegt die Motivation auf der Hand: Syrien beharrt st&ouml;rrisch darauf, dass die von Israel eroberten Golanh&ouml;hen zur&uuml;ckgegeben werden, und steht treu an der Seite der Pal&auml;stinenser. Diese S&uuml;nden konnte man Syrien nie vergeben. Au&szlig;erdem stehen sich Russland und Syrien seit 50 Jahren recht nahe. Ich bin mir aber sicher, h&auml;tte Syrien irgendwann einmal angeboten, die Seiten zu wechseln, w&uuml;rden die USA heute Assad unterst&uuml;tzen. <\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Ich w&uuml;rde gerne erfahren, wie Sie &uuml;ber den Skandal der OPCW (Organisation f&uuml;r das Verbot Chemischer Waffen; Anmerkung der &Uuml;bersetzerin) denken. &Uuml;ber die OPCW-Inspektoren, die im April 2018 den Chemiewaffenangriff in der Stadt Douma untersucht haben, habe ich ja ausf&uuml;hrlich berichtet. Der Angriff war die Grundlage f&uuml;r die von den USA angef&uuml;hrten Luftangriffe auf Syrien im selben Monat. Die Beweise, die diese Inspektoren gesammelt hatten, wurden unterdr&uuml;ckt und sie selbst von ihrer Untersuchung abgezogen. Dabei waren die Vorw&uuml;rfe wegen der Chemiewaffenangriffe in Syrien zentral f&uuml;r das Narrativ, mit dem man den Stellvertreterkrieg am K&ouml;cheln h&auml;lt und jetzt die Sanktionen gegen Syrien rechtfertigt: Das Narrativ lautet ja, dass wir eben dieses Regime sanktionieren m&uuml;ssen, weil es Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk einsetzt. Wie sehen Sie denn die Kontroverse um Douma und die Unterdr&uuml;ckung der OPCW-Untersuchungsergebnisse und der eigenen Ermittler durch die OPCW?<\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Ja, Chemiewaffen in Syrien spielen eine gro&szlig;e Rolle, wie damals im Irak. Und die Welt leidet unter Ged&auml;chtnisverlust, was den Irak, die nicht existenten Massenvernichtungswaffen und das Dossier von Colin Powell angeht, das er vor den Vereinten Nationen pr&auml;sentiert hat. Es hat was von &bdquo;Und t&auml;glich gr&uuml;&szlig;t das Murmeltier&ldquo;, wenn man die Behauptung h&ouml;rt, Assad h&auml;tte Chemiewaffen eingesetzt. <\/p><p>Zun&auml;chst einmal erg&auml;be der Einsatz von Chemiewaffen f&uuml;r Assad keinen Sinn; das w&auml;re nur ein Eigentor gewesen. W&auml;re ihm daran gelegen gewesen, eine massive Milit&auml;rintervention des Westens herbeizuf&uuml;hren, dann h&auml;tte er es genau so anstellen m&uuml;ssen. Man m&uuml;sste entweder unglaublich wirr im Kopf oder wahnhaft sein anzunehmen, dass Assad so d&auml;mlich gewesen sein k&ouml;nnte, genau das zu tun, was seine Vernichtung herbeif&uuml;hrt oder herbeif&uuml;hren k&ouml;nnte, n&auml;mlich Chemiewaffen einzusetzen.<\/p><p>Es ist einfach nicht zu fassen, denn was wir hier gesehen haben, ist eine ausgefeilte T&auml;uschung, davon bin ich ziemlich &uuml;berzeugt. Eine Serie von T&auml;uschungen. Es ist sehr vielsagend, dass keiner der F&auml;lle, in denen angeblich Chemiewaffen eingesetzt wurden, von der UN oder anderen internationalen Untersuchungen unter die Lupe genommen wurden. Die einzige Ausnahme ist Douma. Und warum Douma? Weil das ein St&uuml;ck Land ist, das die Regierungskr&auml;fte sofort nach dem angeblichen Vorfall wieder einnehmen konnten, so dass die Vereinigten Staaten und ihre Verb&uuml;ndeten die internationalen Ermittler nicht fernhalten konnten. Es hielt sie aber nicht davon ab, Syrien zu bombardieren; sie fingen damit an, ohne die Ankunft der internationalen Ermittler in dem Gebiet abzuwarten. Und seitdem erleben wir einen ausgekl&uuml;gelten Versuch, die Sanktionen und die grausame Politik, die wir vorher besprochen haben, nachtr&auml;glich zu rechtfertigen. Das ist letztendlich das Ziel der Chemiewaffen-T&auml;uschungen: die Besatzung von Nordost-Syrien und den anhaltenden brutalen &ouml;konomischen Druck zu rechtfertigen.<\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Und wie interpretieren Sie die Tatsache, dass die Medien dem Thema relativ wenig Beachtung schenken? Wir haben auf <em>The Grayzone<\/em> viel dar&uuml;ber berichtet. Der verstorbene Robert Fisk hat dar&uuml;ber ein wenig f&uuml;r den <em>Independent<\/em> geschrieben; er war ja tats&auml;chlich in Douma kurz nach dem angeblichen Angriff und hat Beweise daf&uuml;r gefunden, dass die Szenen im Krankenhaus gestellt wurden. Danach wurden die Beweise dieser Inspektoren geleakt. Die &Ouml;ffentlichkeit hat also erfahren, dass die Inspektoren, die in Douma waren, zu ganz anderen Schl&uuml;ssen gelangt waren als denen, die ver&ouml;ffentlicht wurden. Man hat erfahren, dass man zentrale Beweise und Unterlagen zensiert und durch falsche, beweislose Schlussfolgerungen ersetzt hat, um der &Ouml;ffentlichkeit weiszumachen, dass Syrien selbst hinter dem Chemikalien-Angriff stecke. Und trotzdem hat ein Gro&szlig;teil der Medien, vor allem im Westen, nur recht verhalten berichtet. Wie erkl&auml;ren Sie sich das? <\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Nun, ich bin ja nicht nur ein ehemaliger britischer Diplomat, sondern auch ein fr&uuml;herer UN-Beamter. Ich habe acht Jahre lang f&uuml;r eine UN-Fl&uuml;chtlingsorganisation im Mittleren Osten gearbeitet, und was hier passiert ist, wundert mich nicht im Geringsten. Denn ich habe selbst mitbekommen, wie der Westen, insbesondere die USA, in der UN-Maschinerie Druck aus&uuml;ben. Man kann bei den Vereinten Nationen keine besonders steile Karriere hinlegen, wenn man sich die USA zum Feind macht, indem man ehrlich bleibt. Und deshalb ist eine Organisation wie die WHO f&uuml;r die USA und ihre Verb&uuml;ndeten, inklusive Gro&szlig;britannien, immer &auml;u&szlig;erst leicht zu manipulieren. Sehr h&auml;ufig bringen sie darin ihre eigenen Leute unter. <\/p><p>Aber gelegentlich schl&uuml;pft jemand durchs Netz, jemand, ein ehrlicher Mensch von gewisser Integrit&auml;t, und das ist hier bei der OPCW passiert. Und diese Herren haben einen Bericht verfasst, in dem sie darlegten, dass sie Hinweise darauf gefunden haben, die eher auf eine Inszenierung des Vorfalls als auf einen echten Vorfall hindeuteten. Seitdem werden diese Ermittler verunglimpft, verurteilt, sabotiert. Und die Kampagne gegen die Wahrheit geht immer weiter. <\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Apropos, neulich brachte die BBC eine Podcast-Serie mit dem Titel &bdquo;Mayday&ldquo;, in der Sie interviewt wurden. Die hat mich auch angewidert. Eine Folge war der Verunglimpfung dieser OPCW-Inspektoren gewidmet. Man hat versucht, die Behauptung zu st&uuml;tzen, dass in Douma tats&auml;chlich ein Chemieangriff stattgefunden habe. Der Rest der Serie hatte sich der Imagepflege der Wei&szlig;helme und ihrem verstorbenen Gr&uuml;nder James Le Mesurier, einem britischen Ex-Milit&auml;r, verschrieben.<\/p><p>Die Wei&szlig;helme spielten ja eine Rolle bei diesen Chemieangriffen. Sowohl im Falle von Douma als von Chan Schaichun im Jahr davor stammten Unterlagen und Beweise, die Eingang in die Abschlussberichte fanden, von den Wei&szlig;helmen. Und diese Abschlussberichte hatten zum Ziel, das Narrativ vom Chemieangriff zu st&uuml;tzen. Im Falle von Douma gibt es sogar Beweise daf&uuml;r, dass die Wei&szlig;helme an der Inszenierung der Krankenhaus-Szene in Douma beteiligt waren, die so wirken sollte, als h&auml;tte ein Angriff stattgefunden. Es gibt sogar einen BBC-Producer namens Riam Dalati, der behauptet, Beweismaterial daf&uuml;r gefunden zu haben, dass diese Szene eindeutig mithilfe der Wei&szlig;helme inszeniert wurde. Er hat das Material allerdings noch nicht ver&ouml;ffentlicht. Wie sehen Sie denn die Wei&szlig;helme, wer sind sie und welche Rolle spielen sie?<\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Die Rolle der Wei&szlig;helme ist absolut entscheidend f&uuml;r das Bem&uuml;hen des Westens, Syrien mittels dieses Vorwurfs des Chemiewaffeneinsatzes zu schw&auml;chen. Ich denke, dass die westlichen Regierungen nach dem Irak-Debakel erkannt haben, dass sie &ndash; sollten sie wieder einmal Behauptungen &uuml;ber Massenvernichtungswaffen, Chemiewaffen oder was auch immer aufstellen &ndash; schlagende Beweise vorzeigen m&uuml;ssten. <\/p><p>Und das ist die Aufgabe der Wei&szlig;helme. Sie haben die gef&auml;lschten Bilder von gef&auml;lschten Vorf&auml;llen erzeugt, die schlagende Beweise darstellen sollen. Und das ist absolut zentral f&uuml;r die Propaganda zur Rechtfertigung der Bombardierungen und des erbarmungslosen &ouml;konomischen und milit&auml;rischen Drucks auf Syrien. Ohne die sogenannten Zeugenaussagen, das Video, die inszenierten Videos, die Augenzeugenberichte, die die Wei&szlig;helme liefern, w&auml;re die Story noch unglaubw&uuml;rdiger, als sie eh schon ist. Aber f&uuml;r die US-Regierung und andere westliche Regierungen ist das nur ein kleiner Einsatz im Verh&auml;ltnis zu dem, was auf dem Spiel steht. Sie unterst&uuml;tzen die Wei&szlig;helme mit rund 50 Millionen US-Dollar im Jahr. Das sind Peanuts im Vergleich zu den Vorteilen, die sie sich davon erhoffen, wenn sie Syrien in die Knie zwingen.<\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Und die Wei&szlig;helme sind weltweit als Rettungstrupp bekannt. Man hat Dokumentarfilme &uuml;ber sie gedreht. Einer davon hat sogar einen Oscar gewonnen. Es gibt Aufnahmen von ihnen, wie sie Zivilisten aus Geb&auml;uden retten, die von Syrien oder Russland bombardiert wurden. Seitdem genie&szlig;en sie den Ruf, edle Retter zu sein. Berichte aus Syrien selbst und &uuml;ber den Tod des Wei&szlig;helm-Gr&uuml;nders James Le Mesurier zeigen eine eher d&uuml;stere Seite: Auf Videoaufnahmen sieht man, wie sie Seite an Seite mit Dschihadisten arbeiten, auch bei Exekutionen in den St&auml;dten, welche die Dschihadisten kontrollierten. Le Mesurier war in Finanzbetrug verwickelt. Das hat er in einer Mail kurz vor seinem Tod einger&auml;umt. Au&szlig;erdem ist umstritten, wie er &uuml;berhaupt gestorben ist. Man geht von Selbstmord aus, es k&ouml;nnte aber auch sein, dass er einfach vom Dach oder Balkon seines Hauses gest&uuml;rzt ist. Das ist unklar &ndash; was halten Sie von Le Mesurier, wer war er wirklich und was f&uuml;r eine Rolle haben die Wei&szlig;helme tats&auml;chlich in Syrien gespielt?  <\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Er ist ein interessanter Typ. (&hellip;) aber ich glaube, all die &lsquo;Whodunit&rsquo;-Fragen, wer hat ihn geschubst oder wie ist Le Mesurier zu Tode gekommen, sind nur eine recht unterhaltsame Ablenkung von der eigentlichen Geschichte. Er brachte offenbar seine F&uuml;hrungsoffiziere in den britischen Geheimdiensten in Verlegenheit. Selbstmord ist kein guter Karriereweg. Und sich gro&szlig;e Geldsummen zu erschleichen, war auch nicht gerade schlau. Deshalb haben wohl die F&uuml;hrungsoffiziere von James Le Mesurier die BBC-Serie in Auftrag gegeben. Sie mussten nicht nur die Wei&szlig;helme, sondern auch James Le Mesurier reinwaschen. (&hellip;) Ich finde es irgendwie ermutigend, dass die westlichen Regierungen sich so ins Zeug legen mit dem Propagandawerkzeug, dem staatlichen Rundfunk Gro&szlig;britanniens, der BBC. Das ist recht schmeichelhaft, dass man unsere Bem&uuml;hungen um Aufkl&auml;rung f&uuml;r so sch&auml;dlich f&uuml;r die Strategie h&auml;lt, die Wei&szlig;helme aufzubauen. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt daf&uuml;r. Werden die Wei&szlig;helme diskreditiert, f&auml;llt die ganze Strategie in sich zusammen. Insofern ist es nur schmeichelhaft, wenn einen diese Leute angreifen. <\/p><p><strong>AARON MAT&Eacute;:<\/strong> Jetzt, wo Donald Trump bald nicht mehr im Amt ist und Joe Biden bald Pr&auml;sident wird &ndash; sehen Sie da eine Chance f&uuml;r einen Politikwandel in Syrien? Bidens Au&szlig;enminister wird Tony Blinken, der eine st&auml;rkere Intervention in Syrien im Stellvertreterkrieg klar bef&uuml;rwortet. Wie sch&auml;tzen Sie die US-Strategie unter Biden ein, denken Sie, dass es eine Abkehr von Trumps Strategie geben wird? <\/p><p><strong>PETER FORD:<\/strong> Ich bin da alles andere als optimistisch. Ich denke, es wird eher schlimmer als besser werden. Wahrscheinlich erleben wir die Verl&auml;ngerung des Status quo. Also eine Politik, wie sie der Sonderbeauftragte f&uuml;r Syrien Jeffrey beschreibt: der Versuch, den Konflikt zu verl&auml;ngern, zu verhindern, dass Assad milit&auml;risch siegt, die Fortsetzung &ouml;konomischer Kriegsf&uuml;hrung, um zu versuchen, Assad damit in die Knie zu zwingen und ihn dazu zu bringen, einen Abschiedsbrief zu schreiben, also Wahlen im Sinne der USA zuzustimmen. Ich bin mir sicher, dass diese Politik weiter fortgesetzt wird.<\/p><p>Es k&ouml;nnte aber sein, dass die Politik noch abenteuerlicher und interventionistischer wird, da es ja einen Br&uuml;ckenkopf von ein paar Tausend Soldaten gibt, die schon einen Teil von Syrien besetzen. Ich habe gro&szlig;e Sorge, dass Biden versucht sein k&ouml;nnte, die Zahl der Soldaten dort zu erh&ouml;hen, die syrischen Regierungstruppen milit&auml;risch unter Druck zu setzen, mehr Flugverbotszonen einzurichten. Schon jetzt besteht de facto eine Flugverbotszone &uuml;ber dem gro&szlig;en, von den US-Truppen und kurdischen Alliierten besetzten Territorium. Man k&ouml;nnte versuchen, Idlib zur Flugverbotszone zu machen, was schon eine Ironie der Geschichte w&auml;re. Die US-Airforce als Fl&uuml;gel von al-Qaida. Solche Dinge haben wir im Laufe des Syrien-Konfliktes bereits erlebt. Ich bin also wirklich nicht optimistisch. Und ich f&uuml;rchte, dass es noch schlimmer kommen k&ouml;nnte. Trump hat bei all seinen Unzul&auml;nglichkeiten doch mehr als einmal versucht, die US-Milit&auml;rpr&auml;senz in Syrien zu reduzieren und sogar zu beenden, wurde aber vom Staatsapparat daran gehindert. Keine rosigen Aussichten.<\/p><p>Titelbild: danielo \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Syrien und seine Verb&uuml;ndeten haben einen Regime Change verhindert, doch die USA und ihre Verb&uuml;ndeten quetschen die syrische Bev&ouml;lkerung weiter aus &ndash; mittels harscher Sanktionen, die alle Bereiche des Lebens treffen, und durch die US-Milit&auml;rbesatzung von Syriens Brotkammer im Nord-Osten. <strong>Peter Ford<\/strong>, fr&uuml;herer britischer Botschafter in Syrien und Co-Vorsitzender der &bdquo;British Syrian Society&ldquo;, analysiert den<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68546\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":68547,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,171],"tags":[1516,1460,2102,1409,2175,1611,2359,2794,1553,1556,2329,2474,1019],"class_list":["post-68546","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-militaereinsaetzekriege","tag-al-assad-baschar","tag-biden-joe","tag-geostrategie","tag-gifteinsatz","tag-interventionspolitik","tag-kriegsluegen","tag-opcw","tag-stellvertreterkrieg","tag-syrien","tag-usa","tag-weisshelme","tag-wiederaufbau","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/shutterstock_348259271.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68546","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68546"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68546\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68554,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68546\/revisions\/68554"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/68547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}