{"id":68582,"date":"2021-01-07T08:58:42","date_gmt":"2021-01-07T07:58:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68582"},"modified":"2021-01-07T12:21:26","modified_gmt":"2021-01-07T11:21:26","slug":"putin-pipelines-und-der-krieg-um-berg-karabach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68582","title":{"rendered":"Putin, Pipelines und der Krieg um Berg-Karabach"},"content":{"rendered":"<p>In unmittelbarer N&auml;he von Berg-Karabach verlaufen f&uuml;r den Westen strategisch wichtige &Ouml;l- und Gas-Pipelines. Das erleichterte die Initiative des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin f&uuml;r einen Waffenstillstand zwischen Aserbaidschan und Armenien. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nArmenien befindet sich seit dem von Wladimir Putin durchgesetzten Waffenstillstand vom 10. November 2020 in einer Art Schockzustand. Es gab 6000 &ndash; nach inoffiziellen Zahlen sogar &uuml;ber 10.000 &ndash; tote aserbaidschanische und armenische Soldaten im Karabach-Krieg. Weite Landstriche und zahlreiche Ortschaften auf beiden Seiten der Front sind vom Krieg verw&uuml;stet. F&uuml;r Armenien und Berg-Karabach endete der von Aserbaidschan aufgezwungene Krieg mit einer fast totalen Niederlage. In Jerewan gibt es fast t&auml;glich Protestdemonstrationen, auf denen der R&uuml;cktritt von Ministerpr&auml;sident Nikol Paschinjan gefordert wird. Die Demonstranten werfen ihm &bdquo;Verrat&ldquo; vor. <\/p><p>Die gro&szlig;en Medien in Deutschland behandeln den Krieg um Berg-Karabach nur noch am Rande. Man scheut sich, diejenigen zu benennen, die das Friedensabkommen von 1994 gebrochen haben. Und man will das Nato-Mitglied T&uuml;rkei, welches an dem Krieg mit Drohnen, Beratern und S&ouml;ldnern beteiligt war, nicht mit Kritik behelligen. <\/p><p><strong>An einem eskalierenden Krieg konnte der Westen kein Interesse haben<\/strong><\/p><p>Warum es am 9. November 2020 eigentlich zu einem Waffenstillstand zwischen Aserbaidschan und Armenien kam, bleibt in den Berichten der gro&szlig;en deutschen Medien nebul&ouml;s. Reinhard Veser schrieb <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/putin-ist-der-sieger-des-kriegs-um-nagornyj-karabach-17045210.html\">in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/a>, &bdquo;es stellt sich &uuml;berdies die Frage, mit welchen Argumenten oder Hebeln Putin den aserbaidschanischen Diktator Alijew dazu bewegen konnte, just in dem Moment die K&auml;mpfe einzustellen und dazu auch noch russische Soldaten in seinem Land zu akzeptieren, in dem nach dem Fall der symbolisch und strategisch wichtigen Stadt Schuscha Aserbaidschans vollst&auml;ndiger Sieg auf dem Schlachtfeld zum Greifen nahe war.&ldquo; <\/p><p>Der FAZ-Kommentator stellte sich unwissend. Die f&uuml;r den Westen strategisch wichtigen Pipelines im S&uuml;dkaukasus fallen ihm beim Thema Karabach-Krieg nicht ein. Stattdessen raunt er von &bdquo;Putins Hebeln&ldquo;.<\/p><p>Die Pipelines befinden sich in einem Abstand von nur 30 Kilometern vom Kriegsgebiet Berg-Karabach entfernt. Sie transportieren &Ouml;l und Gas unter Umgehung der Territorien von Armenien und Russland nach Westen. Um welche Pipelines geht es genau?<\/p><p>Die 2005 in Betrieb genommene &Ouml;l-Pipeline Baku-Tbilissi-Ceyhan transportiert &Ouml;l aus dem Kaspischen Meer zum t&uuml;rkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Eigent&uuml;mer der &Ouml;l-Pipeline ist unter anderen British Petroleum mit 30,1 Prozent, der US-Konzern Chevron mit 8,9 Prozent und die norwegische Statoil mit 8,71 Prozent.<\/p><p>Die zweite Pipeline, die von Baku &uuml;ber die T&uuml;rkei bis nach S&uuml;ditalien verl&auml;uft, ist die im November 2020 in Betrieb genommene Gas-Pipeline &bdquo;S&uuml;dlicher Gaskorridor&ldquo;. Diese Pipeline ist ein gemeinsames Projekt von Aserbaidschan und der Europ&auml;ischen Kommission. <\/p><p>2005, bei der Inbetriebnahme der Baku-Tbilissi-Ceyhan-&Ouml;l-Pipeline, frohlockten die deutschen Medien, das Energie-Monopol Russlands sei gebrochen. Das erste Mal seit dem Ende der Sowjetunion werde aus einer ehemaligen Sowjetrepublik &ndash; unter Umgehung Russlands &ndash; &Ouml;l in den Westen bef&ouml;rdert. <\/p><p>Da der Westen schon lange nach alternativen Energiequellen sucht und sich auf keinen Fall von Russland abh&auml;ngig machen will, kann der Westen kein Interesse an einem endlosen Krieg in einer Region haben, wo die neuen, alternativen Pipelines verlaufen. Vorstellbar ist, dass der Pr&auml;sident von Aserbaidschan aus westeurop&auml;ischen Hauptst&auml;dten das Signal bekam, es sei an der Zeit, den Krieg um Karabach zu beenden.<\/p><p><strong>Zwei Gas-Pipelines verbinden Russland und die T&uuml;rkei<\/strong><\/p><p>Aber auch Putin hatte gute Argumente, um Aserbaidschan und die T&uuml;rkei zu einem Ende des Krieges in Karabach zu dr&auml;ngen. Die T&uuml;rkei ist &uuml;ber die Gaspipelines Turk Stream und Blue Stream mit Russland verbunden. Die T&uuml;rkei verbraucht russisches Gas und ist auch Transitland f&uuml;r den russischen Gasexport nach Bulgarien und Serbien. <\/p><p>Vorstellbar ist, dass der Kreml-Chef den t&uuml;rkischen Pr&auml;sidenten Recep Erdogan und die westlichen Staaten darauf hinwies, dass bei einer Fortf&uuml;hrung des Krieges die aserbaidschanischen Gas- und &Ouml;l-Pipelines Ziel von armenischen Partisanen werden k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Der Abschuss des russischen Hubschraubers war Ausl&ouml;ser des Waffenstillstands<\/strong><\/p><p>Wladimir Putin stand am 9. November, an dem Tag also, an dem er den Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan mit einem Abkommen in aller Eile festzurrte, unter erheblichem Druck. <\/p><p>Am Nachmittag des 9. November war ein russischer Mi-24-Milit&auml;rhubschrauber &uuml;ber dem Territorium von Armenien mit aserbaidschanischen Raketen abgeschossen worden. Zwei russische Besatzungsmitglieder wurden get&ouml;tet, eines verletzt. Die aserbaidschanische Armee-F&uuml;hrung entschuldigte sich sp&auml;ter f&uuml;r den &bdquo;versehentlichen&ldquo; Abschuss. Die russische F&uuml;hrung war sichtlich bem&uuml;ht, aus dem Abschuss keinen Skandal zu machen. <\/p><p>Das Verhalten der russischen F&uuml;hrung stand in starkem Kontrast zu einem &auml;hnlichen Vorfall 2015 &uuml;ber syrischem Grenzgebiet. Damals wurde &uuml;ber Syrien, nahe der t&uuml;rkischen Grenze, ein russisches Kampfflugzeug vom Typ SU-25 von t&uuml;rkischen Luftstreitkr&auml;ften abgeschossen. Die russische Regierung reagierte hart, f&uuml;hrte die Visumsflicht f&uuml;r t&uuml;rkische Staatsb&uuml;rger ein, versch&auml;rfte die Kontrollen f&uuml;r t&uuml;rkische Lebensmittelimporte und verbot russischen Reiseb&uuml;ros, Reisen in die T&uuml;rkei zu verkaufen. <\/p><p>Nach dem Abschuss des russischen Milit&auml;rhubschraubers am Nachmittag des 9. November war absehbar, dass patriotisch gesinnte Russen harte Ma&szlig;nahmen gegen Aserbaidschan fordern w&uuml;rden. Wladimir Putin kam diesen Forderungen mit dem von ihm initiierten Waffenstillstand in Berg-Karabach zuvor.<\/p><p>In Russland gab es schon w&auml;hrend des Karabach-Krieges Stimmen, die ein hartes Vorgehen gegen Aserbaidschan forderten. Zu diesen Stimmen geh&ouml;rt Konstantin Satulin, stellvertretender Vorsitzender des Duma-Komitees f&uuml;r die Gemeinschaft unabh&auml;ngiger Staaten. Satulin ist bekannt als jemand, der Russlands nationale Interessen betont und nie von &bdquo;unseren Partnern im Westen&ldquo; spricht. <\/p><p>Ende Oktober, zwei Wochen vor dem Ende des Karabach-Krieges, erkl&auml;rte Satulin, man k&ouml;nne nicht ausschlie&szlig;en, dass Russland sich in Armenien engagiert. Aserbaidschan und die T&uuml;rkei h&auml;tten &bdquo;den Frieden in der Region verletzt&ldquo;. Sie &bdquo;m&uuml;ssten daran erinnert werden, welcher Staat im postsowjetischen Raum die F&uuml;hrungsrolle hat&ldquo;. Denkbar sei eine Erh&ouml;hung der Milit&auml;rhilfe f&uuml;r Armenien sowie die Sperrung des armenischen Luftraums. Doch Satulin konnte sich in Moskau mit seiner Forderung nicht durchsetzen.<\/p><p>Einen Konter bekam Satulin von dem stellvertretenden Vorsitzenden des Duma-Verteidigungsausschusses, Andrej Krasow, der erkl&auml;rte, Satulin habe seine Stellungnahme nicht mit dem russischen Verteidigungsministerium abgestimmt. Es g&auml;be zurzeit &bdquo;keine Planungen f&uuml;r den Einsatz russischer Soldaten im Konfliktgebiet Nagorni-Karabach&ldquo;. Von einem Einsatz russischer Truppen in Nagorni-Karabach hatte Satulin allerdings gar nicht gesprochen. <\/p><p>W&auml;hrend die gro&szlig;en &Ouml;l- und Gasunternehmen in Russland vermutlich an einem Kompromiss mit Aserbaidschan interessiert sind, gibt es im Lager der &bdquo;Silowiki&ldquo; &ndash; also unter Milit&auml;rs und Geheimdienstlern &ndash; Stimmen, die ein h&auml;rteres Auftreten von Russland gegen&uuml;ber Aserbaidschan fordern. Immerhin sind Russland und Armenien Mitglieder im Verteidigungsb&uuml;ndnis ODKB und Russland kann &ndash; wenn ein ODKB-Mitglied in Gefahr ist &ndash; kaum tatenlos zuschauen. Die Mittel f&uuml;r eine schnelle Hilfe hat Russland mit seiner 5.000 Soldaten starken Milit&auml;rbasis in Armenien allemal. <\/p><p><strong>Drohnenkriege drohen auch in anderen umstrittenen Gebieten Osteuropas<\/strong><\/p><p>Die gro&szlig;en russischen Medien bem&uuml;hen sich im Karabach-Konflikt um Neutralit&auml;t. Doch der Abgeordnete Satulin gibt keine Ruhe. Ende Dezember erkl&auml;rte Satulin in einem ganzseitigen Artikel in der russischen Tageszeitung Komsomolskaja Prawda:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aserbaidschan hat in Union mit der T&uuml;rkei die nichtanerkannte Republik Arzach angegriffen, aber tats&auml;chlich hat es die Armenier in Armenien angegriffen, indem es das mit unserer Hilfe zustande gekommene Waffenstillstandsabkommen (zwischen Armenien und Aserbaidschan, U.H.) von 1994 verletzt hat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Satulin warnt, dass &bdquo;das aserbaidschanisch-t&uuml;rkische Experiment, einen langanhaltenden Gebietsstreit milit&auml;risch zu l&ouml;sen&ldquo;, f&uuml;r Russland gef&auml;hrliche Folgen haben kann. Immerhin g&auml;be es an Russlands Grenzen weitere umstrittene Gebiete, wie Lugansk, Donezk, Transnistrien, Abchasien und S&uuml;dossetien.<\/p><p><strong>Ukraine setzt schon Kampfdrohnen gegen die &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; Lugansk und Donezk ein<\/strong><\/p><p>Besonders dramatisch ist die Situation &ndash; was die Drohnen betrifft &ndash; im Donbass. Leider berichten die gro&szlig;en deutschen Medien nicht dar&uuml;ber, dass die Ukraine schon seit mehreren Jahren mit Drohnen in den &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; Lugansk und Donezk operiert. Diese Drohnen werden nicht nur zur &Uuml;berwachung, sondern auch zu Angriffen mit Brand- und anderen Bomben auf gegnerische Ziele eingesetzt. <\/p><p>Da die ukrainischen Drohnen von minderer Qualit&auml;t sind, hat die Ukraine 2019 von der T&uuml;rkei sechs Aufkl&auml;rungs- und Kampfdrohnen des Typs Bayraktar TB2 gekauft. Im Herbst 2019 waren ukrainische Soldaten zur Drohnen-Schulung in der T&uuml;rkei. Die Schulung wurde danach in der Ukraine fortgesetzt (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TVibqMjWq1A&amp;feature=emb_logo\">Video-Bericht von US-Radio Svoboda<\/a>) .<\/p><p>Wer an der Friedenssicherung in Europa interessiert ist, muss sich daf&uuml;r interessieren, was an den R&auml;ndern Europas passiert. Das Kr&auml;ftemessen der Regional- und Gro&szlig;m&auml;chte zeigt sich an den &ouml;stlichen und s&uuml;d&ouml;stlichen R&auml;ndern Europas viel schonungsloser, als man es sich in den Metropolen der EU vorstellen kann. <\/p><p>Titelbild: wikimedia.org<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/e9e34eb007fd4e8285a538a6d1514158\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unmittelbarer N&auml;he von Berg-Karabach verlaufen f&uuml;r den Westen strategisch wichtige &Ouml;l- und Gas-Pipelines. 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