{"id":68604,"date":"2021-01-08T09:00:22","date_gmt":"2021-01-08T08:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68604"},"modified":"2021-01-08T10:14:41","modified_gmt":"2021-01-08T09:14:41","slug":"virologen-auf-allen-kanaelen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68604","title":{"rendered":"Virologen auf allen Kan\u00e4len"},"content":{"rendered":"<p>Wie wir die Pandemie sehen und welche politischen Ma&szlig;nahmen wir zur Eind&auml;mmung der Pandemie bef&uuml;rworten oder ablehnen, h&auml;ngt auch stark damit zusammen, welche Informationen wir wie vermittelt bekommen. Gerade f&uuml;r Menschen, die nicht so viel im Internet unterwegs und auch keine eifrigen Zeitungsleser sind, spielen die gro&szlig;en Talkshowformate der &Ouml;ffentlich-Rechtlichen bei der Meinungsbildung immer noch eine sehr gro&szlig;e Rolle. Corona war in diesen Talkshows im letzten Jahr das bestimmende Thema. Die Auswahl der Experten und G&auml;ste war dabei jedoch extrem einseitig. W&auml;hrend Virologen in den f&uuml;nf gro&szlig;en Formaten auf ganze 88 Auftritte kamen, waren Experten aus anderen Fachbereichen eher eine Ausnahme. Auch bei den eingeladenen Politikern war dieser Trend &uuml;berdeutlich: So kommt der SPD-Politiker Karl Lauterbach auf sagenhafte 30 Auftritte, in denen er weniger eine umfassende politische Bewertung, sondern meist eine &ndash; gr&ouml;&szlig;tenteils alarmistische &ndash; virologische Position zum Besten gab. Wer derart einseitig informiert wird, l&auml;uft Gefahr, das Thema auch einseitig zu betrachten. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1442\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-68604-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210107_Virologen_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210107_Virologen_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210107_Virologen_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210107_Virologen_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=68604-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210107_Virologen_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210107_Virologen_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wertet man die G&auml;steliste der f&uuml;nf gro&szlig;en Talkshowformate von ARD und ZDF aus, kommt man zu einem f&uuml;r viele sicher &uuml;berraschenden Ergebnis. Der allgegenw&auml;rtige &bdquo;Virologie-Papst&ldquo; Christian Drosten war in den Talkshows eher eine Randerscheinung. Zwar war er ganze viermal bei Maybrit Illner zu Gast, bei Frank Plasbergs &bdquo;hart aber fair&ldquo;, Sandra Maischberger, Anne Will oder Markus Lanz war er jedoch nie. Er hatte wohl &bdquo;Besseres zu tun&ldquo;. Zum Beispiel Interviews zu geben und den Printmedien Zitate zu liefern &ndash; so ergab eine Datenbankrecherche <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/corona-virus-christian-drosten-ist-nummer-eins-bei-medienpraesenz-von-virologen-a-e3d97148-06db-4b9d-bb5d-511543f7cf43\">aus dem Mai<\/a>, dass Drosten alleine in den ersten f&uuml;nf Monaten des Jahres bereits auf 1.700 Zitierungen in den regionalen und &uuml;berregionalen Zeitungen und den Online-Plattformen der S&uuml;ddeutschen, der Welt und des Spiegels kommt. <\/p><p>Auf den Talkshowsesseln der Republik musste sich Drosten jedoch anderen Virologen geschlagen geben. Jonas Schmidt-Chanasit und Melanie Brinkmann nehmen hier mit jeweils 16 Auftritten die Spitzenrolle ein &ndash; beide waren somit sogar h&auml;ufiger zu sehen als jeder Politiker, mit Ausnahme von Karl Lauterbach. Insgesamt kam der &bdquo;Berufsstand&ldquo; der Virologen und Epidemiologen im letzten Jahr auf 88 Talkshow-Auftritte und dabei sind die Experten aus anderen medizinischen Disziplinen, wie Intensivmediziner oder Lungenfach&auml;rzte, noch nicht einmal mitgez&auml;hlt. Andere Disziplinen waren deutlich weniger pr&auml;sent. So wurden beispielsweise nur zwei Krankenschwestern, vier Psychologen und ebenfalls nur vier P&auml;dagogen eingeladen.  Die Talkshow-Debatte &uuml;ber Covid-19 wurde also zum &uuml;bergro&szlig;en Teil aus der Perspektive von Virologen gef&uuml;hrt. Das ist einerseits nat&uuml;rlich nachvollziehbar, handelt es sich doch um eine Viruserkrankung, f&uuml;hrt andererseits jedoch auch dazu, dass andere Perspektiven auf die Pandemie in eine untergeordnete Rolle geschoben wurden.<\/p><p>So waren beispielsweise P&auml;dagogen, die die Themenbereiche Schulschlie&szlig;ungen und Maskenpflicht im Unterricht aus p&auml;dagogischer Sichtweise h&auml;tten vermitteln k&ouml;nnen, nur selten zu Gast. Das Gleiche gilt f&uuml;r Psychologen, die etwas zu den psychologischen Folgen der Lockdown-Ma&szlig;nahmen berichten k&ouml;nnten, oder Soziologen, die eine Bewertung vornehmen k&ouml;nnten, was die Ma&szlig;nahmen f&uuml;r unsere Gesellschaft bedeuten. All diese Aspekte sind auch ungemein wichtig, spielten in den Talkshows jedoch nur eine Nischenrolle. <\/p><p>Das Gleiche gilt f&uuml;r diejenigen, die direkt negativ von den Ma&szlig;nahmen betroffen waren. Die NachDenkSeiten hatten diese Stimmen von ihren Lesern <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66171\">gesammelt<\/a> und mittlerweile auch in <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-im-dunkeln-sieht-man-nicht\/\">Buchform<\/a> publiziert. In den Talkshows kamen diese Stimmen kaum zu Wort. Hier gab es jedoch gro&szlig;e Unterschiede innerhalb der Talkshowformate. W&auml;hrend in Plasbergs &bdquo;hart aber fair&ldquo; immerhin regelm&auml;&szlig;ig auch &bdquo;normale&ldquo; Menschen zu Wort kamen, die als Krankenschwestern, Altenpfleger, Hoteliers, Gastwirte, Sch&uuml;ler, Studenten oder Schauspieler zu den Leidtragenden der Ma&szlig;nahmen geh&ouml;rten, kamen solche Stimmen im Format &bdquo;Anne Will&ldquo; au&szlig;erhalb von kurzen Einspielern so gut wie gar nicht zu Wort. <\/p><p>Vor allem dieses Format fiel auch besonders negativ in der Auswahl der geladenen Virologen auf. W&auml;hrend allen voran bei Markus Lanz noch der Ansatz zu erkennen war, auch Virologen zu Wort kommen zu lassen, die auch mal ein wenig &uuml;ber den Tellerrand hinausblicken, waren bei Anne Will vor allem solche Virologen zu Gast, die auch als Regierungsberater durch einen besonders eingeengten Fokus auf ihre eigene Disziplin aufgefallen sind &ndash; allen voran Melanie Brinkmann, Michael Meyer-Hermann und Viola Priesemann. Letztere sind &uuml;brigens streng genommen gar keine Virologen, sondern Physiker, die jedoch als Virologen eingeladen wurden. <\/p><p>Den diskursiven Spagat, in dem sich eine solche Debatte bewegen muss, hat der (echte) Virologe Alexander Kekul&eacute; einmal sch&ouml;n zusammengefasst. Sinngem&auml;&szlig; sagte er, dass aus rein virologischer Sicht ein weltweiter dreiw&ouml;chiger Totallockdown nat&uuml;rlich das Ma&szlig; aller Dinge sei. Wenn alle Menschen drei Wochen lang zu Hause bleiben und keine Au&szlig;enkontakte haben, w&auml;re die Verbreitung des Virus gestoppt. Das ist nat&uuml;rlich richtig, aber es ist auch klar, dass dieses Gedankenspiel so nicht umgesetzt werden kann. <\/p><p>Die Bek&auml;mpfung der Pandemie ist immer ein Abw&auml;gen verschiedener Aspekte, die durch verschiedene wissenschaftliche Disziplinen abgedeckt werden. Daher w&auml;re es f&uuml;r eine umfassende Meinungsbildung auch so wichtig, die Positionen aller beteiligten Disziplinen zu vermitteln. So kann man beispielsweise das Thema Kita- und Schulschlie&szlig;ungen nicht nur unter der epidemiologischen Perspektive diskutieren, sondern muss auch P&auml;dagogen, Psychologen, Soziologen und auch &Ouml;konomen zu Wort kommen lassen, um die gesamtgesellschaftlichen Vor- und Nachteile einer solchen Ma&szlig;nahme bewerten zu k&ouml;nnen. Werden &uuml;ber die Meinungsfabrik Talkshow nun aber nur die Perspektiven von Forschern wie Meyer-Hermann oder Priesemann verbreitet, die die epidemiologische Entwicklung mit Hilfe von Computermodellen berechnen, wird man nie eine gesamtgesellschaftliche Abw&auml;gung vornehmen k&ouml;nnen. Und diesen Schuh m&uuml;ssen sich die Talkshows und letztlich auch die gesamten traditionellen Medien anziehen; denn auch in Print, Funk und anderen TV-Formaten, wie den Nachrichten, gab es diese massive Konzentration auf die virologische und epidemiologische Sichtweise. <\/p><p>Da ist es auch kein Wunder, dass so viele Mitb&uuml;rger die gesamte Corona-Thematik, die ja f&uuml;r fast alle von uns neu ist, ebenfalls allen voran aus der Perspektive eines Virologen betrachten und dabei andere Aspekte aus dem Blickwinkel lassen. <\/p><p>Nicht vergessen darf man bei der Betrachtung der gro&szlig;en Talkshows jedoch auch, dass es keine einzige gro&szlig;e Talkshow im letzten Jahr geschafft hat, auch nur ein einziges Mal einen grunds&auml;tzlichen Kritiker der Corona-Politik einzuladen. Das ist blamabel. Man kann die Aussagen von Personen wie Sucharit Bhakdi, Angela Spelsberg oder Michael Ballweg ja durchaus kritisch sehen; sie in den gro&szlig;en Talkshowformaten aber vollst&auml;ndig zu tabuisieren und zu ignorieren, zeugt nicht gerade von einem erwachsenen demokratischen Diskurs. <\/p><p>So haben die Talkshow-Formate weniger zur demokratischen Meinungsbildung als vielmehr zur Vermittlung der Regierungslinie beigetragen und dazu gef&uuml;hrt, dass viele unserer Mitb&uuml;rger die gesamte Corona-Thematik nur noch aus virologischer Sicht betrachten. Waren wir fr&uuml;her ein Volk von 80 Millionen Bundestrainern, sind wir heute ein Volk von 80 Millionen Virologen &ndash; fast jeder wei&szlig; nun, was PCR-Tests, Aerosole und Inzidenzwerte sind, doch nur wenige sind in der Lage, die Corona-Politik mit Dingen wie Vereinsamung, Soziophobie, wirtschaftlichen Daseins&auml;ngsten oder einer immer gr&ouml;&szlig;eren Ungleichheit im Bildungssystem zusammenzubringen. Und daran sind auch die Talkshows schuld. <\/p><p>Titelbild: Screencap ARD<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/c4ade6928b814863a4501de150aefa59\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wir die Pandemie sehen und welche politischen Ma&szlig;nahmen wir zur Eind&auml;mmung der Pandemie bef&uuml;rworten oder ablehnen, h&auml;ngt auch stark damit zusammen, welche Informationen wir wie vermittelt bekommen. 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