{"id":68666,"date":"2021-01-10T11:45:03","date_gmt":"2021-01-10T10:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68666"},"modified":"2021-01-10T11:58:24","modified_gmt":"2021-01-10T10:58:24","slug":"die-ufa-in-amazonien-chronik-einer-wilden-deutschen-kinematographie-vom-kaiserreich-bis-zur-nazi-herrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68666","title":{"rendered":"Die UFA in Amazonien \u2013 Chronik einer wilden deutschen Kinematographie, vom Kaiserreich bis zur Nazi-Herrschaft"},"content":{"rendered":"<p>Abendl&auml;ndischer, christlicher Weihnachtsgeist, zutiefst and&auml;chtiges Gem&uuml;t, umgeben von verschneiter Landschaft und klirrender K&auml;lte, passen nicht zusammen, reimen sich nicht mit dem unendlichen, dampfenden und schwei&szlig;treibenden Gr&uuml;n des Amazonas-Dschungels. Obwohl von Atemschutzmasken und allerlei Einschr&auml;nkungen der Bewegungsfreiheit von K&ouml;rper und Ausdruckslust der Sinne betroffen, bem&uuml;ht sich der n&ouml;rdliche Weihnachtsgeist um Abfindung mit den Umst&auml;nden, Vergebung und Frieden. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm Christbaum aus China (und aus Plastik) blinken die bunten Lichter und schimmern die Kugeln. Aus dem Hintergrund des Esszimmers t&ouml;nt die Jahrhunderte alte Melodie &bdquo;S&uuml;&szlig;er die Glocken nie klingen&ldquo;&hellip; Am von glitzernden Kerzen umrandeten Tisch wird nun der Festbraten serviert: Schwein, Rind und Pute vom Feinsten. Die Familie nimmt Platz. F&uuml;nf Personen, ein Ehepaar zuz&uuml;glich zweier Kinder und ihres Gastes, mehr Menschen sind vom Gesetz nicht erlaubt. Die Runde prostet sich zu und w&uuml;nscht sich das Ende des verfluchten Virus!<\/p><p><strong>Amazonien: Wegen Waldrodungen in achtzehn Jahren um ein ganzes Spanien kleiner<\/strong><\/p><p>Doch der Fluch l&auml;ge auch &uuml;ber &bdquo;unseren Gewohnheiten&rdquo;, wirft der vom chilenischen Wein leicht anget&ouml;rnte F&uuml;nfte im Bunde, ein Cousin und alternder 68-er, ein und zieht den irritierten Blick von acht Augen auf sich. Die Szene ist hier selbstverst&auml;ndlich vom Autor erdacht, doch weder sind die Umst&auml;nde noch die Plausibilit&auml;t des Gespr&auml;chs eine Fiktion.<\/p><p>Der unschickliche Geographie-Lehrer entschuldigt sich, er wolle ja nicht als Spielverderber auftreten, doch wer wisse schon, wieviel Soja aus dem brasilianischen Amazonien als gepresstes Futtermittel f&uuml;r die deutsche Tierzucht verabreicht werde &ndash; &bdquo;46 Prozent f&uuml;r Gefl&uuml;gel!&ldquo;, warnt er mit einer Gabelgeste in Richtung Pute. Den schweigenden Vier droht der Braten im Hals steckenzubleiben, als der bornierte Cousin den symbolischen Fluch zur &ouml;kologischen Trag&ouml;die ausmalt. Zwischen den Jahren 2000 und 2018 habe nach Angaben brasilianischer Wissenschaftler von Mitte Dezember die <a href=\"https:\/\/www.amazoniasocioambiental.org\/pt-br\/publicacao\/amazonia-sob-pressao-2020\/\">Entwaldung am Amazonas<\/a> 513.016 Quadratkilometer erreicht; eine Fl&auml;che, die dem Gebiet Spaniens entspricht und den gr&ouml;&szlig;ten Tropenwald der Welt um 8 Prozent verkleinerte.<\/p><p>Die Nachricht habe Wirbel in der brasilianischen Presse ausgel&ouml;st, der gegen&uuml;ber <a href=\"https:\/\/noticias.uol.com.br\/meio-ambiente\/ultimas-noticias\/redacao\/2020\/12\/08\/amazonia-territorio-desmatamento.htm\">die Wissenschaftler warnten<\/a>, dass Amazonien jetzt &bdquo;viel bedrohter als vor acht Jahren&ldquo; sei. Kurz vor Weihnachten beschlossen zum Beispiel die Regierung Emmanuel Macron und die franz&ouml;sische fleischverarbeitende Industrie, ein f&uuml;r alle Mal <a href=\"https:\/\/noticias.uol.com.br\/ultimas-noticias\/rfi\/2020\/12\/21\/campanha-pede-que-produtores-de-carne-franceses-parem-de-comprar-soja-do-cerrado-brasileiro.htm\">brasilianische Sojaimporte zu boykottieren<\/a>.<\/p><p>Doch was tut die Regierung Angela Merkel? Im Dezember 2019 hatte ihr Botschafter in Brasilien mit dem Bolsonaro-Regime ein Lieferketten-Abkommen zur &Uuml;berwachung und Nachhaltigkeits-Garantie brasilianischer Agrarexporte wie Fleisch, Soja und Holz nach Deutschland unterzeichnet. <a href=\"https:\/\/agenciabrasil.ebc.com.br\/economia\/noticia\/2019-12\/amazonia-brasil-e-alemanha-fazem-cooperacao-para-producao-sustentavel\">Das Abkommen<\/a> solle jedoch auch sklaverei-&auml;hnlicher und sonstiger &uuml;blicher Ausbeutung von menschlichen Arbeitskr&auml;ften vorbeugen. Die deutsche Botschaft spendete stolze 25,5 Millionen Euro f&uuml;r das Kooperationsabkommen.<\/p><p>Doch was passierte seitdem? Wie die &bdquo;Deutsche Umwelthilfe&ldquo; erfahren hat, sind die Exporte von brasilianischem Soja nach Deutschland im Vergleich zum Vorjahresquartal um rund 30 Prozent gestiegen, doch gerade einmal 22 Prozent aller Sojaexporte nach Deutschland seien <a href=\"https:\/\/www.duh.de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/anstieg-von-soja-importen-aus-brasilien-facht-die-feuer-im-amazonas-weiter-an-deutsche-umwelthilfe\/?no_cache=1\">als entwaldungsfrei zertifiziert<\/a>.<\/p><p>Die Weihnachtsrunde im deutschen Wohnzimmer r&uuml;ckt zusammen, die Geister sehnen sich nach Unterhaltung, genauer, nach guten Geschichten. Und wieder richten sich die Blicke nach dem inzwischen etwas beschwipsten, weitgereisten Cousin, der eine Menge Abenteuer-Geschichten auf Lager hat. Der schuldbewusste Spielverderber l&auml;sst sich nicht zweimal darum bitten und legt los.<\/p><p>Es g&auml;be auch ein anderes Amazonien, n&auml;mlich das des europ&auml;ischen und deutschen Fernwehs und der kinematografischen Phantasien. Dass diese nur schwer mit der Dschungelwelt und ihren faszinierenden Bewohnern &uuml;bereinstimmten, macht jedoch die ebenso emblematische wie l&auml;cherliche Szene aus <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=X6m1QDBx5ec\">Werner Herzogs &bdquo;Fitzcarraldo&ldquo;<\/a> deutlich, in der der Protagonist (Klaus Kinski) die Bedrohung durch Indigene mit einer Arie Carusos &ndash; abgespielt auf seinem verrosteten Grammophon &ndash; sprichw&ouml;rtlich in den Wind zu schlagen und die &bdquo;Kulturhoheit&ldquo; des Abendlandes &uuml;ber die Wildnis zu etablieren versucht.<\/p><p><strong>Theodor Koch-Gr&uuml;nberg und Georg H&uuml;bner: Pioniere des ethnografischen Films und der Amazonas-Fotografie<\/strong><\/p><p>Doch war Herzog, der mindestens zwei weitere Filme in Amazonien drehte, bekannt, dass der deutsche Ethnologe Theodor Koch-Gr&uuml;nberg mit <a href=\"https:\/\/av.tib.eu\/media\/9045\">&bdquo;Aus dem Leben der Taulipang in Guayana&ldquo;<\/a> im Jahr 1911 wom&ouml;glich den ersten Film in der Geschichte des amazonischen Regenwalds drehte? &Uuml;ber Jahrzehnte hinweg wurde der portugiesische H&auml;ndler und Fotograf Silvino Santos aus Bel&eacute;m do Par&aacute; als amazonischer Filmpionier zitiert, der im Jahr 1912 einen Dokumentarfilm am Putumayo &ndash; an der Grenze zu Peru und Kolumbien &ndash; drehte. Doch, vom Datum abgesehen, konnte der Beweis niemals erbracht werden; aus dem abgedrehten Material entstand niemals ein Film. Erst zwei Jahre nach den Dreharbeiten verschiffte Santos bei Kriegsausbruch 1914 seine Negative nach einem Labor in den USA, doch das von einem Torpedo getroffene Schiff sank auf hoher See, und mit ihm Silvino Santos&lsquo; Filmnegative.<\/p><p>Ein faszinierendes Kapitel in der nur Archivbesessenen bekannten Geschichte, darunter dem Schreiber dieser Chronik, bebilderte Georg H&uuml;bner, der Pionier-Fotograf Amazoniens. Dem &bdquo;Ruf des Kautschuks&ldquo;, also der raschen Bereicherung, folgend, landete der 1862 im barocken Dresden geborene Georg H&uuml;bner 1888 im peruanischen Dschungel, wo er jedoch bald die Schufterei aufgab und das Fotografieren lernte und mit seinem Landsmann Karl Kr&ouml;hle drei Jahre lang peruanische Landschaften dokumentierte.<\/p><p>Seine ersten Bilder zeigen Ethnien, die praktisch ausgestorben sind, daher von enormen ethnographischem und historischem Wert sind. Wissenschaftliche Expeditionen zum Amazonas vermehrten sich um die Jahrhundertwende und 1895 zogen H&uuml;bner und Kr&ouml;hle nach dem brasilianischen Manaus. Mit der Installation seines Studios &bdquo;Photographia Allem&atilde;&ldquo; startete H&uuml;bner eine Sammlung, die auf europ&auml;ische Expedition&auml;re und Museen anziehend wirkte. Auf der Suche nach H&uuml;bner erreichte Koch-Gr&uuml;nberg 1903 zum ersten Mal Manaus, bevor er das Umfeld des J.-C.-Ara&ntilde;a-Kautschuk-Imperiums betrat, in dem &uuml;ber 30.000 Indianerinnen und Indianer als Sklaven Ara&ntilde;as hingerichtet wurden. Von da an verband beide M&auml;nner eine solide und liebevolle Freundschaft, die aus der Ferne mit 20 Jahren intensiver Korrespondenz aufrechterhalten wurde.<\/p><p>Ob von den ethnographischen Museen in Europa dazu angeregt oder von Bequemlichkeit getrieben, es ist nicht bekannt, weshalb H&uuml;bner seine indigenen Modelle in sein Atelier schleppte und die &bdquo;indigene Studiofotografie&ldquo; inszenierte. Nachdem er vierzig Jahre lang Museen, Galerien und Sammler in Europa mit seinen Fotos versorgt hatte, starb H&uuml;bner 1935 in Manaus. Knappe zehn Jahre sp&auml;ter, als Brasilien unter dem Druck der USA dem deutschen Nazi-Regime den Krieg erkl&auml;rte, wurde w&auml;hrend deutschlandfeindlicher Aufm&auml;rsche in Manaus ein Teil der H&uuml;bner-Sammlung verbrannt und die Negative ins Wasser geworfen. Der Hauptteil seiner Sammlung geht allerdings bei alliierten Bombenabw&uuml;rfen auf seine Heimatstadt Dresden in Flammen auf.<\/p><p><strong>Intermezzo: die UFA-Abteilung &bdquo;Kulturfilm&ldquo; und das Projekt &bdquo;Urwaldsymphonie&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mit der Gr&uuml;ndung der Universum Film AG (UFA) am 18. Dezember 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, beschlie&szlig;en Staat und Produzenten die Filmproduktion im industriellen Ma&szlig;stab, die dem aufsteigenden Film-Mekka Hollywood auf dem internationalen Markt Konkurrenz ank&uuml;ndigt. Ihr erster &uuml;berw&auml;ltigender Erfolg, auch in den USA, ist Ernst Lubitschs &bdquo;Madame Dubarry&ldquo; (1919), dem sich der nicht weniger erfolgreiche Zyklus des expressionistischen Films unter F&uuml;hrung von Regie-Ikonen wie Friedrich W. Murnau, Fritz Lang und Georg Wilhelm Pabst anschlie&szlig;t.<\/p><p>Im Jahr 1919 gr&uuml;ndet die UFA ihre Abteilung &bdquo;Kulturfilm&ldquo;, die dort als F&ouml;rderung der Subgenres Abenteuer, Reisen, &bdquo;verborgene Welten&ldquo;, &bdquo;unber&uuml;hrte Zivilisationen&ldquo; usw. verstanden wird. So entsteht der Expeditions-Dokumentarfilm, der sich neben dem ethnographischen Film stricto sensu als nicht-wissenschaftlicher Unterhaltungsfilm etabliert. Als dessen Vertreter landet im Jahr 1929 das erste halboffizielle UFA-Filmteam in Brasilien. Sein Ziel: der Amazonas-Dschungel.<\/p><p>Die Anreise hatte jedoch eine boh&eacute;me Vorgeschichte in einem Berliner Caf&eacute;. Dort brachten ein Dandy und abenteuerlustiger Stuntautor namens Artur Heye, seine Ehefrau und deren reicher Cousin Joseph Jungblut eine Gruppe von Filmemachern zusammen, worunter sich der mit der Schauspielerin Pola Adamara verheiratete UFA-Veteran August Br&uuml;ckner, der Kameramann Adalbert Bittner, dessen Ehefrau und die Gebr&uuml;der Franz und Edgar Eichhorn befanden. Heyes Projektidee war die Herstellung einer Reihe von &bdquo;Kulturfilmen&ldquo; f&uuml;r die UFA, der die abenteuerlustige Gruppe, ohne mit der Wimper zu zucken, zustimmte und schon im Januar 1929 in Rio de Janeiro landete.<\/p><p>Die UFA f&ouml;rderte jedoch nur einen Teil des Produktionsprojektes und deshalb war Jungblut als potenzieller Privatf&ouml;rderer mit an Bord. Turbulente Tage und ein Gruppenkrach lie&szlig;en nicht lange auf sich warten. Es sind gute 40 Grad im Schatten, die Hitze erstickt Frau Bittner. Jungblut erweist sich als knauserig, verdrossen, und Arthur Heye platzt nach eineinhalb Monaten intrigenreicher Verhandlungen mit dem brasilianischen Zoll f&uuml;r die Freigabe der Filmausr&uuml;stung und der Drehgenehmigung im Amazonas der Kragen. Heye spuckt Galle, w&auml;hrend Kameramann Bittner seinen Zorn im Zuckerrohrschnaps Cacha&ccedil;a ertr&auml;nkt.<\/p><p>Als w&auml;re es die Trash-Version von Bernardo Bertoluccis zur gleichen Zeit angesiedelter Verfilmung von Paul Bowles&lsquo; &bdquo;Sheltering Sky&ldquo; (&bdquo;Himmel &uuml;ber der W&uuml;ste&ldquo;), verkracht sich Jungblut mit der Gruppe und fliegt im Handumdrehen nach Deutschland zur&uuml;ck. Das Team um Heye und Br&uuml;ckner zeigt sich nicht entmutigt und fliegt nach Bel&eacute;m do Par&aacute; an der Amazonas-M&uuml;ndung, wo es mit Curt Unckel, genannt <em>Nimuendaj&uacute;<\/em>, verabredet ist. In Bel&eacute;m teilt sich die Gruppe noch einmal: Die Heyes bleiben in Par&aacute;, w&auml;hrend Br&uuml;ckner und die Gebr&uuml;der Eichhorn unter F&uuml;hrung Nimuendaj&uacute;s zu den Quellgebieten des Amazonas aufbrechen.<\/p><p>Heyes Bruchteam l&auml;sst sich auf der Farm eines gewissen Dr. Penna nieder, der zuf&auml;llig eine Kamera besitzt und den Autor beauftragt, ihm das Filmen beizubringen. Letzterer wird um ein Haar von Pennas feindlichen Nachbarn ermordet, verbringt dann Monate in einem Sanatorium und behandelt seine Galle, doch Bittner ist es, der in einem Krankenhaus in Bel&eacute;m an Leberzirrhose stirbt.<\/p><p><strong>Unckel-Nimuendaj&uacute;, der Indianerfreund aus Jena<\/strong><\/p><p>Der aus Jena stammende Curt Unckel &ndash; der l&auml;ngst eine wissenschaftliche Biografie in deutscher Sprache verdient &ndash; hatte viele Jahre lang sein Zimmer im Haus seiner Schwester und Lehrerin vor lauter Begeisterung f&uuml;r Karl Mays Abenteuerromane nicht verlassen. Angetrieben von der Heldenfigur des edlen Winnetou, verschl&auml;gt es jedoch den sp&auml;teren Pr&auml;zisionsmechaniker der Carl-Zeiss-Optik nach Brasilien, wo er 1905 von Bord geht. Nach kurzer Weiterbesch&auml;ftigung bei der Zeiss-Niederlassung in Sao Paulo entscheidet er sich jedoch f&uuml;r das Zusammenleben und die amateurhafte Erforschung von Brasiliens Indigenen, die ihn Jahre sp&auml;ter nach Bel&eacute;m f&uuml;hrt, wo er als der Dschungelexperte <em>Nimuendaj&uacute;<\/em> &ndash; &bdquo;der, der seinen Platz gefunden hat&ldquo; &ndash; bekannt wurde.<\/p><p>Unter seiner F&uuml;hrung segelten nun August Br&uuml;ckner und sein Team einen ganzen Monat lang den Amazonas stromaufw&auml;rts, mit Kurs auf den Javari und den Solim&otilde;es; das Gebiet an der Grenze nach Peru, aus dem in umgekehrter Richtung im Jahr 1541 der Spanier Francisco de Orellana auf der Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado ins brasilianische Tiefland vorstie&szlig;, den Amazonas-Strom entdeckte und als erster Wei&szlig;er &uuml;berhaupt beschiffte. Von Tabatinga segelte das deutsche Filmteam nach Jacaran&atilde;, um sich dort mit den Ticuna-Indianern zu treffen und einen Film &uuml;ber die Herstellung des t&ouml;dlichen Giftes ihrer Pfeile zu drehen. Doch im Dschungel von Napo und Javari schien die &bdquo;gr&uuml;ne H&ouml;lle&ldquo; zur&uuml;ckzuschlagen: Unckel-Nimuendaj&uacute; ist schockiert &uuml;ber den Zerfall der Ticuna und Br&uuml;ckner wird von einem Krampffieber befallen, das keine Malaria ist. Indianerfreund Unckel-Nimuendaj&uacute; befiehlt die sofortige R&uuml;ckkehr. Als sei er eine Wiederverk&ouml;rperung des mythenhaften Bootsmannes Holofernes auf dem Weg zum Hades, besegelt er den gleichen Wasserweg wie Orellana, mit Br&uuml;ckner an Bord, der vor Fieber brennt und schlie&szlig;lich in einem Krankenhaus Bel&eacute;ms stirbt.<\/p><p>Mit Unterst&uuml;tzung Unckel-Nimuendaj&uacute;s verbleibt die tapfere Witwe P&oacute;la Bauer Adamara in Amazonien und dreht den vom verstorbenen Ehemann begonnenen Film zu Ende. Sein Titel: <a href=\"https:\/\/www.encyclocine.com\/index.html?menu=72608&amp;film=2161\">&bdquo;Urwaldsymphonie&ldquo;<\/a>. Das todbringende Abenteuer ist damit aber nicht zu Ende: Pola Bauer Adamara taucht ein zweites Mal in den Dschungel ein und dreht einen zweiten Film, diesmal mit dem bitteren Titel &bdquo;Die gr&uuml;ne H&ouml;lle&ldquo;, vielleicht weil sie das t&ouml;dliche Szenario tiefer ergr&uuml;nden wollte, an dem ihr Mann starb. Der Stummfilm &bdquo;Urwaldsymphonie&ldquo; wurde erstmals 2007 im Pariser Centre Pompidou in einer Post-Sound-Version des Videok&uuml;nstlers Thomas K&ouml;ner gezeigt.<\/p><p><strong>&bdquo;Kautschuk, die gr&uuml;ne H&ouml;lle&ldquo; oder ein gewisser Nazi-Antiimperialismus<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der SS-Offizier Otto Schulz-Kampfhenkel 1935 versuchte, die Quellgebiete des Jar&iacute; im &ouml;stlichen Amazonien <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55208\">zu erreichen<\/a>, ging 1936 ein weiteres UFA-Team im Herzen Amazoniens unter Leitung von Regisseur Eduard von Bosordy an Land. Seine Mission, gef&ouml;rdert vom NS-Reichsministerium f&uuml;r Volksaufkl&auml;rung und Propaganda, war der Spielfilm &bdquo;Kautschuk &ndash; Die gr&uuml;ne H&ouml;lle&ldquo;, der, jahrzehntelang verschollen und verstaubt, erst 2005 von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restauriert wurde. Mit Dreharbeiten in den Studios Travem&uuml;nde, Babelsberg und nat&uuml;rlichen Drehorten in Amazonien hatte der Film im Hamburger UFA-Palast am 1. November 1938 Premiere im Beisein von Joseph Goebbels, der sich mit den Worten freute, &bdquo;sehr wertvoll, politisch und k&uuml;nstlerisch. Eine brillante Ufa-Leistung!&ldquo;.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_JYXnJB_wgE\">&bdquo;Kautschuk&ldquo;<\/a> erz&auml;hlt, wie England den Zusammenbruch des brasilianischen Naturkautschukmonopols provozierte.<\/p><p>Es war in einem Morgengrauen des Jahres 1876, als ein Mann die Londoner Kew Botanical Gardens betrat und nach seinem Direktor suchte. Er &uuml;berbrachte eine gestohlene Fracht: 70.000 Samen des brasilianischen Gummibaums, dank derer die englischen Kolonien in S&uuml;dostasien zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu den gr&ouml;&szlig;ten Latexproduzenten der Welt aufstiegen und den Millionen Dollar schweren Kautschukzyklus im Amazonasgebiet beendeten. Der Dieb hie&szlig; Henry Wickham, ein englischer Abenteurer, der in Santar&eacute;m, Par&aacute;, lebte.<\/p><p>Als Autor einer der ersten Biopiraterie-F&auml;lle in der Geschichte wird seine Entwicklung als vision&auml;rer, furchtloser und r&uuml;cksichtsloser Charakter nicht ohne Leidenschaft von dem amerikanischen Journalisten Joe Jackson in dem Buch &bdquo;Der Dieb am Ende der Welt&ldquo; erz&auml;hlt. In der Goebbels-Produktion spielte der UFA-Star und nationalsozialistische Karriere-K&uuml;nstler Ren&eacute; Deltgen die Figur Wickhams. Trotz der exquisiten Bildgestaltung und der modernen Bearbeitungssprache kombinierte der Film Fiktion mit ethnographischer Dokumentation und subtiler Propaganda, die den von Goebbels verk&uuml;ndeten ideologischen Richtlinien folgte, jedoch gleichzeitig und &uuml;berzeugend England als imperialistischen B&ouml;sewicht blo&szlig;zustellen vermochte.<\/p><p>Als einer der erfolgreichsten Filme im Hitler-Deutschland war &bdquo;Kautschuk&ldquo; ein absoluter Kassenerfolg. Das Budget belief sich auf 802.000 RM (Reichsmark), doch der Film spielte 1.800.000 RM ein.<\/p><p><strong>Epilog<\/strong><\/p><p>Als frisch amtseingef&uuml;hrter Direktor des Berliner V&ouml;lkerkunde-Museums erliegt Theodor Koch-Gr&uuml;nberg im Oktober 1924 w&auml;hrend seiner dritten Brasilien-Reise einem Malaria-Anfall an den Ufern des Rio Negro.<\/p><p>Nach mehrfachen, unbegr&uuml;ndeten politischen Anfeindungen wird der Hitlergegner Curt Unckel-Nimuendaj&uacute; am 10. Dezember 1945 in der Ortschaft Santa Rita do Weil tot aufgefunden. Causa mortis: Totschlag.<\/p><p>Titelbild: Marzolino\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abendl&auml;ndischer, christlicher Weihnachtsgeist, zutiefst and&auml;chtiges Gem&uuml;t, umgeben von verschneiter Landschaft und klirrender K&auml;lte, passen nicht zusammen, reimen sich nicht mit dem unendlichen, dampfenden und schwei&szlig;treibenden Gr&uuml;n des Amazonas-Dschungels. Obwohl von Atemschutzmasken und allerlei Einschr&auml;nkungen der Bewegungsfreiheit von K&ouml;rper und Ausdruckslust der Sinne betroffen, bem&uuml;ht sich der n&ouml;rdliche Weihnachtsgeist um Abfindung mit den Umst&auml;nden, Vergebung und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68666\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":68668,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,20,178],"tags":[2714,1613,380,2367,2196,2934],"class_list":["post-68666","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-landerberichte","category-ressourcen","tag-amazonien","tag-brasilien","tag-export","tag-filmindustrie","tag-indigene-voelker","tag-naturzerstoerung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/shutterstock_93310762.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68666"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68672,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68666\/revisions\/68672"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/68668"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}