{"id":68740,"date":"2021-01-11T16:54:04","date_gmt":"2021-01-11T15:54:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68740"},"modified":"2023-09-13T11:17:22","modified_gmt":"2023-09-13T09:17:22","slug":"brotlose-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68740","title":{"rendered":"Brotlose Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Brotlose Kunst. Dieser Begriff ist immer schon &ndash; auch vor Zeiten der Pandemie &ndash; als ironisch, sarkastisch gemeintes Mittel der Geringsch&auml;tzung gegen&uuml;ber Kultur- und Kunstschaffenden verwendet worden. In der Pandemie wird der Freud&rsquo;sche Versprecher t&auml;glich schmerzhaft sp&uuml;rbar, denn als systemrelevant gelten Menschen der Muse eher nicht. Doch die K&uuml;nstler sind wichtig, sagen sie, sie begehren auf und machen auf sich aufmerksam &ndash; wie zum Beispiel der S&auml;nger Dirk Z&ouml;llner.  Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9070\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-68740-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210113-Brotlose-Kunst-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210113-Brotlose-Kunst-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210113-Brotlose-Kunst-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210113-Brotlose-Kunst-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=68740-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210113-Brotlose-Kunst-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210113-Brotlose-Kunst-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Petition &bdquo;Kultur ins Grundgesetz&ldquo; steht noch weniger als 15 Tage im Raum, es bedarf weiterer Stimmen, damit dieser Antrag &uuml;berhaupt in der Politik thematisiert wird, findet der K&uuml;nstler Dirk Z&ouml;llner. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bitte Euch darum, das Anliegen als meine Freunde und kulturvolle Menschen zu unterst&uuml;tzen und zu verbreiten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Berliner K&uuml;nstler Dirk Z&ouml;llner schreibt das auf seinen Internetseiten und wirbt um Unterschriften, damit die Kunst nicht als brotlos f&uuml;r alle Zeit bel&auml;chelt werden kann. Er tut es nicht allein, viele seiner Kollegen sind im Boot. Dirk Z&ouml;llner ist S&auml;nger, Musiker, Komponist, Buchautor, ein Lebensfreudiger, Hungriger, Zweifelnder, der in diesen Monaten (es wird nebenbei im Februar ein Jahr mit Corona und der Katastrophe drumherum) kraftvoll und &ouml;ffentlich seinen Fans die Hoch und Tiefs seines Seelenzustandes offenbart. Gerade k&auml;mpfen Z&ouml;llner und viele seine Kollegen trotz allem noch mehr als sonst. Allein &ndash; ihr Engagement, ihre Wortmeldungen finden wenig Platz im Mainstream. <\/p><p>Es ist Z&ouml;llners Art, ungeschminkt und dabei stets stilvoll sein Leben, sein Wirken in die Welt zu stellen, und das vor allem aus k&uuml;nstlerisch-philosophischer Sicht: die Musik, die Konzerte, das Leben des Souls&auml;ngers aus Ostberlin, die Anekdoten &ndash; sie geh&ouml;ren zusammen, sie schaffen die Kl&auml;nge, die Songs, die Refrains, die Auftritte, das Gef&uuml;hl auf der B&uuml;hne, das Gef&uuml;hl im Saal, die Aura um den K&uuml;nstler. Alles zusammen geschieht f&uuml;r das Publikum. Z&ouml;llner will nicht, dass das alles verschwindet. Es ergeht ihm wie seinen Kollegen. Einerseits Leere, andererseits k&auml;mpfen wollen, m&uuml;ssen. &bdquo;Ohne uns wird es still&ldquo;, hei&szlig;t der Slogan einer deutschlandweiten K&uuml;nstleraktion gegen das scheinbare Vergessen der Kultur und Kunst in den Pl&auml;nen der Macher in diesem Land. So bleibt gerade und nicht freiwillig: Das Konzert erklingt trotzig via Internet in die Wohnstube, die Musik via Streaming-Dienst in den Geh&ouml;rg&auml;ngen. Die Ausstellung wird virtuell angeboten, die Tanzeinlage ebenso per Videoclip. Das Theaterst&uuml;ck, der Auftritt der Streicher, der Jazzer &ndash; alles ohne Publikum. <\/p><p>Die Lage ist schlimm, es muss sich was &auml;ndern, auch mit Petitionen, so Z&ouml;llner. Die Zeilen der Petition solle man unbedingt lesen, die Anliegen geh&ouml;rten auf die Tagesordnung, also: die Petition muss Erfolg haben, hoffen die K&uuml;nstler und formulieren:<\/p><blockquote><p>\nDie Freiheit der Kunst wird unter Artikel 5 Abs. 3 des Grundgesetzes gesch&uuml;tzt und stellt damit ein Grundrecht dar.<\/p>\n<p>Doch Kunst und Kultur k&ouml;nnen nur frei sein und ihre gesellschaftliche Aufgabe erf&uuml;llen, wenn ihnen die daf&uuml;r notwendige Achtung und Akzeptanz auf bundespolitischer Ebene entgegengebracht wird. Bislang wird die Kulturf&ouml;rderung in weiten Teilen als freiwillige Aufgabe der L&auml;nder und Kommunen betrachtet.<\/p>\n<p>Wir sind jedoch der &Uuml;berzeugung, dass der Stellenwert von Kunst und Kultur als ein kollektives gesellschaftliches Interesse grundrechtlich gesch&uuml;tzt werden muss.<\/p>\n<p>Dies beinhaltet nicht nur den Schutz unseres kulturellen Erbes, sondern auch die F&ouml;rderung der kulturellen Landschaft in ihrer ganzen Vielfalt.<\/p>\n<p>Kunst und Kultur existieren nicht um ihrer selbst willen, sondern brauchen und suchen den Dialog mit der Bev&ouml;lkerung, dem Publikum. Jeder Mensch &ndash; ungeachtet seiner Lebenssituation oder seiner finanziellen Bedingungen &ndash; hat einen Anspruch auf  kulturelle Teilhabe. Und obwohl dieses Menschenrecht in der UN-Charta verbrieft ist &ndash; zu deren Unterzeichnern die Bundesrepublik Deutschland geh&ouml;rt &ndash; sind wir von der Schaffung der daf&uuml;r notwendigen Chancengleichheit noch sehr weit entfernt.<\/p>\n<p>Wir fordern daher die Bundesregierung dazu auf:<\/p>\n<p>Den Schutz von Kunst und Kultur als Grundrecht im Grundgesetz zu verankern.<\/p>\n<p>Das Recht auf unbeschr&auml;nkte Teilhabe aller B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger am kulturellen Leben und an kultureller Bildung als Grundrecht im Grundgesetz zu verankern.<\/p>\n<p>Langfristige stabile Sicherungsinstrumente f&uuml;r Kunst- und Kulturschaffende zu etablieren, sowie ein auf sie zugeschnittenes gesetzliches Regelwerk zu schaffen, das sie vor unverschuldeten Verdienstausf&auml;llen sch&uuml;tzt.<\/p>\n<p>Alle drei Forderungen sind aus unserer Sicht Obliegenheiten des Staates und der gesellschaftlichen Kr&auml;fte.\n<\/p><\/blockquote><p>Dirk Z&ouml;llner thematisierte von Beginn der Pandemie an, dass die Zeit f&uuml;r eine Z&auml;sur gekommen sei, eine Zeit der Diskussion, wie es weitergeht im Land der Leistungsgesellschaft, mit all dem Schneller-H&ouml;her-Weiter, der Hatz im Hamsterrad. Der S&auml;nger verriet seine sympathische Naivit&auml;t, zu glauben, zu hoffen, zu verlangen, dass gerade in der Pandemie doch in aller Freundschaft und mit der beworbenen Solidarit&auml;t inklusive Beifallklatschen und den &bdquo;Wir-schaffen-das&ldquo;-Aufmunterungen notwendige Ver&auml;nderungen auf die Tagesordnung kommen, die schon vor Corona l&auml;ngst f&auml;llig waren, denn die Ursachen der Pandemie finden sich auch im Bisher. Er irrte sich mit der Z&auml;sur der Tagesordnungspunkte. Doch Dirk Z&ouml;llner gibt nicht auf. Er geht auch ab und an in die Knie, wie er gnadenlos ehrlich zugibt. Kein Auftritte &ndash; kein Honorar, kein Honorar &ndash; keine Einnahmen, mit denen die Ausgaben bedient werden. Wie lange soll das so gehen, fragt sich nicht nur Z&ouml;llner.<\/p><p>Der Musiker und Buchautor tourte bis zum herbstlich-winterlichen Verschluss und Verbot vieler Lebensaktivit&auml;ten (genannt Lockdown) durch das Land. Die Auftritte waren alle stets von einem durchdachten und beh&ouml;rdlicherseits genehmigten Konzept der Hygiene und Sicherheit flankiert. Und sie waren gut besucht, soweit bei wenigen erlaubten G&auml;sten davon gesprochen werden konnte. Z&ouml;llner erlebte die Kultur und Kunst als &uuml;beraus systemrelevant. Von wegen brotlose Kunst. Seine Besucher saugten die Zeit der kulturellen Abende unter besonderen Bedingungen geradezu auf, sie genossen es, sie tankten Kraft und Zuversicht und taten etwas f&uuml;r ihre Gesundheit. Die seelische vor allem. Dann der erneute Stopp. Basta! Basta? Musik, Lesungen, Theater, Kino, Ausstellungen, Ballett: nein. Industrie, Fu&szlig;ball, Waffenexporte: ja. <\/p><p>Dirk Z&ouml;llner hat mehrere B&uuml;cher verfasst, sein aktuelles tr&auml;gt den Titel &bdquo;Herzkasper&ldquo; Eulenspiegel Verlag Berlin). Aus seinem P.S. zitiert, offenbaren sich Z&ouml;llners schelmisch formulierte, &uuml;beraus emphatische Hoffnungen: <\/p><blockquote><p>\nWenn wir die Entscheidungstr&auml;ger aus dem Pool der guten Herzen und hellen Hirne ausgelost haben, wird vom Minister f&uuml;r soziale Gerechtigkeit als Erstes ein bedingungsloses Grundeinkommen eingef&uuml;hrt. Das ist allein schon deshalb empfehlenswert, weil damit die Diener des alten Systems aufgefangen werden und sich deshalb vielleicht leichter f&uuml;r das neue System begeistern lassen. Die Ma&szlig;losen unter den Kapitalisten werden begnadigt, d&uuml;rfen aber nur so viel Geld behalten, dass sie bis zu ihrem biologischen Ende sorglos leben k&ouml;nnen.\n<\/p><\/blockquote><p>P.S: Dirk Z&ouml;llner ist bekannt vor allem im Osten der Bundesrepublik. Das hat auch mit dem Verlauf der Wiedervereinigung zu tun und mit der Haltung zu K&uuml;nstlern. Um sich einen Eindruck von Z&ouml;llners Schaffen zu verschaffen, <a href=\"https:\/\/die-zoellner.de\/\">ist hier der Link zu seiner Band und ihm angeh&auml;ngt<\/a>.<\/p><p><em>Titelbild: Vorlockdown-Gastspiel in der Provinz: Dirk Z&ouml;llner (rechts) mit Gitarrist Andr&eacute; Drechsler und Gastgeberin Doritta Korte vom Colorido-Verein in Plauen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brotlose Kunst. Dieser Begriff ist immer schon &ndash; auch vor Zeiten der Pandemie &ndash; als ironisch, sarkastisch gemeintes Mittel der Geringsch&auml;tzung gegen&uuml;ber Kultur- und Kunstschaffenden verwendet worden. In der Pandemie wird der Freud&rsquo;sche Versprecher t&auml;glich schmerzhaft sp&uuml;rbar, denn als systemrelevant gelten Menschen der Muse eher nicht. 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