{"id":68850,"date":"2021-01-15T08:58:46","date_gmt":"2021-01-15T07:58:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68850"},"modified":"2021-01-29T09:31:57","modified_gmt":"2021-01-29T08:31:57","slug":"entlarvung-des-mythos-assange-sei-ein-terrorist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68850","title":{"rendered":"Entlarvung des Mythos, Assange sei ein Terrorist"},"content":{"rendered":"<p>Am 6. Januar erschien der Artikel <a href=\"https:\/\/www.thereframer.org\/post\/debunking-the-myth-of-assange-as-terrorist\">Debunking the Myth of Assange as Terrorist<\/a> von <strong>Eric A.S. Harvey, JD<\/strong> auf der Webseite <a href=\"http:\/\/thereframer.org\">The Reframer<\/a>. Der Artikel ist bemerkenswert, weil er das anscheinend in den USA weit verbreitete, aber in Europa zumindest von mir nicht wahrgenommene Narrativ aufgreift, bei Julian Assange handele es sich um einen Terroristen. Auch auf bemerkenswerte Weise behandelt Eric A.S. Harvey, JD <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ReframerOrg\">@reframerorg<\/a> diese Darstellung und ordnet sie kenntnisreich ein. Nachfolgend findet sich eine &Uuml;bersetzung von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong> mit der freundlichen Genehmigung des Autors.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_916\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-68850-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210115_Entlarvung_des_Mythos_Assange_sei_ein_Terrorist_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210115_Entlarvung_des_Mythos_Assange_sei_ein_Terrorist_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210115_Entlarvung_des_Mythos_Assange_sei_ein_Terrorist_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210115_Entlarvung_des_Mythos_Assange_sei_ein_Terrorist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=68850-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210115_Entlarvung_des_Mythos_Assange_sei_ein_Terrorist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210115_Entlarvung_des_Mythos_Assange_sei_ein_Terrorist_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Entlarvung des Mythos, Assange sei ein Terrorist<\/strong><\/p><p>Der Kampf gegen ein Narrativ, das den Kern der Demokratie und den Beruf des Journalisten bedroht<\/p><p><em>Von Eric A.S. Harvey, JD <\/em><\/p><p>Vor zehn Jahren bezeichnete der designierte Pr&auml;sident Joseph R. Biden, Jr. den Gr&uuml;nder und ehemaligen Chefredakteur von Wikileaks, Julian Assange, als &bdquo;High-Tech-Terroristen&ldquo;. Indem er dies sagte, ordnete sich Biden in einem der st&auml;rkeren, aber v&ouml;llig unhaltbaren Anti-Assange-Narrative ein. Diese mythische Denkweise, urspr&uuml;nglich entstanden durch die Vorstellung, Assange sei ein Vermittler von Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten, ist bis heute weit verbreitet. Sie motiviert entweder implizit oder explizit die verleumderische, diffamierende und gewaltt&auml;tige Verfolgung von Assange durch so viele Regierungen.<\/p><p>Im Februar 2010 begann Wikileaks mit der Ver&ouml;ffentlichung einer umfangreichen Menge an geheimen Dokumenten, die, wie zu viele Mitglieder des amerikanischen Establishments verd&auml;chtigerweise &uuml;berbetont haben, die Identit&auml;ten von Informanten in &Uuml;bersee enthielten. Im September 2011 und nach einer Reihe von ungl&uuml;cklichen und unvorhergesehenen Ereignissen, die nicht unmittelbar Assanges Kontrolle unterlagen, ver&ouml;ffentlichte Wikileaks den gesamten Fundus. Diese Vorg&auml;nge wurden schlie&szlig;lich als &bdquo;Cablegate&ldquo; bekannt.<\/p><p>Zun&auml;chst war alles nach Plan verlaufen. In einer Vereinbarung mit den Nachrichtenpublikationen El Pais, Der Spiegel, Le Monde, The Guardian und The New York Times ver&ouml;ffentlichte Wikileaks eine Auswahl an geheimen Dokumenten, wobei die Identit&auml;ten aller Informanten, die in den Originalen erw&auml;hnt wurden, geschw&auml;rzt wurden. Im Februar 2011 ver&ouml;ffentlichte David Leigh vom Guardian jedoch in einem Buch den Passcode, der f&uuml;r den Zugang zu den restlichen Dokumenten verwendet wurde, nachdem er diesen Passcode f&auml;lschlicherweise f&uuml;r einen tempor&auml;ren gehalten hatte. (Anm.MM: Offensichtlich, ohne dies zu &uuml;berpr&uuml;fen.)<\/p><p>Einige Monate sp&auml;ter, im August, ver&ouml;ffentlichte die deutsche Wochenzeitung &bdquo;Der Freitag&ldquo; ebenfalls Details, die f&uuml;r den Zugriff auf die Dateien relevant waren, was die Sache noch verschlimmerte. Infolgedessen und ohne direktes oder vollst&auml;ndiges Verschulden von Assange tauchten &uuml;ber 250.000 diplomatische Depeschen ohne Schw&auml;rzungen online auf, um von der weltweiten &Ouml;ffentlichkeit beachtet zu werden. Erst danach hat Wikileaks alle diplomatischen Depeschen in ungeschw&auml;rzter Form ver&ouml;ffentlicht. Es kann jedoch nicht genug betont werden, dass Assange zu diesem Zeitpunkt gro&szlig;e Anstrengungen unternahm, um die m&ouml;glichen Folgen der Enth&uuml;llungen &uuml;ber die Identit&auml;ten der Informanten abzumildern. An einem Punkt kontaktierte Assange das US-Au&szlig;enministerium und bestand darauf, direkt mit der damaligen Au&szlig;enministerin Hillary Clinton zu sprechen und sagte, &bdquo;wenn wir nicht etwas tun, werden Menschenleben in Gefahr geraten&ldquo;.<\/p><p>Stunden vergingen, bevor Assange einen R&uuml;ckruf erhielt. Ein Anwalt des Au&szlig;enministeriums, und nicht Ministerin Clinton, sprach w&auml;hrend dieses Telefonats mit Assange und sagte, dass das Au&szlig;enministerium Wikileaks nicht bei der Abwendung der m&ouml;glichen t&ouml;dlichen Folgen aus dem Leck helfen k&ouml;nne. Keine der Zeitungen, die in irgendeiner Phase in &bdquo;Cablegate&ldquo; involviert waren, tat es Assange gleich. Die Last, den m&ouml;glichen Folgen entgegenzuwirken, wurde Assange &uuml;berlassen. Dieser handhabte diese Situation in einer Art und Weise, die sinnbildlich f&uuml;r die humanit&auml;re Sorge um das Leben derjenigen war, von denen so viele Beamte der Obama-Regierung sp&auml;ter eindringlich behaupteten, sie seien allein durch Assange in unmittelbare Gefahr geraten. Aber ich frage: Was ist mit den anderen Zeitungen? Diese Frage wird oft als &bdquo;Das New York Times Problem&ldquo; bezeichnet, das die Obama-Regierung dazu veranlasste, die Verfolgung von Assange einzustellen. Mit der Erkenntnis, dass die Kriminalisierung von Assange die Kriminalisierung aller anderen Publikationen erfordern w&uuml;rde, die die diplomatischen Depeschen vor Wikileaks ver&ouml;ffentlicht haben, hat das Justizministerium, damals unter der Leitung von Generalstaatsanwalt Eric Holder, die Notwendigkeit erkannt, von dem Ersuchen nach Assanges Auslieferung abzusehen. Trotz dieser offensichtlich stichhaltigen Argumentation hat die Trump-Administration in der j&uuml;ngeren Vergangenheit emp&ouml;renderweise die Verfolgung von Assange vorangetrieben.<\/p><p>Im Gefolge von &bdquo;Cablegate&ldquo; behaupteten Instanzen quer durch das politische Spektrum in den Vereinigten Staaten in einer besorgniserregenden H&auml;ufigkeit, dass Assange &bdquo;Blut an seinen H&auml;nden&ldquo; habe, und behaupteten, dass er die Informanten, die in den diplomatischen Depeschen erw&auml;hnt wurden, der Gefahr t&ouml;dlicher Vergeltung durch internationale terroristische Organisationen und autorit&auml;re Regierungen ausgesetzt habe, die sich an denen r&auml;chen wollten, die mit den Vereinigten Staaten kooperierten. Vertreter der Obama-Regierung, von der ehemaligen Au&szlig;enministerin Hillary Clinton bis zum ehemaligen Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff Adm. Mike Mullen, warfen Assange Blutr&uuml;nstigkeit vor. Aber nicht nur innerhalb des demokratischen Establishments wurde die Vorstellung von Assange als einem Kriminellen, der daran interessiert ist, Unschuldige zu t&ouml;ten, allt&auml;glich. Die Vizepr&auml;sidentschaftskandidatin von 2008, Sarah Palin, f&uuml;gte dieser Anti-Assange-Rhetorik die Behauptung hinzu, Assange sei &bdquo;ein antiamerikanischer Agent mit Blut an seinen H&auml;nden&ldquo;. Au&szlig;erdem fragte sie: &bdquo;Warum wurde er nicht mit der gleichen Dringlichkeit verfolgt, mit der wir Al-Qaida- und Taliban-F&uuml;hrer verfolgen?&ldquo; Palin warf Assange in einen Topf mit Terroristen, die von den meisten Amerikanern leicht als solche erkannt werden. Der Vergleich ist v&ouml;llig unfair, und es ist interessant, dass Palin in letzter Zeit die Abweisung der Anklagen gegen Assange bef&uuml;rwortete.<\/p><p>Zehn Jahre sp&auml;ter f&auml;hrt das US-Justizministerium in den aufeinanderfolgenden Anklageschriften gegen Assange fort, diesen Mythos &uuml;ber den australischen Anti-Geheimhaltungs-Radikalen zu verbreiten. Beeinflusst von der Art und Weise, wie die Obama-Regierung mehr Whistleblower strafrechtlich verfolgt hat als alle anderen Regierungen zusammen, Pr&auml;sident Trumps Hass auf die Medien und einer Vielzahl anderer Faktoren, d&auml;monisieren Politiker quer durch das politische Spektrum in diesen Tagen den Radikalen auch als einen Erm&ouml;glicher von Gewalt gegen die Vereinigten Staaten.<\/p><p>Gleichzeitig verzerren die Nachrichtenmedien, in vielerlei Hinsicht unabh&auml;ngig von ihrer politischen Ausrichtung, die Schuldzuweisung in Bezug auf Assange und die vollst&auml;ndige und letztendliche Ver&ouml;ffentlichung der diplomatischen Depeschen durch Wikileaks. Allzu oft wird vergessen, dass so viele andere angesehene und prestigetr&auml;chtige Nachrichtenpublikationen es Wikileaks gleichtaten. Und nat&uuml;rlich ist es dann bequemerweise aus dem Fokus der Aufmerksamkeit geraten, dass Assange eifrig versucht hat, die m&ouml;glichen Folgen von &bdquo;Cablegate&ldquo; abzuschw&auml;chen, w&auml;hrend keine andere Organisation, die in &bdquo;Cablegate&ldquo; involviert war, dies in der gleichen Art und Weise tat. Und so hat der Mythos von Assange als Terrorist eine ungeheure Eigendynamik entwickelt, auch wenn das Wort &bdquo;Terrorist&ldquo; in Bezug auf ihn nicht immer explizit verwendet wird.<\/p><p>W&auml;hrend die nachfolgende Anklage gegen Assange, die 17 Anklagepunkte wegen Verletzung des Espionage Act (Spionagegesetz) von 1917 und eine Anklage wegen Verletzung des Computer Fraud and Abuse Act (Computer-Betrug-und-Missbrauch-Gesetz) umfasst, Assange nicht ausdr&uuml;cklich anklagt, einen Terrorakt begangen zu haben, ist der Mythos von Assange als ein als solcher Agierender quicklebendig. Es ist ein Mythos, der verwendet wird, um der &Ouml;ffentlichkeit das Gehirn zu waschen, damit diese Trumps gewaltsame Verfolgung eines Journalisten unterst&uuml;tzt &ndash; ein Angriff auf den verfassungsm&auml;&szlig;ig garantierten Schutz der Presse, einer der fundamentalsten Grunds&auml;tze einer demokratischen Republik und einer liberalen Demokratie.<\/p><p>Am 13. April 2017 bezeichnete der damalige CIA-Direktor Michael Pompeo Assange als &bdquo;Liebling&ldquo; dschihadistischer Gruppen und Wikileaks als &bdquo;nicht-staatlichen feindlichen Geheimdienst&ldquo;. Als neuernannter CIA-Direktor sprach Pompeo an diesem Tag vor gr&ouml;&szlig;erem Publikum im Center for Strategic and International Studies in Washington, DC, und seine &Auml;u&szlig;erungen schienen eine Reaktion auf die Ver&ouml;ffentlichung des ersten Teils von Vault 7 zu sein, einer Reihe von Dokumenten, die von Wikileaks verbreitet wurden und problematische und rechtlich fragw&uuml;rdige Praktiken innerhalb der amerikanischen Geheimdienstgemeinschaft enth&uuml;llten. Und nicht zu vergessen ist, dass Pr&auml;sident Trump, der Pompeo ernannt hat, w&auml;hrend seiner Kandidatur f&uuml;r das Amt des Pr&auml;sidenten im Jahr 2016 wiederholt ausgerufen hat: &bdquo;Ich liebe Wikileaks.&ldquo;<\/p><p>Von 2017 bis heute hat der Mythos von Assange als Terrorist noch mehr an Boden gewonnen. Am 11. April 2019, dem Tag, an dem Assange von britischen Beh&ouml;rden verhaftet und aus der ecuadorianischen Botschaft in London geschleppt wurde, ver&ouml;ffentlichte Wired.com den Artikel &bdquo;Breaking Down the Hacking Case Against Julian Assange&ldquo;, in dem der Journalist Andy Greenberg schrieb:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;[Der in New York City ans&auml;ssige Anwalt Tor] Ekelund weist auch darauf hin, dass das Justizministerium, um die Verj&auml;hrungsfrist f&uuml;r den CFAA (Computer-Betrug-und-Missbrauch-Gesetz) von den normalen f&uuml;nf Jahren auf die in diesem Fall notwendigen acht Jahre auszudehnen, angesichts des Datums der Anklageschrift vom M&auml;rz 2018 Assange unter einem Statut anklagt, das sein angebliches Hacken als &bdquo;Terrorakt&ldquo; bezeichnet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Danach, am 12. September 2019, befragte Kevin Gosztola von Shadowproof.com jeden der US-Pr&auml;sidentschaftskandidaten zu seiner Haltung gegen&uuml;ber Assange. W&auml;hrend einige, wie Senator Bernie Sanders und die Aktivistin Marianne Williamson, pauschal behaupteten, sie w&uuml;rden die Anklagen fallenlassen, beantworteten andere wie z.B. der designierte Pr&auml;sident Biden die Frage ausweichend, immer noch ihrer Verachtung f&uuml;r Assange Ausdruck gebend, und mit der Behauptung, dass Assange Leben in Gefahr gebracht habe. Erinnern wir uns jedoch daran, dass hier bereits festgestellt wurde, dass Assange nicht der einzige und tats&auml;chlich der letzte Agierende war, der die diplomatischen Depeschen verbreitete. Eine &uuml;berm&auml;&szlig;ige Betonung seiner Schuld ist daher problematisch. Dar&uuml;ber hinaus ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass kein einziger Beweis f&uuml;r eine Sch&auml;digung von Informanten dokumentiert wurde.<\/p><p>Aber machen wir uns Folgendes klar: Die erg&auml;nzende Anklageschrift (Anm. MM: Es gibt verwirrenderweise 3 aufeinanderfolgende Anklageschriften. <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2020\/09\/28\/letter-from-london-the-surreal-us-case-against-assange\/\">Siehe auch hier<\/a>.) wirft ihm Verst&ouml;&szlig;e gegen Spionage- und Hacking-Gesetze vor, w&auml;hrend sie keine expliziten Vorw&uuml;rfe des Terrorismus aufz&auml;hlt. Dennoch wird vor dem Hintergrund des Portr&auml;ts, das unsere Regierung und die Medien von Assange gezeichnet haben, und eingebettet in die Anklagen wegen Spionage und spionagemotivierten Hacking-Verbrechen eine (Terror-)Anklage impliziert. Diese Anklage, die vielleicht notwendigerweise und untrennbar mit dem st&ouml;renden und gelegentlich sogar gewaltt&auml;tigen Wesen der Spionage verbunden ist, lautet, dass Assange ein gef&auml;hrliches kriminelles Superhirn von globalem Ausma&szlig; ist, das mit Terroristen unter einer Decke steckt und in unterschiedlichem Ma&szlig;e in den Tod unschuldiger Menschen verwickelt ist. Das Fehlen von Anklagepunkten in den Anklageschriften, die sich explizit auf Terrorismusvorw&uuml;rfe beziehen, ist auch insofern interessant, als es wahrscheinlich darauf hindeutet, dass unsere (US-)Regierung selbst die Illegitimit&auml;t der Anklage von Assange mit Terrorakten vor Augen hat. Teams von Anw&auml;lten im Justizministerium, das bis vor kurzem von William Barr geleitet wurde, haben wahrscheinlich verstanden, dass Anklagen wegen Terrorismus zur Untermauerung ihrer Argumente f&uuml;r die Auslieferung von Assange nicht das gew&uuml;nschte Ergebnis bringen w&uuml;rden. Mit anderen Worten, es scheint, dass das D.O.J. (Department of Justice &ndash; Justizministerium) wahrscheinlich den Mythos von Assange als Terrorist als absurd erkennt.<\/p><p>Es muss noch einmal betont werden, dass keine Beweise f&uuml;r Todesf&auml;lle innerhalb der globalen Informantengemeinde dokumentiert wurden, die auf &bdquo;Cablegate&ldquo; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind. Und Mitglieder der Obama-Regierung waren durchaus bereit, &ouml;ffentlich &uuml;ber diesen Mangel an Beweisen zu sprechen. So hat sich beispielsweise der ehemalige Verteidigungsminister Robert Gates zu diesem Thema ge&auml;u&szlig;ert und letztlich behauptet, dass &bdquo;Cablegate&ldquo; nicht mehr als ein peinliches &Auml;rgernis gewesen sei. Ebenso wichtig ist, dass Assange nie die Absicht an den Tag gelegt hat, Gewalt gegen irgendjemanden zu verursachen, geschweige denn gegen die in den diplomatischen Depeschen erw&auml;hnten Informanten. Er wird zum Teil von der prinzipiellen Vorstellung geleitet, dass Informationsfreiheit ein m&auml;chtiges Mittel ist, um den Frieden zu f&ouml;rdern. In der Tat sagte er einmal: &bdquo;Wenn Kriege durch L&uuml;gen begonnen werden k&ouml;nnen, kann Frieden durch die Wahrheit begonnen werden.&ldquo;<\/p><p>Also, was ist Terrorismus und was ist ein Terrorist? Um die l&auml;cherliche Vorstellung zu zerstreuen, dass Assange ein solcher Verbrecher sei, ist es notwendig, zu definieren, was ein solcher Akteur ist, und dann Assange von den Kriterien f&uuml;r diese Bezeichnung zu entlasten.<\/p><p>Ich f&uuml;hrte am 4. Januar 2021 ein Interview mit Mohamed A. &lsquo;Arafa, SJD, Professor f&uuml;r Recht an der Alexandria University in &Auml;gypten und au&szlig;erordentlicher Professor f&uuml;r Recht an der Cornell Law School. Um zusammenzufassen, was er w&auml;hrend unseres Interviews enth&uuml;llte, zitiere ich aus einem Artikel &uuml;ber Terrorismus, den er mitverfasst hat: &bdquo;Allein die US-Regierung verwendet 22 verschiedene Definitionen von Terrorismus&ldquo;, die alle in unterschiedlichem Ma&szlig;e Terrorismus als ein Verhalten bezeichnen, das auf die Ver&uuml;bung illegaler Gewalt ausgerichtet ist. Mit anderen Worten: Angesichts der F&uuml;lle von Definitionen ist die juristische Identifizierung von Terroristen innerhalb der amerikanischen Justiz tendenziell un&uuml;bersichtlich. (Artikel mitverfasst von Professor Arafa, verf&uuml;gbar unter: <a href=\"http:\/\/crime-in-crisis.com\/en\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/57-mohamed-KOURAKIS-FS_Final_Draft_26.4.17.pdf\">crime-in-crisis.com<\/a>,  Zugriff am 4. Januar 2021.) Dar&uuml;ber hinaus ist die rechtliche Definition von Terrorismus im Vereinigten K&ouml;nigreich, die sich im Prevention of Terrorism (Temporary Provisions) Act 1974 (PTA) Abschnitt 14(1) des PTA 1974 findet, &bdquo;die Anwendung von Gewalt zu politischen Zwecken und schlie&szlig;t jede Anwendung von Gewalt mit dem Ziel ein, die &Ouml;ffentlichkeit oder einen Teil der &Ouml;ffentlichkeit in Angst zu versetzen.&ldquo;<\/p><p>Fragen wir uns mit dem unmittelbar Vorgenanntem im Hinterkopf: Hat Assange w&auml;hrend seiner T&auml;tigkeit bei Wikileaks einen der oben aufgez&auml;hlten Bestandteile eines rechtlich anerkannten Terroristen verk&ouml;rpert? Und bieten einem vor diesem Hintergrund Pr&auml;zedenzf&auml;lle im britischen Auslieferungssystem und im Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten eine rechtlich fundierte Grundlage f&uuml;r die Anerkennung von Assange als Terrorist, um die gesetzlichen Definitionen von Terrorismus anzuwenden. Als Pr&auml;zedenzfall ist der Auslieferungsprozess von Abu Hamza al-Masri unverzichtbar und h&ouml;chst relevant, um den Mythos von Assange als Terrorist weiter zu entlarven. Hamzas Verhalten verk&ouml;rpert den Terrorismusbegriff, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im Vereinigten K&ouml;nigreich. Die Meinung, dass Hamza der Inbegriff eines Terroristen ist, wird auch durch die Haltung vieler Instanzen weltweit ihm gegen&uuml;ber charakterisiert. Professor Arafa bekr&auml;ftigte die G&uuml;ltigkeit eines solchen Vergleichs an dem Tag, an dem die britische Richterin Vanessa Baraitser die Auslieferung von Assange blockierte, und deutete an, dass dies ein effektiver Weg sei, den Mythos vom Terroristen Assange dem Erdboden gleichzumachen.<\/p><p>Der in &Auml;gypten geborene Imam Hamza, der von Gro&szlig;britannien an die USA ausgeliefert wurde, weil er 11 Terrorakte gegen die Vereinigten Staaten begangen haben soll, predigte islamische Erweckung in der Finsbury Park Moschee in London, England, wo er eingeb&uuml;rgert war. Die 11 Anklagepunkte, f&uuml;r die das Vereinigte K&ouml;nigreich ihn auslieferte und f&uuml;r die die Vereinigten Staaten ihn verurteilten, beinhalteten: (1) Unterst&uuml;tzung von Terroranschl&auml;gen im Jemen, die zum Tod von Geiseln f&uuml;hrten; (2) Mitwirkung an der Einrichtung eines terroristischen Trainingslagers in Bly, Oregon; und (3) Unterst&uuml;tzung des gewaltt&auml;tigen Dschihad in Afghanistan.<\/p><p>Beim ersten Anklagepunkt wurde viel Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass Hamza den Geiselnehmern im Jemen Zugang zu einem Satellitentelefon verschafft hatte, &uuml;ber das er den Geiselnehmern in Echtzeit telefonisch Ratschl&auml;ge zur Durchf&uuml;hrung der Geiselnahme gab. Nicht allzu lange danach behauptete Hamza in einem aufgezeichneten Gespr&auml;ch auch, dass Geiselnahmen im Islam &bdquo;eine gute Sache&ldquo; seien.<\/p><p>In Bezug auf den zweiten Anklagepunkt wurde der islamische Erwecker verurteilt, weil er ein Mitglied seines Kreises aus Gro&szlig;britannien in die USA geschickt hatte, um das terroristische Trainingslager im pazifischen Nordwesten zu planen und zu errichten. Und in Bezug auf die dritte Gruppe von Anklagen wurde Hamza f&uuml;r schuldig befunden, aus der Ferne dschihadistische Trainingslager in Afghanistan organisiert zu haben, w&auml;hrend er letztlich auch &bdquo;G&uuml;ter und Dienstleistungen&ldquo; an die Taliban dort geliefert hat, um die offizielle Erkl&auml;rung zu zitieren, die von unserer Regierung nach Hamzas Verurteilung in den USA ver&ouml;ffentlicht wurde.<\/p><p>In Anbetracht der Tatsache, dass Hamza aufgrund von Verurteilungen wegen Terrorakten im Jahr 2012 vom Vereinigten K&ouml;nigreich (der gleichen Gerichtsbarkeit, in der Assanges Auslieferung gerade blockiert wurde) an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde (der gleichen Gerichtsbarkeit, in der Assange gelandet w&auml;re, wenn seine Auslieferung nicht blockiert worden w&auml;re), und in Anbetracht der Tatsache, dass es allgemein anerkannt ist, dass Hamza der profilierteste nichtstaatliche Akteur ist, der wegen Terrorismusvorw&uuml;rfen vom Vereinigten K&ouml;nigreich an die USA ausgeliefert wurde, sollten wir dann nicht Hamzas Verbrechen mit den sogenannten und angeblichen Verbrechen von Assange vergleichen?<\/p><p>W&auml;hrend Assange in den verschiedenen Anklagen nicht des Terrorismus angeklagt wurde, ist es immer noch kulturelle, rechtliche und politische Folklore in Amerika, dass Assange entweder wirklich ein Terrorist war und ist oder zumindest auf die gleiche Art und Weise wie ein Terrorist funktioniert. Aber um es noch einmal zu wiederholen: Es gibt keine Beweise f&uuml;r eine Sch&auml;digung der Informanten, deren Identit&auml;ten in den diplomatischen Depeschen zuerst von vielen Nachrichtenpublikationen und erst dann von Wikileaks enth&uuml;llt wurden. Und Assange war weder durch m&ouml;rderische Bosheit motiviert noch hat er den Tod von Unschuldigen verursacht. Es versteht sich von selbst, dass bei Hamza das Gegenteil der Fall ist.<\/p><p>Erinnern wir uns daran, dass Assange wegen 17 Verst&ouml;&szlig;en gegen den Espionage Act von 1917 und einem Versto&szlig; gegen den Computer Fraud and Abuse Act angeklagt und seine Auslieferung verlangt wurde. Nichtsdestotrotz war sein publizistisches Verhalten im Zusammenhang mit Wikileaks nie gewaltt&auml;tig. Im Kontext der Beobachtungen von Professor Arafa &uuml;ber die Definitionen von Terrorismus und vor dem Hintergrund des Pr&auml;zedenzfalls Hamza ist Assange definitiv kein Terrorist, w&auml;hrend Hamza einer ist. Dennoch ist es interessant, dass man Hamza jetzt in Einzelhaft in demselben Hochsicherheitsgef&auml;ngnis verrotten l&auml;sst, in dem Assange letztendlich landen sollte, n&auml;mlich im ADX Florence in Florence, Colorado, das so oft als Amerikas schlimmstes Gef&auml;ngnis bezeichnet wird.<\/p><p>W&auml;hrend Assange im letzten Jahrzehnt entweder implizit oder explizit als Terrorist identifiziert wurde, ist es sowohl beunruhigend als auch interessant zu beobachten, dass sein Verhalten, das identisch ist mit dem jedes anderen Journalisten und Redakteurs, der &uuml;ber nationale Sicherheit und staatliche Geheimdienste berichtet, in den Augen unserer Regierung gleichbedeutend mit Terrorismus zu sein scheint.<\/p><p>Der Aktivist Ralph Nader schrieb einmal: &bdquo;Information ist die W&auml;hrung der Macht.&ldquo; In all seinem Aktivismus rund um die Informationsfreiheit hat Assange versucht, schutzlose V&ouml;lker, die missbr&auml;uchlichen Regimen unterworfen sind, zu st&auml;rken. Im Gegensatz dazu zeigt unsere Regierung mit dem Versuch, den Inbegriff des Journalisten, der die demokratische Macht der Informationsfreiheit verk&ouml;rpert, zu Fall zu bringen, erneut, dass sie nur daran interessiert ist, unsere Kraft und die von so vielen Menschen auf der ganzen Welt zu unterdr&uuml;cken. Assange als Terrorist zu bezeichnen, sei es implizit oder explizit, bringt eine gef&auml;hrliche Konsequenz mit sich, die darin besteht, die Aus&uuml;bung des Journalismus zu einem Gr&auml;uel und illegal zu machen. Es scheint auch, dass unsere Regierung f&uuml;hlt, Journalismus sei ein Mittel, mit dem jemand Verbrechen gegen die Menschlichkeit ver&uuml;ben k&ouml;nne.<\/p><p>Titelbild: Richard Frazier\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>&Uuml;bersetzt von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.thereframer.org\/post\/debunking-the-myth-of-assange-as-terrorist\">aus dem amerikanischen Original<\/a> von <strong>Eric Harvey<\/strong>, erschienen am 6. Januar auf <a href=\"https:\/\/www.thereframer.org\/home\">TheReframer<\/a>.<\/p><p><em><strong>Urheberrecht Angemeldet\/Copyright Pending 2021 The Reframer<\/strong><\/em><\/p><p>Eventuelle Weiterverbreitung nur mit Genehmigung von Eric Harvey, <a href=\"https:\/\/www.thereframer.org\/\">TheReframer<\/a> und NachDenkSeiten.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 6. Januar erschien der Artikel <a href=\"https:\/\/www.thereframer.org\/post\/debunking-the-myth-of-assange-as-terrorist\">Debunking the Myth of Assange as Terrorist<\/a> von <strong>Eric A.S. Harvey, JD<\/strong> auf der Webseite <a href=\"http:\/\/thereframer.org\">The Reframer<\/a>. Der Artikel ist bemerkenswert, weil er das anscheinend in den USA weit verbreitete, aber in Europa zumindest von mir nicht wahrgenommene Narrativ aufgreift, bei Julian Assange handele es sich um<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68850\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":68853,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,198,126,123],"tags":[681,2163,930,2333,1415,2291,1556,665],"class_list":["post-68850","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-assange-julian","tag-gefaengnis","tag-justiz","tag-pompeo-mike","tag-pressefreiheit","tag-spionage","tag-usa","tag-wikileaks-2"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/shutterstock_292855721.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68850","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68850"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68850\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68897,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68850\/revisions\/68897"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/68853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68850"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68850"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68850"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}