{"id":69,"date":"2004-03-04T11:33:55","date_gmt":"2004-03-04T09:33:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=69"},"modified":"2016-04-02T11:29:30","modified_gmt":"2016-04-02T09:29:30","slug":"wie-demoskopen-wahlniederlagen-schon-reden-und-den-politischen-blick-auf-die-wirklichkeit-verzerren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69","title":{"rendered":"Wie Demoskopen Wahlniederlagen sch\u00f6n reden und den politischen Blick auf die Wirklichkeit verzerren"},"content":{"rendered":"<p>Die CDU hat in Hamburg mit &uuml;ber zwanzig Prozent Zugewinn einen historisch einmalig hohen Sieg bei einer Landtagswahl feiern k&ouml;nnen. F&uuml;r die SPD gab es das schlechteste Wahlergebnis nach dem Krieg im &uuml;ber vierzig Jahre &ldquo;roten&rdquo; Hamburg. Doch in der Spitze der SPD wird so getan, als sei das nichts Besonderes, als w&auml;ren dramatische Wahlniederlagen die selbstverst&auml;ndlichste Folge einer richtigen Politik.<br>\nZwar gestand man noch zu, dass diese Niederlage &ldquo;keinen R&uuml;ckenwind&rdquo; (M&uuml;ntefering) bringe, es sei nun aber auch &ldquo;kein katastrophales Ergebnis&rdquo; (Mirow), schlie&szlig;lich h&auml;tte man gemessen an fr&uuml;heren Umfragen sogar &ldquo;aufgeholt&rdquo; (M&uuml;ntefering). Die Partei habe nach dem F&uuml;hrungswechsel in der Parteispitze &ldquo;wacker gek&auml;mpft&rdquo; (Scholz) und im &uuml;brigen sei die Bundespolitik f&uuml;r dieses Ergebnis &ldquo;nicht letztlich entscheidend&rdquo; (M&uuml;ntefering) gewesen, sondern der Sieg habe &ldquo;viel mit der Personalisierung auf Ole von Beust&rdquo; (Scholz) zu tun.<br>\n<!--more--><br>\nDas Signal der SPD-F&uuml;hrung sollte also sein: Der Wechsel an der Parteispitze hat die SPD mobilisiert, sie ist im Kommen, wenn wir unsere Reformen noch besser &ldquo;vermitteln&rdquo; haben wir gute Chancen, schlie&szlig;lich war die Bundespolitik nicht Ausschlag gebend. Fazit: Blo&szlig; keinen Kurswechsel, sondern noch mehr werben f&uuml;r die Agenda 2010. Das war die zu kommunizierende Botschaft der SPD am Wahlabend.<\/p><p>Nun h&auml;tte man hoffen k&ouml;nnen, dass ein paar Tage nach der Wahl die Ergebnisse etwas genauer analysiert w&uuml;rden. Dass die SPD etwa bei den jungen W&auml;hlern nicht nur durchschnittlich 6 sondern gar 10% verlor, dass die CDU bei den &uuml;ber 60-j&auml;hrigen M&auml;nnern fulminante 28% und bei den Arbeitern 25% gut machte, dass die SPD bei den Arbeitslosen um 12% einbrach usw. usw. Man h&auml;tte eigentlich von einer Partei, die solche Wahldebakel k&uuml;nftig vermeiden will, erwarten d&uuml;rfen, dass wenigstens eine Suche nach den Gr&uuml;nden f&uuml;r die Niederlagen beginnen w&uuml;rde, warum welche W&auml;hlergruppe und auf Grund welcher Entt&auml;uschungen sie weggebrochen ist. Um f&uuml;r seine Politik werben oder sie besser vermitteln zu k&ouml;nnen, h&auml;tte man fragen m&uuml;ssen, warum kommen wir und vor allem was kommt bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern nicht an? Mit welchen Argumenten k&ouml;nnte man &uuml;berzeugen?<\/p><p>Nichts dergleichen, statt dessen nur die alte bekannte Leier: Kurs halten, besser vermitteln, mehr werben, Geschlossenheit! Alles andere zerst&ouml;re die Glaubw&uuml;rdigkeit und w&auml;re t&ouml;dlich. Nach vier schlimmen Wahlniederlagen in Folge seit der Bundestagswahl f&uuml;r die SPD fragt man sich, leiden die Verantwortlichen dieser Partei an Realit&auml;tsverlust oder haben sie sich gar entschlossen Selbstmord aus Angst vor dem Tod zu begehen? Gibt es in der SPD keinen Selbsterhaltungstrieb mehr?<\/p><p>Eine Teilantwort auf diese Fragen kann man der Wahlanalyse des Chefs des Berliner Forsa-Instituts von Manfred G&uuml;llner entnehmen, die am 2. M&auml;rz in der Frankfurter Rundschau abgedruckt war.<br>\nDanach kann sich die SPD nach der Hamburger Wahl in der Tat beruhigt zur&uuml;ck lehnen, denn die CDU hat nur deshalb einen historisch einmaligen Sieg davon getragen, weil &ldquo;sich die Stimmen aus dem b&uuml;rgerlichen W&auml;hlerlager&rdquo; auf sie &ldquo;konzentrierten&rdquo; und das sei eben &ldquo;in erster Linie Ole von Beust zu verdanken&rdquo;. Bei der B&uuml;rgerschaftswahl sei f&uuml;r 69% der Wahlb&uuml;rger  &ldquo;die politische Situation in Hamburg und nicht die in Deutschland insgesamt Ausschlag gebend&rdquo; f&uuml;r die Wahlentscheidung gewesen.<\/p><p>Die SPD habe zwar im Vergleich zur letzten (schlecht gelaufenen) B&uuml;rgerschaftswahl vor drei Jahren 20% ihrer W&auml;hler verloren, aber &ndash; und, ab hier muss man w&ouml;rtlich zitieren, damit der Leser nicht etwa denkt, es ginge bei diesem Beitrag um Satire: <\/p><p>&ldquo;Dieser W&auml;hlerschwund bei der B&uuml;rgerschaftswahl ist aber geringer als bei den Landtagswahlen des letzten Jahres. So verlor die SPD im Vergleich zur jeweils vorhergehenden Landtagswahl in Hessen 28 Prozent, in Niedersachsen 37 Prozent und in Bayern 42 Prozent ihrer W&auml;hler.&rdquo; <\/p><p>Das naheliegende Fazit: Es geht also aufw&auml;rts mit der SPD von Minus 42% auf nur noch Minus 20%. Kein Grund zur Beunruhigung also, sondern weiter so, dann wird der W&auml;hlerschwund z.B. in Th&uuml;ringen oder im Saarland um Minus 15% geringer und vielleicht  &ldquo;holt&rdquo; die SPD 2005 in Nordrhein-Westfalen auf Minus 10% &ldquo;auf&rdquo;. Dann stellte im bev&ouml;lkerungsreichsten Land erstmals nach siebenunddrei&szlig;ig Jahren zwar wieder die CDU die Regierung und dann w&auml;re Rot-Gr&uuml;n in Berlin vollends handlungsunf&auml;hig, weil dann die Union im Bundesrat eine zwei Drittel Mehrheit h&auml;tte, aber immerhin: Der W&auml;hlerschwund h&auml;tte sich erheblich verringert. Es ginge weiter aufw&auml;rts mit der SPD, bis sie dann bei der Bundestagswahl 2006 mit nur noch Minus 5% abschneiden w&uuml;rde. (Vorausgesetzt allerdings, dass die Konjunktur anspringt.)<br>\nDer Verlust der Regierungsmacht und der Gang in die Opposition w&uuml;rde nach dieser Logik wom&ouml;glich als Renaissance des sozialdemokratischen Zeitalters gefeiert. (Vielleicht ist das ja, der so schwer vermittelbare Kurs?)<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man &uuml;ber solche &ldquo;Analysen&rdquo; &ndash;  schmunzeln und zur Tagesordnung &uuml;bergehen, wenn sie von einem &ldquo;Feld, Wald und Wiesen&rdquo;-Demoskopen k&auml;men. Aber um einen solchen handelt es sich beim Forsa-Chef Manfred G&uuml;llner leider nicht. G&uuml;llner rangiert in einer Schautafel des Stern unter den engsten Freunden und Beratern des Kanzlers auf Platz acht. Der Spiegel nennt ihn gar &ldquo;Kanzlerfl&uuml;sterer&rdquo; und es gilt in sog. eingeweihten Kreisen als ziemlich gesichert, dass Gerhard Schr&ouml;der nur wenige Entscheidungen trifft, ohne vorher G&uuml;llners &ldquo;demoskopische&rdquo; Meinung eingeholt zu haben. Der Spiegel behauptet jedenfalls, dass Forsa im Jahr etwa 660.000 Euro an Umfrage-Auftr&auml;gen erh&auml;lt.<\/p><p>Wenn man sich einmal vorstellt, dass mit derartigen Analysen der Kurs der Regierung und der SPD abgesteckt wird, dann bleiben eigentlich nur noch zwei Schlussfolgerungen offen:<br>\nEntweder man duldet nur noch Ja-Sager und Sch&ouml;nredner am Hofe, um blo&szlig; nicht in Gefahr zu geraten, die Stimmung im Lande zu erfahren.<br>\nOder man folgt der politischen Maxime: Um so schlimmer f&uuml;r die Wirklichkeit, dass sie nicht dem Rat unserer Berater folgt.<\/p><p>Vielleicht kommen deshalb die Demoskopen und Berater ja noch auf die Idee, der Regierung und der SPD zu empfehlen, um Wahlen zu gewinnen, einfach ein neues Volk zu w&auml;hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die CDU hat in Hamburg mit &uuml;ber zwanzig Prozent Zugewinn einen historisch einmalig hohen Sieg bei einer Landtagswahl feiern k&ouml;nnen. F&uuml;r die SPD gab es das schlechteste Wahlergebnis nach dem Krieg im &uuml;ber vierzig Jahre &ldquo;roten&rdquo; Hamburg. 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