{"id":69009,"date":"2021-01-20T14:05:02","date_gmt":"2021-01-20T13:05:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69009"},"modified":"2026-01-27T11:39:12","modified_gmt":"2026-01-27T10:39:12","slug":"der-spiegel-und-das-virus-der-wahnvorstellungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69009","title":{"rendered":"Der SPIEGEL und das \u201eVirus der Wahnvorstellungen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Internet ist schuld. Schuld an der Spaltung der Gesellschaft. Schuld an der Radikalisierung von B&uuml;rgern. So nehmen zumindest Vertreter der Leitmedien die Realit&auml;t wahr. Mit anderen Worten: Die Berufsgruppe, von der B&uuml;rger erwarten sollten, dass sie die Ursachen f&uuml;r die Probleme in einer Gesellschaft erkennt, tut genau das Gegenteil. Sie verkennt Ursachen und Wirkung und scheint &uuml;berdies den Unterschied zwischen beiden nicht einmal zu kennen. Eine kritische Auseinandersetzung mit einem Spiegel-Beitrag. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wie soziale Netzwerke unsere Gesellschaft zersetzen&ldquo; &ndash; so lautet die &Uuml;berschrift einer &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/news-donald-trump-mike-pence-jens-spahn-fabrice-leggeri-a-ed7cf6fe-95bc-4431-84ff-0057c1fe2c87\">Lage am Morgen<\/a>&ldquo; des SPIEGEL zu den Vorkommnissen am Kapitol. Dass &bdquo;soziale Netzwerke&ldquo; unsere Gesellschaft &bdquo;zersetzen&ldquo;, dass das Internet und seine &bdquo;alternativen&ldquo; Medien und Meinungsplattformen die Gesellschaft spalten, daran glauben viele Vertreter gro&szlig;er Medien. Doch so einfach ist es allenfalls dann, wenn man Ursache und Wirkung verwechselt. <\/p><p>In der Gedankenwelt von so manchem Medienvertreter ist es nicht etwa so, dass politische Weichenstellungen, dass real existierende Machtungleichgewichte innerhalb des demokratischen Systems &uuml;ber Jahrzehnte die Gesellschaft zersetzt haben. In der Welt des SPIEGEL-Autors sind nicht etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46488\">gro&szlig;e Medien<\/a> diejenigen, die als schlafende &bdquo;W&auml;chter der Demokratie&ldquo; zur Zersetzung der Gesellschaft beigetragen haben. Und gewiss sind es auch nicht, wenn schon von &bdquo;sozialen Netzwerken&ldquo; die Rede ist, die &bdquo;sozialen Netzwerke&ldquo; der <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/spiel-feuer-11572727.html\">Eliten<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44286\">Machteliten<\/a>, die mit eine gesellschaftszersetzende Ordnung haben entstehen lassen.<\/p><p>Fast k&ouml;nnte der Eindruck entstehen, die neoliberale Ordnung, die unsere Gesellschaft zersetzt, mit ihren Grunds&auml;tzen von Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung sei auf Telegram, Facebook und Co. entstanden. Dass sich die neoliberale Ordnung in Wirklichkeit in diskreten Elitezirkeln (man denke nur an das Wirken der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41330\">Mont P&egrave;lerin Society<\/a>) mitentwickelt, in Denkfabriken weiter ausgefeilt und letztlich auch unter Beteiligung von Journalisten und Medien in Politik und Gesellschaft verankert wurde, sollte man dann wohl besser nicht erw&auml;hnen &ndash; zumindest, wenn man als Journalist an den Ursachen vorbeierkl&auml;ren will. Aktuell zeigt uns &uuml;brigens die Pandemie deutlich, wohin <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63403\">kaputtgesparte<\/a>, im Sinne einer neoliberalen &bdquo;Effizienztrimmung&ldquo; auf &bdquo;Vordermann&ldquo; gebrachte Gesundheitssysteme und Krankenh&auml;user f&uuml;hren. <\/p><p>Bei Lichte betrachtet ist die Kritik im Netz an Politikern und anderen Eliten sicher nicht die Ursache f&uuml;r eine gesellschaftliche Spaltung. Die Kritik im Netz ist vielmehr eine jener Auswirkungen, die eine Politik der gesellschaftlichen Spaltung unter Feuerschutz der Medien hervorruft.   <\/p><p>In vielen demokratischen Gesellschaften hat sich seit Jahrzehnten ein wachsender Unmut &uuml;ber real bestehende Machtungleichgewichte ausgebreitet. Auch in &bdquo;demokratischen&ldquo; Staaten, unter dem Rahmen formaler Gleichheit, existieren enorme Machtgef&auml;lle. Ressourcenstarke Gruppen verf&uuml;gen aufgrund ihrer Positionsvorteile in der Gesellschaft und innerhalb &bdquo;des Systems&ldquo; &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten, viel st&auml;rker Weichenstellungen zu beeinflussen als die vielgescholtenen &bdquo;Deplorables&ldquo; (deutsch: Abgeh&auml;ngte, Nichtsnutze), von denen Hillary Clinton noch vor ihrer Wahlniederlage mit Verachtung sprach. Das gilt insbesondere auch dann, wenn Medien l&auml;ngst jeden Bezug zu diesen Gruppen verloren haben und auf sie voller Argwohn blicken. Der Betrachtungshorizont in Redaktionen, die sich gerne bei entsprechender Gelegenheit gemeinsam h&auml;ndesch&uuml;ttelnd mit Politikern <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/fotostrecke\/der-spiegel-hauptstadtparty-fotostrecke-159407.html\">fotografieren<\/a> lassen, scheint das nicht so wirklich erfassen zu wollen.   <\/p><p>F&uuml;r ein Analyse der Ursachen, Differenzierungen, f&uuml;r Schattierungen bleibt bei diesen Vorstellungen von Realit&auml;t kein Platz. Stattdessen: Feindbildproduktion. Feind ist aus Sicht nicht weniger Journalisten, wer &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; gegen &bdquo;die da oben&ldquo; ist. Was, nebenbei bemerkt, nicht verwundert, wenn diese Journalisten zum Beispiel gemeinsam mit Politikern im Hamburger Luxus-Hotel The Fontenay <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46488\">im &bdquo;Wir&ldquo; vereint<\/a> sind. Medienvertreter, von denen manche ganz gerne mit den Eliten verbunden sind, f&uuml;hlen sich dann eben selbst angegriffen, wenn B&uuml;rger &bdquo;die da oben kritisieren&ldquo;.  <\/p><p>&Uuml;berhaupt: &bdquo;Die da oben&ldquo;, &bdquo;die Eliten&ldquo;, &bdquo;die Machteliten&ldquo;, oder noch schlimmer, &bdquo;Macht- und Herrschaftskritik&ldquo; &ndash; die Verwendung solcher Begriffe in einer &ouml;ffentlichen Diskussion wirkt auf Journalisten heutzutage geradezu verd&auml;chtig. &bdquo;Machteliten&ldquo;? Die gibt es im Iran, gewiss in Russland, aber um Himmelswillen doch nicht bei uns oder in den USA, so in etwa der Tenor. Der geneigte Leser mag sich die M&uuml;he machen, und in den <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/suche\/index?q=machtelite&amp;p=2\">Archiven gro&szlig;er Medien<\/a> nach dem Begriff &bdquo;Machtelite&ldquo; suchen. Das Ergebnis f&uuml;hrt einem vor Augen, wie es aussieht, wenn Journalisten real existierende Machteliten in den westlichen Demokratien geradezu unsichtbar machen. Der Begriff &bdquo;Machteliten&ldquo; kommt in der Berichterstattung gro&szlig;er Medien im Zusammenhang mit &bdquo;unseren&ldquo; Funktionstr&auml;gern in etwa so h&auml;ufig vor, wie in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65834\">&bdquo;Leschs Kosmos&ldquo;<\/a> Ideologiekritik. <\/p><p>Auch diese Beobachtung verwundert nicht. Schlie&szlig;lich zeichnet sich der politische Journalismus unserer Zeit gerade dadurch aus, dass er die vorherrschende Ideologie v&ouml;llig verinnerlicht hat. Da wir in einer Demokratie leben, liegt alle Macht beim Volk. Ende der Diskussion. <\/p><p>Diesem naiven Glauben kann man anh&auml;ngen. Man sollte es aber besser nicht. Zumindest dann nicht, wenn man als Journalist den Anspruch erhebt, die Welt erkl&auml;ren zu wollen. Wer so denkt, versteht nicht den Unterschied zwischen formal demokratischen Verh&auml;ltnissen und einer faktischen Realit&auml;t, in der demokratische Prozesse auf vielfache Weise ausgehebelt werden. Wer so denkt, kann nat&uuml;rlich nur in Trump und seinen Anh&auml;ngern eine &bdquo;Ursache&ldquo; sehen. Dass Trump und die gesellschaftlichen Verwerfungen in den USA nicht die Ursachen, sondern die Auswirkungen einer Politik sind, die &uuml;ber viele Jahrzehnte die Interessen breiter Bev&ouml;lkerungsschichten ignoriert hat, das wollen viele Medienvertreter nicht erkennen. Und das erstaunt ebenso wenig: Schlie&szlig;lich hat man auch diese Politik der &bdquo;guten Pr&auml;sidenten&ldquo; und US-Regierungen publizistisch weitestgehend mitgetragen und war sich nicht zu schade, selbst einen George Herbert Walker Bush bei seinem Tod als gro&szlig;en Staatsmann <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Journalisten-an-der-Leine-4245391.html\">zu feiern<\/a> &ndash; &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/news\/Vaeter-und-Soehne-4237245.html\">88.500 Tonnen Bomben<\/a>, die Mr. President &uuml;ber dem Irak hat abwerfen lassen, hat man gerne hinweggesehen. <\/p><p>Merke: Auf Twitter eigenwillig zu kommunizieren, ist schlimmer, als einen Krieg zu f&uuml;hren. <\/p><p>Sch&ouml;ne neue Welt? Nein, mit &bdquo;sch&ouml;n&ldquo; und &bdquo;neu&ldquo; hat das nichts zu tun. Nur mit Medien, die mit zweierlei Ma&szlig; messen und Ursache und Wirkung verwechseln, daf&uuml;r allerdings auf die Gewalt der Sprache setzen.<\/p><p>&bdquo;Wie k&ouml;nnen sich demokratische Gesellschaften gegen ein Virus der Wahnvorstellungen verteidigen, das l&auml;ngst in ihre Mitte vorgedrungen ist?&ldquo;, fragt der &bdquo;Ressortleiter Ausland&ldquo; Mathieu von Rohr bei seiner &bdquo;Auseinandersetzung&ldquo;  mit den Ereignissen in den USA und der Rolle, die dabei das Internet spielt. <\/p><p>Diese Krankheitsmetapher transportiert einen Erreger in den Bereich des Psychiatrischen. Der so diagnostizierte &bdquo;Befund&ldquo; findet sich so dann verkn&uuml;pft mit der Sph&auml;re der politischen Meinungs&auml;u&szlig;erung. Die Pathologisierung und Psychiatrisierung von Andersdenkenden ist so ziemlich das Schlimmste in der politischen Diskussion, was mit Sprache anzustellen ist. Dass Journalisten, die mit einer derart brutalen Sprache auftreten, am Ende vor lauter sprachlichem Furor beim Erfassen der Realit&auml;t ins Schleudern kommen, verwundert nicht.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f60994d1eade4da6b82137b660351100\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist schuld. Schuld an der Spaltung der Gesellschaft. Schuld an der Radikalisierung von B&uuml;rgern. So nehmen zumindest Vertreter der Leitmedien die Realit&auml;t wahr. Mit anderen Worten: Die Berufsgruppe, von der B&uuml;rger erwarten sollten, dass sie die Ursachen f&uuml;r die Probleme in einer Gesellschaft erkennt, tut genau das Gegenteil. Sie verkennt Ursachen und Wirkung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69009\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":69010,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[183,11],"tags":[2218,374,1241,1113,420],"class_list":["post-69009","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-alternative-medien","tag-eliten","tag-psychiatrisierung","tag-soziale-medien","tag-spiegel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-20-um-13.26.33.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69009","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=69009"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69009\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":69020,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69009\/revisions\/69020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/69010"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=69009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=69009"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=69009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}