{"id":69042,"date":"2021-01-21T13:23:00","date_gmt":"2021-01-21T12:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69042"},"modified":"2022-02-21T11:01:32","modified_gmt":"2022-02-21T10:01:32","slug":"warum-wir-auch-in-afghanistan-niemals-die-guten-waren-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69042","title":{"rendered":"Warum \u201ewir\u201c auch in Afghanistan niemals \u201edie Guten\u201c waren (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p>Es wird wohl Jahre oder wom&ouml;glich sogar Jahrzehnte dauern, bis die Mehrheit westlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan aufgearbeitet sein wird. Dies sei allerdings zwingend notwendig, meint der Autor und ehemalige US-Soldat <strong>Erik Edstrom<\/strong>. Im Interview mit <strong>Emran Feroz<\/strong> beschreibt er f&uuml;r die NachDenkSeiten seine Kriegserfahrungen in Afghanistan und warum der Einsatz ihn zu einem vehementen Kriegsgegner gemacht hat.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1330\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-69042-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210121_Warum_wir_auch_in_Afghanistan_niemals_die_Guten_waren_Teil_2_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210121_Warum_wir_auch_in_Afghanistan_niemals_die_Guten_waren_Teil_2_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210121_Warum_wir_auch_in_Afghanistan_niemals_die_Guten_waren_Teil_2_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210121_Warum_wir_auch_in_Afghanistan_niemals_die_Guten_waren_Teil_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=69042-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210121_Warum_wir_auch_in_Afghanistan_niemals_die_Guten_waren_Teil_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210121_Warum_wir_auch_in_Afghanistan_niemals_die_Guten_waren_Teil_2_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68220\"><em>Teil 1 finden Sie hier.<\/em><\/a><\/p><p><strong>Sie haben vor wenigen Monaten Ihr erstes Buch publiziert. Es hei&szlig;t &bdquo;<em>Un-American &ndash; A Soldier&rsquo;s Reckoning of Our Longest War<\/em>&ldquo; und wurde von der US-Medienlandschaft ziemlich positiv aufgenommen. Was genau meinen Sie eigentlich mit dem Begriff &bdquo;unamerikanisch&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Ich bin der Meinung, dass das, was wir, sprich, unsere Regierung und unsere Armee, in Afghanistan getan hat, nicht jenen Werten entspricht, die wir stets loben und preisen. Wir haben dort f&uuml;rchterliche Dinge getan und die j&uuml;ngst aufgedeckten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68220\">Kriegsverbrechen seitens australischer Eliteeinheiten<\/a> sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Freiheit und die Demokratie, die wir im Westen f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich halten, galten nicht f&uuml;r jene Afghanen, die gejagt, gefoltert und ermordet wurden. Sie wurden nicht einmal als Menschen betrachtet.<\/p><p><strong>Sie dienten lange dem US-Milit&auml;r. Wann gingen Sie nach Afghanistan und wie lange waren Sie dort?<\/strong><\/p><p>2009 wurde ich in Afghanistan stationiert. Ich war ein Jahr lang dort, und zwar im S&uuml;den des Landes in der Provinz Kandahar, die als besonders gef&auml;hrliche &bdquo;Taliban-Hochburg&ldquo; galt. Dort wurde mir schnell klar, in was f&uuml;r ein Dilemma wir uns begeben hatten. Der sogenannte Feind war unsichtbar. Warum? Weil es sich hierbei um einen klassischen Guerillakrieg handelte. Die Aufst&auml;ndischen hatten die Unterst&uuml;tzung der lokalen Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Wir hatten praktisch nie den klassischen Feindkontakt, wie man ihn etwa aus irgendwelchen Hollywoodfilmen kennt. Stattdessen waren wir ihnen oftmals einfach ausgeliefert. Jederzeit konnten wir in einen Hinterhalt geraten. Bombenattentate passierten immer wieder. Wir f&uuml;hlten uns nie sicher und sp&uuml;rten gleichzeitig stets das Misstrauen der Einheimischen. Wir wurden als fremde Besatzer betrachtet, und zwar zu recht.<\/p><p><strong>Dies ist gewiss ein interessanter Punkt, der von vielen Beobachtern teils immer noch ignoriert wird. Sie sprechen ihn allerdings in Ihrem Buch mehrmals an und sagen klar, dass die Afghanen Sie als Besatzer betrachteten. Ich denke, dass das nicht f&uuml;r alle Afghanen galt, da es sich auch hierbei um eine sehr heterogene Menschenmasse handelt. Immerhin zelebrierten viele Afghanen in Kabul Ende 2001 den Sturz des Taliban-Regimes.<\/strong><\/p><p>Richtig. Ich spreche diesbez&uuml;glich in erster Linie von meinen Erfahrungen. Diese lassen mich sehr wohl zum Schluss kommen, dass ich in jenem Landesteil, in dem ich stationiert war, als feindselig betrachtet wurde. Ich denke, dass Derartiges in vielen l&auml;ndlichen Regionen des Landes, die am meisten vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden, der Fall ist. Luftangriffe und n&auml;chtliche Razzien, die Zivilisten t&ouml;teten, geh&ouml;ren dort bis heute zum Alltag.<\/p><p>Irgendwann befand ich mich in einem inneren Konflikt und dachte mir, dass die Menschen, die uns bek&auml;mpfen &ndash; selbst wenn sie Taliban-K&auml;mpfer sind &ndash; ein verdammtes Recht haben, das zu tun. Immerhin sind wir in deren Land einmarschiert. Das ist nun einmal eine Tatsache, die sich nicht wegreden l&auml;sst. Man stelle sich vor, was los w&auml;re, wenn wir die umgekehrte Konstellation vor uns h&auml;tten, sprich, irgendein Land, mit dem die Amerikaner nichts zu tun haben, bombardiert pl&ouml;tzlich die USA und greift uns alle an. Da w&uuml;rde ich wom&ouml;glich ebenfalls zur Waffe greifen und ein Aufst&auml;ndischer werden. Das ist meiner Meinung nach eine nat&uuml;rliche Reaktion, die gerechtfertigt ist. Wir haben in Afghanistan einfach nichts zu suchen.<\/p><p><strong>Warum sind Sie dann &uuml;berhaupt dort gelandet?<\/strong><\/p><p>Ich bin jemand, der von den Anschl&auml;gen des 11. September 2001 massiv beeinflusst wurde. Ich wuchs im Schatten dieses Ereignisses auf und im jungen Alter tappt man schnell in die Fallen patriotischer Propaganda, die in den USA massiv pr&auml;sent ist, vor allem auch in der Popkultur. Ich schloss mich dem US-Milit&auml;r an, weil ich der Meinung war, ich m&uuml;sse meiner Nation dienen und sie gegen Terroristen verteidigen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich bemerkten viele erst sp&auml;ter, wie falsch diese Ansichten sind. Zwei Jahrzehnte &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; haben deutlich gemacht, dass unsere Nation grundlegende Probleme hat und mittels milit&auml;rischer Interventionen wie jener im Irak und in Afghanistan Millionen von Menschenleben mit F&uuml;&szlig;en tritt. Dies war auch der Grund, warum ich mein Buch jenen Menschen gewidmet habe, die Opfer dieses Krieges wurden. Es geht hier um mindestens 312.000 get&ouml;tete Zivilisten. Die Zahl &auml;ndert sich stetig. Wahrscheinlich ist sie weitaus h&ouml;her. Diese Opfer d&uuml;rfen nie vergessen werden, doch unsere Politiker ignorieren sie meistens.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; hatte viele Profiteure, auch innerhalb Afghanistans. Mit was f&uuml;r Menschen haben Sie vor Ort zusammengearbeitet?<\/strong><\/p><p>Das US-Milit&auml;r verb&uuml;ndete sich vor Ort mit brutalen M&auml;nnern, Kriminellen und Kriegsf&uuml;rsten. Diese Kontakte waren wichtig, weshalb man diese Akteure auch gew&auml;hren lie&szlig;, etwa wenn es um den Drogenhandel oder Menschenrechtsverletzungen ging. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich zum ersten Mal unseren &bdquo;strongman&ldquo; in Kandahar traf. Er war praktisch eine Art Pate, der &uuml;ber bewaffnete M&auml;nner und kriminelle Ressourcen verf&uuml;gte, und er machte daraus auch kein Geheimnis. Wir waren es, die mit jenen M&auml;nnern zusammenarbeiten wollten.<\/p><p><strong>Viele dieser Warlords und Drogenbarone sind f&uuml;r das Versagen des Westens am Hindukusch verantwortlich. Sie haben Milliarden gestohlen und Korruption en masse gesch&uuml;rt.<\/strong><\/p><p>Richtig, das sind &bdquo;unsere&ldquo; Freunde vor Ort. Es ist eine Schande, dass ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte Kriegsverbrecher wie Abdul Rashid Dostum weiterhin hofiert und sogar noch innerhalb des Staatsapparates, den wir errichtet haben, bef&ouml;rdert werden. Nat&uuml;rlich wird dann eine extreme Heuchelei deutlich und diese muss auch benannt werden. Die USA sprachen anfangs von &bdquo;nation building&ldquo;, doch im Grunde genommen haben wir Afghanistan immensen Schaden zugef&uuml;gt, indem wir das Land diesen Akteuren &uuml;berlie&szlig;en, w&auml;hrend wir als brutale und arrogante Besatzer agierten.<\/p><p><strong>Die Trump-Administration hat im vergangenen Jahr einen Abzugsdeal mit den Taliban unterzeichnet. Sollte Ihrer Meinung nach Joe Biden diesen Weg fortf&uuml;hren und tats&auml;chlich alle US-Truppen aus Afghanistan abziehen?<\/strong><\/p><p>Ja, das sollte er. Der Konflikt in Afghanistan l&auml;sst sich nicht milit&auml;risch l&ouml;sen. Einst waren fast 100.000 Soldaten im Land stationiert. Ge&auml;ndert hat dies nichts. Die wenigen Tausend, die weiterhin dort verweilen, sollten abgezogen werden. Der l&auml;ngste Krieg Amerikas kann nur so beendet werden.<\/p><p>Titelbild: &copy; Eric Edstrom<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird wohl Jahre oder wom&ouml;glich sogar Jahrzehnte dauern, bis die Mehrheit westlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan aufgearbeitet sein wird. Dies sei allerdings zwingend notwendig, meint der Autor und ehemalige US-Soldat <strong>Erik Edstrom<\/strong>. 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