{"id":69074,"date":"2021-01-22T13:11:45","date_gmt":"2021-01-22T12:11:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69074"},"modified":"2021-01-22T14:20:32","modified_gmt":"2021-01-22T13:20:32","slug":"fuer-immer-baustelle-ber-hauptstadtairport-steht-unter-strom-und-unter-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69074","title":{"rendered":"F\u00fcr immer Baustelle. BER-Hauptstadtairport steht unter Strom und unter Wasser."},"content":{"rendered":"<p>Nicht einmal drei Monate nach Er&ouml;ffnung des Berliner Willy-Brandt-Flughafens macht der Betrieb die ersten Zicken: Besch&auml;ftigte an den Gep&auml;ckkontrollen bekommen reihenweise einen gewischt und schon mehrmals r&uuml;ckte deshalb der Krankenwagen an. Die Betreiber spielen die Vorg&auml;nge herunter und raten zum feuchten Feudeln. Dabei gibt es Hinweise, dass die Sch&auml;den schwerwiegend und gro&szlig;fl&auml;chig sein k&ouml;nnten. Davon wollen die Verantwortlichen lieber nichts wissen. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHochspannung herrschte am Flughafen Berlin Brandenburg &bdquo;Willy Brandt&ldquo; seit dem ersten Spatenstich. Bei neun Jahren Bauverzug und sechs vermasselten Startversuchen standen Machern und Planern rund um die Uhr die Haare zu Berge. Nicht wenigen Verantwortlichen ging angesichts dieser ganz, ganz langen Leitung der Saft aus: darunter drei Flughafen- und f&uuml;nf Technikchefs, dazu mit Klaus Wowereit und Matthias Platzeck (beide SPD) die politisch gewichtigsten &bdquo;BER-Architekten&ldquo;. Den Steuerzahler traf der Schlag w&auml;hrend all der Zeit in unsch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit. Was mit einem Kostenansatz von 1,12 Milliarden D-Mark losging, hat inzwischen die Sieben-Milliarden-Euro-Grenze durchbrochen. Und im Corona-Flugbetrieb auf Sparflamme wird die Rechnung jeden Tag teurer. <\/p><p>Als w&auml;re die Stimmung nicht schon geladen genug, jetzt auch noch das: Wie die Gewerkschaft ver.di am 11. Januar mitteilte, steht der BER sogar <a href=\"https:\/\/bb.verdi.de\/presse\/pressemitteilungen\/++co++7bbc3b52-53ef-11eb-894e-001a4a160119\">buchst&auml;blich unter Strom<\/a>. Wohl nicht gleich der ganze Komplex, aber doch relevante Stellen im Betriebsablauf, n&auml;mlich die Anlagen zur Gep&auml;ckkontrolle im Terminal 1. Wer dort als Besch&auml;ftigter der Sicherheitsfirma Securitas Pech hat, bekommt einen gewischt, zum Teil mit richtig Wumms und schmerzhaften Folgen. Pech hatten bisher schon Dutzende, mittlerweile soll die Zahl der dokumentierten F&auml;lle bei &uuml;ber 80 liegen. Die Betroffenen klagten &uuml;ber starke Schmerzen, Taubheitsgef&uuml;hle und Benommenheit, hei&szlig;t es in der Bekanntmachung. Mehrfach seien Gesch&auml;digte per Rettungswagen in die umliegenden Krankenh&auml;user transportiert worden. Mitunter h&auml;tten ihnen &Auml;rzte l&auml;ngere Arbeitsunf&auml;higkeit attestiert. <\/p><p><strong>Leute haben Angst<\/strong><\/p><p>Nach Auskunft von Benjamin Roscher, Gewerkschaftssekret&auml;r beim ver.di-Landesverband Berlin-Brandenburg, geh&ouml;ren die Unf&auml;lle zur Tagesordnung. Allein am 6. Januar habe es elf Mitarbeiter an einem Tag getroffen. Am Donnerstag sagte er den NachDenkSeiten: &bdquo;Die Leute haben Angst, zur Arbeit zu kommen.&ldquo; Inzwischen h&auml;tten sich auch schon mehrere Passagiere einen eingefangen, wobei er von einer &bdquo;hohen Dunkelziffer&ldquo; ausgehe. Es werde von oben Druck auf die Besch&auml;ftigten ausge&uuml;bt, &bdquo;nicht wegen jeder Kleinigkeit Meldung zu machen&ldquo;. Dabei habe selbst der Arbeitgeber Securitas best&auml;tigt, dass sich teilweise sehr starke elektrostatische Entladungen ereigneten. F&uuml;r Roscher kann es deshalb nur eine L&ouml;sung geben: &bdquo;Die Arbeit an den Apparaten muss unverz&uuml;glich und solange eingestellt werden, bis die technische Ursache gefunden und zweifelsfrei abgestellt ist.&ldquo; <\/p><p>In der Chefetage der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) ist man nicht so auf Draht. Konfrontiert mit den Vorw&uuml;rfen, lie&szlig; die Betreibergesellschaft gegen&uuml;ber der Hauptstadtpresse durchblicken, dass derlei Vorkommnisse der f&uuml;r die fraglichen Ger&auml;te zust&auml;ndigen Bundespolizei schon seit dem 12. Dezember <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/lebensgefahr-am-neuen-flughafen-schon-mehr-als-60-stromunfaelle-am-ber-li.131562\">bekannt seien<\/a>. Diese h&auml;tte dann auch &bdquo;unverz&uuml;glich&ldquo; eigenes und Fachpersonal des Herstellers sowie der FBB eingeschaltet, um die R&ouml;ntgenapparate, die das Handgep&auml;ck durchleuchten, unter die Lupe zu nehmen. Indes habe die angefertigte Expertise ergeben, dass &bdquo;alle Anlagen den g&uuml;ltigen Normen und anerkannten Regeln der Technik&ldquo; entsprechen w&uuml;rden. <\/p><p><strong>Heller Lichtbogen<\/strong><\/p><p>Immerhin will man die Wurzel des &Uuml;bels erkannt haben, zum Beispiel das Tragen von Sachen &bdquo;mit hohem Synthetikanteil&ldquo; oder von isolierenden Schuhen auf isoliertem Boden. Und f&uuml;r gute Ratschl&auml;ge war sich die Bundespolizei auch nicht zu schade. Um elektrostatische Aufladungen zu verhindern, sollten die Bediensteten zu Schuhwerk mit Schutzwirkung oder Antistatik-Schl&uuml;sselanh&auml;ngern greifen. &bdquo;Auch ist gegebenenfalls eine Ver&auml;nderung der Bekleidungsmaterialien des Bedienpersonals in Erw&auml;gung zu ziehen.&ldquo; M&ouml;gliche Gegenma&szlig;nahmen k&ouml;nnten ferner der Einsatz ableitf&auml;higer B&ouml;den und Bodenunterlagen sowie regelm&auml;&szlig;iges &bdquo;feuchtes Wischen&ldquo; sein. <\/p><p>Geholfen hat das nur mit Abstrichen. Nach Roschers Angaben kommen schwerere Verletzungen mittlerweile zwar seltener vor. Dennoch w&auml;ren weiterhin pro Tag &bdquo;zwei bis drei neue F&auml;lle&ldquo; zu verzeichnen. Passend dazu schilderte die &bdquo;Berliner Woche&ldquo; die Leidensgeschichte einer Frau, die es trotz aller Vorkehrungen erwischt hat und noch eine Woche nach dem &bdquo;Knall&ldquo; unter Muskelkater <a href=\"https:\/\/www.berliner-woche.de\/schoenefeld\/c-wirtschaft\/gewerkschaft-verdi-fordert-aufgrund-von-arbeitsunfaellen-schliessung-des-terminals-1-am-ber_a298220\">im Arm leide<\/a>. Manche ihrer Kollegen h&auml;tten sogar Brandblasen davongetragen. Einer davon sprach gegen&uuml;ber der Zeitung von einem &bdquo;hellen Lichtbogen&ldquo;, der bei dem Vorfall zwischen seiner Hand und dem Pult am R&ouml;ntgenger&auml;t aufgeblitzt sei. Die Darstellung deckt sich nicht ganz mit dem, was eine Sprecherin der Berliner Direktion der Bundespolizei zum Besten gegeben hatte: Demnach f&uuml;hrten die Stromst&ouml;&szlig;e &bdquo;in der Regel zu keinen Verletzungen, k&ouml;nnen jedoch Schreckreaktionen verursachen&ldquo;.<\/p><p><strong>Gro&szlig;fl&auml;chiges Problem?<\/strong><\/p><p>Alles also ganz harmlos? Daran darf man Zweifel haben. Sollte sich herausstellen, dass die Ursachen tiefer liegen, in der Bausubstanz, in der Verkabelung, der Erdung der Leitungen, dann hat die FBB ein Problem, dem man nicht mal eben mit dem Wischmop beikommt. Auch ver.di-Mann Roscher vermutet, die Zust&auml;ndigen wollten &bdquo;um jeden Preis verhindern, dass nach all den Pleiten und Pannen der Vergangenheit wieder ein neues Fass am BER aufgemacht werden muss&ldquo;. Brisant erscheinen angesichts dessen die &Auml;u&szlig;erungen von Besch&auml;ftigten, dass das Ph&auml;nomen auch an anderen Stellen, etwa an den Check-In-Schaltern und im Keller bei den Kofferr&ouml;ntgenstra&szlig;en, aufgetreten sein soll. <\/p><p>Erinnert sei auch daran, dass auf der Zielgeraden der BER-Fertigung, in den Wochen und Monaten vor der Er&ouml;ffnung, eine noch gewaltige M&auml;ngelliste in allerh&ouml;chster Eile abzuarbeiten war. Das Nachrichtenportal &bdquo;Business Insider&ldquo; schrieb im Februar 2020 unter Berufung auf vertrauliche Bauprotokolle, dass damals insbesondere bei der Verkabelung noch vieles im Argen gelegen hatte &ndash; <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/wirtschaft\/vertraulicher-bericht-pannen-flughafen-ber-hat-noch-mehr-als-5000-baumaengel\/\">in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von 5.000 Defiziten<\/a>. In der Folge muss auf der Dauerbaustelle ordentlich rangeklotzt worden sein, denn schon Mitte Oktober verk&uuml;ndete FBB-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Engelbert L&uuml;tke Daldrup nach &bdquo;erfolgreichem&ldquo; Testlauf mit knapp 10.000 Komparsen: &bdquo;Wir k&ouml;nnen den BER am 31. Oktober guten Gewissens in Betrieb nehmen.&ldquo; Die Tore machten in der Tat auf, ob dies wirklich g&auml;nzlich bedenkenlos geschah, erscheint zweifelhaft und k&ouml;nnte schon die nahe Zukunft zeigen. <\/p><p><strong>Defekte Kabelage?<\/strong><\/p><p>Der Architekt und Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa, einer der profiliertesten Kritiker des Projekts, rechnet jedenfalls mit noch allerhand Ungemach in n&auml;chster Zeit. L&uuml;tke Daldrup habe es verstanden, &bdquo;konsequent alle planerischen und beh&ouml;rdlichen Hindernisse aus dem Weg zu r&auml;umen&ldquo;, befand er im Gespr&auml;ch mit den NachDenkSeiten. &bdquo;Die technischen und funktionalen Probleme hat er nicht beseitigt.&ldquo; Auch Faulenbach da Costa mutma&szlig;t, dass etwas mit der &bdquo;Kabelage&ldquo; nicht stimmt und zur Behebung einiger Aufwand betrieben werden m&uuml;sste. Allerdings habe der FBB-Chef das &bdquo;Gl&uuml;ck des T&uuml;chtigen&ldquo;, in Pandemiezeiten k&ouml;nne er &bdquo;jeden Fluggast per Handschlag begr&uuml;&szlig;en&ldquo; und den Betrieb f&uuml;r die Zeit m&ouml;glicher Nachbesserungen in Terminal 5 oder Terminal 2 verlegen.<\/p><p>Die Flughafengesellschaft will davon erst einmal nichts wissen. Vor einer Woche verlautete durch Sprecher Hannes H&ouml;nemann, dass sich weitere Vorf&auml;lle &bdquo;durch die Einhaltung entsprechender Verfahren und Vorkehrungen bei Durchf&uuml;hrung der Sicherheitskontrollen in Zukunft vermeiden lassen&ldquo;. Kurzum: &bdquo;Die Sicherheitskontrollen sind offen und sollen das auch bleiben.&ldquo; Ob diese Einsch&auml;tzung angesichts der Wiederholungsf&auml;lle weiterhin Bestand hat, wollten die NachDenkSeiten am Donnerstag wissen. Von der FBB-Pressestelle gab es keine Antwort, nur den Hinweis, sich an die Bundespolizei zu wenden. Dort verwies man zur&uuml;ck zur FBB: F&uuml;r betriebliche Entscheidungen wie die einer Schlie&szlig;ung des Gefahrenbereichs sei der Betreiber zust&auml;ndig.<\/p><p><strong>Dachschaden <\/strong><\/p><p>Nach Erkenntnissen von Roscher planten die Verantwortlichen eine eingehende Untersuchung durch den T&Uuml;V, was man wiederum bei der Bundespolizei nicht best&auml;tigen wollte. Trotzdem ist sich der Gewerkschafter sicher, dass in der Angelegenheit &bdquo;hinter den Kulissen richtig gewirbelt wird&ldquo;. Wo Feuer unterm Dach ist, tut eine Abk&uuml;hlung not. Selbst daf&uuml;r ist am BER gesorgt. Am Mittwoch meldete das Boulevardblatt &bdquo;B.&thinsp;Z.&ldquo;, dass es in der Nacht zum Montag aus der Decke im Verbindungsgang zwischen Fluggastkontrolle und &bdquo;Marktplatz&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/berlin\/umland\/jetzt-hat-der-ber-auch-noch-einen-wasserschaden\">tropfte<\/a>.<br>\nEs war dies der zweite aktenkundige Dachschaden innerhalb von zweieinhalb Monaten, der erste passierte vier Tage nach der Er&ouml;ffnung. Aber Vorsicht: Kommen Wasser und Strom zusammen, kracht&rsquo;s. FBB-Sprecher Jan-Peter Haack zerstreute umgehend alle Sorgen: &bdquo;S&auml;mtliche Kabel sind entsprechend wasserdicht ummantelt.&ldquo; Darauf ist gewiss Verlass. <\/p><p>Titelbild: christianthiel.net\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/314f4f0dd24749c3ae6f89f53fad1b40\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht einmal drei Monate nach Er&ouml;ffnung des Berliner Willy-Brandt-Flughafens macht der Betrieb die ersten Zicken: Besch&auml;ftigte an den Gep&auml;ckkontrollen bekommen reihenweise einen gewischt und schon mehrmals r&uuml;ckte deshalb der Krankenwagen an. Die Betreiber spielen die Vorg&auml;nge herunter und raten zum feuchten Feudeln. Dabei gibt es Hinweise, dass die Sch&auml;den schwerwiegend und gro&szlig;fl&auml;chig sein k&ouml;nnten. 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